Vom Anfänger zur Mittelstufe...

Den Anfang verpasst? Hier geht es zu den Anfängen im Jahr 2007

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Neujahr

Mittwoch, 9. Januar 2008

Die Erkältung über Silvester war so heftig, dass ich bis heute in keiner Milonga mehr war: Kopfweh, laufende Nase, todmüde, eine typische Grippe mit Teilresistenzen halt. Da fällt einem mal wieder auf, wie beschissen das Fernsehprogramm über die Feiertage ist.

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Feine Drehungen

Sonntag, 13. Januar 2008

Workshop bei Argentango in Zürich mit Milva Bernardi und Maximiliano Gluzman: "Kommunikation in Drehungen". Milva kann darf wegen Schwangerschaftsproblemen leider nicht reisen, Maxi macht den Workshop daher alleine. Viele übungen zu feinem Führen und aufmerksamem Folgen, allerdings erklärt Maxi die meisten Übungen derart umständlich und langatmig, dass sich viele am Kopf kratzen und überall Geflüster ala "Was genau sollten wir jetzt machen?" zu hören ist. Unter dem Strich ein nützlicher Workshop, wobei Anspruch und Wirklichkeit nicht völlig im Einklang waren.

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Reiseplanungen

Mittwoch, 16. Januar 2008

Am Samstag gehts los, eine Woche Tango im Schnee in Bergün. Wegen ausschlaftechnischer Gründe denke ich, es reicht, wenn ich am Samstag Abend in Bergün ankomme, doch meine Tanzpartnerin protestiert heftig: Um 13:13 Uhr will sie dort sein, sonst könnten wir ja was verpassen. Plane daher seufzend, am Samstag den 9:14 Zug ab Basel zu nehmen.

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Die Reise nach Bergün

Samstag, 19. Januar 2008

Zwinge mich tatsächlich zu früher Stunde aus dem Bett. Als in Zürich der Anschlusszug um 10:37 abfährt und von meiner Tanzpartnerin noch kein Wölkchen zu sehen ist, trudelt die SMS ein: "Sorry, musste bis tief in die Nacht Sachen aufarbeiten und habe nun länger geschlafen. Komme später nach". Ja, klar, wir könnten ja was verpassen. Lerne im Zug eine hübsche junge Dame kennen, die sich zwischen Chur und Bergün sogar an mich ankuschelt. Erzähle ihr von Spurweiten und dem Jungfraujoch, und sie hört stundenlang geduldig zu. Schade, dass sie erst drei Jahre alt ist. Ihre Mutter scheint ziemlich froh zu sein, dass ich den Nachwuchs unterhalte. Sie düst auch nach Bergün zur Tangowoche, und ihr Tanzpartner kommt...später nach.

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Bergün und der Schnee

Der Weg vom Bahnhof zum Kurhaus ist nicht weit, dennoch überlege ich, ob ich dafür nicht die Schneestiefel auspacken soll. Andererseits muss ich nicht gleich jedem auf die Nase binden, dass ich mit den normalen Schuhen (zum Zugfahren), den Schneestiefeln (ja, eben dafür), den Salsaschlappen (für die Workshops), den Tanzschuhen (für die Milongas) und den Hausschuhen fünf Paar Schuhe dabei habe. "Du bist ja eine halbe Frau", meint mein Zimmernachbar, als er meinen Koffer und meine Tasche sieht. Wenn er wüsste, dass ich allein für die letzten drei Abendmilongas unterschiedliche Kravatten mitgenommen habe...

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Bergün und das Kurhaus

Ein altes Haus mit stilvollem Foyer, einem wunderschönen Ballsaal, einer heimeligen Frückstücksecke, völlig überheizten Gängen und gut ausgestatteten Zimmern: Mein Einzelzimmer hat zwar weder Schubladen noch Kästen für die Kleider, dafür Kochherd mit Backofen, Abwaschbecken und Geschirr für sechs Personen. Genaugenommen ist es kein Einzelzimmer, sondern Teil einer Ferienwohnung, in die man ein Bett gestellt hat. Vermisse einen Stabmixer (O-Ton meiner Tanzpartner: "Warum hast Du den nicht mitgenommen?") und kaufe im Ort ein paar Tütensuppen, schliesslich ist die Zeit zwischen Frühstück und Abendessen ziemlich lang. Entdecke hinterher, dass im Treppenhaus im 3. Stock sowohl Stabmixer wie auch andere lebenswichtige Dinge (etwa eine komplette Fondue-Garnitur) zum Ausleihen bereitliegen. Da es im Dorf sowohl frische Hefewürfel wie auch Vollkornmehl gibt, werfe ich den Backofen an und schmuggle abends die Eigenkreation unter das Brot für die Suppe. Und nur der Vollständigkeit halber: So gut wie in Bergün habe ich bisher kaum gegessen, und damit meine ich in erster Linie das vom Küchenteam jeweils zubereitete Abendessen. Zurückhaltung galt dennoch, schliesslich kann man mit übervollem Bauch nicht mehr tanzen...*seufz*

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Bergün und das Schlitteln

Wer denkt, dass beim Tango die Paarkommunikation kräftig auf die Probe gestellt werde, der ist vermutlich noch nie mit einer Frau schlitteln gegangen. "Schau mal, die festen Paare haben alle Einzelschlitten", grübelt meine Tanzpartnerin noch am ersten Tag. Nach der ersten Talfahrt wissen auch wir weshalb: Selbstverständlich ist der Mann für die Navigation, das Bremsen und die Unterhaltung verantwortlich, auch wenn die Landung im Neuschnee einzig dem ausgestellten Bein ("so ist das bequemer für mich") der Tanzpartnerin zu verdanken ist. Purer Wahnsinn ist die Buckelpiste von Darlux: Mir tut noch eine Woche später der Rücken weh. Darlux ist allerdings eh ein bisschen seltsam: Die Tarife zwischen Bergün, Darlux und Alp Darlux mit der Sesselbahn einfach, retour, Tageskarte, Halbtax und dann noch mit der Schlittelgebühr sind undurchschaubar, wir haben an drei Tagen drei unterschiedliche Tarife zwischen 9 und 17 Franken pro Nase bezahlt. Wer den Tourismusprospekt genau studiert, wird bemerken, dass die Autoren das Tarifsystem auch nicht so ganz verstanden haben. Cool im wahrsten Sinne hingegen das gemeinsame Nachtschlitteln von Preda nach Bergün: Wer von der Bahnstation bis zum Schlittelstart die zehn Minuten rennt, hat warm genug, um am Ziel noch nicht zu frieren. Lustig war auch die geführte Schneeschuhwanderung, wenn man auch mit herkömmlichen Winterstiefeln meistens bequemer und schneller vorwärts kommen dürfte.

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Bergün und die Workshops

Vals, Giros, Soltadas, Sacada, Molinette, wir haben fest geübt, und jeden Nachmittag Workshops spürt man nach einer Woche tänzerisch schon ziemlich. Drei Workshops an einem Tag waren mir allerdings zuviel, weshalb wir dies auf zwei reduziert haben. Das Morgentraining hab ich am ersten Tag mitgemacht, um zu wissen, dass ich den Rest der Woche nichts verpasse, wenn ich ein bisschen ausschlafe. Da ich mich gerne führen lasse, witzelte ich herum, ich könnte eigentlich das Frauentraining besuchen und schauen, wie rasch man mich dort rausschmeisst. "Mach doch, die schmeissen Dich bestimmt nicht raus", meinte eine Tanzpartnerin. Meine Witzeleien wurden von der Realität mal wieder eingeholt, als ich am letzten Abend erfuhr, dass einer Tänzerin die Teilnahme am Männertraining verwehrt worden war. Das sei eben für die Männer, wurde ihr beschieden. Fazit: Männer, die sich führen lassen wollen, habens schwer. Frauen, die führen wollen, noch mehr...

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Bergün, das Fazit

Dienstag, 29. Januar 2008

Eine bezahlbare Woche mit tollen Leuten, schöner Unterkunft, viel Schnee, vielen Tänzen, gutem Essen und wenig Schlaf. Wie das halt sein muss beim Tango

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Privatstunden, die Nächste

Donnerstag, 31. Januar 2008

Im Dezember hatte mir eine Tanzpartnerin eigentlich versprochen, ab Ende Januar habe sie Zeit, um gemeinsam Privatstunden zu nehmen. Hat sie nun aber doch nicht. Die Suche geht weiter...

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Die spinnen, die Finnen!

Sonntag, 3. Februar 2008

Eine Freundin aus Zürich lud mich ein, nach Winterthur mit ihr und einer finnischen Freundin von ihr zu einem Finnenabend zu gehen. Dort gäbe es finnischen Tango und man könne vermutlich auch tanzen. Gestern Abend war es soweit: Ein vollbestuhlter Saal, vorne rund fünf auf fünf Meter Platz zum Tanzen. Wir hören erst brav zu, doch die melancholischen Tangos und die saftigen Humppas lassen auch uns nicht lange sitzen: Inmitten von Finnischen Paaren tanzen wir Tango Argentino im Milonguero-Stil. Dazu muss man wissen, dass die Finnen (zumindest die aus Winterthur) weder eine Tanzrichtung, noch einen Tanzfluss noch Abstandsvorschriften kennen: Es wird gebodycheckt, was das Zeugs hält (Böse Zungen werden jetzt denken: Ja, und worin unterscheidet sich ein solcher Abend nun in diesem Punkt von einer normalen Milonga?). Da die Finnen aber nie mit den Füssen vorangehen, sind die Rempeleien eigentlich harmlos. Wir sahen es positiv: Wer an einem Finnenabend seine Balance behalten kann, der kann überall tanzen. Vermutlich sogar am Ostertango. Nach zehn Sekunden zusehen können wir sogar Humppa tanzen. Gut, ist auch nicht so schwer: Links, links, rechts, rechts. Und dazu ein bisschen drehen und rempeln. Ein sehr unterhaltsamer Abend mit einer Traum-Tanzpartnerin, und zwei fantastischen Live-Bands: Uusiku (zu Deutsch: Neumond) sowie piru tuli polkupyörällä (auf Deutsch: Der Teufel kam per Fahrrad) und vielen verrückten Finnen.

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Privatstunden

Donnerstag, 6. März 2008

Am Montag sind wir zum ersten Mal gemeinsam an eine Milonga gegangen, heute nahmen wir zusammen Privatstunden: Es harmoniert fantastisch. Allerdings ist bereits klar, dass die Dame Ende Monat in die Region Zürich zieht und dort zu hundert Prozent arbeiten wird. Ausgesprochen schade. Aber so ist das Leben. Und der Tango. Die Suche geht weiter.

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Eine komplizierte Garderoben-Policy

Montag, 10. März 2008

Liess mich von einer Salsapartnerin überreden, nach langer Zeit mal wieder ins Allegra zu gehen. Die Salsaleute beschweren sich eh, ich hätte nur noch Tango im Kopf. Früher war ich dort regelmässig an den Discofox-Abenden, aber weil der DJ sowieso immer nur dieselbe Playlist (ja, in jeweils exakt identischer Reihenfolge...) runternudelte, hab ichs schon eine ganze Weile aufgegeben. Wo der Dj die 80er verbracht hat, ist mir unbekannt, aber in einer Disco, vor dem Radio oder einem Fernseher bestimmt nicht. Aber noch nervtötender ist dort inzwischen die Gängelung von Leuten, die Tanzschuhe mitnehmen: Seit der kalten Jahreszeit gibt es eh eine Zwangsgarderobe, kurz danach durfte man die Strassenschuhe nicht mehr am Eingang in eine Ecke stellen, sondern musste sie ebenfalls abgeben. Heute grummelte der Garderobenmensch, ich sollte das nächstemal doch ein Säcklein mitbringen, weil er die Strassenschuhe aus hygienischen Gründen nicht einfach so ins Regal stellen dürfe. Auch gut, es gibt ja schliesslich auch am Montag Milongas...

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Plan-T

Dienstag, 18. März 2008

Da gibt es seit Anfang Jahr eine Bewegung, die nennt sich Plan-T. Alle sollen dabei mitmachen, man wolle eine grosse Tangobewegung erschaffen. Alle. Ausser den Tanzschulen im Tanzpalast. Und ein paar anderen. Denn schliesslich ist Plan-T nur der verlängerte Arm der Tangoschule Basel, wie ein Blick auf die Erstunterzeichner ergibt: Knapp ein Viertel davon sind Lehrer aus dieser Schule. Mathis Reichel vom Tanzpalast und der Schule Tango Salon Basel gibt sich auf seiner Webseite empört, dass er nicht mitmachen darf und wäscht ein bisschen schmutzige Wäsche. Inzwischen steht auf der Webseite von Plan-T nichts mehr von "Alle", auf der Webseite des Tanzpalastes ist der empörte öffentliche Brief verschwunden. Plan Null oder Null Plan?

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Ostertango, zum Ersten

Gründonnerstag, 20. März 2008

Die Eröffnung im Musikmuseum verpasse ich zeitlich leider, erfahre allerdings hinterher von Künstlern, dass die Veranstalter beim Erstatten von Spesen arg zurückhaltend seien. Geniesse dafür die vielen Leute an der Abendmilonga: Endlich mal ein bisschen an der Bar rumstehen, Damen per Blickkontakt auffordern, Tanzen. Warum geht das nicht immer so flüssig? Gehe um drei Uhr nach Hause und muss einer enttäuschten Frau vor den Pforten des Volkshauses erklären, dass es heute noch keine Afterhours gibt.

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Ostertango, zum Zweiten

karfreitag, 21. März 2008

Nachmittagsworkshop Barridas y Entradas bei Ezquiel y Claudia (Eugenia hat abgesagt). Soweit ganz gut, aber die zwei sind mit 22 Paaren eindeutig überfordert. Abendmilonga: So voll, dass niemand umfallen könnte, selbst wenn er das wollte. Der Hype um Otros Aires erschliesst sich mir nicht auf Anhieb, um es mal vornehm auszudrücken. Um vier Uhr starten im oberen Saal die Afterhours, und weil viele schon ein wenig in den Seilen hängen, gibt es genug Platz zum Tanzen. Gehe kurz nach fünf Uhr todmüde aufs Tram.

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Ostertango, zum Dritten

Ostersamstag, 22. März 2008

Besuch aus Zürich. Sie beschwert sich, dass sie im Hotel nur DRS1, aber kein Radio Argovia hören kann. Muss das Zimmer der billigsten Absteige im tiefsten Kleinbasel natürlich besichtigen und finde dort Technik, die vermutlich noch aus Zeiten des Telefonrundspruchs stammt. Immerhin, der Sound klingt ähnlich wie eine Originalaufnahme von Carlos Gardel.

Nachmittagsworkshop Vals bei Pablo y Dana. Dabei sind 25 Paare, aber kein didaktisches Konzept.

Chacarera-Workshop mit Marcelo y Analia: Die zwei streiten zwar dauernd (mehr oder weniger ironisch), wer was erklären darf, aber Chacarera ist eine schöne Abwechslung zum Tango und macht unglaublich Spass. Nur wird diese Musik an den Basler Milongas wohl leider auch künftig nicht gespielt. Oder doch?

Tangoshow im Theater Basel: Warum muss es im Zuschauerraum so penetrant nach Rauch stinken? Da Color Tango ihre Europatournee abgesagt haben, spielen Lidia Borda und das Sexteto Marcelo Mercadante. Ihre Stimme ist so schön, dass ich demnächst auf CD-Suche gehen muss. Die Show der Tänzer ist technisch auf hervorragendem Niveau, und es ist eine Freude, den Szenen zuzusehen. Einzig in der zweiten Hälfte fehlt irgendwie der Spannungsbogen, und ein bisschen kürzer hätte dieser Teil auch ausfallen dürfen.

An der Milonga ist ein bisschen mehr Platz als am Freitag, der Aufrtitt von Michelle und Joachim ist für mich ein Höhepunkt: Sie tanzen schlicht, sie tanzen elegant, sie tanzen flüssig und harmonisch, und vor allem weiss ich natürlich, dass sie genau das auch unterrichten können. Erneut Afterhours, diesmal bleibe ich bis kurz nach sechs Uhr. Nach einer stimmungsvollen Tangonacht mit vielen schönen Begegnungen bei Sonnenaufgang auf das Tram warten und den Schneeflocken zuzusehen...gibt es etwas Schöneres zum Abschalten?

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Ostertango, zum Letzten

Ostersonntag, 23. März 2008

Zweiter Chacarera-Workshop, abends an der Milonga geniesse ich wieder das Sexteto Mercadante sowie natürlich die Stimme von Lidia Borda. Der Platz ist wie immer eng, erstaunt muss ich feststellen, dass gerade auch einzelne Tangolehrer teilweise unglaublich rücksichtslos tanzen. Afterhours bis sieben, bei blauem Himmel nach Hause. Montag Abend verschlafe ich...

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Ostertango, das Fazit

Dienstag, 25. März 2008

Man kann tanzen, tanzen, tanzen, gerade die Besucher aus dem Ausland sind erfreulich offenherzig und unkompliziert. Mann guckt, Frau guckt zurück, und schon ist man am Tanzen. Dennoch, die Abende sind teuer (eigentlich erstaunlich, dass der Tanzpalast an Ostern noch nicht mit Budget-Milongas reagiert hat), und für den Preis eines Workshops leiste ich mir künftig wohl lieber ein paar Privatstunden. Nachmittags ins Tango-Café wäre sicher auch schön, aber so lange es dort derart verqualmt ist, bleibt das für mich leider eine No-Go-Area.

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Nomen est Omen

Freitag, 28. März 2008

Eine 17-jährige Salsapartnerin smst mir wegen eines bestimmten Anlasses, ich frage nach der Mailadresse um ein paar Details zu klären. Die Mailadresse kommt, und mich trifft der Schlag: californiantreehillgilmoresalsita@irgendwas. Gut, sie ist noch jung, und im Unterschied zu mir wird ihr Fernseher wohl auch tatsächlich noch genutzt. Sehe grad, dass die Domain tangoguru noch frei ist. Meinname@tangogoru.ch, das hätte doch was. In neun Jahren vielleicht.

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Tanguera

Donnerstag, 10. April 2008

Das Musical "Tanguera" ist angelaufen: Im Regionaljournal von DRS1 wird es gelobt, allerdings komme die Musik aus der Dose ("Hollywood-Sound") und es habe eher mit Rock-Akrobatik als mit Tango zu tun. Dafür seien es 90 kurzweilige Minuten. Bin sehr gespannt, wir haben Karten für den nächsten Donnerstag...

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Klatsch, Werbung und der Frühling

Freitag, 11. April 2008

Milonga im Totentanz: Ein Tänzer erzählt mir, er sei vom Musical "Tanguera" völlig enttäuscht: Schlechte Musik und kaum Gemeinsamkeiten mit dem Tango, den er tanze. Kurz darauf schwärmt mir eine Tänzerin vom selben Musical vor...

An der Milonga liegen zahlreiche Flyer auf, direkt aus Buenos Aires importiert. Offenbar finden dort an einem Samstag jeweils 26 verschiedene Milongas statt. Leider steht auf dem Übersichtsflyer nicht, welche davon eher dem Touri-Nepp zuzuordnen sind. Die Umschlaginnenseite zeigt eine Reproduktion eines alten Gemäldes, auf dem Josef und Maria dargestellt sind. Halt, stimmt nicht: Beim genaueren Hingucken sieht man, dass es um Tangoseminare mit Gustavo Naveira & Giselle Anne geht. "Group limited to 25 couples", fehlt da ein Smiley? Egal, auf der European Tour im Juni kommen sie eh nur nach Rom, Athen, Tylosand und Düsseldorf. Eine Tanzpartnerin lenkt meine Aufmerksamkeit auf argentinische Werbeprospekte für schicke Tangoschuhe mit Bajonettabsätzen. Wenn doch die Männer ihre Waffen nicht mehr zuhause aufbewahren sollen, weshalb dann die Frauen?

Apropos Waffen: Wie mir von mehreren Quellen versichert wurde, haben sich die eigentlich offiziell feindlich gesinnten Oberhäupter beider grossen Basler Tangotanzschulen (siehe Eintrag vom 18. März 2008) an der Mittwochsmilonga im Musical-Theater ganz normal miteinander unterhalten, man munkelt gar, sie hätten den Anlass gemeinsam organisiert. Tangofrühling in Basel?

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Blog reloaded

Montag, 14. April 2008

Neuer Webserver, gleichzeitig (weil sie so verführerisch elegant war) unter neuer Domain tangoblog.ch. Webseite und Mail läuft, für die Evaluation eines CMS bin ich derzeit zu faul, irgendwann wird die nüchterne Seite auch noch ein bisschen gestaltet...

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Darf ein Flashmob brav sein?

Mittwoch, 16. April 2008

Es ist noch gar nicht so lange her, da frotzelte Palhassa in ihrem Blog, die sogenannten Flashmobs von Plan-T wirkten etwas gar brav. Nun haben ein paar Amis gezeigt, wie es richtig geht: Mit Kopfhörern und damit still um eine Statue von Thomas Jefferson herumtanzen, bis die Handschellen "klick" machen. Die Idee ist natürlich nicht neu, Steve Martin hat uns 1991 schon im Film L.A. Story vorgemacht, wie man im Kunstmuseum spontan ein intimes Happening organisiert.

Im oben verlinkten Artikel von Spiegel Online lernen wir, dass die Flashmobs immer auch eine selbstironische Note haben, denn sie sind der Beweis dafür, dass man gerade den modernen Totalindividualisten offenbar mit einigen Tricks für einen Massenanlass begeistern kann. So gesehen ist natürlich jede Milonga ein regelmässiger Flashmob, denn Tangotänzer sind ja bekanntermassen die schlimmsten Individualisten. Und am kommenden Wochenende konkurrenziert Irma mit einer "spontanen" Milonga den Talib, dessen Milonga weniger spontan geplant war. Am spontanen Massenanlass "Ostertango" scheine ich jedenfalls Glück gehabt zu haben, dass ich nicht verhaftet worden bin, weil ich zu einer superschnellen Milonga eine Merengue getanzt habe. Basel tickt eben anders...

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Tanguera - ein Musical?

Freitag, 18. April 2008

Der Hafen von Buenos Aires, ein Bordell mit beleuchteten Schminkspiegeln, mitreissende Musik, akrobatische und pfeilschnelle Lufthaken à discretion, Ganoven und Helden, schöne Tänzerinnen, das alles bietet das Musical "Tanguera", und diese Dinge machen es zu einem kurzweiligen Vergnügen. Allerdings ist diese Aufzählung auch schon ziemlich vollständig: Eine durchgehende Geschichte ist kaum zu erkennen, die beiden Hauptprotagonisten gehen in den vielen Massenszenen mit teilweise über 20 Tänzern auf der Bühne ziemlich unter, eine Live-Band fehlt völlig, Gesang kommt von genau einer Frau. Und auch wenn die Tänzer allesamt Profis sind, so wird doch beinahe in jeder Szene dasselbe getanzt. Und der künstliche Nebel, der zu Beginn zur Lichtstimmung im Hafen passt, fängt mit der Zeit an zu nerven: Der Film bleibt irgendwie bis zum Schluss unscharf, melden die Augen. Bekannte Lieder gibt es zuhauf, doch es bleibt hinterher kein Ohrwurm hängen. Als Tangoshow grandios, als Musical hingegen lässt sich Tanguera nicht einstufen -- schon gar nicht für den Eintrittspreis von 109 Franken.

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Der Kerzenständer und die Erholung vom Tango

Montag, 21. April 2008

Das Wochenende fing gar nicht gut an: Am Freitag latschte ich nach zwei Stunden ohne einen Tanz frustriert wieder aus der Milonga, das ist mir bisher noch nicht passiert. Es sind die Momente, in denen man sich fragt, ob man seine Freizeit nicht doch lieber wieder mit anderen Dingen verbringt. Ich kann halbwegs laufen, einigermassen Ochos führen, kriege gelegentlich eine Molinette zustande und empfinde das seit Monaten als kein besonders grosses Repertoire. Natürlich zählen auch die Musikalität und das Gefühl, aber dennoch komme ich derzeit irgendwie nicht weiter.

Der Samstag war etwas besser, obwohl ich tatsächlich einen grossen Kerzenständer umgetanzt habe und deshalb künftig nie mehr über andere unvorsichtige Rempeltänzer lästern werde. Zumindest für die nächsten paar Tage nicht. Meine Ausrede: Wir waren zu früh da, folglich gab es zuwenig Tanzpaare und damit zuviel Platz auf der Tanzfläche, da passt man halt nicht auf. Der Fachbegriff dafür lautet wohl Risikokompensation. Meine Laune verbesserte sich schlagartig, als ich mit einem Tänzer über Blogs plauderte und er mich tatsächlich fragte, ob ich Palhassa sei. Nein, bin ich nicht, zwei Blogs parallel zu führen wäre mir dann doch ein wenig zu dumm. Hätte ich ein Pseudonym, hiesse es wohl "fighting with candlestick"...

Obwohl für den Sonntag der Besuch einiger Musical-Tänzer im Tanzpalast angekündigt waren, wählte ich einen Tango-losen Abend und düste zur Salsa-Nacht. Hat gutgetan, auch wenn die Rempeltänzer dort mangels Tanzfluss noch etwas anstrengender sind als an einer Milonga. Aber eben, wer unter Euch ohne Kerzenständer ist, der werfe...

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Bin ich etwa nicht auf der Gästeliste?

Mittwoch, 23. April 2008

War gestern noch in der Practica bei César, ein paar schöne Tandas getanzt. Bis ich sah, dass auf meinem rechten Schuh noch Wachsspuren vom Kerzenständer-Unfall waren. Wollte zuhause eigentlich den Schuh reinigen, wurde allerdings jäh abgelenkt, als ich bei Tangoinfo kurz die Milongas der nächsten Woche checkte: Da hat doch jemand am 30. April eine "Tango-in-den-Mai-2008-Sonderedition-en-tus-brazos"-Milonga in Freiburg im Breisgau mit einem ziemlich sinnigen Untertitel reingesetzt: "Geschlossene Gesellschaft, persönliche Einladung folgt per Email". Klar, darum stellen wir das ja auch bei Tangoinfo rein, denn die Emails werden wohl per Maulesel aus einem abgelegenen Alpental angeliefert und das dauert halt noch ein paar Tage. Oder muss man sich das eher wie im Film Eyes Wide Shut vorstellen?

Erst Untergrund-Milongas, dann versteckte Milongas, jetzt sogar öffentlich angekündigte versteckte Milongas. Läge der Anlass um die Ecke, würde ich da wohl einfach mal auftauchen und ausprobieren, ob die mich wirklich nicht reinlassen. Ich will nicht schon wieder auf einen Film verweisen, aber irgendwie kommt mir der Satz "you can't have the duck!" in den Sinn...

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Ocho cortado

Donnerstag, 24. April 2008

Privatstunde beim Maestro: Die Schultern, der Kopf und auch so manche andere Dinge (etwa das Gewicht) sind nicht da, wo sie sein sollen. Himmel, ein Jahr Tango, und noch immer kämpfe ich mit den Basics. Wie machen das eigentlich die Leute, die wirklich unbeweglich sind?

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Bern im Südwind, aber ohne Cabeceo

Freitag, 25. April 2008

In Begleitung aus dem Berner Oberland besuche ich das "Viento Sur" (auf plumpdeutsch: Föhn) in Bern. Perfekter Boden, rauchfrei, schöner Spiegel, viel düsteres Holz. "Morbider Charme aus den 30er Jahren", so die passende Selbstbeschreibung. Glücklicherweise keine Kerzenständer. Musste feststellen, dass bei den Damen in der Bundeshauptstadt das Cabeceo genauso unbekannt zu sein scheint wie in Basel. Aber ich hab ja zwei Beine und ein grosses Mundwerk. Werde dafür kurz vor Mitternacht in einem Porsche zum Bahnhof chauffiert, die Beschleunigung erinnert an eine 160 bpm-Rennmilonga.

Werde im Zug wieder munter, als mich direkt nach der Abfahrt in Olten eine Frau mit panischer Stimme fragt, wo dieser Zug hinfahre. "Äh...nach Basel.", murmle ich ein wenig irritiert. "Scheisse, ich muss nach Bern! Wo ist der nächste Halt?". "Gelterkinden", sage ich mit bedeutungsschwangerem Unterton, denn wir sitzen im Lumpensammler, und in Gelterkinden gibts ja nichtmal eine Milonga, geschweige denn nächtliche Anschlüsse nach Bern. Sie ruft irgendwen an, und die Begeisterung ihres telefonischen Gegenübers auf den Satz "Sag mal, kannst Du mich in Gelterkinden abholen?" kann ich mir recht gut vorstellen.

Übrigens, und damit komme ich wieder zum Tango, in Bergün ist uns dasselbe passiert: Nach einem Besuch im Bad Alvaneu (Geheimtipp: Die Badewanne im Kurhaus kostet nichts und ist auch nicht viel kleiner) mussten wir in Filisur vom Postauto auf die Bahn umsteigen, und natürlich war der Zug nach Bergün schon weg, bevor wir merkten, dass wir im Zug nach Klosters sassen. Die Rhätische Bahn betrachtet Zugzielanzeiger auf den Perrons nämlich als überflüssigen Ballast. Nun ist Gelterkinden in Vergleich zu Filisur geradezu eine Grosstadt, Tja, was macht man leicht bekleidet bei Schneeregen eine Stunde in Filisur?. "Wir gehen an die Hauptstrasse und Stöppeln. Du versteckst Dich", frotzelte meine charmante Tanzpartnerin. In der knappen Stunde fuhren zwei Lieferwagen sowie ein älteres Ehepaar in ihrem Auto vorbei, alle gaben auf unser Gewinke hin noch kräftig Gas. Fazit: Auch in Graubünden kennen sie offenbar das Cabeceo noch nicht...

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Hörst Du die Glocke?

Sonntag, 27. April 2008

Im Tanzpalast gibt es ein neues Feature: Klingelt die Kuhglocke, gibt es Damenwahl. Dazu müsste allerdings eine Frau erst den Mut haben, sich mit einem Folklore-Gegenstand akustisch derart zu exponieren. Insofern würde ich nicht von einem niederschwelligen Angebot sprechen. Aber eigentlich bräuchten wir sowieso eher Tischtelefone. Nennt sich dann Elektro-Cabeceo. Würde aber vermutlich auch nicht funktionieren, weil frau natürlich das Telefon problemlos überhören kann, wenn nicht der Traum-Milonguero anruft...

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Auf nach Berlin!

Dienstag, 29. April 2008

Da in der Schweiz über Pfingsten tangomässig nicht viel los ist, hab ich einen Blick aufs Berliner Tangofestival geworfen. Liegt für einen Kurztripp einfach besser als Buenos Aires. Keine Workshops, zumal ich da einige DNI-Verdächtige (didactics not included) vom Ostertango erblicke und es für mein unterirdisches Niveau eh kein grosses Angebot gibt. Aber Milongas, Unterkunft und Reise sind gebucht. Und zwischen nächtlicher Heimkehr und Tango-Café am Mittag könnte ich noch versuchen, ein paar Berliner Freunde zu treffen. Und ein wenig shoppen. Vielleicht sogar noch Essen und Schlafen.

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Risiken und Nebenwirkungen der Euro08 auf den Tango. Und umgekehrt

Mittwoch, 30. April 2008

Alles spricht von der Euro08, und heute wurde mir plötzlich klar, dass der Anlass in wenigen Wochen tatsächlich beginnen wird. Meine erste Reaktion war, nach einer bezahlbaren vierwöchigen Reise nach Buenos Aires zu suchen. Aber heute hatte jemand anders im Lotto gewonnen, ausserdem scheint es ein bisschen die falsche Reisezeit für Buenos Aires zu sein. Also hierbleiben. Was bedeutet die Europameisterschaft eigentlich für uns Tangotänzer? Tormeldungen nach jeder Tanda? Flashmobs auf der Fanmeile? Torwandschiessen mit Gustavo Naveira in den Public Viewing-Arenen? Fressbuden mit Pizza Belgrano, chilenischem Rotwein und argentinischem Rind an Piazzolla-Sauce?

Na gut, sehen wir es positiv: Während der Euro werden soviele Openair-Bühnen aufgebaut sein, es wäre doch irgendwie eine Schande, die Gelegenheit nicht für ein paar Freiluft-Milongas zu nutzen. Und wie könnte man enttäuschte Fans nach der Niederlage ihrer Mannschaft besser trösten als mit einer Umarmung im Wiegeschritt? Immer vorausgesetzt natürlich, die Fussballfreaks werden vorher zwangsgeduscht. Und die Pyrotechnik gegen einen Fächer getauscht. Kerzenständer werden vom Milonga-Türsteher ebenfalls eingezogen. Wer zur Euro einreist, erhält an der Grenze einen Crashkurs im Tango. Schliesslich sind Emotionen, kulturübergreifende Begegnungen, Freude und Bewegung auch woanders als im Fussball zu finden. Die paar nötigen Rempeleien kriegen wir auch noch hin, wenn wir uns...äh...keine Mühe geben. Allerdings wird es wohl nie soweit kommen, dass an einer Milonga DJ Bobo gespielt wird. Den überlassen wir doch gerne den Fussballfans. Also: Seien wir gute Gastgeber, zeigen wir Mitleid, und freuen wir uns insgeheim auf den Juli.

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Pugliese kritisiert indirekt andere Tangolehrer

Freitag, 2. Mai 2008

Da stosse ich per Zufall auf ein letzte Woche veröffentlichtes Interview mit Pablo Pugliese und Noel Strazza vom vergangenen Dezember. Pugliese erzählt im 40-minütigen (und leider technisch sehr schlechten) mp3-File, dass er mit acht Jahren angefangen habe Tango zu tanzen, mit zehn bereits seine ersten Aufführungen darbot und schon mit 15 zusammen mit der Mutter in den USA unterrichtet hatte, als sein Vater mal kurzfristig verhindert war. Ist doch ein Trost für uns Opas über 30, die sich wundern, warum das Tangolernen so lange dauert. Dann kommt bei Pablo sogar leise Kritik an anderen Tangolehrern auf:

Tango is pretty demanding for the body, even in its original form...Teaching tango technique ist relativ new...There is a difference between showing something -- and take the students by your hand and make the thing possible for the students....There are people who are thinking showing you is teaching you.

Frei übersetzt: Tango verlangt dem Körper viel ab, sogar im ursprünglichen Stil....Den Technik-Unterricht gibt es noch gar nicht so lange...Es ist ein Unterschied, ob man etwas vorzeigt oder dem Schüler etwas wirklich beibringt...Es gibt Leute, die denken, vorzeigen und unterrichten sei dasselbe.

Da bin ich ja baff und erleichtert zugleich, dass mal ein Porteño selbst das so deutlich sagt. Vor allem den letzten Satz sollte man in jedem Workshop-Raum auf einer Tafel an die Wand nageln. Aber warum hat er das vor dem Ostertango nicht seinen Kumpeln vom DNI gesteckt? Wie auch immer, zum Thema Suchtfaktor ist seine Meinung ebenfalls klar:

Tango is a black hole. There is no way out.

Ein wahres Wort, von einem Guru gelassen ausgesprochen.

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Zürich sagt ab...und bietet eine Alternative

Dienstag, 6. Mai 2008

Lange hörte man nichts, nun ist es definitiv: Im Jahr 2008 gibt es in Zürich keine offizielle Tangowoche. Dafür bäckt die Konkurrenz etwas kleinere Gipfeli: Ende Mai bietet das Festivalito ein paar Workshops sowie Abendmilongas in der St. Jakobs-Kirche an. Einen Treffpunkt zum Plaudern und Tanzen à la Tangocafé am Nachmittag für workshoplose Besucher scheint es allerdings nicht zu geben, und da in "Downtown Switzerland" die Läden am Samstag ja schon um 16 Uhr schliessen, wird die Zeit bis zur Milonga um 22 Uhr doch ziemlich lang. Aber die Sihl liegt ja gleich nebenan. Badesachen mitnehmen, die sind dort nicht so tolerant wie in Basel am Rheinufer...;-)

Ansonsten kämpfte ich fest mit einem bestimmten Ocho-Ausgang, den mir César letzte Woche gezeigt hatte: In den Milongas am Sonntag und Montag versuchte ich es mit insgesamt sieben unterschiedlichen Frauen. Waren alles schöne Tänze, aber das besagte Element klappte nie. Die einfachste Erklärung dafür wäre natürlich, dass die Frauen alle nicht tanzen können. Realistischerweise ziehe ich allerdings die zweiteinfachste Erklärung in Betracht: Im Tanzpalast und im Les Garecons gibt es derzeit Gravitations-Anomalien.

Apropos Tanzpalast: An der Sonntagsmilonga scheint die Damenwahl-Glocke wieder verschwunden zu sein. Schliesslich hat es ja Gläser auf den Ikea-Tischchen, wird sich jemand gedacht haben, und deren Höhe ist ziemlich genau auf die durschnittliche Grösse einer voleofreudigen Tanguera geeicht. Jedenfalls schaffte es am Sonntag ausgerechnet derjenige, der am meisten über Rempeltänzer lästert (und in infamster Weise Schabernack wegen meines Kerzenständer-Unfalles getrieben hatte), mit einem zielsicheren Treffer sämtliche Gläser eines Tisches abzuräumen (also doch Gravitation?). Jeder Profikegler wäre neidisch geworden, ebenso wohl die Tanguera-Profitänzer, die vor zwei Wochen dem Vernehmen nach weniger treffsicher gewesen seien. Nach dem lauten *kling* hoffte ich, dass sich nun mehrere Damen auf mich stürzen, sich um mich prügeln und die Siegerin mich dann auf die Tanzfläche zerren würde. Doch ausser mir schien niemand das Klirren als Damenwahl interpretiert zu haben. Ich tat, was ich in solchen Fällen immer tue: Die Pommes-Chips wegfuttern und dann nach Hause gehen. Tischtelefone gibt es übrigens noch immer nicht.

Noch drei Tage bis Berlin. Bin auf die dortigen Gravitationsverhältnisse gespannt. Eigentlich könnte ich eine Kuhglocke mitnehmen und mit missionarischem Eifer behaupten, sowas sei in Buenos Aires derzeit der letzte Schrei...

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Ausnahmeregelungen und Komplimente

Mittwoch, 7. Mai 2008

Eine Zürcherin teilte mir heute äusserst charmant mit, dass meine Schmähkritik von gestern an den Zürcher Ladenöffnungszeiten völlig unseriös sei: H&M habe an Samstagen bis 16.30 Uhr geöffnet. Gut, ich krieche zu Kreuze, das lässt die Nachmittagsplanung am Festivalito natürlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wobei...die haben ja nichtmal Tangoschuhe.

Neue Rubrik "Kompliment der Woche". Diesmal von C. aus B.: "Dreh ruhig weiter, bei Dir wird mir sowieso nie schwindlig!"

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Berlin, Tag eins: Mission Impossible und der Überfluss

Freitag, 9. Mai 2008

Wenn eine Frau schon beim Check-In des Hinfluges ihren Koffer teilweise ausräumen muss, weil das Ding zu schwer ist, dann sollte man eigentlich meinen, dass es sich bestimmt um eine Tanguera handeln muss. Ich dachte falsch, es war eine Salsera, und weder während des Fluges, noch während der Fahrt mit der S-Bahn von Schönefeld bis Alexanderplatz konnte ich die Frau davon überzeugen, dass Tango nicht depressiv ist. Über die gegenseitigen Vorurteile der Tango- und Salsaszene musste ich schon oft genug grinsen, dazu mal später mehr.

Weil der Tag noch jung war, suchte ich am Nachmittag in Berlin zwei Tangoschuhläden auf, um mir endlich mal richtige und schicke Tanzschuhe zu kaufen. Schliesslich wird Berlin als "zweitgrösste Tangostadt nach Buenos Aires" beschrieben - die Läden waren im Festivalflyer als Sponsoren mit den Öffnungszeiten über Pfingsten aufgeführt, naiverweise schloss ich daraus, dass sie auf dieses Wochenende hin ihr Lager ein wenig aufgefüllt haben. "Schuhe 43 oder 44, aber bitte kein schwarz, kein weiss und kein beige", lauteten meine Anforderungen. Ein paar Kartons mit der passenden Grösse waren zwar da, hervor kamen aber lediglich die erwähnten Opafarben. Verzweifelt fuhr ich zum Festivalbüro, um dort einen noch gemeineren Flyer zu finden: "Bezaubernde Seidenbeutel, grosse Auswahl an leuchtenden Farben und femininen Mustern: Das perfekte Geschenk für jede Tangotänzerin". Klar, für die Männer reicht ja ein grauer Schuhsack.

Im Festivalbüro erhielt ich einen schicken Zettel, auf dem meine vorbezahlten Abendmilongas aufgeführt waren: Heute im Berliner Rathaus, Samstag im Ballhaus Rixdorf, Sonntag im Admiralspalast. Das Rote Rathaus macht Eindruck: Grosse Treppen mit rotem Teppich, üppige Garderoben und Vorräume, ein schöner Saal. Stellte befriedigt fest, dass meine Unterkunft zu Fuss keine fünf Minuten entfernt liegt, was die spätnächtliche Heimkehr ziemlich vereinfachen wird. Nach einem Spaziergang um den Block und einem Abendnickerchen traf ich so gegen 21.30 Uhr an der Milonga ein und grübelte fortan darüber nach, wie die grammatikalisch korrekte Steigerungsform von "Frauenüberschuss" (oder Männerunterdeckung?) heisst. Ein schlaues Wort fiel mir nicht ein, dafür tanzte ich, bis die Socken und die Sohlen qualmten: Wollte ein Mann den Raum verlassen, um beispielsweise die Toilette aufzusuchen, so tat er das am besten mit gesenktem Haupt und auf den Boden gerichteten Blick, sonst wurde er eh gleich zu einem neuen Tanz verführt. Auch wenn ich gerne mal ironisch überzeichne, in diesem Punkt war ich wirklich überwältigt: Soviele tanzlustige und cabeceo-mutige Frauen in einem Saal hatte ich bisher noch nie erlebt. Erwähnte in ein paar Gesprächen, dass es in Basel gelegentlich Milongas mit leichtem Männerüberschuss gäbe, hätte aber den Reaktionen nach zu urteilen genausogut erzählen können, dass auf dem Mond Milongas stattfinden.

Manche Sachen sind in Berlin etwas offizieller als anderswo, so wurde in einer Begrüssungsansprache nicht nur die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Buenos Aires erwähnt, sondern auch die Tatsache, dass beide Städte mit dem Problem der Müllentsorgung zu kämpfen haben. Ob solchen revolutionären Neuheiten rollten einige Tänzer mit den Augen, doch im Publikum schien auch einiges an Lokalprominenz zu sitzen, die den Ausführungen aufmerksam folgten. Nicht dass ich da jemanden kenne, aber es gibt so eine Schicht von Leuten, die teuer und dennoch schlecht gekleidet sind - und selbstverständlich auch nicht tanzen.

Dann übernahm wieder der Dj das Ruder, erstaunlicherweise gab es während des ganzen Festivals keine Cortinas. Später spielte das Orquesta Tipica El Afronte, im Flyer stand etwas von einem "neuen und aggressiveren Klangtyp". Tatsächlich war die Musik vor allem wuchtig, monumental und gewaltig, die permanenten Tempowechsel brachten einige Unruhe ins Tanzparkett. Einmal rannte ein Tangoguru rückwärts in mich rein (das allein wäre noch nicht berichtenswert) und entschuldigte sich danach tatsächlich bei mir. Zeichen und Wunder! Musikalisch gefiel mir die Truppe ganz gut, dennoch war ich froh, als der DJ wieder übernahm und auch feinere Stücke spielte. Zwischendurch sichtete ich gar Prominenz aus dem Basler Tango-Untergrund (BTU) und später eine Thunerin, ansonsten waren die Schweizer eher mager vertreten. Nach einigen Runden mit einer fantastischen Tänzerin war ich vom Tanzgefühl ziemlich überwältigt, ohne genau sagen zu können, woran das lag. Die berühmte Harmonie im Tanz, das suchterzeugende Tangogefühl eben? Oder lag es daran, dass sie mir das Gefühl gab, gut tanzen zu können? Nach einer schönen Plauderei ging ich um vier Uhr nach Hause, in der Überzeugung, dieses intensive Erlebnis heute eh nicht mehr toppen zu können. Es hat sich gelohnt, hierher zu fahren, definitiv. Hält meine Glückssträhne auch das restliche Pfingsten über an? Der Wetterbericht kündigt 26 Grad für den Samstag Nachmittag an, zur Auswahl stehen Schwimmen im See, Spaziergänge oder das Festival-Tangocafé.

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Berlin, Tag zwei: Tanghetto in Kreuzberg

Samstag, 10. Mai 2008

Den Nachmittag verbringe ich spazierenderweise an der Spree, da die angedrohten 26 Grad sich doch eher nach 23 Grad anfühlen. Das Nachmittags-Tangocafé des Festivals lasse ich aus, da mir die Füsse noch etwas weh tun und ich meine Energien für den Abend sparen will. Erfahre später, dass dort (vermutlich wegen des schönen Wetters) eh nichts los gewesen sei.

Abends ist Milonga im Ballhaus Rixdorf. Der Name weckt Vorstellungen von Glamour, doch es handelt sich um ein etwas heruntergekommenes Hinterhaus in Berlin-Kreuzberg. Kreuzberg ist ungefähr die Potenzierung des Kleinbasels mit Zürichs Kreis 4. Ein völlig verqualmtes Treppenhaus verbindet den Hauptsaal mit einer Galerie, einen Stock darüber befindet sich ein weiterer Saal. Das schafft Platz: Unten läuft die Hauptmilonga mit Konzert, im oberen Saal startet die Alternativmilonga. Weil das genau zu Beginn des Abends einmal am Mikrofon verkündet wird und sonst nirgends steht, finden dort nur wenige hin, und so nützt die eigentlich gute Idee wenig: Unten ist es gerammelt voll. Immerhin ist die Galerie ideal, um den Shows der Lehrer zuzusehen: Der Auftritt von Alejandra Hobert und Adrian Veredice gefällt mir am besten, er ist fantasievoll und besteht nicht aus 24 Voleos pro Minute.

Livekonzert mit Tanghetto: Elektrotango ist eigentlich nicht meine Lieblingsmusik, aber diesmal gefällt es mir sehr, ich finde die Band um Welten abwechslungsreicher als Otros Aires. Allerdings würde ich zur Musik am liebsten Discofox tanzen, bei diesem umps-umps-umps-Rhythmus wird mein Tango nämlich immer fürchterlich unkreativ. Zu allem Unglück fordere ich eine Frau auf, die meinen Bizeps greift und völlig offen tanzen will: Schwierige Grundvoraussetzungen plus extremes Gedränge (Elektrotango scheint irgendwie tanzflusshemmend zu sein), ich bin ziemlich überfordert, die Dame entschuldigt sich nach zwei Tänzen und meint, sie könne sich grad nicht richtig entspannen. Kunststück bei meiner Führung. Ich geniesse den Rest des Konzertes lauschend (Depeche Mode als Elektrotango, geil!) und beschränke meine Cabeceos auf die Zeit, in denen der DJ spielt.

Spätnachts fordere ich eine Polin auf, die sich erst ziemlich ziert und meint, sie sei noch völlige Anfängerin, doch nach ein paar Schritten kurven wir übers Parkett, als hätten wir schon monatelang miteinander geübt. Eine Dreiviertelstunde später will allerdings ihre Clique nach Hause fahren, und so verabschieden wir uns schweren Herzens. Treffe danach meine Traumtanzpartnerin vom Freitag, sie empfiehlt mir ein hübsche Openair-Nachmittagsmilonga am Sonntag. Gehe kurz nach vier Uhr auf die U-Bahn (Hallo TNW und ZVV, lest Ihr hier mit? Die fahren am Wochenende die ganze Nacht durch im Viertelstundentakt, und das ohne Nachtzuschlag...). Von der Haltestelle muss ich noch ein paar hundert Meter nach Hause laufen und merke, dass meine Sprungelenke ziemlich schmerzen. Plane für Sonntag Nachmittag Faulenzen und lockeres Schwimmen ein.

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Berlin, Tag drei: Sonnendeck und Luis Stazo im Admiralspalast

Sonntag, 11. Mai 2008

Auch nach ausgiebigem Schlaf schmerzen meine Füsse noch immer, dennoch treibt mich die Neugierde an die Nachmittagsmilonga im Radialsystem. Direkt neben dem Ostbahnhof gelegen sieht das Gebäude unscheinbar aus, doch das Sonnendeck hat es in sich: Je nach Wunsch Sonne oder Schatten, Luft von zwei Seiten, Aussicht auf die Spree, Sonnenliegen, eine rund 30 Quadratmeter grosse Tanzfläche sowie grandiose Livemusik: Anahi Setton singt charaktervoll schimpfend über die Männer, sozusagen das weibliche Gegenstück zu den üblichen "Die Schlampe ist weg"-Jammertangotexten. Begleitet wird sie auf dem Keyboard von Javier Tucat Moreno, gemeinsam nennt sich die Truppe Ypunto. Ich hatte bislang selten soviel Spass bei einer Liveband auf der Tanzfläche: Die Stimme von Anahi geht ins Herz, und Javier greift so beherzt in die Tasten, dass man fast das Gefühl hat, da spiele einer mit einem Bandoneon. Auch hier sind mir die Cabeceo-Götter freundlich gesinnt: Um 16 Uhr bin ich an der Milonga, kurz vor 20 Uhr verabschiede ich mich gezwungenermassen, weil ich vor der Abendveranstaltung noch duschen und esse möchte und meine Füsse eh fast abfallen. Das Radialsystem ist der Ort, wo man warme oder heisse Nachmittage verbringen möchte. Eine Schande, dass hier keine täglichen Mittagsmilongas stattfinden.

Gegen 22 Uhr treffe ich im Admiralspalast ein, dem heutigen Ort der Abendmilonga. Der Bau wurde ziemlich modernisiert, ein riesiger Vorraum mit knapp zehn Stühlen bleibt allerdings eher ungenutzt: Die Leute stauen sich am Eingang zum Saal, denn die Sitzplätze dort sind völlig in Dunkelheit getaucht. Ein paar rote Spots sorgen hingegen dafür, dass man auf der Tanzfläche kräftig geblendet wird. Kurzum: Der Saal ist für ein Konzert ganz gut, für eine Milonga aber denkbar ungeeignet. Luis Stazo hat als Gäste Alfredo Marcucci und Juan Jose Mosalini auf der Bühne, ich ergattere mir einen Sitzplatz direkt neben dem Klavier und dem dritten Bandoneon. Spielen können sie, die alten Säcke, und sie haben sichtlich Spass dabei. Gelegentlich spielen sie auch sehr exzentrische Stücke von Piazzolla, und ein Blick auf die Tanzfläche macht deutlich, dass es durchaus untanzbare Tangomusik gibt.

Viele Tänze später ist es schon wieder nach drei Uhr, und ich war ja von der Nachmittagsmilonga schon ziemlich erschöpft. Meine Lieblingstänzerin vom Freitag ist wieder da, wir unterhalten uns auch noch übers Auffordern. Sie meint beiläufig, dass sie das Cabeceo nicht praktizieren würde. Erstaunt frage ich sie, wie wir dann am Freitag miteinander auf der Tanzfläche gelandet seien. "Hm, das war dann wohl Zufall", antwortet sie grinsend. Erst will ich sie umbringen, doch dann verabschieden wir uns herzlich, plötzlich kann ich nur noch knapp meine Tränen zurückhalten. Tango macht zwar nicht depressiv, aber sentimental, und auch der unfreundliche Raum tat meiner Tangostimmung keinen Abbruch. Nach Hause komme ich mit der S-Bahn, auf dem Bahnsteig übt jemand ein paar Meter entfernt Rückwärtssacadas mit ausladenden Handbewegungen. Zum Glück spielt dazu keiner Saxophon, sonst gingen meine Vorräte an Taschentüchern blitzschnell zu Neige...

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Berlin, das sentimentale Fazit

Montag, 12. Mai 2008

Wenn man auf dem Flughafen rumhängt, die Bordkarte vor sich hin dreht und lustlos durch die Shops schlendert, dann könnte man sich beinahe fragen, ob die vergangenen drei Tage nur eine Illusion oder doch Realität waren. Mein Körper ist müde, das schöne Tangogefühl im Bauch ist allerdings noch da, vermischt mit Wehmut und ziemlicher Sentimentalität. Scheiss Tangosucht, denke ich mir, und muss schon wieder lachen. Für das tänzerische Selbstbewusstsein war das Wochenende pures Gold wert, selbst ein Korb am ersten Abend von einer Chinesin fällt mir erst jetzt wieder ein, als ich die Abende in Gedanken Revue passieren lasse. Schnelle Milongas jagen mir keine Angst mehr ein, sondern sie machen Spass! Und die Begegnungen mit Menschen aus Riga, Oslo, San Antonio, Greifswald, Metz und weissichwohernoch waren spannend.

Als ich zum Gate stolpere, überlege ich noch, ob ich im Flugzeug wohl neben einer Tanguera sitzen werde. Wenige Meter vor dem Gate erblicke ich ein bekanntes Gesicht, nach einer Grübelsekunde spreche ich die Dame an, und sie outet sich als Salsera aus Basel. Übergepäck hat sie zwar nicht dabei, aber ihren Rucksack musste sie als Sperrgut aufgeben. Meine Wehmut wandelt sich zu einem breiten Grinsen: Auf Tänzerinnen ist Verlass. Zumindest beim Gepäck.

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Ein Wiedersehen und ...Gotcho!

Dienstag, 13. Mai 2008

Vor über einem Jahr seufzte ich hier, dass Tanzpartnerverluste in den Zeiten vor dem weltweiten Web nur hart zu verkraften waren. Als ich heute zur Practica düse, grinst mich an der Tramhaltestelle plötzlich eine Frau an, sie entpuppt sich als meine ehemalige Standard- und Latein-Partnerin. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, dennoch sind die Erinnerungen schnell wieder da. Stelle befriedigt fest, dass in den "normalen" Tanzschulen heute offenbar auch Tango Argentino und Salsa zum Vollsortiment gehört. Obwohl da bestimmt nichts von konkreten Milongas und dem Cabeceo erzählt wird. Aber das ist ja bei den Tango-Schulen auch nicht sooo anders...

In der Practica scheint meine derzeitige Glückssträhne unbezwingbar: Seit Wochen versucht mein Maestro, mir einen bestimmten Ocho-Ausgang beizubringen, und heute klappt es plötzlich, noch dazu mit einer Frau, mit der ich bisher noch nie getanzt habe. Unterdrücke mit Mühe einen Heiratsantrag.

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Berlin-Nachlese

Samstag, 17. Mai 2008

Hals- und Kopfschmerzen, ein Wetter ähnlich wie in The Two Towers, als die Horden bei strömendem Regen versuchen, Helm's Deep einzunehmen, somit ein idealer Samstag Nachmittag für retrospektive Gedanken um Festivals. Was mir am Ostertango in Basel wie auch am Festival in Berlin aufgefallen ist: Argentinische Lehrer bewegen sich ausschliesslich im eigenen Dunstkreis der Gurus und vielleicht noch der Veranstalter, eine normalsterbliche Festivalteilnehmerin zum Tanzen aufzufordern scheint undenkbar. Und die weiblichen Anhängsel mitsamt den am Mischpult herumhängenden Groupies verhalten sich peinlicher als so manche 16-jährige Schweizerin.

Nun könnte man argumentieren, die Gastlehrer seien für die Workshops und die Shows bezahlt, nicht aber dafür, dass sie sich abends auch noch unter die Gäste mischen. Das mag sein. Aber hören wir nicht immer aus Buenos Aires, dass eine Milonga ein gesellschaftlicher Anlass ist, dass die Feier genauso wichtig wie das Tanzen ist, dass alle dazugehören? Dass dort Ausländer mit ehrgeizigen Tanzambitionen und Rempelverhalten den Tanzfluss stören und viele Einheimische Milongueros den Touristenstrom daher inzwischen ziemlich zwiespältig beurteilen? Nun, warum vermitteln denn die Porteños im Rest der Welt nicht die Freundschaftskultur des gemeinschaftlichen Tanzens, sondern unterrichten an den Workshops in erster Linie Elemente aus dem Bühnentango? Die weltreisenden Tangomissionare werden doch nicht alles böse Buben sein, die zuhause in der lokalen Szene überall Hausverbot haben, oder? Wie auch immer: Für mich bleibt da ein grosser Widerspruch, und früher oder später werde ich nach Buenos Aires reisen, um es vielleicht herauszufinden. Und um nebenbei noch zu tanzen.

Das Leute an einem bunt gemischten Festival etwas lockerer drauf sind als zuhause, das liegt irgendwie in der Natur der Sache. Dennoch grübelte ich darüber nach, wann ein Raum eigentlich "cabeceo-friendly" ist. Mein derzeitiges Fazit: Nur ein Eingang zum eigentlichen Tanzsaal, idealerweise gleich dort auch eine Bar -- so stehen dort auch Frauen, die nichts trinken wollen, ohne sich ausgestellt zu fühlen, der Rest kommt dann automatisch (Positivbeispiel Hauptsaal am Basler Ostertango, Negativbeispiel Berliner Admiralspalast). Natürlich stehen nicht alle tanzfreudigen Leute immer rum. Sitztechnisch erscheinen mir Stühle eher schlecht, viel besser sind Bänke oder Lümmelwiesen, wo nach jedem Tanz ein bisschen Improvisationsfreude und Kommunikationsfähigkeit gefragt sind (Positivbeispiel Basler Les Garecons und Berliner Radialsystem, Negativbeispiel Basler Totentanz). Und ein bisschen Beleuchtung ausserhalb der Tanzfläche darf auch sein, damit man überhaupt sieht, dass da Menschen sitzen. Letztlich hängt es aber immer an den Tänzern selbst: Für einen Tango braucht es eben zwei, Raum hin oder her.

In Berlin beeindruckte mich ein Berliner Tango-Stadtplan, der Touris den Weg zur nächsten Milonga erleichtern soll. Es gibt allerdings zwei Versionen mit unterschiedlichen Inserenten und daher auch mit anderen "Hier ist eine coole Milonga!"-Punkten auf der Karte. Wer bisher immer dachte, dass sich nur die Basler Tangoschulen gegenseitig die Planung durchkreuzen: Das können die in Berlin genausogut. Aber die Idee ist eigentlich genial: Einen Stadtplan drucken, auf dem die regelmässigen Basler Milongas drauf sind, beim Touristinfo auflegen, dann hängen vielleicht ein paar Touristen weniger abends gelangweilt im Hotel herum, nur weil ihnen nicht bewusst ist, dass bloss fünf Tramstationen entfernt eine schöne Milonga läuft. Immerhin haben wir nicht nur die Euro08, sondern auch zwei grosse Weltmessen. Aber ganz so naiv bin ich nun auch nicht, zu glauben, dass unsere beiden grossen Schulen jetzt gemeinsam einen Tangostadtplan promoten, bloss weil ich das cool fände...

Geht das Leben weiter? Ja, nach dem Festival ist vor dem Festival: Ein weiterer Höhepunkt ist das Tangoschiff nächsten Samstag auf dem Zürisee, zwei Wochen später startet das Tangofestival in München. Und der Sommer fängt ja erst an...

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Oben oder unten eng?

Mittwoch, 21. Mai 2008

Die Vorurteile und Klischees von "tanzfernen" Leuten über die Tanzszene wären ja eigentlich schon schlimm genug. Aber auch Salseras und Tangueras schenken sich manchmal gegenseitig nicht viel. Es gibt Frauen, die hauteng Bachata tanzen, aber beim Stichwort "Tango" erstaunt fragen, wie man mit dieser Nähe umgehe. Und mehrere Tangopartnerinnen aus der Estilo Milonguero-Abteilung haben sich am Kopf gekratzt, als sie einer Bachata zugesehen haben. Kommentar: "Das würde ich mich nicht getrauen". Natürlich ist eine Bachata ein plumper Tanz (allerdings noch lange nicht so plump wie die schnelle Milonga-Variante, nämlich der Merengue), aber man kann sie auch ganz fein tanzen, ganz klein, ohne grosse Figuren, dann wirkt sie auch nicht mehr plump. Als Basis bleibt die Führung mit der Hüfte, während beim Tango die Führung über den Oberkörper läuft. Bachata und Tango haben eigentlich eine schöne Gemeinsamkeit: Kein Mann kommt in die Versuchung, wild mit den Armen rumzurühren.

Die Diskussion erinnert mich an die Zeiten, als Nena und Alphaville noch die Hitparaden anführten: Wir Buben stritten in den Schullagern darüber, ob ein Kuss oder eine Umarmung intimer sei, und selbstverständlich hatten wir alle gaaanz viel praktisch Erfahrung. Heute kenne ich die richtige Antwort natürlich: Es kommt halt immer drauf an.

Allerdings war ich neulich selbst etwas baff, als eine Dame nach einer Bachata meinte, ich hätte es irgendwie geschafft, während des Tanzens ihren BH zu öffnen. "Lernt Ihr das etwa beim Tango?", fragte sie mit leicht ironischer Strenge, während sie an ihrem Rücken herumnestelte. Jepp, die Tandas sind so kurz, da darf man keine Zeit verlieren. Scheiss Klischees...

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Ochos auf hoher See

Samstag, 24. Mai 2008

Na gut, hohe See mag für den "Zürisee" etwas übertrieben sein. Es waren nicht mal hohe Wellen. Dennoch wurde mir klar, dass man die berühmten Ochos nicht nur nach vorne und hinten, sondern auch nach oben und unten tanzen kann. Wir multitasking-fähigen Männer sind es ja gewohnt, dass wir auf die Partnerin, den Tanzfluss, die Musik und speziell die Geigen (ja, auch wenn keine da sind...) achten müssen, auf einem Schiff gehört auch die Vorhersage dazu, ob es vor dem nächsten Wellental noch für eine halbe Molinette reicht. Manchmal ist auch nur das Schiff schräg: Per Rückwärtsocho die Frau nach oben schieben, mit einer Barrida gemeinsam runterpurzeln. Mitsamt dem obligaten "AAAH, NICHT ZIEHEN!". Gravitation halt.

Wir räumten ein paar Stühle weg, damit wir auf dem äusseren Vordeck tanzen konnten, doch der feuchte Holzboden wurde irgendwie doch bald zu rutschig, ausserdem klangen die Aussenlautsprecher etwas gar nach nordkoreanischem Radio (Plärr...kläng...pläng). Dass der Tanzraum innen kaum ausreichte, lag nicht nur an einem für Milongas denkbar ungeeigneten Schiff, sondern auch daran, dass der Dompteur beim Crashkurs für Anfänger nichts davon gesagt hatte, dass es an einer Milonga so etwas wie einen Tanzfluss gegen den Uhrzeigersinn gibt. Dafür hatte er etwas von einer Cortina gesagt und erklärt, dass man darauf nicht tanze. Was der Sinn einer Cortina ist, wurde allerdings nicht erklärt. Vermutlich war das der Grund, weshalb dann eh keine Cortinas gespielt wurden. Dafür quasselte der DJ seine Verabschiedungsformeln mitten in einen Vals hinein: Die Errungenschaften der Privatradios erreichen nun endlich auch die Milongas. Sonst noch was zu lästern? Ja, die Getränkepreise: Sfr. 5.90 für 5cl aus Graubünden herangekarrtes Mineralwasser stand auf der Karte, mit dem Hinweis, auf einigen Schiffen koste es 6.40, am Buffet waren es dann 7 Franken. Der Getränkegutschein lautete natürlich auf 5 Franken. Ein Schelm, wer dahinter ein Monopolunternehmen vermutet.

Genug gelästert. Schön wars dennoch, auch weil ich in netter Begleitung auf dem Schiff war sowie mehrere Freunde aus Bergün wiedergetroffen habe. Und sogar von zwei argentinischen Gurus erkannt und begrüsst wurde: Gery Gluzman und Fernando Lores unterrichten nicht nur gut, sondern unterhalten sich auch mit Normalsterblichen. Ich glaub, ich muss meine Vorurteile gegenüber Porteños revidieren...

Fazit: Ich mag Schiffe, den Fahrtwind, ein freies Gefühl beim Tanzen, den Sonnenuntergang und das alles vermischt mit netten Leuten. Mit einem passenden Schiff, guter Live-Musik und vor allem mehr als zwei Stunden Fahrzeit wäre so ein Tango-Schiff eine wunderschöne Sache. Sponsor gesucht...

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Milonguero-Show und ein Cabeceo-Rekord

Sonntag, 25. Mai 2008

Gery und Fernando waren heute in der Milonga im Tanzpalast als Showact angekündigt, und ich war natürlich gespannt: Werden die Milonguero-Spezialisten um der Show willen plötzlich grosse und raumgreifende Figuren tanzen? Glücklicherweise nicht, sie zeigten, wie man ganz subtil und fein winzige Figürchen tanzen kann, ohne fliegende Beine oder wildes Hin- und Herwackeln. Unspektakulär, aber mir gefällt der Stil. Ausserdem glückte mir heute im Tanzpalast doch tatsächlich ein Cabeceo über mindestens zwölf Meter Entfernung. Das ist neuer Rekord. Hiermit erkläre ich den Tangodreikampf zur olympischen Disziplin: Cabeceo-Weitwurf, Kerzenständer umtanzen und Körbe sammeln. Dazu bräuchten wir allerdings noch vergleichbare Disziplinen für die Frauen...

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Zürcher Flashmob-Erfahrungen im Globus

Dienstag, 27. Mai 2008

Für Zürcher mag dies alles schon kalter Kaffee sein, aber da ich vor ein paar Wochen über brave Flashmobs gelästert habe, hier ein schönes Beispiel aus Zürich: Im April gab es eine Ankündigung, an einem Samstag Nachmittag überraschend in der Globus-Damenkonfektion aufzutauchen und zu Ghettoblaster-Beteiligung zu tanzen. Globus hatte nämlich Wochen zuvor mit grossen Plakaten auf "Buenos Aires Tage" hingewiesen. War natürlich ein blosser Fake, die Aktion beschränkte sich auf einige wenige Damenutensilien und ganze zwei Herren-T-Shirts.

Wie mir nun am Wochenende berichtet wurde, fand die Flashmob-Aktion statt: Die Verkäuferinnen seien erst derart überrascht gewesen, dass sie wohl gedacht haben, die Tanzerei sei von der eigenen Marketing-Abteilung organisiert. Irgendwann ist aber wohl dem Filialleiter hinter der Überwachungskamera klargeworden, dass hier was Wildes und Ungenehmigtes abläuft. Quizfrage: Nutzte er die Chance und gab den Tänzern einen Getränkegutschein fürs hauseigene Restaurant, steckte die Geschichte den Lokalmedien und flüsterte den Tangoleuten zu, doch bitte nächsten Samstag nochmals zu kommen? Schoss er ein Foto von der Aktion und hängte am nächsten Tag ein grosses Plakat mit dem Titel "Selbst die Tangotänzer reisen nicht mehr nach Buenos Aires, sondern sie tanzen im Globus Löwenplatz!" auf? Nein, natürlich nicht: Die Sicherheitsleute machten den Tänzern klar, dass sie gefälligst ihr Zeug packen und verschwinden sollten.

Nachträglich betrachtet waren die Milongueras und Milongueros aber eh in der falschen Abteilung: Wenn doch überall angeblich ein grosser Männermangel besteht und daher männliche Wesen für den Tango gewonnen werden sollen, warum zum Teufel tanzten die mutigen Botschafter dann zwischen den Ständern für Damenunterwäsche herum?

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Balboa und der weibliche Tangodreikampf

Donnerstag, 29. Mai 2008

Eigentlich ist die wöchentliche Lindyhop-Session eine totale Abwechslung zum Tango: Es wird gehüpft, gekickt, meistens auf acht und gelegentlich bis sechs gezählt, die Musik ist auf Swing beschränkt und meistens ziemlich schnell. Gestern haben sich die Welten etwas vermischt: Meine erste Balboa-Session, ein Tanz mit kleinen Vor- und Rückschritten (und Drehungen) zu schneller Musik. Geführt wird dabei allerdings über den Oberkörper, was faktisch eine Milonguero-Haltung bedeutet. Lustige Sache. Und bei der nächsten superschnellen Milonga werd ich mich zusammenreissen müssen. Balboa fällt zwar nicht so auf wie Merengue, aber man läuft dabei rückwärts...

Am vergangenen Sonntag sprach ich vom olympischen Tangodreikampf der Männer (Cabeceo-Weitwurf, Kerzenständer umtanzen und Körbe sammeln). Nun kamen per Mail auch Vorschläge für die Frauendisziplinen: Stuhlsymbiose, SMS-Studium und fantasievolles Korbverteilen ("ich hab noch etwas Seitenstechen vom vielen Mineralwasser" oder "ich muss erst das Kerzenwachs aus den halterlosen Nahtstrümpfen rauskriegen"). Tja. Ist das jetzt einfach nur einseitig oder eine Spiegelung der Realität?

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Zürcher Festivalito und der offene Stil

Freitag, 30. Mai 2008

Es sind vielleicht knapp 200 Meter von der Zürcher S-Bahnstation Selnau zur St. Jakobskirche, aber selbstverständlich nutzt Petrus das Zeitfenster exakt für einen Wolkenbruch. Im Kircheneingang gibts den obligaten Tanzschuhständer, 38 Paare für Frauen und fünf für Männer. Doch wir eilen direkt zum Gratis-Chacarerakurs und geniessen mal wieder eine Dreiviertelstunde lang feurige Rhythmen. Jetzt brauche ich nur noch eine regelmässig stattfindende Milonga, wo das Zeug auch gespielt wird...

Die Kirchenbänke sind zum grössten Teil abmontiert, daher steht eine relativ grosse Tanzfläche mit einem guten und erstaunlicherweise überhaupt nicht rutschigen Boden zur Verfügung. Zu Beginn um 22 Uhr ist die Tanzfläche noch leer, und nach ein paar Liedern wagen wir den Anfang, bald füllt sich die Kirche kräftig. Deutlicher Frauenüberschuss, der weiteste Cabeceo geht aber nur über knapp sechs Meter (Das dürfte für die Qualifikation für Peking wohl nicht reichen). Als Cortina spielt der DJ "Bang Bang" von Nancy Sinatra, was mich zwischen den Tänzen bei zwei Damen in Diskussionen über die Musikwahl von Quentin Tarantino verwickelt. Die Tandas dauern übrigens geschätzt so sechs bis acht Lieder, was mir ziemlich entgegenkommt. Die üblichen drei Lieder sind mir immer viel zu kurz, um mit einer Tänzerin so richtig warm zu werden. Einmal greift gar ein Organist in die Tasten und bringt die Kirchenorgel zum Pfeifen, doch bis die Tänzer den Schock überwunden haben und wieder in der Umarmung versinken, ist das Orgelspiel bereits beendet.

Internationale Gäste scheint das Festivalito nicht sonderlich anzuziehen. Abgesehen von einer im Aargau wohnhaften Walliserin tanze ich nur mit Zürcherinnen, ich regiere daher auf ein "Bisch Du us Basel?" nur noch mit grossen Augen und einem scheinheiligen "Hört me das?". Immerhin, sie tanzen trotzdem mit mir, und spätestens beim zweiten Lied versinken sie in die Milonguero-Haltung. Eine Dame führt mich nach ein paar Tänzen gar in die faszinierenden Dimensionen des offenen Stils ein, erstaunlicherweise versteht sie meine Führung auch dann, wenn ich meine Arme wirklich nur als Oberkörper-Verlängerung verwende. Allerdings fühle ich kaum, wo sie das Gewicht hat und wie stark sie beispielsweise in einen Ocho eindreht, weshalb meine Vorliebe für den Milonguero-Stil wohl weiter bestehen bleibt...

Musste leider aus logistischen Gründen um halb eins wieder aufbrechen, was wirklich schade war. Durfte als Basler einer Zürcherin und einer Schaffhauserin kurz vor ein Uhr nachts noch erklären, wie sie am Touchscreen-Automaten der SBB einen ZVV-Nachtzuschlag lösen können. Wird Zeit für die zuschlagfreien Euro08-Wochen. Apropos Euro08: Innerhalb der Nordwestschweiz wie auch Zürich kann man sich rund um die Uhr bewegen, doch von Zürich nach Basel kommt man nach ein Uhr nachts dennoch nicht mehr nach Hause. Scheiss Fussball, erlaubt mir nichtmal ausgedehntere Silbando-Besuche im Juni. Im Zug weder eine Salsera noch eine Tanguera als Begleiterin, was mich etwas beunruhigte. Noch eine Woche bis zum Tangofestival in München. Warum kann man bei der Deutschen Bahn keine zusätzlichen Sitzplatzwünsche wie "Tanguero-Abteil" angeben?

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Rueda im Wenkenpark

Sonntag, 1. Juni 2008

An barfüssiges Tanzen im feuchten Gras hatte ich eigentlich nicht gedacht, als ich mich am Mittag zum Riehener Wenkenhof aufmachte: Brunch und Salsa war angekündigt, und in der Tat spielte die Band Lymón y menta schönen Son, ein paar feine Salsastücke, etwas chachacha und leider keine Bachata. Weil eine Horde verrückter Salsa Cubana-Tänzer unbedingt eine Rueda wollte, haben wir der Band ein wenig die Show gestohlen: Vier Paare tanzen im Kreis und starten auf Zuruf hin mehr oder weniger synchron dieselbe Figur, alles ziemlich zackig und mit permanentem Partnerwechsel. Nur eben, barfuss auf unebenem Rasen sind schnelle Schritte und Punktdrehungen so eine Sache. Aber wir haben uns ganz gut geschlagen. Ach ja, und bei Rueda gibts immer Frauenüberschuss. Immer. Sogar in Riehen. Nach dem Tanzen waren die Afterhours äusserst entspannend. Gibt es an einem Sommertag etwas gemütlicheres, als gemeinsam Melonen zu vertilgen und Salsatänzer mit Tango zu missionieren?

Der Wenkenhof-Park und die Umgebung würden sich fantastisch für eine Openair-Milonga eignen. Barfuss im Gras gehen die Ochos vielleicht nicht so flüssig, dafür würden gefährliche Voleos (Am Festivalito traf mich übrigens eine Hufe in Oberschenkelhöhe, glücklicherweise nur sanft) höchstens braungrüne Spuren an den Hosen hinterlassen. Noch schöner wäre natürlich barfuss tanzen am Meer: Sitges findet im Juli statt, bloss sind meine Spanisch-Kenntnisse noch beschränkter als meine Tangotanzkünste. Regensburg hingegen reizt mich irgendwie auch...

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Weibliche Prioritäten

Montag, 2. Juni 2008

Als Tänzer hat man ja irgendwie ein vertrautes Verhältnis zu seinen Tanzpartnerinnen. Man weiss recht genau, wieviele Tanzschuhpaare sie zuhause rumstehen hat, ob sie heimlich Meet Joe Black guckt, kennt ihre Lieblingsschokoladensorte und spürt spätestens nach dem ersten Ocho, wieviele Stunden sie in der Nacht zuvor geschlafen hat.

Manchmal gibt es dennoch Überraschungen. Heute offenbarte mir ein solcher Engel in Tanzschuhen, dass unsere nächsten Mambo-Trainings wohl flachfallen. Nicht, weil sie in den Ferien wäre, ihre Mutter einen runden Geburtstag feiert oder Brad Pitt auf Besuch käme, nein, der unfassbare Grund offenbarte sich mir erst, als ich neugierig nachfragte und sie die Antwort derart leise flüsterte, dass ich mein Ohr direkt vor ihrem Mund plazieren musste: "Es ist Euro08, und ich bin Fussballfan...". Fernsehen statt Tanzen, puh. Und dann noch Fussball. Demnächst achten die Milongaveranstalter vermutlich sogar noch darauf, dass sie nicht das Musikantenstadl konkurrenzieren. Wenn ich mal eine Anfrage als Aushilfe erhalte und absagen will, kenne ich jetzt immerhin eine coole Ausrede: "Tut mir leid, aber heute kommt die Indiana Jones-Trilogie im Fernsehen". Aber ernsthaft: Gibts jetzt bis Ende Juni an jeder Milonga den völligen Männerüberschuss, weil alle Frauen zuhause vor der Flimmerkiste sitzen und ihrem Team zujubeln?

Apropos Indiana Jones: Nach fast zwanzig Jahren läuft ja derzeit sein neuestes Abenteuer, und weil ich nebst etwas anspruchsvolleren Studiofilmen gelegentlich auch unterhaltsame Actionkracher mag, suchte ich nach Begleitung für einen Popcorn-Kinoabend. Die echten Freaks hatten natürlich schon alle ihre Karten, da begegnete mir eine Tanguera, von der ich wusste, dass sie cineastisch schon eher intellektuelle Kost bevorzugt. "Da gibt es einen Film, der von einem Archäologen und seiner sehr schwierigen Beziehung zu seinem Sohn zur Zeit des kalten Krieges handelt", versuchte ich mein Glück. Dummerweise kennen mich manche Tanzpartnerinnen auch ganz gut, und sie durchschaute mich ziemlich schnell. Tröstlich: Wir gingen dafür ins Theater und genossen dort neun Frauen, die sich lustvoll durch sämtliche Sekretärinnen-Klischees sangen. Zugegeben, da kann der alte Harrison Ford nicht mithalten...

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Erwartungen in der Partnerbörse

Dienstag, 3. Juni 2008

Partnersuchinserate sind ja immer ziemlich unterhaltsam. Dasselbe gilt für Tanzpartnerbörsen, so mancher grast die Seiten aus Neugierde fast täglich ab. Besonders erstaunlich finde ich diejenigen Inserate, wo zwei simple Sätze schon extrem viel über den Inserenten verraten:

Ich suche Partnerin, die sich für eine bestimmte Zeit verpflichten kann. Also wenn wir entscheiden 10 Mal am Montag zu tanzen erwarte ich, dass man es durchhält, sonst nichts.

Nun, vermutlich erlebt das jeder, dass eine bestimmte Tanzpartnerin nach ein paar Anläufen plötzlich keine Lust mehr aufs Tanzen (oder aufs Tanzen mit mir) hat. Aber ob eine so formulierte Anzeige dabei hilft, jemanden zu finden? Niemand wird sich für ein intensives Training binden wollen, bevor er oder sie nicht wenigstens ein paar Mal probegetanzt hat...

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Aushilfe in der Mittelstufe

Donnerstag, 5. Juni 2008

Während das Wort "Mittelschicht" fast schon ein Schimpfwort ist, ist im Tango die "Mittelstufe" der Ort, wo alles reinpasst, was nicht mehr so richtig Anfänger und auch noch nicht Fortgeschritten ist. Gestern hatte ich mal Gelegenheit, in einem Mittelstufenkurs auszuhelfen -- und war natürlich gespannt, ob ich tänzerisch einigermassen mithalten kann. Thema waren Sacadas, entsprechend viele Übungen mit Achsenwechsel. Für mich war es eine gute Übung, und ich hab sogar eine neue Variante entdeckt, die ich bisher gar nie so getanzt hatte. Dennoch war zwei Paaren die Frustration deutlich anzumerken, weil sie die Übungen nicht verstanden hatten. Ich selbst schiesse ja gern auf didaktisch zweifelhafte Lehrer, in diesem Fall allerdings hatte ich eher den Eindruck, dass "Mittelstufe" bei einigen Tanzschülern ein extrem dehnbarer Begriff ist.

Didaktisch rätsle ich dennoch schon seit langem darüber nach, warum in Tangoschulen generell nach dem Motto "vorzeigen, nachmachen, korrigieren" unterrichtet wird. Beim Salsa werden neue Bewegungsabläufe gemeinsam erarbeitet, indem das Lehrerpaar die Figuren nicht nur vortanzt, sondern die Gruppe gleichzeitig die Bewegungen mitmacht. So kann der Lehrer sofort grob korrigieren, und für alle Führenden ist zumindest der grobe Ablauf mal klar. In der Tangowoche in Bergün wurde es mir selbst bei einer sehr langen Sequenz mal zu bunt, weil sich offenbar niemand den Ablauf merken konnte, und ich habe ein Lehrerpaar vor der ganzen Gruppe faktisch genötigt, einen solchen "walk-thru" zu machen. Erst maulten sie ein wenig rum, aber als sie hinterher merkten, dass nicht mehr jedes zweite Schülerpaar mit Fragen ala "Was kam noch gleich nach dem Seitenschritt?" kam, da haben sie vielleicht was gelernt. Die meisten Leute können sich eben nicht einfach rein visuell eine Sequenz merken, und das hat mit "Anfänger" oder "Fortgeschritten" übrigens überhaupt nichts zu tun. Und weil ich von mehreren Männern schon genau diese "Zeigt huschhusch ein paar Sequenzen vor"-Kritik auch über Grössen wie Gustavo Naveira und Mariano Chicho Frumboli gehört habe (und das Problem bei DNI-Leuten selbst schon erlebt habe), bin ich inzwischen extrem Guruskeptisch. Wenn ich mal Guru bin (geschätzt so ab 2017) mach ich das anders. Versprochen.

Und wenn ich gerade beim Vergleich mit Salsaschulen bin: Dort gibt es meist online eine Liste mit Telefonnummern und Mailadressen von Aushilfen, wenn mal der eigene Tanzpartner in den Ferien weilt, Claire Forlani bei ihm zu Besuch ist oder im Fernsehen Fussball läuft. Wie ich aus eigener zweijähriger Salsaerfahrung weiss funktioniert das sehr gut, und ich werde wohl nie verstehen, warum keine Basler Tangoschule auch nur ansatzweise etwas Vergleichbares hinkriegt. Immerhin kenne ich mehrere Frauen, die händeringend einen Partner für Fortsetzungs- oder Mittelstufenkurse suchen. Zuwenig Konkurrenz zwischen den Schulen?

Noch einen Tag bis München. Erst jetzt wird mir klar, dass ich die Euro08-Eröffnung damit hochelegant umfahre. Wie wird in Bayern Tango getanzt, und kennt frau dort das Cabeceo? Gibt es Männerüberschuss, Kerzenständer oder gar Rempeltänzer? Wer wird im ICE neben mir sitzen? Finde ich dort schicke Männertanzschuhe? Fragen über Fragen...

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München, Tag eins: Rutschige Shows und japanische Opernpläne

Freitag, 6. Juni 2008

Abendmilonga in der Tanzschule DT.01 im Erdgeschoss eines Parkings: Genauso sieht der Raum auch aus, wobei der Platz gut ausgenutzt wurde. In den verwinkelten Ecken Garderobe und Bar, dazu eine nagelneue und ziemlich rutschige Tanzfläche in Handtuchform. Kaum habe ich meine Tanzschuhe angezogen und die Szene ein bisschen beobachtet, kommt von links auch schon ein Cabeceo angeflogen, wir tanzen einige wunderschöne Tandas. Für die Cortinas sorgt übrigens DJ-Urgestein Felix Picherna selbst, seine Ankündigungen auf spanisch verstehe ich allerdings nur teilweise. Seine Musikauswahl finde ich schön, seine Kommentare machen gute Stimmung, und gelegentlich ruft er bei Problemen im Tanzfluss gar mitten im Lied laut "atención!". Sein Gehör scheint allerdings ein wenig angekratzt zu sein, denn die Lautstärke ist deutlich zu hoch. Das bleibt auch beim Live-Konzert von Quarteto Kilombo (Flügel, Bass, Bandoneon und Geige) so, deren Musik mir allerdings sehr gefällt, sie spielen auch viele rhythmisch abwechslungsreiche und sehr feine Stücke. Nach einem besonders gefühlvollen und sehr langsam gespielten Stück verabschiedet sich allerdings eine Tanzpartnerin mit den Worten: "Das ist mir jetzt zu ernst". Nun, die Geschmäcker sind verschieden. Übrigens ist das Männer-/Frauenverhältnis an diesem Abend ziemlich ausgeglichen. Im Unterschied zu Berlin stelle ich befriedigt fest, dass die Frauen somit nicht nur aus purer Verzweiflung mit mir tanzen.

Kurze Showtänze der Lehrer: José Vasquez y Martha Giorgi tanzen so schnelles Zeugs, dass er sie mit der linken Hand brutal rumreissen muss, sie rutscht auch zweimal aus. Ehrlich gesagt atme ich auf, als das Lied zu Ende ist. Ricky Barrios y Laura Melo fangen mit einem sehr schönen Milonguero-Stil an, um dann allerdings plötzlich derart viele Lufthaken zu schlagen, dass mir alleine vom Zusehen beinahe schlecht wird. Als letztes Paar stellen sich Mariana Flores y Eduardo Cappussi vor, ihre Show im wilden Canyengue-Stil ist witzig (und Mariana im schwarz-gelben Bienenkostüm sowieso schon ein Hingucker), die Balance von Eduardo lässt mich ziemlich neidisch werden.

Die Abendmoderatorin ruft Männer auf, sich für die Workshops anzumelden. Ähm, ja, ich kenne die Lehrer und deren didaktische Qualitäten nunmal überhaupt nicht, abgesehen davon verleihe ich hiermit für Sätze wie "Choreograpie-Sequenzen" oder "vollständige Sequenzen mit geschlossener Umarmung" den Preis für die hanebüchensten Workshopbeschreibungen, die ich je gelesen habe. Eigentlich wollte ich noch Tanzschuhe kaufen. In einem Raum sind nebst schicken Damenkleidern und den dazu passenden Schuhen auch ein paar...."Trainingsschuhe" für Männer erhältlich, einer davon in rosa. Keine Preisschilder.

Kurz vor drei Uhr gehe ich ziemlich erschöpft nach Hause, getanzt habe ich etwa mit sieben verschiedenen Frauen, mit zwei davon mehrere äusserst schöne und intensive Tandas, ein tolles Bauchgefühl bleibt. Meine Unterkunft im CVJM-Heim liegt nur zwei Minuten zu Fuss entfernt, ohne Schirm und Jacke husche ich bei strömendem Regen an zahlreichen Rotlicht-Lokalen vorbei. "Bei uns erleben Sie was!", steht da irgendwo gross und fett. Wenn die wüssten. Irgendwie schön, dass der Tango dem Rotlicht-Milieu entwachsen ist...

Mein Zimmernachbar im CVJM-Heim ist übrigens aus Japan und findet es merkwürdig, dass ich bloss zum Tangotanzen aus der Schweiz anreise. Seine Geschichte ist allerdings noch freakiger: Drei Wochen tourt er via Berlin, Prag, Wien und München quer durch Europa und besucht in dieser Zeit 17 verschiedene Opernvorführungen. Die Abendvorstellung am Freitag in München sei zwar ausverkauft, aber er geht hin und hofft, vor dem Eingang jemandem noch ein Stehplatzticket für zehn Euro abzukaufen. "I know Piazzolla", meint er zum Thema Tango, und ich bestätige, dass solcherlei Musik an Milongas läuft. "You can dance to Piazzolla?", fragt er erstaunt. "More or less", antworte ich grinsend...

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München, Tag zwei: Aufklärungsarbeit beim Veranstalter und der späte Erfolg

Samstag, 7. Juni 2008

Woran erkennt man ein christlich geführtes Hostel? Es gibt nur bis 9.30 Uhr Frühstück. Mein japanischer Zimmerkumpel berichtet mir begeistert, wie er am Vorabend noch ein Opernticket für zehn Euro ergattern konnte und satte drei Stunden lang stehend zugehört hat: Das sei der Höhepunkt seiner dreiwöchigen Opernreise gewesen. Gegen Mittag starte ich ins Deutsche Museum, doch plötzlich bessert sich das Wetter gewaltig, so geniesse ich ein bisschen die Münchner Innenstadt. Kurz vor meinem Nachmittagsnickerchen stehen auf einmal zwei junge Damen in meinem Zimmer und beziehen das Bett meines inzwischen abgereisten Japaners neu. "In der Hausordnung steht aber, im Zimmer sei kein Damenbesuch erlaubt", frotzle ich ein bisschen. "Wir sind keine Damen, wir sind Putzpersonal", antworten die Nichtdamen keck. Grüble später darüber nach, ob ich für gewisse Frauen auch bloss ein Tanzsportgerät bin...

Abendmilonga im schönen und grossen Kolping-Saal: Praktisch alle Tische sind reserviert, auf der Saalseite stehen ganze zwölf Stühle, die allerdings wie Liegestühle in Mallorca mit Klimbim besetzt sind. Wohlbemerkt: Der Saal ist praktisch leer, es sind etwa drei Paare am Tanzen. Oben auf der Galerie hat es noch einige freie Plätze, aber eigentlich hatte ich ja vor zu tanzen. Treffe im Eingang den Veranstalter höchstpersönlich und frage freundlich nach dem Sinn der Sitzordnung. "Das ist ein Service für Leute, die als Gruppe kommen", meint er. Diese Leute würden aber alle tanzen, denn schliesslich kämen sie ja an ein Tangofestival. Die seien höchstens scheu, ich solle die halt auffordern. "So richtig Cabeceo-friendly ist das aber nicht", murmle ich. "Was-friendly?", fragt er zurück. "Cabeceo". "Cabeceo? Was ist das?", fragt er erstaunt.

Manchmal hat man das Gefühl, die Welt stehe für eine Sekunde still. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich am Samstag Abend ein paar Tausend Kilometer entfernt Carlos Gardel in seinem Grab umgedreht hat: Da erklärt Klein-Patrick aus der Provinz dem Veranstalter des Internationalen Tangofestivals in München, was ein Cabeceo ist: "Mann guckt, Frau guckt zurück, dann tanzt man". "Ach so. Naja, wir könnten noch ein paar Stühle reinstellen", schlägt er vor. "Das wäre fein", antworte ich sanft und gehe wieder in den Saal. Setze mich provisorisch auf einen belegten Stuhl und werde prompt von der leicht hypernervösen Abendmoderatorin darauf hingewiesen, dass ich ihn dann freigeben müsse, weil noch wichtige Leute kämen. "Das ist eben ein Festival mit Shows, hier kommen auch Leute, die nur zuschauen wollen, die brauchen einen festen Sitzplatz", erklärt sie mir in Arabella Kiesbauer-Tonlage. Zwischen neun und zehn Uhr betrachte ich somit die Eingangstür: Leute kommen rein, bewundern irritiert die reservierten Tische und Stühle, etwa die Hälfte geht wieder raus (vermutlich nach dem Motto "Hier ist noch nichts los, gehen wir erstmal was trinken"), die andere Hälfte verzieht sich auf die Galerie. Eigentlich hat es Frauenüberschuss, aber zumindest wenn ich in die Nähe komme gucken die Frauen alle intensiv eine Wand oder Säule an...

Zwei Cabeceos entpuppen sich als Missverständnisse, und die beiden Serviceangestellten sind sichtlich erstaunt, dass ich sie so deutlich angucke und in dem Moment, wo sie vor mir stehen, dann doch nichts trinken möchte. Zugegeben, es hob meine Laune wieder ein bisschen. Später endlich die ersten Tänze, leider tanzen meine ersten drei Tanzpartnerinnen alle relativ offen, dennoch geniesse ich die Band "Fervor de Buenos Aires": Vier Geigen, drei Bandoneons und ein Sänger machen gute Stimmung, spielen tanzbare Musik und sogar eine Candombe meistere ich mit Milongaschritten einigermassen. Ich fordere danach eine blutjunge Russin auf, die zwar mit ihrem ganzen Gewicht in mir hängt, aber das ist mir in diesem Moment egal: Endlich Milonguero-Stil, wir düsen übers Parkett, selbst meine willkürlichsten Schrittverdoppelungen bei einer mittelschnellen Milonga macht sie locker mit. Später gelingt mir gar zum ersten Mal eine völlig saubere Volgada, ihr Spielbein fliegt genau dahin, wo es soll, sie quittiert die Figur mit einem Aufschrei des Entzückens: Mein Abend ist gerettet! Später tanze ich noch mit zwei weiteren Damen im Milonguero-Stil, eine davon ist zweifellos eine extrem fortgeschrittene Tanguera, und ich freue mich, dass sie sich erst nach sieben Tänzen verabschiedet.

Showblock: Eduardo macht ausdrucksstarke Faxen, Mariana gewinnt mit rot-schwarz den Kostümpreis, Ricky und Laura hingegen den Preis für die höchste Zahl an Voleos pro Minute. José y Martha machen zuerst erneut eine Rutschpartie, beim zweiten Lied (eine gemütliche Cumbia) hingegen machen sie eine wirklich gute Figur und geniessen ihre Show auch sichtlich. Eigentlich gäbe es noch Afterhours, doch man soll ja dann aufhören, wenn es am Schönsten ist, so steige ich gegen zwei Uhr ins Bett.

Das übrigens kein einziger Stuhl zusätzlich reingestellt wurde, muss ich nicht betonen, oder? Auch haben weder der Veranstalter noch die Moderatorin auch nur ein winziges Interesse daran gezeigt, woher ich wohl kommen möge (selbst eine Regensburgerin hatte bemerkt, dass ich offensichtlich nicht aus München komme) und wie mir das Festival gefällt. Frage mich auf dem Heimweg, ob eine Mindestignoranz sozusagen Grundvoraussetzung ist, um Festivalveranstalter zu werden...

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München, Tag drei: Eine schöne Nachmittagsmilonga, zuviel Abstand und ein furioses Schlussfeuerwerk

Sonntag, 8. Juni 2008

Schaffe es heute knapp zum Frühstück und spaziere danach dank schönem Wetter ein wenig durch den Englischen Garten: Am Südende steht der Dianatempel, eine kleine offene Kuppel mit Torbögen, Gesamtdurchmesser ungefähr acht Meter. Hier finden gelegentlich Openair-Milongas statt, leider nicht heute: Eine Frau schrummelt auf einem Bass herum, doch keine Tanguera ist in Sichtweite. Nach einem längeren Mittagsschlaf mache ich mich zu einer Nachmittagsmilonga auf, die nur wenige Meter von meiner Unterkunft entfernt liegt. Der Eingang ist versteckt, ich lande erst im falschen Treppenhaus, doch als ich in einem Durchgang vier Damenfahrräder und ein Herrenfahrrad entdecke, spüre ich irgendwie, dass ich nun auf dem richtigen Weg bin.

Ein grosser, lichtdurchfluteter Saal mit schönem Boden erwartet mich, knapp zehn Leute sind da, ich setze mich und beobachte das Treiben ein wenig, doch bevor ich rausfinde, ob hier Cortinas gespielt werden, werde ich bereits aufgefordert: Wir tanzen ein paar wunderschöne Stücke miteinander, und selbst ein paar Versuche im offenen Stil machen Spass, weil mir die Führung plötzlich kinderleicht scheint. Wie schon bei meiner ersten Partnerin am Freitag Abend muss ich auch hier einen Heiratsantrag kräftig unterdrücken. Danach tanze ich noch mit zwei weiteren Frauen, beiden macht es Spass, und es waren ausnahmslos schöne Tänze. Offiziell geht die Milonga bis 18 Uhr, doch erst kurz vor 19 Uhr herrscht Aufbruchsstimmung. Witzigerweise war auch am Festival in Berlin die Nachmittagsmilonga einer der Höhepunkte, eigentlich schade, dass die Festivalorganisatoren sowas nicht ins Programm einbinden. Immerhin liegt die Adresse keine 200 Meter vom Festival entfernt. Feindliche Schule?

Sonntag Abend ist die Abschlussmilonga wieder im DT.01, gegen halb zehn Uhr herrscht allerdings nicht gerade volles Haus. Nicke einer jungen Frau zu und habe sofort ein seltsames Gefühl: Ohne ein Lächeln geht sie zur Tanzfläche, legt ihre linke Hand auf meinen rechten Oberarm und drückt kräftig dagegen. Wir tanzen, so gut es halt geht, aber mit ihrem Arm hält sie mich auf gefühlte fünf Meter Abstand. Vielleicht ist sie einfach verspannt, denke ich mir erst, doch auch zwischen zwei Liedern herrscht völlige Nullkommunikation: Kein Blick, kein Wort, kein Lächeln. Beim zweiten Stück bleibt ihr eiserner Abstandsgriff bestehen, ich interpretiere ihre Körpersprache als "Mit dem Kerl zu tanzen ist Folter" und beschliesse, sie zu erlösen: Nach dem zweiten Stück bedanke ich mich freundlich, sie guckt etwas irritiert und verlässt dann die Tanzfläche. Erst will ich zu meinem Platz, kehre dann aber um und visiere die Toilette an. Auf dem Weg dahin komme ich nahe an ihr vorbei, sie redet mit einem Mann, beide stehen mit dem Rücken zu mir, im Vorbeigehen schnappe ich von ihm den Satz "Nach nur zwei Tänzen?" auf. Sie beklagt sich also, dass ich sie nach zwei Tänzen habe stehen lassen? Absurde Welt. Nun, hoffentlich findet sie noch einen Mann, der mit einem Eisblock eine Konnektschn aufbauen kann.

Werde danach von einer älteren Portugiesin aufgefordert, und wir flitzen lange gemeinsam übers Parkett: Sie findet, Musikinterpretation sei ihr wichtiger als eine Unzahl von Figuren, und wir haben viel Spass, DJ Gunter spielt nach Mitternacht einige wunderschöne und extrem emotionelle Lieder nahe am Pop-Mainstream, wir tanzen uns fast ein wenig in Extase. Hm, Höhepunkt und nun besser gleich nach Hause? Nein, ich treffe noch eine Tänzerin vom Freitag, und wir drehen noch ein paar wunderschöne Runden. Irgendwie kommen wir aufs Cabeceo zu sprechen. "Die Münchner kennen das gar nicht. Am Freitag hattest Du sofort auf meinen Blick reagiert. Da wusste ich gleich, dass Du nicht von hier bist", sagt sie grinsend. Wir verabschieden uns herzlich, und ich lege mich mit einem verdammt guten Gefühl schlafen. Ich mein, dafür, dass die angeblich alle das Cabeceo gar nicht kennen hats doch recht gut geklappt. Andererseits ist es statistisch gesehen doch eine sehr kleine Minderheit von Frauen, die gerne mit mir tanzt. Ist das bei anderen Männern auch so?

Übrigens habe ich an der Milonga auch Eduardo y Mariana beobachtet: Sie tanzten ganz kleinräumig, dauernd in schöner Milonguero-Tradition ganz aussen am Rand der Tanzfläche, und bei allen Verzierungen behielt Mariana ihre Füsse am Boden. So Milongatauglich habe ich das bisher noch bei fast keinem Lehrerpaar gesehen. ich glaub, bei denen würde ich sogar mal blind einen Workshop buchen.

Was bleibt? Viele intensive Begegnungen, sozusagen trotz der Hürden der Veranstalter, schöne Musik, viele Bilder, keine Kerzenständer und im ICE zweimal keine Tanguera auf dem Nebensitz. Es hat sich gelohnt.

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Die Regeln der Milonga

Donnerstag, 12. Juni 2008

Es gibt kaum ein Forum, in dem nicht regelmässig über Rempeltänzer gelästert wird. Wenn ich allerdings sehe, wieviele Autofahrer nicht in der Lage sind, einen Blinkerhebel zu bedienen, finde ich, dass wir im Tango fast paradiesische Verhältnisse haben. Zumal der Autofahrer durch die Fahrschule eigentlich wissen sollte, wie man rücksichtsvoll fährt. In den Tangoschulen hingegen ist leider selten die Rede davon, wie man auf einer Milonga tanzt. Daher habe ich einen Artikel von Jean-Michel Ledeur übersetzt, der einige hilfreiche Regeln nennt. Es geht hier übrigens nicht um mittelalterliche Verhaltenseinschränkungen im Stil von "Auf eine Cortina darf man keinen Salsa tanzen" oder "Männertanzschuhe müssen schwarz sein". Die Regeln betreffen Dinge, mit denen man anderen Tänzern extrem viel Lust oder eben auch Frust bescheren kann.

Also: Hier die Regeln der Milonga.

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Konkurrenz belebt nicht immer das Geschäft

Samstag, 14. Juni 2008

Der Vollmondtango findet vermutlich aus Spargründen nicht im Volkshaus, sondern im nicht ganz so prächtigen Clarahof statt. Ich gehe daher in den Tanzpalast, wo DJ Mischa und Tiziano zum ersten Mal gemeinsam auflegen: Einige schröckliche und viele schöne Stücke (und nicht so richtig konsequent durchgezogene Cortinas, ich find sowas verwirrend), das Publikum ist gut gemischt und wechselt häufig, ich tanze einige sehr schöne Tandas. Etwa zum vierten Mal in wenigen Tagen finde ich auch am offenen Stil Gefallen, auch wenn es mir noch sehr schwer fällt, genau zu fühlen, wie stark und schnell sich die Frau mitbewegt. Und ihren Herzschlag spüre ich so natürlich auch nicht. Nun ja, man kann nicht alles haben.

Später tanze ich mit einer vom Clarahof geflüchteten Frau, dort habe es kaum Männer gehabt. Tja, ist halt doof, wenn einfach aus Prinzip Pseudo-Konkurrenzveranstaltungen aufgezogen werden. Die guten Tänzer gehen ja bekanntlich dahin, wo die guten Tänzerinnen sind, und die guten Tänzerinnen gehen dahin, wo es die leckersten Salzstangen gibt. Oder so ähnlich. Zu dem Thema gibts bestimmt Computersimulationen. Jedenfalls habe ich soviel getanzt, dass ich gar nicht von den Calezitos gekostet habe...

Auch wenn jetzt manche denken, ich sei komplett durchgedreht: Das Tangofestival in Istanbul im Juli würde mich extrem reizen. Wieviel Nähe zwischen Mann und Frau ist in einer derart zwischen säkularen und religiösen Strömungen zerrissenen Kultur dank Tango möglich, üblich, erlaubt, und wie verhalten sich Frauen in einem Land, in dem der Blickkontakt zu einem fremden Mann als Tabu gilt? Nur: Eigentlich würde ich Istanbul lieber mal bei milderen Temperaturen besuchen, ausserdem sind die Flüge entweder sauteuer oder extrem umständlich. Abflug um zwei Uhr morgens, das bedeutet, dass man sich wegen der notwendigen Zeitreserven (Verkehrschaos) die Abendmilonga gleich schenken kann. Also bleibt der Kerzenständer auf der Tanzfläche: Am kommenden Wochenende erkunde ich das Festival in Tremmelhausen, und morgen Sonntag beginnt Talib ab 18 Uhr ja endlich wieder die wunderschöne Openair-Milonga beim Petersplatz. Ein bisschen Sommergefühl sollte sich da schon einstellen.

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Pech im Regen, Glück im Trockenen und argentinische Feinfühligkeit

Sonntag, 15. Juni 2008

War mir schon klar, dass bei dem kühlen Regenwetter keine Horden am Openair-Anlass beim Petersplatz zu finden sind. Nach rund vierzig Minuten packe ich dennoch ohne einen Tanz meine Tanzschuhe wieder ein, weil die anwesenden Damen ziemlich stark mit sich selbst beschäftigt sind. Eine Tänzerin gar erscheint, schmiegt sich für fünf Tänze an ihren Guru, zieht danach sofort ihre Tanzschuhe aus und düst wieder davon. Zwei andere Männer drehen ebenfalls Däumchen. Schade, gerade bei solchen Temperaturen wäre ein wärmendes Tänzchen nett...

Kurz darauf im Tanzpalast: Full House, ich schaffe es im Verlaufe des Abends nichtmal, mit all jenen Frauen zu tanzen, die ich bereits kenne. Viele schöne Tandas. Hm, darf man das überhaupt sagen, wenn keine Cortinas gespielt werden? Egal. Die Tanzfläche ist voll, einige Spurwechsler sind unterwegs, die Navigation daher schwierig. Einmal krache ich gar gegen ein Serviertablett, glücklicherweise hat dessen Trägerin eine gute Balance. Ich brauch dringend einen Spiegel für den toten Winkel...

Show mit Lucila Cioncci und Rodrigo Corbata, äh, wie lautet die Steigerungsform von grossräumigen Figuren? Jedenfalls ziemlich akrobatisch, dramatisch und wirbelwindig. Nächstes Wochenende geben sie laut Flyer Workshops in "Tango" für die "breite Mittelstufe". Meine Achtung sinkt rapide, als ich später von einer Tanzpartnerin erfahre, dass ein Kerl aus der Gefolgschaft der beiden Lehrer mit einer ziemlich dreisten Methode auf Kundenfang geht: "You need some lessons", sagte er ihr nach wenigen Tanzschritten. Auf ihr erstauntes Gesicht hin folgte der zweite Teil der Botschaft: "I can teach you!". Feinfühlig wie eine Bergrutsch...

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Freundlichere Einladungen und mütterliches Unverständnis

Dienstag, 17. Juni 2008

Im April hatte ich hier darüber gelästert, dass in Freiburg Milongas mit dem Vermerk "geschlossene Gesellschaft" öffentlich angekündigt werden. Die Veranstalter schrieben mir daraufhin, ich sei dennoch willkommen, ich wies sie darauf hin, dass "geschlossene Gesellschaft" ohne weitere Erklärung schon ziemlich abschreckend wirken würde. Morgen ist erneut eine "En tus brazos"-Milonga in Freiburg, und nun klingt es deutlich einladender:

Geschlossene Gesellschaft, Teilnehmeranzahlbegrenzung bei ca. 60 Personen. Anmeldung bis spätestens einen Tag vor der Milonga wird erbeten.

Inzwischen erhielt ich auch mehrere Bemerkungen zum Istanbuler Tangofestival: Das sei spannend, und ich solle es mir auf keinen Fall entgehen lassen. Nun, leider liegt es zeitlich und preislich ganz miserabel, und ich werde nicht hinfahren. Aber im Herbst sollte ein Kurztripp drinliegen, und bis dahin nehme ich auch gerne Milongatipps oder Warnungen entgegen. Habe neulich übrigens den Fehler gemacht, meiner Mutter am Telefon von den Istanbulplänen zu erzählen:

Zum Tango tanzen nach Istanbul, spinnst Du? Gibt es da nichts Näheres?
Äh, doch, Regensburg am kommenden Wochenende.
Pffft. Du kannst doch auch in Basel Tango tanzen.
Ja, aber das ist nicht dasselbe.
Bring mal lieber Deine Tanzpartnerin zum Abendessen vorbei.
(Ein breites Grinsen huschte über meine Lippen) Gern. Welche?

Hab Ihr dann vergeblich versucht, zu erklären, dass es beim Tango das Konzept von einer festen Tanzpartnerin eigentlich so nicht gibt. Der Himmel hängt nun voller Klischees. Dabei sollten da Geigen hängen. Dazu könnte man wenigstens tanzen...

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Tremmelhausen, Tag eins: Blicke in der Scheune

Freitag, 20. Juni 2008

Ein bisschen skeptisch war ich schon, als der Routenplaner für Basel-Regensburg rund vier Stunden Fahrzeit berechnete, dank einigen Staus wurden es schliesslich siebeneinhalb Stunden, bis ich im ziemlich katholischen Wallfahrtsort Mariaort mein Zimmer beziehe. Dafür liegt das Hofgut Tremmelhausen nur knapp fünf Fahrminuten entfernt: Parken auf der Wiese, der Weg zur Scheune ist mit grünen und violetten Halogenstrahlern beleuchtet. Die Milonga in der grossen Scheune läuft bereits: Rund 100 Quadratmeter Tanzfläche aus Spanplatten, einige Sofas, Stehtische und Sitzbänke, die Live-Band bereitet sich auf dem Heuboden (ohne Heu) auf ihren Auftritt vor. Bereits am Eingang begegnet mir ein bekanntes Gesicht, und bis ich herausfinde, von welchem Festival wir uns genau kennen, bin ich bereits mit drei Leuten am rumplaudern. In einer kurzen Begrüssungsrede weisen die Festivalorganisatoren darauf hin, dass es noch freie Workshopplätze gibt. Eigentlich bin ich interessiert, aber da nirgendwo Details hängen und es auch kein schwarzes Brett mit Partnerbörse oder sowas ähnliches gibt vergesse ich das Thema wieder.

Die Stimmung ist unkompliziert, und so lande ich schnurstracks auf der Tanzfläche. Leider sind die ersten Tänze fürchterlich: Ich finde auf dem Boden kaum Halt und rutsche mehrmals beinahe aus. Was meine Tanzpartnerinnen genau denken, weiss ich natürlich nicht, aber ich kann es mir halbwegs zusammenreimen. Durch die lange Autofahrt in einem kleinen Fiat schmerzt auch mein Rücken ziemlich, was nicht gerade hilfreich ist. Immerhin: Würde ich nicht seit letztem November regelmässig Krafttraining betreiben, wären die Schmerzen vermutlich deutlich stärker.

Irgendwann gewöhne ich mich an den Boden und fange an, die Tänze zu geniessen. Zwischendurch spielt die Regensburger Band "La orquesta atipica". Sie spielen gut, doch bei Swing- und Cumbiarhythmen finde ich Tangotanzen immer ziemlich schwierig. Daher geniesse ich einige Stücke als Zuhörer, zumal ich an der Milonga während der Bandpausen praktisch augenblicklich Tanzpartnerinnen finde: Die Frauen sind mutig und suchen Blickkontakte. Hinterher beim Plaudern erklären mir zwar alle, dass Auffordern per Blickkontakt hier in der Gegend keinesfalls funktioniere und die Frauen das angeblich alle nicht kennen...

Allerdings scheint es in der Gegend mindestens eine Tanzschule mit Grundschritt-Didaktik zu geben: Auf der Tanzfläche tummeln sich einige Männer, die grundsätzlich jede Figur mit einem kräftigen Rückwärtsschritt beginnen. Rücksichtslose Rempeltänzer entdecke ich auch recht rasch, aber es sind nur zwei, sie lassen sich recht gut umtanzen. Kippe gegen drei Uhr völlig erschöpft ins Bett und stelle fest, dass meine Matratze ziemlich hart ist. Nicht so schlimm wie eine Isomatte, aber Wasserbett-Feeling kommt keinesfalls auf. Und Frühstück gibt es nur bis zehn Uhr. Uff. Also, Wecker auf 9.20 Uhr gestellt, ohne ausgiebiges Frühstück werde ich am Samstag kaum genug Energien für Nachmittags- und Abendmilongas haben...

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Tremmelhausen, Tag zwei: Regensburg und ein tanzarmer Nachmittag

Samstag, 21. Juni 2008

Mein Rücken schmerzt, geschlafen habe ich nicht viel, zumal auch die nahe gelegene Schnellstrasse ziemlich laut ist, immerhin bessert sich meine Laune, als ich beim Frühstück doch tatsächlich einen Roiboostee erhalte. Auf Tremmelhausen ist erst am Nachmittag Tangocafe angesagt, also unternehme ich einen Ausflug in die wunderschöne Altstadt von Regensburg. Werde prompt von einem Vertreter der Bayern-Partei angesprochen und lasse ihn mal munter eine Minute quasseln, bevor ich andeute, dass ich nicht sonderlich viel Sinnvolles dazu sagen kann, ob Bayern wieder werden sollte wie es noch nie war. Oder so ähnlich. Eigentlich bin ich auch erstaunt, dass man mich nicht sofort als Tourist erkennt. Wer sonst schlendert am Samstag Vormittag ohne Hetze durch die Innenstadt? "Aus Basel? Ach, se san wegm Fussball hier?", meint er erstaunt. "Nein, davor bin ich geflüchtet", antworte ich grinsend. "Hm. Ja. Äh. Also...dann schönen Urlaub noch!". Hinterher fällt mir ein, dass ich hätte fragen können, ob sie nicht eine Forderung im Sinne von "Bayrische Gasthöfe müssen bis 14 Uhr Frühstück anbieten" in ihr Parteiprogramm aufnehmen könnten. Oder "Bayrische Frauen fordern Männer per Blickkontakt zum Tanz auf". Aber irgendwie vermute ich, dass die Politik in Bayern andere Prioritäten setzt...

Langer Mittagsschlaf. Am Nachmittag startet auf Tremmelhausen in einer kleineren, offenen Scheune das Tangocafe: Es spielt "Cuarteto Cortado" mit Cello, Klarinette, Klavier und Gitarre zum Tanz auf. Die Musik ist wunderschön, doch es mangelt an Tänzerinnen: Die meisten Frauen sitzen in Schlappen an den Tischen, lauschen der Musik und futtern Kuchen. Nach einigen Halsverrenkungen gebe ich meine Cabeceo-Dogmatik auf und fordere ganz altmodisch mit einem freundlichen "Möchtest Du tanzen?" auf, und siehe da, es ergeben sich einige schöne Tänze. Erfahre in einem Gespräch, dass gegen bestimmte Tänzer in Regensburg an gewissen Milongas Hausverbote verhängt wurden. Allerdings ging es dabei nicht um rücksichtslose Rempeltänzer, sondern um persönliche Feindschaften, quasi um eine Scheidung der Tangoszene im Grossformat. Gut, die meisten Basler Lehrer sieht man an Konkurrenzmilongas ja auch nie, aber Hausverbote sind bei uns kein Thema. Naja, zumindest noch nicht...

An der Abendmilonga in der grossen Scheune hat es zuerst recht wenig Leute, doch nach 21 Uhr tanze ich fast durchgehend bis kurz vor drei Uhr morgens. Einzig eine Show der Lehrerpaare (Solange Chapperon y Gonzalo Orihuela sowie Eladia Cordoba y Julian Elizari) unterbricht den Tanzfluss: Auf zwei Stühlen persiflieren Solange und Eladia zwei Tangueras, die sich krampfhaft um die Aufmerksamkeit der Männer bemühen. Hm, ist das nun eine doppelbödige Realsatire? Passender wären doch zwei Frauen, die intensives Säulenstudium betreiben, sobald der Mann in die Nähe kommt... Irgendwann haben die zwei Machos ein Einsehen, die Tänze beginnen, meist die üblichen 30 Voleos pro Minute. Wobei Solange und Gonzalo zweitweise auch schön kleinräumig tanzen. Bei aller handwerklicher Perfektion: Irgendwie sind die meisten Showtänze halt doch ziemlich austauschbar.

Erneut erklären mir später mehrere Frauen, dass das Cabeceo in Regensburg nicht funktioniere, doch auf meine Frage, weshalb ich dann dennoch dauernd zu Tänzen komme, wissen sie auch keine gute Antwort. Eine Frau schockiert mich allerdings mit der Ankündigung, sie gehe nun in den Hof und sehe sich das Spiel Holland-Russland an. Seit mich meine Mambo-Partnerin vorübergehend wegen einiger Fussballspiele sitzen gelassen hat, hab ich ein Trauma. Geniesse die Therapie bei einem schönen Vals. Hüpfe gegen drei Uhr wieder in meine harte Matratze. Viele schöne Tänze und einige zauberhafte Momente.

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Tremmelhausen, Tag drei: Badeprobleme, Barfusstanzen und eine Band mit Strumpf

Sonntag, 22. Juni 2008

*trüdeldüdeldüüüt* macht mein Wecktelefon um 9.20 Uhr, und ich stelle fest, dass die Matratze auch in dieser Nacht nicht angenehmer geworden ist. Ein Griff auf die Seite bestätigt mir, dass da auch keine Tanguera liegt, die meinen gequälten Rückenmuskeln eine Massage verpassen könnte. Die Sonne knallt, es ist ziemlich warm draussen, ich lege mich nach dem Frühstück daher noch ein bisschen hin und besichtige gegen Mittag Mariaort. Schön an der Donau gelegen denke ich bald an ein kühlendes Bad, aber erstens ist die Mittagszeit gerade zur Sommersonnenwende ohne Sonnencreme ein heikler Moment für eine Hautexposition, und zweitens habe ich gestern vergessen, die Bayernpartei zu fragen, ob man sich an einem Sonntag in einem katholischen Wallfahrtsort ohne Badehose viele Freunde macht. Ich ziehe ja schon mit meinem als Sonnenschutz missbrauchten Regenschirm einige Blicke auf mich. Irgendwann wird mir die Hitze zu stark, und ich tanke mit einem langen Mittagsschlaf nochmals kräftig Energie für den tänzerischen Schlussspurt.

Am Nachmittag spielt in der Scheune die "Strumpfband" mit Saxophon, Geige, Flöte und Gitarre, diesmal fordere ich gleich von Beginn an ungeniert die Damen verbal auf, so geniesse ich viele schöne Tänze. Erst tanze ich mit meinen Tanzschuhen, doch als eine Frau ihre Schuhe nicht dabei hat, probieren wir es Barfuss. Ochos sind etwas schwierig, aber plötzlich fühle ich mal, wie es sein könnte, wenn man nicht dauernd Angst vor rutschenden Schuhen hat. Bei meinem ersten Sandwich entdecke ich, wie sinnlich so barfüssiges rumtanzen doch sein kann, und spätestens nach einem Barrida leuchten auch die Augen der Tanzpartnerin: Noch nie hab ich den Fuss einer Frau so zärtlich durch die Gegend geschoben.

Und dann meine ich tatsächlich, ich habe mich verhört: "Gehen wir vor dem Workshop noch eine Runde Schwimmen?", fragt eine Tänzerin ihren Partner. Schwimmen? Himmel, tatsächlich, 200 Meter von der Scheune entfernt liegt ein wunderschöner Weiher mit Steg und vorgelagertem Rasen, und ich erfahre das am letzten Festivaltag! Um Badehosen kümmert sich hier keiner, so düse ich bald über den Steg, klettere die Leiter herunter in den Teich und...uff...mein rechter Fuss sendet eine Eiswarnung an das Kleinhirn. "Das stand aber nicht im Prospekt", reklamiere ich lautstark, und die ganze Bande amüsiert sich königlich und johlend über mein Gekeuche. Irgendwann bin auch ich im Wasser, und so umkreisen wir einander schwimmend -- natürlich gegen den Uhrzeigersinn.

Abends startet in der Scheune schliesslich die Schlussmilonga: Es sind relativ wenig Leute da, so tanze ich vor allem mit bekannten Gesichtern und komme gar noch zu einem schönen chachacha, den wir zur Hälfte als langsamen Salsa tanzen. Auf der Tanzfläche beobachte ich einen Mann, der eine völlig ruhige und geschlossene Molinete tanzt, ohne über seine eigenen Füsse zu stolpern. Spreche ihn später an und erfahre, dass er seit knapp acht Jahren Tango tanzt. Beruhigend. Obwohl...noch sieben Jahre? Die Verabschiedungen sind herzlich, und als ich gegen ein Uhr morgens in mein Auto steige sitzen draussen noch immer Leute auf den Bänken und geniessen plaudernd die warme Nacht. Ich fahre über den Schotterweg vom Hofgut auf die Hauptstrasse und spüre, dass ich soeben ein kleines Paradies verlassen habe.

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Chillout statt Tango

Mittwoch, 25. Juni 2008

Ich gebe es zu, die meisten Elektrotango-Stücke faszinieren mich nicht sonderlich, vor allem nicht diejenigen, die von einer öden Nicht-Melodie getragen sind und mit den hässlichsten Schlägen eines billigen Drumcomputers aus den 70er Jahren unterlegt sind. Zumal für mich Musikinterpretation beim Tango vor allem auch Rhythmusinterpretation ist, und ein stupides 90 bpm-Gestampfe ist schon beim Discofox-Tanzen ziemlich langweilig. Daher bin ich auch kein riesiger Fan von Martins Mittwochabend-Practica, weil dort der Elektrotango-Anteil recht hoch ist. Bisher gings so einigermassen, zwischendurch kann man ja auch mal Trinken und Plaudern. Nun war Martin offenbar zwei Wochen weg, letzten und diesen Mittwoch schmiss ein Aushilfs-DJ den Laden. Und er spielte zumindest teilweise einen solchen Müll, dass sich letzten Mittwoch selbst die Elektrotangofreaks etwas am Kopf gekratzt haben und irgendwann jemand zum DJ-Pult gegangen ist, um zu fragen, ob er mal etwas anderes spielen könne. Heute kam ich erst spät, und kaum jemand tanzte: Chillout-Musik, wie sie an Techno-Parties nach drei Uhr morgens gespielt wird, wenn die Leute mit Drogen vollgepumpt in den Plastiksesseln hängen. Ein paar Lieder waren halbwegs tanzbar, aber wenn ein DJ satte fünf Lieder braucht, um festzustellen, dass niemand mehr tanzt, dann finde ich das schon ein wenig peinlich. Und leider fehlte ihm (wie vielen DJs) das Gefühl für die richtige Lautstärke. Zum Glück gibts im Tanzpalast eine fest eingebaute 89 Dezibel-Begrenzung. Hat manchmal richtig Vorteile, wenn ein Tanzladen in einem Wohnquartier liegt...

Musik ist natürlich immer Geschmackssache. Andererseits war ich nun doch schon an sehr vielen Milongas (um die 200 dürften es sein) und meine inzwischen halbwegs einschätzen zu können, wie die musikalische Dramaturgie eines solchen Abends verlaufen sollte: Eine gute Mischung zwischen aufpeitschenden und ruhigen Stücken, eine sinnvolle Gruppierung der Stile (Scheusslich: Schnelle Milonga, gefolgt von einem langsamen Swing, direkt danach ein Vals...), Cortinas sind eh ein Thema für sich, vor allem aber sollte der DJ die Gesichter und Füsse der Tanzenden beobachten und die Musik entsprechend anpassen. Und die Leute auch immer wieder überraschen. Ehrlich gesagt, es gibt wenige DJs, die diese Punkte meiner Meinung nach wirklich gut hinbekommen. Eigentlich schade.

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Openair in Basel und Augsburger Festivalpläne

Sonntag, 29. Juni 2008

Zum ersten Mal in diesem Jahr kann ich die Openair-Milonga am Petersplatz geniessen: Die Temperaturen sind mild, der Duft der Bäume versprüht ein wenig Feriengefühl. Zum Glück bin ich in Begleitung da, denn irgendwie sind das die meisten anderen auch, und die alleine anwesenden Damen scheinen am Tanzen kein Interesse zu haben. Sitzen die anderen Damen wirklich alle vor dem Fernseher und schauen das Finalspiel? Mal sehen, der Sommer ist ja noch lang...

In knapp zwei Wochen geht es nach Augsburg. Ja, ich weiss, deren Webdesigner sollte man mit Absatzschuhen verprügeln, aber noch mehr schockiert haben mich die Workshopzeiten: "Verzierungen - Der Mann führt, die Frau verführt" klang von der Beschreibung her ganz interessant, bloss muss sich eine Frau schon ziemlich anstrengen, wenn sie mich nach einer durchtanzten Nacht schon um zehn Uhr morgens verführen will. An einem "chillig-charmanten" Festival einen Workshop von 10.00 bis 11.30 anzubieten....da kriegt der Ausdruck "chillout" eine ganz neue Dimension. Aber Tanzen im Park, keine argentinischen Supergötter, Augsburg besichtigen...klingt gut.

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Die enttäuschende Europameisterschaft und das erste Milongahoroskop

Dienstag, 1. Juli 2008

Der Juni ist passé, damit auch die Euro 08 vorbei: Ehrlich gesagt bin ich vom Anlass ziemlich enttäuscht. Ich hatte nämlich gehofft, dass die männlichen Tänzer (und vor allem die raren guten Tänzer) während der Fussballspiele zuhause vor dem Fernseher hocken und somit an den Milongas ein gewaltiger Frauenüberschuss vor sich hin tobt. Aber vermutlich dachten stattdessen die Frauen, dass die Männer eben lieber Fussball sehen, und blieben dann auch zuhause vor dem Fernseher, weil sei fürchteten, die Milongas seien leer. Und so mancher Mann mag auch gedacht haben, dass die Frauen so reagieren, aber jetzt wirds langsam ziemlich kompliziert. Ich mein...Wissenschafter berechnen und simulieren doch Hurrikans und das Verhalten von Heuschreckenschwärmen (was für ein charmanter Vergleich, ich weiss), könnte man da nicht auch sichere Vorhersagen für das Geschlechterverhältnis auf Milongas machen?

Derzeit gilt ja angeblich Tierkreiszeichen Krebs (Die Sonne steht zwar grad mitten in den Zwillingen, aber um astronomische Details hat sich die Astrologie ja bekanntlich noch nie geschert), daher versuche ich es mangels Simulationsrechnungen mit einem Milongahoroskop für Krebse: Vorsicht bei Ochos, der Tanzboden im Les Garecons ist derzeit etwas klebrig. Tanze nicht länger als 17 Tänze am Stück mit Unbekannten, Dein Tanzpartner ist grad etwas eifersüchtig. Das bessert sich allerdings bald, denn er oder sie wird Dich mit einem Anfänger betrügen. Nimm es locker und feile an Deiner Technik. Und fasse die Leute beim Tanzen sanft an: So ein Sonnenbrand kann ganz schön weh tun. Und bevor Du zum Vollmondtango gehst, schau nach, ob auch wirklich Vollmond ist...

Vor einigen Monaten sah ich ein Workshopangebot in Bern, dort wollte eine Astrologin die Tanzpaare in Bezug auf die Harmonie beim gemeinsamen Tanzen beraten. Ist bestimmt ganz unterhaltsam, aber spürt man das nicht schon, wenn man einfach ein paar Tandas miteinander tanzt?

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Halbgefangenschaft im Clarahof

Mittwoch, 2. Juli 2008

So eine Mittagsmilonga ist im Sommer eine schöne Sache. Nur ein Tüchlein sollte man schon mitschleppen, denn auf den Toiletten des Clarahofes hängt genau ein Handtuch mit einer folglich recht rasch eingeschränkten Saugkapazität. Auch beim Heimgehen sollte man genug Zeit mitbringen, die Eingangstüre sperrt inzwischen nicht nur Leute aus, sondern auch ein: Irgendwann schaffte es jemand mit dem Einsatz von kleinem Ausbruchswerkzeug, die Türe wieder zu öffnen. Am späten Abend wiederholte sich die Szene, wobei schliesslich sogar der Hauswart erfolglos an der Türe rumdokterte. Eigentlich ist ein Notausgang ausgeschildert, aber der ist abgeschlossen. Glücklicherweise gab jemand den Tipp, dass via Velokeller ein eleganter Ausweg bestehe, so erblickten die Gefangenen des Abendworkshops nach rund 20 Minuten rumstehen wieder den sommerlichen Abendhimmel. Eine Tanzpartnerin hatte bereits die Gebäudevorsprünge im Hinblick auf eine Kletterpartie bewertet. Also: Beim Clarahof vorläufig besser Leintüchter, Kletterhaken und Glasschneider mitnehmen. Proviant und Schlafsack können sowieso nicht schaden. Und keine dringenden Termine im Anschluss an die Mittagsmilonga abmachen. Die Musik war am Mittag übrigens mal ausgesprochen gut, die haben das eigentlich gar nicht nötig, die Leute mit Gewalt zurückzuhalten...

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Kampfmilonga im Gellert

Freitag, 4. Juli 2008

Sommertango im Park, genauer gesagt im Haus der Musikschule: Eine schöne Terrasse, ein gemütlicher Garten, ein winziger Tanzraum mit schönem Parkett. Dass es voll werden würde, war mir klar (übrigens: Um 23 Uhr grandioser Männerüberschuss, fiel selbst einer Tanguera auf), aber dass es soviele Rempeltänzer, Rechtsüberholer und Aufderstelletänzer haben wird, dass hat mich schon ein wenig überrascht. Ich spreche nicht von den wenigen Anfängerpaaren auf der Piste, sondern von einigen Milongueros, denen ich ansehe, dass sie verdammt gut tanzen -- bloss ist Tanzen und Tanzen in Gesellschaft eben nicht dasselbe...

Auf der Terrasse gings etwas besser, allerdings war der Boden dort etwas...unrutschig. Weil zeitweise der Aussenlautsprecher kaputt war, war dort sogar die Lautstärke meistens ganz angenehm. DJ Wilmer hat recht abwechslungsreich aufgelegt, auch wenn ich die Lambada-Cortina in fast voller Länge mit der Zeit recht nervig fand. Auch einer Tanguera 40 Minuten vor Schluss noch den vollen Eintrittspreis abzukassieren ist doch ziemlich....sportlich. Fazit: Das Gellert ist eigentlich schön, aber eher für einen gemütlichen Abend mit Caramelglacé als fürs Tangotanzen geeignet.

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Wirkungslose Cortinas und gehaltvolle Schokoladenbonbons in Baden

Samstag, 5. Juli 2008

Oscar Moyano ist ja schon fast eine Legende, also musste auch ich mal endlich nach Baden: Der Weg vom Parkhaus zum Tanzzentrum ist stilvoll mit Kerzen beleuchtet, im Eingang wird man auch als absoluter Nobody von Karin und Oscar herzlich begrüsst. Die Musik war aussergewöhnlich abwechslungsreich, und bei jeder Cortina (meist Cumbia oder Merengue) leert sich die Tanzfläche völlig. Eigentlich erwartete ich in diesen Momenten die ganzen Verabredungen zum nächsten Tanz, doch erstaunlicherweise waren praktisch alle anwesenden Frauen völlig cabeceoresistent -- so wird die Cortina natürlich etwas absurd. Zumal der Raum mit Tischchen und Stühlchen eh nicht sonderlich cabeceofriendly ist, auch die Bar und weitere Sitzgelegenheiten befinden sich leider weitab von der Tanzfläche im Vorraum. Glücklicherweise war ich in sehr netter Begleitung unterwegs. Noch etwas Statistik: Kurz vor Mitternacht zählte ich 35 Tanzpaare auf der Fläche, in den Stühlen sassen acht Männer und vier Frauen. Merke: Es gibt also nicht nur in Basel Männerüberschuss...

Schon als der ältere Mann zusammen mit einer blutjungen Begleiterin an einem reservierten Tischchen Platz nahm, dachte ich mir, dass er wie ein klassischer Milonguero aus dem Bilderbuch aussieht. Als er allerdings einen Tanz begann, nachdem der Tanzfluss schon in Bewegung war, revidierte ich mein Urteil, sowas tut doch kein Milonguero. Später war klar: Es handelt sich um Flaco Dany, und seine kleinräumigen und blitzschnellen Milongaschritte fand ich ziemlich chic. Nur seine junge Begleiterin schien sich im Milonguero-Stil nicht so wohlzufühlen, aber ich weiss natürlich nicht, ob waschechte Milongueros der alten Schule überhaupt mit Frauen über 20 tanzen...

Irgendwann entdeckte meine Begleiterin nicht nur die Schokoladenbonbons, sondern sogar diejenige Sorte, die Schnaps enthielt. "Das ist Energie!", sprach sie triumphierend. Doch gerade, als ich ausprobieren wollte, ob die Ochos wirklich flüssiger gehen, rammte ein junger Argentinier ohne Vorwarnung die Minderjährige Milonguero-Begleiterin in uns. Wen hat sie angefaucht? Ja, natürlich mich. Wäre ja auch zuviel verlangt, dass eine Tanzlehrerin nach einem Aufprall die Augen öffnet und einsieht, dass sie von ihrem Traumtänzer entgegen der Tanzrichtung in das nachfolgende Paar geschoben worden ist. Das hat mich deshalb besonders geärgert, weil an dem Abend eigentlich meist ein schöner Tanzfluss herrschte, abgesehen von zwei dauernden Spurwechslern achteten die Leute sehr auf schönes milonguear.

Also eine schöne Milonga im argentinischen Stil, doch trotz Fullsize-Cortinas wird kaum gewechselt und die meisten Leute scheinen als Paar dorthin zu gehen. Eigentlich schade, zumal die Bonbons auch extrem lecker sind. Man sagt Männern ja immer nach, sie würden bloss zum Frauenaufriss an die Milongas gehen. Also ich geh wegen der feinen Bonbons. Meine Begleiterin wegen des Alkohols in den Bonbons. Sie hatte nichtmal protestiert, als ich ihr die Autoschlüssel abgenommen habe...

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Schokolade am Mittag

Mittwoch, 9. Juli 2008

Erstaunlich, wer hier offenbar alles so mitliest: Vor vier Tagen lobte ich das breite Bonbonangebot in Baden, und heute lagen auf den Tischen der Clarahof-Mittagsmilonga tatsächlich Twix-Stengel, beim Eingang entdeckte ich später sogar noch gefakte Sugus. Somit hab ich einen neuen Megatrend losgetreten: Gute Bonbons gehören heute bei einer Milonga zum guten Ton. Der Wettbewerb ist eröffnet...

Andererseits scheinen Mittagsmilongas auch ein bisschen Anziehungspunkte für Oberlehrer zu sein. Zugegeben, auch ich habe mich schon in die Rolle eines Erklärers drängen lassen, manchmal geht das überraschend schnell. Aber ich sehe immer wieder Männer, die während der gesamten Milonga praktisch ununterbrochen auf ihre Tanzpartnerinnen einreden. Teilweise sind das sehr gute Tänzer, aber durch die Konzentration auf den Unterricht bleibt natürlich keine mentale Rechenleistung mehr für die Umgebung und den Tanzfluss übrig. Und deshalb sind die Oberlehrer mit der Zeit etwas anstrengend. Vielleicht bräuchte es Bonbons mit sedierendem Inhalt...

Als ich neulich erwähnte, dass ich ans Festival nach Augsburg fahre, fragte jemand, ob ich dieses Jahr denn überhaupt etwas auslasse. Allerdings: In Tremmelhausen empfahl man mir das Festival in Düsseldorf. Nach einem Blick auf deren Homepage schüttelte ich allerdings nur noch den Kopf: Milongabeginn um 22.30 Uhr, jeweils Showtänze von drei Lehrerpaaren, das ergibt für mein Empfinden eine deutlich zu kurze Nettotanzzeit. Keine Tanzmöglichkeiten am Nachmittag, und die Lehrerauswahl muss ich hier ja wohl nicht mehr kommentieren. Dummerweise werde ich so nie herausfinden, ob sie an den Milongas in Düsseldorf leckere Bonbons anbieten...

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Augsburg, Tag eins: Wenig Tango im Restaurant und eine Überdosis Ödmusik

Freitag, 11. Juli 2008

Nach den Erfahrungen in Regensburg ist mir die Reise per Auto nach Augsburg etwas zu anstrengend, so haben wir zu einem günstigen Tarif bei der Deutschen Bahn gebucht. Selbstverständlich ruft nun genau heute die Deutsche Bahn 61 von 67 Zügen ihrer ICE3-Flotte zur Ultraschalluntersuchung zurück, doch wir meistern die chaotische Hinfahrt mit Ersatzzügen und etwas anderen Umsteigevarianten dennoch. Direkt neben dem Festivalort beziehen wir ein halbwegs bezahlbares Zimmer im Maiskolben, auch im siebten Stock ist die Aussicht über den Park grossartig.

Die Abendmilonga startet in der "Parklounge": Ein an die Kongresshalle angegliedertes Restaurant, der Architekturcharme ist etwa mit dem der Basler St. Jakobshalle vergleichbar. Wir kriegen grüne Armbänder, die bis Sonntag angeblich auch die Dusche überstehen sollen. Auf der Terrasse empfiehlt mir ein Mann den leckeren Nachtisch, den man angeblich gratis holen könne. Allerdings trägt er ein blaues Armband. Tja, hätten wir Stifte mitgenommen. Ach ja, die Milonga: Der Raum ist knapp vier mal vier Meter gross, die Wände teilweise schwarz, der Boden anstrengend. Im Restaurant kann man ebenfalls tanzen, wenn man die Deckenlautsprecher erträgt: Zwischen den Gästen an der Bar und dem Aquarium hat es glücklicherweise wenig Rempeltänzer, aber massenhaft Grundschritttänzer. Und auf dem Holzboden der mit einem Zelt überdeckten Terrasse wird kräftig gequalmt, dafür hört man die Musik kaum.

Hm, ja, die Musik: So öde, dass ich irgendwann zum Veranstalter gehe und ihn frage, ob die Musik vielleicht noch etwas abwechslungsreicher werden könne. "Hm, also eher klassisch?", fragt er zurück. Nein, nicht zwingend klassisch. Ich habe nichts gegen Swing, Cumbia, Pop, Blues und Elektro, aber doch bitte nicht dauernd im selben öden Rhythmus mit annähernd gleichviel bumps per Minute. Auf das Zeugs kann man ja nichtmal Disocofox tanzen. Den DJ irgendwo in einem winzigen Raum zu verstecken ist natürlich eh doof: So kriegt er gar nicht mit, ob überhaupt noch jemand tanzt. Die Beschwerde zeigt Erfolg: Plötzlich kommen schöne Stücke, und bei mir kommt etwas Tangogefühl auf. Einzig meine Begleiterin ist etwas enttäuscht, weil im von normalen Besuchern und Tänzern durchmischten Restaurant die männlichen Tänzer kaum auszumachen sind. Und die Tanzflächen sind mit Tischen leider derart zugestellt, dass die Navigation für mich auch ziemlich anstrengend ist. Und leider kam nichtmal ein einziges Salsa-Stück...

Die Show der Lehrer: Die erste Vorführung wirkt ein bisschen wie ein unfreiwilliger Geschlechterkampf, die zweite Show ist extrem akrobatisch, dafür technisch recht überzeugend und vor allem wunderschön zur Musik passend. Zeitweise spielt Live-Musik: Kristoff und Rainer aus Berlin kombinieren Bandoneon mit Elektrocello, und nach anfänglicher Nerverei mit billiger Drumcomputer-Untermalung spielen sie einige Stücke, die ich tänzerisch extrem geniessen kann. Kurz nach ein Uhr nachts sind wir wieder im Hotelzimmer, und müssen erschreckt feststellen, dass auch bei einer Aussentemperatur von 16 Grad die auf 22 Grad eingestellte Klimaautomatik des Hotelzimmers noch immer kräftig kühlt...

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Augsburg, Tag zwei: Weihrauch, Sparkassen und Kopftücher

Samstag, 12. Juli 2008

Bei offener Balkontür lärmt die Grossbaustelle nebenan, bei geschlossener Tür sorgt die sich jeweils automatisch einschaltende Klimaautomatik für derart trockene Luft, dass ich seit über zehn Jahren sogar mal wieder Nasenbluten kriege. Eine Billigabsteige hätte halt doch Vorteile gehabt. Dafür brutzelt im Frühstücksraum (nur mit Rollkragenpulli plus Hemd plus Jacke betretbar) ein Koch auf Wunsch Eier, Speck und Kartoffeln zusammen, so wird die erste Mahlzeit des Tages ziemlich üppig. Nach einem Mittagsschlaf bessert sich das Wetter etwas, und wir besichtigen Augsburg: Viele Kirchen, erstaunlicherweise noch mehr Sparkassen (Habe ich schon erwähnt, dass Augsburg die Hauptstadt Schwabens ist?) und eine wirklich sehenswerte Altstadt. Nach einer meditativen Pause im Kirchengestühl des Domes müffeln wir nach Weihrauch, später bringen wir diese Duftnote in einem Kebab-Schnellimbiss wieder zum verschwinden. Welcher Duft wäre für einen Tanzpartner wohl irritierender? Egal, wir wollen vor der Abendmilonga eh noch die Dusche von unten angucken.

Für die Samstagsmilonga wurde gottseidank ein Saal gemietet. Im Eingang steht ein Cabrio, der Anlass steht unter dem Motto "Cabrio-Tango", und in der Tat sind einige Damen mit Cabrio-Kopftüchlein zu sehen. Das Wetter hat zwar mit Cabriogefühl nichts zu tun, aber ich wage mich dennoch nicht, zum DJ-Pult zu gehen und zu fragen, ob sie nicht "summer rain" von Alphaville spielen können. Die Musik ist deutlich abwechslungsreicher und auch besser als am Freitag, meine Begleitung kommt zu einigen Tänzen (wobei sie dafür auch recht aktiv sein muss), auch ich lächle mir eine handvoll Damen zum Tanzen an. Die Stehtische sind dafür ideal, nett sind auch rot beschmückte Sitzbänke an der Saalseite. Puren Luxus entdecke ich auf der Toilette: Ein Körbchen mit Zahnbürste, Kamm, Deo, Lutscher, Rasiergel und anderen Kleinigkeiten, die Mann so brauchen könnte, und aus sicherer Quelle erfahre ich, dass auf der Damentoilette ähnliche Dinge bereit liegen.

Während der Milonga läuft eine Videoinstallation, von der ich allerdings kaum etwas mitkriege, meine Aufmerksamkeit ist durch extrem viele Rückwärtstänzer und ein wirklich schlimmes Rempeltänzerpaar ziemlich gebunden. Breites Grinsen, als die Veranstalterin ein Schuhspiel ankündigt: Frauen ziehen einen Schuh aus und werfen ihn in die Mitte, danach prügeln sich die Männer um die Schuhe und suchen die zum erbeuteten Schuh passende Frau. Zumindest in der Theorie. In der Praxis kann ich mir in aller Ruhe einen schönen silberfarbenen Schuh aussuchen und werde auch gleich von der richtigen Frau überdeutlich angeguckt (das heisst wohl Schuhcabeceo), der Haufen ist auch nach einer Minute noch so gross, dass die Veranstalterin mehrmals die Männer im Hintergrund auffordern muss, sie mögen doch bitte auch mitmachen. Allerdings liegt es nicht am Frauenüberschuss, der ist nämlich sehr gering. Diskutiere hinterher mit meiner Begleitung, ob die Männer nicht wollen, dass ihre Partnerin beim Partnerwechsel mitmacht, oder ob sie nicht will, dass er sich vorübergehend eine Andere sucht, denn mitgemacht haben beim dem Spiel geschätzt nur etwa ein Drittel der Anwesenden. In der Tangowoche in Bergün habe ich auch mal ein solches Spiel vorgeschlagen, weil einige Damen maulten, sie kämen nicht zum Tanzen. Die Veranstalterin hat damals schockiert abgelehnt: Das sei an einer Milonga ein Tabu. Tja. In Augsburg scheinen es alle überlebt zu haben. Sogar ich. Kriege von einer Frau aus Augsburg seufzend erklärt, dass Rückwärtsschritte hier leider normal und völlig üblich seien. Später spielt erneut die Band mit Bandoneon und Elektrocello vom Vorabend, nach anfänglichem Bummbumm folgen sehr gefühlvolle und perfekt tanzbare Lieder.

Auf der Toilette höre ich zwei Männer darüber schimpfen, dass die kostenpflichtige Garderobe nach Mitternacht nicht mehr bewacht sei und jeder sein Zeug dann doch selbst raushole. Auch beim Thema DJ bleiben die Veranstalter dem Freitagsmotto treu: Das Pult ist zuhinderst auf der Bühne versteckt, der DJ bleibt damit so weit von der Tanzfläche entfernt wie nur möglich. Dennoch: Schöne Musik, viele schöne Tänze, um drei Uhr ist die Milonga zu Ende und wir ziehen uns wieder mal ins eisgekühlte Hotelzimmer zurück.

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Augsburg, Tag drei: Schlussmilonga mit viel Platz und eine Sauna mit wenig Platz

Sonntag, 13. Juli 2008

Normalerweise gibt es bis 10.30 Frühstück, am Sonntag bis 11.30 Uhr -- so langsam gewinnt das Hotel bei mir doch einige Sympathiepunkte. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder unter die Tische gucke, ob auch wirklich nirgends Eisbären rumliegen, aber wir überstehen den Morgen unbeschadet. Ich staune immer wieder, wie Tangueras probemlos in einer Mahlzeit Kaffee, Orangensaft, Kartoffeln, Früchte, Brot und vieles mehr essen können, ohne dass ihnen hinterher übel wird.

Von 14 bis 18 Uhr ist im Restaurant der Kongresshalle wieder Milonga: Diesmal sind die meisten Tische auf die Seite geräumt, der Platz zum Tanzen ist recht luxuriös, die Zahl der Anwesenden ist sehr übersichtlich: Etwa acht Paare, dazu einige Frauen, diese lümmeln sich recht lustlos auf den Sitzen herum. Cabeceoversuche sind zwecklos, auch meine Begleiterin stellt das etwas resigniert fest. So geniessen wir die letzten Stunden in Augsburg, zumal der Musikmix nicht ganz so schrecklich wie am Freitag ist: Immer wieder tauchen einige schöne Musikstücke auf. Der DJ muss allerdings irgendwas verbrochen haben, den er muss sich noch immer im kleinen Räumchen verstecken und hat keinen Blick auf die Tanzfläche. Vermutlich war einfach das Audio-Verlängerungskabel zu teuer.

Weil draussen wieder der kalte Regen tobt, erforschen wir die Sauna im Hotelkeller: Nach den Erfahrungen in den oberen Stockwerken erwarte ich eigentlich eine Saunatemperatur von höchstens 25 Grad, doch die Schwitzkabine scheint durchaus 80 bis 95 Grad zu bringen, die Dusche ist kalt. das Eis aus dem Eisbrunnen noch kälter (Milonga-Zusatzregel: Bewerfe nie eine Tanguera mit Eis!), der Ruheraum ist extrem warm und im Dampfbad gibts weder Dampf noch Bad. Aber im Bademantel vom Zimmer direkt in die Sauna zu marschieren ist schon nett. Noch schöner wäre eine Milonga im Haus, quasi in den Tanzschuhen direkt vom Zimmer in den Tanzsaal...

Fazit: "Modern Tango Festival" deutete natürlich schon auf einen hohen Elektrotango-Anteil, dennoch war ich von der Monotonie der Musik deutlich ernüchtert. Und dass die Tangoszene in Augsburg so klein ist hat mich auch etwas verwundert, immerhin hat Augsburg deutlich mehr Einwohner als Basel. Und mehr Sparkassen. Vermutlich sparen die dort so fest, dass sie nicht mehr zum Tanzen kommen...

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Boleos und die Claramatte

Dienstag, 15. Juli 2008

Kurs im Clarahof bei Michelle und Joachim: Richtungswechsel mit Voleos (oder Boleos?), also sozusagen genau das, was auf einer vollen Milonga strengstens verboten ist. Die Übungen sind gut, allerdings fehlt es mir noch gewaltig am richtigen Timing. Michelle erklärt deutlich, wie frau die Voleos nicht machen soll: Rundumschläge sind tabu. Das bringt mich zum Grübeln: Wenn der Fuss wirklich nur ganz nah am Körper in die Höhe schnellen soll, wie bringen dann die Paare im Tanzpalast dauernd die Gläser auf den Ikea-Tischchen zum Klirren? Muss das auch endlich mal ausprobieren. Ist ja schliesslich nur Glas...

Etwas erschöpft, aber gutgelaunt düse ich nach dem Kurs noch zur Openair-Milonga von Udo auf der Claramatte: Bänke, Tische und ein hübscher kleiner Pavillon, der Boden kräftig gezuck...äh...gepudert. Die Stimmung, der Fluss und die Musik ist gut. Doch leider gibt es in der Basler Szene genau zwei (eigentlich sehr fortgeschrittene) Tänzer, die meinen Blutdruck regelmässig in ungesunde Regionen steigen lassen, weil sie einfach keinerlei Rücksicht auf ihre Umgebung nehmen. Und ausgerechnet einer davon taucht auf und steigt in den Ring, und es dauert eine ganze Weile, bis er sich endlich von seinen Groupies verabschiedet. Danach erlaube ich mir leise in freundlichem Tonfall ein Paar darauf hinzuweisen, dass sie ihre völlig stationär getanzten Figuren besser in der Mitte üben sollten. "Du musst mir nicht sagen, wie ich zu tanzen habe. Hier kann jeder so tanzen wie er möchte", lautet seine Antwort. Ich gebe auf und verbringe die letzte Viertelstunde der Milonga sitzend und plaudernd. Vielleicht nützt es ja doch etwas und er schafft künftig pro Lied eine halbe Runde. Erstaunlich, welchen Widerstand man schon mit einer freundlichen Bemerkung erzeugen kann. Lasse mich von einer Frau aufmuntern, die gerade in Nijmegen war und dort einen Workshop mit dem Titel "Tanzen auf einem Quadratmeter" besucht hat. Ausserdem tanzt sie erst fünf Monate und ist dort dennoch freundlich aufgenommen worden. Nijmegen steht schon länger auf meiner Liste. Ach ja, und Slowenien hat mir noch jemand in den Kopf gesetzt, obwohl mich die lange Cisalpino-Fahrt bis Triest etwas abschreckt...

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Von Grösse, Grössenwahn, Komplexität und Komplexen

Mittwoch, 16. Juli 2008

Schön war die Mittagsmilonga heute. Zwar weniger Bonbons als das letzte Mal, aber dank Ferien auch wenig Leute und ein sehr angenehmer Tanzfluss -- Entspannung pur. Auf den Tischen liegen Hinweise, der Clarahof stehe die nächsten beiden Male nicht zur Verfügung, weitere Infos gäbe es bei Tangoinfo. Nun, auch dort steht für die nächsten Wochen der Clarahof drin. Lassen wir uns überraschen.

Auch auf der Homepage der Tangoschule ist nichts besonderes zum Mittwoch zu finden, dafür entdecke ich die Werbung für ein Seminar im nächsten April direkt nach dem Ostertango: Es gibt Halbgötter, Götter, Supergötter, und dann kommt noch Gustavo Naveira. Workshopthema: Die Unterschiede zwischen Tango, Vals und Milonga. Punkt. Zielpublikum: Sowohl professionelle Tänzer wie auch die "gute Mittelstufe". Der Mann muss ja schon ein Hecht sein, wenn er dies mit 25 Paaren, also 50 Leuten didaktisch hinkriegt. Zumal man woanders für die 1660 Franken als Paar mehr als 20 Privatstunden erhält. Besonders schön finde ich folgenden Satz: "...dem Tango in seiner ganzen Grösse und Komplexität zu begegnen". Ich glaub, das nennt man Grössenwahn. Oder Komplexwahn. Es gibt halt drei krisensichere Berufe: Fernsehprediger, Teppichhändler und Tangolehrer.

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Boleos und die Arme

Freitag, 18. Juli 2008

Vier Abende lang Boleos, vier Abende lang ausschliesslich offen tanzen: Mir tun die Arme und die Bauchmuskeln weh. Spannend war der Workshop, und so langsam kriege ich auch ein wenig das Gefühl für die Bewegung. Allerdings fiel mir bei vielen Männern im Kurs auf, wie sie kräftig mit den Armen an der Frau herumzerrten. Joachim und Michelle machten zwar deutlich, dass die Bewegung des Mannes aus dem Oberkörper kommen muss, doch erst am letzten Kursabend machten wir Versuche mit einer Übungshaltung, die das Rumrudern und damit das "Bescheissen" erschwerte.

Zum Grübeln bringen mich dann Frauen, die sagen, dass meine Führung nicht klar sei. Beim Salsa spüre ich inzwischen sehr genau, ob die Frau mit feinen Impulsen nichts anfangen kann oder ob ich wirklich ungenau geführt habe. Beim Tango fehlt mir die Erfahrung dazu noch. Aber wenn ein solcher Kommentar von einer Frau kommt, von der ich weiss, dass sie fast immer nur mit demselben Mann tanzt (der dann meistens doppelt so dicke Oberarme wie ich hat), dann zucke ich meistens nur mit den Schultern. Und versuche das Element später mit einer Frau zu tanzen, von der ich weiss, dass sie sich fein führen lässt. Und beobachte dann, ob es auf Anhieb klappt. Apropos Vergleich: Partnerwechsel gab es im Kurs zwar, aber eigentlich müsste man das während des Workshops noch viel konsequenter machen. Das ist nämlich unglaublich lehrreich. Und dass man mit Boleos an vollen Milongas etwas zurückhaltend sein sollte, wurde leider auch nur in einem Nebensatz erwähnt. Ich war nach dem Kurs nicht im Gellert, hoffe aber, dass dort nicht allzuviel Blut geflossen ist...

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Totentanz: Schokolade, Nüsse und viel gute Musik

Samstag, 19. Juli 2008

Im Totentanz habe ich noch nie erlebt, dass viel gewechselt wurde, die Frauen gucken meistens angestrengt auf den Boden, und ich war auch nicht so richtig in Aufforderlaune -- so habe ich viele schöne Tänze mit der Tanguera genossen, mit der ich abgemacht habe. Erstmalig haben Soppi und Anna aufgelegt: Erst Soppie (ganz klassisch), gegen Mitternacht dann Anna (weniger klassisch). Keine Überraschungen, aber alles sehr schön tanzbar. Und leckere Schokolade. Und feine süss-salzig-Nüsse. Und wenn die DJanes beim MP3-Player noch die Einstellungen für eine kurze Pause zwischen den Tracks finden, gibt es auch weniger erstaunte Gesichter auf der Tanzfläche.

Stosse kurz vor der Toilette auf eine kleine Gesprächsrunde, in der über Rempeltänzer gelästert wird. Bin erleichtert, dass sich auch genug andere Männer offenbar gelegentlich aufregen. Die Lösungsvorschläge (gnadenlos auflaufen lassen, mit voller Kraft mit den Füssen reingehen) sind mir allerdings alle etwas zu brutal. Hm, beim Workshop letzte Woche haben wir natürlich auch alle durcheinander getanzt, klar, wir haben konzentriert neue Figuren eingeübt. Aber wenn man während der Workshops nie auf den Tanzfluss achtet, wie soll man das plötzlich an einer Milonga können? Andererseits liegt das Hauptproblem an den Milongas ja nicht bei den Anfängern, sondern bei den Profis...

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Mittagsmilonga im Merian

Mittwoch, 23. Juli 2008

Der Clarahof wird offenbar kräftig renoviert, daher muss selbst die Mittagsmilonga umziehen: Bei schönstem Sonnenschein im Saal des Hotel Merian mit Blick auf den Rhein zu tanzen hat schon was. Die Musik kam zuerst aus einem kleinen Ghettoblaster, später kramte jemand noch ein Mischpult plus Lautsprecher hervor. Weil recht gut Platz war, übte ich ein bisschen meine verbotenen Voleos: So langsam scheine ich ich das Gefühl dafür zu kriegen. Eine Molinette hingegen geht geschlossen noch immer nicht sauber, jedesmal stolpere ich über meine eigenen Füsse. "Ich kenne nur ganz wenige Männer, die das können", tröstet mich eine Tanguera. Ja. Mag ja sein. ABER ICH WILLS TROTZDEM ENDLICH KÖNNEN! *grummelgrummel*. Nun, ich bin eben ein Level5-Tänzer. Was das bedeutet? Auflösung folgt...

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Kritik auf der Tanzfläche

Freitag, 25. Juli 2008

Kritik beim Tanzen ist immer so eine Sache. Ich hasse es selbst, wenn eine mir unbekannte Frau schon nach wenigen Tanzschritten anfängt rumzunörgeln und mir nichtmal die Zeit gibt, mich ein bisschen an sie und ihren Tanzstil zu gewöhnen. Deshalb halte ich mich normalerweise mit Kritik auch zurück, zumal ich mich als Anfänger eh nicht so richtig in der Lage sehe, einer Frau zu erklären, was sie besser machen könnte. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Zieht mich eine Frau beim Gehen regelmässig nach vorne, dann sage ich ihr das. Denn meine unteren Rückenmuskeln sind trotz ausdauerndem Krafttraining nicht besonders stark ausgebildet; und vor allem eine kräftig gebaute Frau kann bei mir sehr schnell für Rückenschmerzen sorgen, wenn sie meinen Oberkörper beim Tanzen dauernd nach vorne (aus meiner Sicht) zieht. Wenn ich das Problem anspreche, ist die Antwort immer dieselbe: "Mein Tangolehrer hat mir gesagt, ich muss selber stehen und dürfe mich keinesfalls an den Mann anlehnen". Nun...natürlich sollte die Frau nicht im Mann hängen, aber anlehnen gehört je nach Stil durchaus dazu, und für Anfänger ist es eigentlich viel einfacher, wenn man den Körper der Partnerin richtig spürt. Ich bin jedenfalls ziemlich aufgeschmissen, wenn ich keinen Widerstand spüre. Gut, mit einer Ausnahme, aber diese Tanguera tanzt schon seit vielen Jahren und beherrscht ihre Technik perfekt, sie zählt daher hier nicht.

Nun lächelte mich vor einigen Wochen auf einem Festival eine junge Tanguera an und wir landeten gemeinsam auf der Tanzfläche. Sie hatte mich vorher auf der Tanzfläche beobachtet, war sichtlich nervös und schien mich für einen guten und erfahrenen Tänzer zu halten. Beim ersten Lied zog sie mich bereits nach hinten, aber ich wartete noch ab, weil sie sehr zierlich gebaut war und meine Rückenmuskeln daher noch mithalten konnten. Gleichzeitig hielt sie ihren linken Arm sehr seltsam (wir tanzten in geschlossener Umarmung) und wagte sich kaum, Ochos schön auszutanzen. Allerdings achtete sie auf die Musik und schien innerlich wirklich beim Tanz zu sein. Das erste Stück klang aus, und sie lächelte mich etwas scheu und fragend an.

Ich sagte ihr sehr deutlich, dass ich es wunderschön fände, wie sie völlig bei mir, beim Tanz und bei der Musik sei. Und bat sie dann, mir etwas mehr Widerstand zu geben. Sie war erstaunt und brachte natürlich den oben erwähnten Lehrer-Standardsatz, schien aber zu spüren, dass ich sie nicht runterputzen wollte und mein Kompliment ernst gemeint war. "Anlehnen mag verkehrt sein, aber das Gegenteil ist für den Mann viel schlimmer", antwortete ich. Und sagte ihr auch, dass sie sich für die Figuren alle Zeit der Welt nehmen solle, ich würde sie keinesfalls hetzen (ich hab mich auch schon führen lassen und weiss, wie eklig es ist, wenn man mit den Armen durch Rückwärtsochos gehetzt wird). Beim zweiten Lied zog sie etwas weniger, nach einigen "gib mir ruhig noch mehr Widerstand" spürte ich sie endlich richtig. Meine Rückenmuskeln durften sich entspannen. Und mir schien, sie spürte nun auch meine Führung viel besser. Ich versuchte einige Rückwärtsochos und führte jede Bewegung übertrieben langsam, blieb immer ganz nah und gab ihr viel Zeit. Und ermutigte sie noch, mit ihrem linken Arm verschiedene Haltungen auszuprobieren. Und siehe da, sie entspannte sich, fing an die Musik zu geniessen und die Schritte schön auszutanzen.

Schliesslich rutschte auch ihr linker Arm dahin, wo ich schon gedacht hatte, dass er da hingehört, und wir tanzten gemeinsam viele schöne Tandas, bis ihre Mitfahrgelegenheit nach Hause wollte. Ich bedankte mich für die wunderschönen Tänze und wir verabschiedeten uns herzlich. Sie strahlte. Später traf ich sie bei der Garderobe erneut und sie fiel mir sogar noch kurz um den Hals. Trotz aller Kritik. Oder vielleicht dank der Kritik. Hätte ich mich einfach nach drei oder vier Tänzen verabschiedet, Himmel, was hätten wir verpasst. Andererseits: Es wäre wohl sehr frustrierend für sie gewesen, wenn sie meine Kritik in den falschen Hals gekriegt hätte. No risk, no fun -- das gilt halt auch im Tango.

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Frischluft in Zürich, Bauchweh in Basel

Sonntag, 27. Juli 2008

Manchmal wäre ich gerne ein Rindvieh. Oder ein Schwein. Ferkel unter 25 Kilogramm Körpergewicht beispielsweise erhalten nämlich eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestfressplatzbreite von 18 Zentimetern. Von sowas können Tangoleute nur träumen. Eine Tanzpartnerin erzählte mir neulich begeistert, in Nijmegen habe sie den Workshop "Tanzen auf einem Quadratmeter" besucht. Also für das Openair am Zürcher Bürkliplatz reicht das leider nicht. "Tanzen auf einem Quadratdezimeter" wäre der passende Workshop, so voll wars nämlich. Ein schöner Pavillon, frische Luft vom nahen Zürisee, ein annehmbarer Boden, nette Gesicher und viele schöne Tänze. Zu Beginn war der Tanzfluss trotz rammelvoller Tanzfläche sehr angenehm, die Musik allerdings extrem eintönig. Später wurde die Musik besser, doch die Tanzfläche verwandelte sich mehr und mehr in eine Kampfmilonga.

Hab mich beim Plaudern mal wieder in eine weltanschauliche Diskussion ziehen lassen: Kann man ein sauber geripptes MP3-File vom Original noch unterscheiden? Hört man Unterschiede zwischen rein digital arbeitenden Optokopplern? Klingen sauerstoffangereicherte Boxenkabel besser? Ehrlich gesagt, ich glaube nicht an Hifi-Voodoo, und an Milongas bin ich meistens schon ganz froh, wenn der DJ mit dem Lautstärkeregler sparsam umgeht. Hab aber zugesagt, mit meinen eigenen Ohren mal in Zürich für einen Vergleich im Studio vorbeizukommen. Und häng mir jetzt ein Hufeisen über meine Lautsprecherboxen: Das hilft nämlich auch, wenn man nicht daran glaubt...

Abends wieder vertraute und abwechslungsreiche Klänge im Tanzpalast, auch hier kam ich fleissig zum Tanzen, viel Platz, wobei mich runde Tanzflächen irgendwie immer gefährlich weit in die Mitte treiben "Milongas wurden ursprünglich eher selten in Wigwams getanzt", lästerte mal ein weiser Mann. Schon. Aber für ein paar Dompteure passt die Zirkusatmosphäre eigentlich ganz gut...

Bauchschmerzen liessen mich allerdings die zweite Hälfte des Abends plaudernd verbringen, ich liess mir erzählen, mancher Tanguero habe in den letzten Tagen von einer Magen-Darm-Grippe berichtet. Upps. Beziehen die Epidemiologen eigentlich schon die Tanzszenen in ihre Studien ein? Andererseits bin ich seit meiner Tanzerei deutlich weniger erkältet als früher. Also fast immun. Würde ich Hüft- und Knieschoner gegen die Voleos tragen, könnte man behaupten, Tango sei gesund...

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Der Mittwoch und seine Milongas

Mittwoch, 30. Juli 2008

Der Mittwoch hat eine schöne Mittagsmilonga, doch die heutige wurde letzte Woche wegen Umbauarbeiten im Clarahof abgesagt. Also gut, gehen wir halt in die Abendpractica im Tanzpalast und üben dort ein Stündchen. Spät waren wir da, und trotz guter Geschlechteraufteilung sassen die meisten eher matt in der Gegend herum. Lag vermutlich auch an der Musik, denn der Mix bestand doch auch aus einigen Ödliedern. Auch der Eintrittspreis sorgte bei mir für Stirnrunzeln: Wie bisher sieben Franken, doch die Getränke kosten jetzt zwei Franken extra, und zwar pro Glas. Damit wird der Mittwochabend ab zwei Gläsern Mineralwasser teurer als dasselbe Arrangement am Sonntag. Chancen für eine Alternativmilonga mit guter Musik. Ach ja, und inzwischen habe ich gesehen, dass die Mittagsmilonga doch stattgefunden hat -- diesmal im Restaurant Rheinfelderhof...

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Rückwärtssacadas

Freitag, 1. August 2008

Workshop bei Özgür Demir und Stefania Scarcia: Logik Sacadas und vierte Sacada. Dritte und vierte Sacada, das bedeutet Rückwärtssacada, wie ich bald herausgefunden habe. Also Schritt zurück, Frau leicht nach links führen, dann kräftig nach links eindrehen, mit dem linken Fuss nach hinten stochern und...wuff. Eigentlich ganz simpel. "It's easy", kommentiert Özgür immer wieder grinsend. Theoretisch schon. Aber sauber führen, die Balance halten, das Timing mit der Partnerin abstimmen...das alles hält mich doch ziemlich auf Trab. Dafür waren wir nur drei Paare, und somit hatte der Unterricht schon fast Privatstundencharakter. Und Özgür erklärt die Führung sehr deutlich, achtet auf eine genaue Technik und hängt nicht dauernd wilde Sequenzen aneinander. Insofern war ich vom Workshop postitiv überrascht und wir haben für morgen grad den zweiten Teil gebucht. Jetzt kenn ich auch wieder ein paar neue Sacadakombinationen, die ich üben kann. Wobei es mir bislang immer sehr schwer gefallen ist, sie an einer Milonga in den Tanzfluss passend einzufügen...

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Giros und noch mehr Sacadas

Samstag, 2. August 2008

Workshop bei Özgür, Tag zwei: Diesmal geht es um runde Bewegungen in offener und geschlossener Umarmung, und mir wird mal wieder bewusst, wie miserabel meine Balance bei Giros ist. Teufel, ich kann nichts. Mittelstufe? Pah. Anfänger. Später gibt es weitere Übungen mit Sacadas, wir probieren auch schwierige Frauensacadas aus. Manche lassen sich recht gut in einen Tanzfluss integrieren, andere weniger. Insofern: Den Stempel "Milongataugliche Inhalte" kann man den Workshops nur bedingt geben, wobei die Frage wohl auf ewig offen bleiben wird, ob die Rempeltänzer an den Milongas selber schuld sind oder man ihre Lehrer zur Verantwortung ziehen müsste. Allerdings lernen wir auch, wie man auf minimalem Raum drehen kann, bloss kriege ich das noch schlechter hin als die Sacadas.

Abends Practica mit anschliessender Milonga in Muttenz: Zu Beginn sehr wenig Leute, daher erneut Privatstundencharakter. Fazit: ich bin unbeweglich, führe zuwenig fein und meine Umarmung ist auch noch ziemlich seltsam. Tja, zurück auf Feld eins. Dafür sind die Kekse und die Pralinés ausserordentlich lecker. Pech beim Tanzen, Glück beim Naschen...

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Öl im Totentanz

Dienstag, 5. August 2008

Practica im Totentanz: Das Parkett wurde offenbar neu geölt, was man nicht nur sieht und spürt, sondern auch riechen kann: Hoffentlich waren da nicht zuviele Lösungsmittel drin. Völlig trocken war der Boden noch nicht, mir schien, die Frauen hatten beim Drehen deshalb ein wenig stärker als sonst mit der eigenen Achse zu kämpfen. Dafür rutschte ich nicht in der Gegend herum, und in einer stillen Ecke hab ich sogar einmal eine Rückwärtssacada gewagt. Bloss das mit den Voleos und dem Gläserklirren krieg ich noch nicht hin...

Am 12. September findet das Tangofestival in Freiburg im Breisgau statt. Klingt alles schön, nur bei den Workshop-Inhalten bin ich etwas skeptisch. Und laut deren Impressum dürfte ich sie ungefragt eigentlich gar nicht verlinken. Tja. Argentango hat mich neulich in einem Newsletter auch ungefragt verlinkt. Und das Schlimmste: Sie haben mich sogar noch gelobt! Wir leben in einer verrückten Welt...

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Clarahof: Frisch gestrichen

Mittwoch, 6. August 2008

Violett ist die Farbe des Feminismus, fördert angeblich den Schwingungsaustausch zwischen den beiden Gehirnhälften, wirkt schmerzstillend und soll gerade bei äusserst entwickelten, zivilisierten und intellektuell anspruchsvollen Kulturen auf Ablehnung stossen. Kurzum: Die geeignete Farbe für den Tango. So ähnlich muss das wohl auch die Tangoschule Basel sehen: Der Clarahof ist nun in violett getaucht, wie heute an der Mittagsmilonga deutlich wurde. Vorhänge in sanftem Purpur, die Wände etwas dunkler, dazu vieles neu weiss gestrichen, stilvolle Tischtücher und in einer Ecke hängt sogar ein Kronleuchterchen. Mir gefällt das Resultat, zumindest bei Tageslicht. Bloss die Eingangstüre hadert noch mit ihrem Schicksal, zumindest solange niemand den Keil entfernt...

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Ein Workshop für den Tanzfluss

Donnerstag, 7. August 2008

In den meisten Workshops werden ja kräftig Technik und Figuren geübt, vom Tanzfluss ist dabei selten die Rede. Nun habe ich eine schöne Ausnahme entdeckt: Ende September kommen Melina und Detlef in den Tanzpalast, und im Workshop "Gelaufene Drehungen" geht es laut Beschreibung eben darum, sich mit verschiedenen Drehungen vorwärts zu bewegen und dabei den Tanzfluss nicht aufzuhalten. "Das ist doch banal!", mag jetzt mancher schreien, der sich in Drehungen schon sicher fühlt und dabei immer die perfekte Balance halten kann. Nun...und warum sieht man das dann auf der Piste so selten?

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Milonga traspié

Samstag, 9. August 2008

Erneut Workshop bei Özgür und Stefania: Ich freue mich über die rhythmischen Variationen in der Milonga, auch wenn die klare Führung alles andere als einfach ist. Vor allem rasche Gewichtswechsel zu führen ist für mich noch ein ziemlicher Krampf. Dafür lerne ich eine Giro-Variante, die relativ rasch funktioniert und auch bei wenig Platz brauchbar ist. Die Bewegung meiner eigenen Füsse lenkt mich nämlich dabei nicht davon ab, daran zu denken, in welchem Teil die Frau gerade steckt. Endlich halboffen drehen! Geschlossen...nun, work in progress...

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Kampfmilonga in der Frauenbadi

Sonntag, 10. August 2008

Ein lauer Sommerabend, da dachte ich mir, ich geniesse mal die Openair-Milonga in der Zürcher Frauenbadi. Der Ort ist schön: Ein altes Badehäuschen (mit deutlich mehr Holz als die Basler Rhybadhysli) mit langen Planken. Nur ist das mit Limmatwasser gefüllte Loch in der Mitte rund doppelt so gross wie die präparierte Tanzfläche daneben, und weil sich schon kurz nach Eröffnung extrem viel Volk dort tummelte, erinnerte mich die Enge an die Karfreitagsmilonga beim Basler Ostertango. Die erste halbe Stunde war ich etwas faul, zumal das mit dem Blickkontakt auf Anhieb nicht so richtig funktionierte. Danach hingegen wurde mir so langsam der doch recht deutliche Frauenüberschuss bewusst, und nach ersten erfolgreichen Cabeceos wurde ich sogar zweimal von unbekannten Frauen aufgefordert. Neuer Rekord. So richtig geniessen konnte ich es dennoch nicht, denn der Tanzfluss versiegte eigentlich sofort wieder, falls er überhaupt mal halbwegs in Gang kam. Eine Minute lang am Ort drehen wird mit der Zeit etwas anstrengend, zumal selbst diese Aktivität durch Drängler von allen Seiten recht schwierig war. Der über die Holzplanken geklebte Tanzboden war durch die Klebebänder eigentlich schön strukturiert, so dass jeder seine Tanzspur schön sehen konnte. Genützt hats dennoch nichts. Vermutlich, weil diejenigen, die beim Tanzen auf den Boden gucken, sich sowieso nicht um Tanzspuren kümmern.

Auch den DJ empfand ich nicht gerade als hilfreich: Zwischendurch spielte er völlig abgehobenen Jazz, aus dem man mit viel Fantasie wohl einen geschätzten 180 bpm-Hauptrhythmus heraushören konnte, aber das Gemetzel auf der Tanzfläche wurde durch solche Chaosmusik auch nicht gerade besser. Ansonsten einige wirklich schöne Stücke, aber keinerlei erkennbare Tandastruktur. Auf einer Seite der Tanzfläche war lediglich noch ein knapp 80 Zentimeter breiter Durchgang, daneben war Wasser. Gelegentlich spielte ich mit dem Gedanken, mal eine kräftige Hüftbewegung auszuprobieren, sollte grad ein Rempeltänzer zwischen mir und dem Wasser stehen. Immerhin tut so eine Landung im Wasser ja nicht weh. Ich habs mir dann verkniffen und mehr geplaudert als getanzt. Fazit: Ein schönes Fleckchen an der Limmat, aber derart überfüllt, dass man die 15 Franken Eintritt lieber für eine Milonga ausgeben sollte, an der man auch wirklich tanzen kann.

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Bitte mit Bild?

Donnerstag, 14. August 2008

Was ist an einem Tanzpartner wichtig? Wie er sich bewegt, wie er lacht, wie er riecht, ob er auf die Musik achtet, ob er mit den Armen führt, und vermutlich noch tausend andere Sachen. Natürlich kann man in einem Partnerinserat nicht alles davon abdecken, zumal so ein Tanz-Blinddate ja auch immer eine spannende Sache ist. Aber bei manchen Inseraten rollen wohl die meisten nur noch mit den Augen. Heute im weltweiten Web gefunden:

Ich suche ein Tangopartner in XXXX
Vorraussetzung
- anfänger
- 35 bis 40 jahre
- mind. 1,70 / max. 70 kg
Wenn interessiert, bitte Foto mitschicken.

Böse Zungen würden sagen: Die wird so genau den Tanzpartner kriegen, den sie verdient. Ich sage: "Oberarmumfang höchstens 30 Zentimeter" wäre immerhin noch originell. Und der Fotograf in mir sagt: Auf einem Bild sehe ich nur, wie sich eine Person in einem Sekundenbruchteil zu einem bestimmten Licht und in einer bestimmten Umgebung präsentiert hat, ich erkenne nichtmal die Mimik oder die Sprache der Augen. Fürs Tanzen nutzt mir das relativ wenig...

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Wer laufen kann, kann auch tanzen?

Montag, 18. August 2008

In Argentinien, so sagt die Legende, lernen die Tangoschüler im ersten Jahr nur das Laufen. Ich hab mich immer gefragt, warum das eigentlich so ist: Laufen können wir doch alle, muss man denn im Tango anders laufen? Eigentlich nicht, fand heute Özgür in der Privatstunde, und wir haben fest daran gearbeitet, dass ich auch beim Tangotanzen ganz normal und natürlich laufe. Kurzum: Ich musste mal wieder viel Ballast entrümpeln und meine Gehtechnik umlernen. Und zur Haltung in der geschlossenen Umarmung (vor allem bei verschieden grossen Frauen) erhielt ich auch Tipps, die ich gerne schon vor eineinhalb Jahren gehört hätte. Tja. Besser spät als nie. Neue Hochrechnung: Der Gurustatus wird von mir etwa 2025 erreicht...

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Kreuzen wie ein Gentleman. Links und Rechts.

Dienstag, 19. August 2008

Erneut Privatstunde bei Özgür. Das mit dem Laufen ist schon besser, auch klappen die Richtungswechsel beim Drehen so einigermassen, wenn ich mit den Schultern richtig öffne oder blockiere. So funktioniert beispielsweise auch eine Molinete, in der die Frau zwischen den Seitenschritten ausschliesslich rückwärts geht. Ist nicht schön, klar, aber dennoch eine gute Übung. Auch mit dem Kreuz ist es so ein Kreuz: Vor langer Zeit hatte ich mal den Fehler gemacht, einen Tanzlehrer zu fragen, wie man die Frau in das Kreuz führt. Er zeigte es mir, indem er einfach im richtigen Moment mit seinem rechten Arm die Frau nach links drückte. Ähm, ja, das hätte ich auch gekonnt. Seither hab ich das Kreuzen meistens gemieden. Özgür meinte heute dazu, dass sich Frauen rasch langweilen, wenn man sie nicht gelegentlich ins Kreuz führt. Und zeigte mir daher die Gentlemen-Variante. Nun weiss ich endlich, dass es auch auf die sanfte Tour ganz simpel geht: Einfach diagonal laufen, und schwupps, die Dame kreuzt. Geht im Unterschied zur Brutalo-Version übrigens auch nach rechts...

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Sacadas gehen besser, wenn man nicht an Sacadas denkt.

Mittwoch, 20. August 2008

Letzte Privatstunde mit Özgür: Heute Abend sitzt er leider bereits wieder im Flugzeug nach Istanbul. Erneute folterte er mich mit den verschiedensten Girovarianten, so langsam funktionieren sie deutlich flüssiger. Und ich scheine auch so langsam zu kapieren, wie ich dabei die Geschwindigkeit der Frau mit meinen Schultern recht subtil steuern kann. Hauptthema waren allerdings Sacadas: Özgür meinte, ich solle dabei nicht dauernd an die Sacada denken, sondern einfach einen normalen Schritt setzen. Und bei Rückwärtssacadas einfach drehen und dann rückwärts laufen. Der Tipp mag banal sein, aber so funktionierts tatsächlich besser. Und die Frau muss nicht mehr Angst haben, dass ich dabei ihren Fuss treffe...

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Tango reloaded.

Sonntag, 31. August 2008

Es sind schon einige Tage seit meinem letzten Eintrag hier her. Einerseits hatte ich viel um die Ohren (oh ja, es gibt ein Leben ausserhalb des Tangos), andererseits schob ich auch einen kleinen Tangofrust. Meine Gehtechnik und meine Gewichtswechsel musste ich ja völlig neu umlernen, somit muss ich mich auch beim Tanzen bei praktisch jedem Schritt voll auf die Technik konzentrieren. Für den Tanzgenuss blieb da in der letzten Zeit leider nichts mehr übrig. Heute an der Abendmilonga ging es wieder etwas besser, zumal mich auch die Musik freudig vom Sitz gerissen hatte. Bloss das mit dem Kreuz, das haut noch nicht so richtig hin. Dafür hab ich einen ganz passablen Rückwärtssacada geschafft.

Ansonsten hat sich in der Tangowelt wenig verändert: In der Mägd gibt es im 1. Stock offenbar kein offenes Mineralwasser mehr, verkauft werden nur noch Fläschchen zu höheren Preisen. Und im Tanzpalast ist das Gratis-Wasser à discretion (welches seit Januar die Eintrittspreisverdoppelung von fünf auf zehn Franken etwas übertünchen sollte) nun auch passé. Dafür gibts jetzt auf der Toilette vor dem Wasserhahn eine Schlange. Nur weil Tangotänzer Durst haben, heisst das eben noch lange nicht, dass sie in wirtefreundlicher Weise auch konsumieren. Insofern weiss ich auch nicht, ob sich das Engangement des Tanzpalastes in ein Alkoholpatent auch wirklich rechnet...

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Tanzen ohne Brille.

Mittwoch, 3. September 2008

So hilfreich und praktisch das Gestell auf der Nase ist, so sehr stört es gelegentlich beim Tanzen. Dass ich mir beim Anschmiegen an eine gleichgrosse Partnerin schon mal die Bügel irgendwie verhakt habe, ist ja eher harmlos, aber beim Salsa sausen die Ellbogen meiner Tanzpartnerinnen gelegentlich verflucht nah am Gesicht vorbei. Die Lösung? Brille weg, Kontaktlinsen rein. Hab ich zumindest heute Abend im Lindyhop mal versucht. Da gibt es zwar nicht soviele Damendrehungen wie beim Salsa, aber es passiert doch recht viel mit den Armen, insofern wäre die Brille da auch ein wenig gefährdet. Nun, es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich ohne die Brille wieder scharfzusehen. Leicht unangenehm fühlt es sich an, und das Reindrücken sowie das Rausfummeln ist nervig. Und nach jedem Blinzeln etwa eine halbe Sekunde lang verschwommen zu sehen ist auch gewöhnungsbedürftig. Fazit: Gefühlsunecht wie ein Kondom, aber für Zwischendurch eine halbwegs praktikable Lösung. Die nächste Salsa-Nacht kann kommen.

Witzigerweise kam zum Beitrag "Kreuzen wie ein Gentleman" recht viel private Post (und ja, ich weiss, noch habe ich nicht alle beantwortet...). Tatsächlich lassen es offenbar viele Tanzschulen beim Motto "Beim 5 im Grundschritt musst Du automatisch kreuzen" bewenden. Dahinter steckt natürlich die alte didaktische Weltanschauung der Grundschritt-Jünger: "Erstmal ein Grundgerüst, damit man überhaupt etwas tanzen kann". Darüber kann man selbstverständlich geteilter Meinung sein, allerdings frage ich mich ab und zu schon, warum diejenigen, die feste Figuren ablatschen wollen, nicht einfach Standard-Tango oder englischen Waltzer tanzen. Andererseits versteh ich alle, die es sich etwas vereinfachen wollen: Subtil und dennoch klar zu führen ist eine Lebensaufgabe...

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Tanzen mit Unterhosen.

Donnerstag, 11. September 2008

In Australien gehen die Uhren etwas anders. Und vermutlich sind dort auch die Unterhosen im Schnitt etwas länger als hier in Europa. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man dort einem Minister vorwirft, seine Unterhosen seien zu kurz gewesen.

Äh, wie? Ja, Matt Brown, bis gestern Polizeiminister in New South Wales, soll neulich kräftig den guten Budgetabschluss gefeiert und dabei in "zu kurzen" Unterhosen in seinem Büro auf einer grünen Couch zu Techno-Musik getanzt haben. Nun ist er deshalb zurückgetreten, weil ein in Unterhosen tanzender Minister in Australien offenbar nicht toleriert wird. Sein trotzig-reuiger Kommentar: "Ich bin ein Mensch und mache Fehler". Tja. Empörend.

Was das mit Tango zu tun hat? Nicht viel. Aber es inspirierte mich heute dazu, nur in Unterhose auf meinem Sofa ein Rückwärtssacada zu versuchen. Schwierige Sache, auch ohne Techno-Musik.

Tanzlevel: Gurusein ist nicht alles...

Gehaltvolleres Geschreibsel habe ich bei Igor gefunden (Eintrag vom 15. Juli 2008), nämlich die Stufen des Tangueros. Frei übersetzt:

1: Kann mit einer Tanzpartnerin nichts anfangen.

2: Kann in einem Raum umhergehen.

3: Kann in einem Raum umhergehen und dabei im Takt bleiben.

4: Kann an einer gut gefüllten Milonga die Tanzfläche umkreisen und dabei immer im Takt bleiben.

5: Kennt die Rhythmen einigermassen, tanzt dazu passend Figuren und Drehungen, interpretiert die Melodie.

6: Kann mit einer sehr erfahrenen Tanguera tanzen und sie bei der Stange halten.

7: Kann einer Anfängerin das Gefühl geben, wirklich zu tanzen.

8: Die Frauen stehen Schlange um mit ihm zu tanzen.

9: Die Musiker schauen auf seine Füsse während sie spielen.

Ich muss gestehen, ich fand das eine verflucht gute Reihenfolge. Auch wenn ich noch lange auf Level vier rumkriechen werde...

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Tangofestival Freiburg.

Samstag, 13. September 2008

Denzlingen bei Freiburg scheint finanziell gut ausgestattet zu sein: Das dortige Bürgerhaus wurde nicht gekleckert, sondern dahingeklotzt, bloss bei den Wegweisern war wohl kein Geld mehr übrig. Nun, wir haben es dennoch gefunden, und waren auf die Minute genau pünktlich zum Konzert mit Luis Stazo und dem Quinteto Ángel. Leider hatten sie sich zum Konzert genau die völlig untanzbare Musik aufgespart (für die wohl jede Band an einer Milonga geteert und gefedert würde), daher waren meine Ohren nicht sonderlich begeistert. Instrumentenbeherrschung? Ja, völlig. Rhythmus? Ja, ziemlich. Melodie? Fehlanzeige. Ich bin wohl zu sehr Pop-verwöhnt...

Nach dem Konzert gab es im grossen Saal eine Stunde lang Umbaupause, doch die Milonga im kleinen Saal war leider keine Alternative: Hier lief ausschliesslich "Fusion", und da es ja kaum mehr als eine Handvoll wirklich guter Elektrotangostücke gibt (steinigt mich!), wirkte das Ganze auf mich doch ziemlich öde. Ich hab im Verlaufe des Abends ein paarmal dort einen Blick hineingeworfen und nie mehr als fünf Paare auf der Fläche gesehen. Ist Elektrotango tatsächlich so unbeliebt oder war es dafür nur der falsche Anlass? Übermässig viel Leute hatte es eh nicht, und es wurden auch mehrere Workshops abgesagt.

Die Pausenstunde war dennoch mein persönliches Highlight: Am Stand von Raquel entdeckte ich nebst unzähligen Damenschuhen doch tatsächlich auch ein paar Herrentanzschuhe, und nach langem Hin- und Herdrehen und anprobieren hab ich die 130 Euro auf den Tisch gelegt und nenne nun ein elegantes anthrazit-schwarzes Paar meins. Mit...äh...drei Zentimetern Absatz, übrigens. Entpuppte sich dann auf der Tanzfläche als ziemlich ungewohnt, andererseits rutscht bei diesen Schuhen auch wirklich nur der Ballenteil.

Ach ja, die Abendmilonga: Wunderschöne Musik, viiiel Platz, cabeceo-unfreundliche Tische und improvisationsfreudige Showpaare: Als der DJ eines der gewünschten Stücke zum Vortanzen nicht auf Anhieb fand, klatschten die Zuschauer im Takt und das Paar tanzte darauf eine Milonga. Dann sprang Luis Stazo und seine Engelchen in die Bresche und füllte die Stille mit tanzbarer Musik. Auch sonst sorgten sie während der Milonga für Freude, denn im Gegensatz zum Konzert spielten sie nun die tanzbaren und melodiösen Stücke, und auch mein Applaus war deutlich stärker als noch zwei Stunden zuvor.

Fazit: Ein schönes Festival, dass aber wohl deutlich zuwenig Leute angezogen hat. Ich hoffe für den Veranstalter, dass ihm die Sache finanziell nicht das Genick gebrochen hat. Und das mit der "Fusion" ist halt immer so eine Sache. Muss Tango "cool" sein?

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Eine Überdosis Elektrotango.

Montag, 15. September 2008

Hänge ich zu fest am musikalischen Mainstream fest? Ich weiss es nicht. Jedenfalls bin ich heute ohne einen Tanz aus dem Les Garecons gelatscht. Zuerst waren die meisten Paare am Tanzen, dann habe ich kurz geplaudert, und dann fing die Elektrotango-Runde an. Eine gute halbe Stunde lang habe ich die ödesten Bummbumm-Stücke erduldet, dann bin ich geflüchtet. Bei nervtötender Musik sinkt meine Laune automatisch und ziemlich rasch, da verliere ich einfach jegliche Tanzlust. Dummerweise gibt es in Basel recht viele Milongas mit hohem Bummsmusik-Anteil...

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Dramatik und Eleganz im Falcone.

Donnerstag, 18. September 2008

Die Milonga von Argentango im westzürcherischen Falcone stand schon lange auf meiner Wunschliste: Die Organisatoren Monika und Christian sind bekannt dafür, dass sie auf Musikqualität wie auch auf Tanzfluss grossen Wert legen. Schon die Practica mit Roxana Suarez und Sebastian Achaval machte dies deutlich: Die erste Übung bestand darin, aussen und gleichzeitig fliessend zu tanzen, und bereits damit bekundeten einige Paare grössere Probleme. Danach gabs eine Sequenz, die zwar simpel zu merken, aber schwierig zu führen war. Fand ich zumindest.

Die Milonga war gutbesucht, doch der Saal im 1. Stock des Falcone ist glücklicherweise gross: Im Vergleich zu andere Milongas fiel mir nämlich kein ausserordentlich angenehmer Tanzfluss auf. Dennoch habe ich seit langem mal wieder ein wirklich schönes Tangofeeling verspürt: Eine nette Begleiterin, gute Musik und ein angenehmer Saal liessen mich spüren, dass es mit dem Tangofrust wohl vorläufig vorbei ist. Wird Zeit...

Roxana und Sebastian (beide übrigens so jung, dass ich mich fragte, ob die um die Zeit nicht schon im Bett sein müssten) gaben noch Showtänze zum Besten, und ich muss reichlich neidisch anerkennen, dass es verflucht harmonisch und elegant ausgesehen hat. Ein anderes Paar trat auch noch auf...ich glaube nicht, dass ich zuvor schon mal einen Milonguero gesehen habe, der mit Jeans _und_ Hosenträgern auftritt. Aber ich glaube das waren Porteños, und denen verzeiht man das. Schliesslich trat noch der Sänger Juan Adami zusammen mit dem Bandoneonisten Andres Pastori auf, dramatisch und gefühlvoll, das einzig Negative daran war, dass die Stücke nicht tanzbar waren.

Fazit: Practica und Milonga kosteten zusammen 35 Franken, das ist schon eine ganze Stange Geld. Und die Aschenbecher zwischen Theke und Tanzfläche verheissen im Zweifelsfall auch nicht allzuviel Gutes. Dafür war die Musik, die Lautstärke und der Platz wirklich gut, und selbst die von Argentiniern geführte Practica fand ich erstaunlicherweise hilfreich. Bloss: So richtig gewechselt wird trotz deutlichem Frauenüberschuss an der Milonga nicht, und ich war ganz froh, dass ich in Begleitung dort war.

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Salsa im Tanzpalast.

Samstag, 20. September 2008

Bislang fand ich es immer ziemlich unangenehm, an den Samstag-Abenden meiner Salsa-Lust zu fröhnen: Das Allegra ist nicht gerade gross, am Wochenende daher rasch überfüllt, der Lautstärkepegel ist ohrenbetäubend, zusammen mit der Zwangsgarderobe kostete der Eintritt 17 Franken und ausserdem ist es ziemlich verqualmt. Endlich gibt es eine Alternative: Im 14-Tage-Rhythmus findet nun im Tanzpalast "Salsa del sol" statt. Die vier Palmen machen aus dem etwas kahlen Raum zwar keinen südamerikanischen Strand, aber dafür hat man schön Platz und auch genügend Tanzvolk. Nur die Bässe dröhnten so laut und hässlich, dass ich mich stark nach meinem Arbeitsgehörschutz sehnte. Hm. Zu alt für den Salsa, zu jung für den Tango?

Da am Wochenende übrigens in Zürich wie Basel über den Nichtraucherschutz abgestimmt wird, kann ich mir ein paar Bemerkungen dazu doch nicht verkneifen: In der "wirklich ganz ganz toll viele Betriebe sind rauchfrei!!!!"-Liste des Basler Wirteverbandes ist auch das Allegra mit einem "Nichtraucherraum" aufgeführt. Ja, wohl ein "Nonfumoir", denn in dieser Ecke wird weder getanzt noch bedient. Also die rauchlose Variante dessen, was die Raucherlobby als unbedientes Fumoir strikt ablehnt. Die Ecke wird ausserdem oft auch für die Garderobe missbraucht und steht dann als Kuschelzone gar nicht mehr zur Verfügung. Viel witziger ist aber die Aussage des Wirteverbandes, es gäbe in Basel derzeit 106 reine Nichtraucherrestaurants. Tatsächlich? Nun, in der obigen Liste ist beispielsweise auch die interne Personalkantine der Basler Verkehrsbetriebe aufgeführt und wird daher auch mitgezählt. Wie auch das Personalrestaurant Novartis St. Johann. Und Novartis Klybeck. Und auf dem Novartis-Sportplatz Rosental gibts offenbar auch ein Restaurant. Dass es ein Personalrestaurant der Sport-Toto-Gesellschaft gibt, das wusste ich gar nicht. Immerhin, schon fünf Nichtraucherkneipen. Paradiesisch...

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Lebkuchen im Totentanz.

Freitag, 26. September 2008

Zugegeben, ich war faul. Die Musik war gut, der Boden war angenehm, einige schöne Tänze, dennoch bestand das Highlight ehrlich gesagt aus leckeren Lebkuchen, die jemand als Beitrag zum Buffet mitgebracht hatte. Mit dem Alter wird man halt träge. Zumal ich gedanklich eh schon in meinen Ferien bin, es bleibt hier nun für eine Woche leer...

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Baden zum Letzten.

Samstag, 4. Oktober 2008

Erneut bei Oscar in Baden: Gestenreich wurde verkündet, dass seine "Noche soy" noch im Dezember einmal stattfindet und danach finito ist. Die Gründe dafür wurden nicht so deutlich genannt, offenbar wollen sich Karin und Oscar auf Zürich konzentrieren und sind mit dem Badener Tanzzentrum nicht mehr ganz so glücklich.

Ich hab jedenfalls deutlich gespürt, dass ich eine Woche lang keinen Tango getanzt habe: Es lief doch eher harzig. Allerdings waren die Tangos in den ersten beiden Stunden äusserst monoton, und die Lautstärke war auch ziemlich ohrenbetäubend. Dafür gabs wie immer gute Schokolade. Und viele Rempeleien. Insofern: Eigentlich schade, dass es diese Milonga nicht mehr geben wird, aber gleichzeitig wächst die Hoffnung auf eine bessere Alternative...

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Wenn die Ablagefläche nass ist.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Was ist am Samstag noch ganz vergessen hatte: Das Tanzzentrum in Baden hat auf der Toilette neue Waschbecken. Eigentlich ist das ganz toll. Nur sind die Dinger keine eigentlichen Becken mehr, sondern in der Mitte ziemlich flach. Um diese Mitte verläuft eine kleine Rinne, aussen ist der Rand ganz leicht angehoben. Sieht somit aus wie ein Leichtathletikstadion mit aussen verlaufender Steilkurve. Weil der Wasserhahn relativ tief angeordnet ist, passen da keine riesigen Pranken dazwischen. Zum Glück hab ich ja zarte Hände. Aber die Frauen haben ganz andere Probleme: Wie mir am Samstag berichtet wurde, gibt es nun keine Abstellmöglichkeit für die Handtasche mehr. Denn das ganze "Brünneli", so flach es noch ist, ist eben nass. Und damit vor allem für Tangueras eher abschreckend. Verglichen damit herrschen im Basler Tanzpalast doch paradiesische Verhältnisse...

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Kampf um den Vollmond.

Samstag, 11. Oktober 2008

Eigentlich ist ja erst am Dienstag Vollmond, doch am Vollmond-Tango im Volkshaus sind schon heute ein paar Leute zu blutrünstigen Werwölfen mutiert: Es war eine ziemliche Kampfmilonga, und ich frage mich, wann es die ersten Milongas mit Sanitätsposten gibt. Oder Genesungskarten mit den Worten "Möge Dir ein sanfter Tango Trost für Deine Fleischwunden spenden", die beim Aufklappen eine Rennmilonga spielen.

Luis y Gabriela haben zu später Stunde noch vier Tänze gezeigt, Oscar hat wie immer fest mit der Lautstärke gespielt (ich muss endlich mal ausprobieren, ob man auch mit einem Arbeitsgehörschutz noch geschlossen tanzen kann) und ich hab nach einer Woche Tangoabstinenz mal wieder die Hälfte verlernt. Immerhin: Keine Kerzenständer und brauchbare Waschbecken.

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Didaktik und die Quadratur des Kreises.

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Das zweitemal im Kurs bei Joachim und Michelle, und nebst den Ganchos von letzter Woche waren heute Ganchos mit zusätzlichen eleganten Schrittkombinationen dran. Bei aller guter Didaktik der Beiden frage ich mich allerdings, warum auch Tangolehrer mit jahrelanger Erfahrung sich immer so schwer damit tun, die Führenden durch längere Schrittkombinationen mindestens einmal durchzusprechen. Schliesslich können sich die wenigsten Menschen eine Kombination rein visuell merken. Stattdessen wird eine Figur lieber 37mal vorgezeigt und hinterher bei jedem Paar einzeln nochmals erklärt. In dieser Hinsicht ist jeder Lindyhop- und Salsalehrer auf dieser Welt besser als die grössten Tangomaestros.

Als neulich Argentango im Tanzpalast aufgelegt hatte, waren die Stühle mal wieder wohltuend quadratisch angeordnet. Ein erfahrener Tänzer meinte schon vor langer Zeit mal, das Tango ursprünglich eher selten in Wigwams getanzt worden ist und eine Kreismilonga nur die Zahl der möglichen Zusammenstösse erhöht. Nun, vielleicht lag es nur an der Bequemlichkeit, aber seit zwei Wochen bietet die Sonntagsmilonga im Tanzpalast jedenfalls wieder lange Geraden und keine Kreise mehr. Experimente sind zwar immer spannend, aber ich finds so auch deutlich angenehmer.

Ausserdem habe ich gerade heute eine Frau getroffen, die ich schon seit vielen Wochen nicht mehr auf einer Milonga gesehen habe. "Weisst Du, ich war im Sommer an einem Festival, und das hat mich so begeistert. Dann kam ich nach Basel zurück, und hier waren die Milongas irgendwie vergleichsweise so öde. Daher war ich schon lange nicht mehr tanzen...", erzählte sie. Ja, kenn ich. Aber ich wurde ja vor allem von Führenden oft genug über die lange Durststrecke vorgewarnt. Letzte Woche meinte jemand im Kurs (er tanzt nun vier Jahre Tango), nach zwei Jahren sei er mehrmals nahe daran gewesen, mit dem Tango aufzuhören. Ja, kenn ich auch. Obwohl...ich hab ja noch gar keine zwei Jahre...:-/

Ein Festival um die Ecke wäre allerdings angekündigt: Ende November startet in Freiburg im Breisgau Tangomafia 2. Der Webdesigner lässt mich allerdings mangels Flash nicht auf die Seite, daher gibts keine Kerzenständer-Prognosen...

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Milonga mit Cruzado.

Samstag, 8. November 2008

Milonga-Workshop mit Eric Jorissen im Tanzpalast. Erste Aufgabe: Beim Tanzen am Rande der Tanzfläche bleiben. Wow, kann ich sogar, ist allerdings für einige andere Tänzer eine sichtlich schwierige Aufgabe. Wir erproben diverse Varianten, während einer rasanten Milonga zu kreuzen, und Eric zeigt die Sachen nicht nur vor, sondern spricht die Teilnehmer regelrecht durch die Schrittabläufe durch. Bisher hab ich immer gelästert, dass Tangolehrer nie solche Walk-thrus machen, wie sie bei Salsa oder Lindyhop schon längst üblich sind. Offenbar gibt es löbliche Ausnahmen. Für mich ist das Lernen so jedenfalls deutlich einfacher: Workshops sind sonst meistens purer Stress, weil ich mir die Schrittkombinationen nicht schnell genug merken und mich daher kaum auf das saubere Führen konzentrieren kann.

Überraschung Nummer zwei: Ich kann jetzt endlich in der geschlossenen Umarmung das Kreuz einigermassen deutlich führen. Eric hat mir das nicht ausschweifend erklärt (wie schon so viele vor ihm), sondern hat einfach mal kurz meine Gürtelschnallen als Führungsinstrument missbraucht. Mein Grosshirn weiss nun zwar noch nicht, was mein Kleinhirn da genau macht, aber irgendwann kommt das schon. Hoff ich.

Aller guten Dinge sind drei, schliesslich lästerte Eric sogar noch über diejenigen Frauen und Männer, die ihre Tanzpartner beim Tanzen auf Abstand halten. "Ihr müsst bereit sein, alles zu geben", so seine Worte. Bin mal auf morgen gespannt...

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Ganchos, Ganchos und Ganchos.

Donnerstag, 13. November 2008

Vierter Abend im Clarahof: Wir beschäftigen uns noch immer mit...ja, genau, mit Ganchos. Nicht, dass ich was gegen Ganchos hätte, und verschiedene Ausgänge aus einer Figur sind ja auch nie schlecht. Aber ich hoffe innerlich irgendwie schon, dass wir in diesem Kurszyklus noch was anderes machen...

Basel dürfte vermutlich die Stadt in dieser Welt sein, wo regelmässig am meisten Milongas wegen Terminkollisionen abgesagt werden. Irma hat ihre Freitags-Spontanmilonga bei Tangoinfo wieder rausgenommen, da Joachim vis-a-vis des Tanzpalastes in den Untergrund einlädt und die Tangoschule jetzt Sensacion im Volkshaus macht. Ich werd dahin gehen, wo ich mir die beste Musik erhoffe...

Da ich neulich über das generelle cineastische Desinteresse von Tanzpartnerinnen gelästert hatte: Indiana Jones 4 war langweilig (die einzige wirklich lustige Szene ist die mit der Schlange...), Stirb Langsam 4.0 kam an den Vorgänger nicht mal entfernt heran, einzig Saw IV hatte ein cooles Finale...

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Der Haken und die Geschlechtervorlieben.

Donnerstag, 20. November 2008

Tango-Fachwort für Beinhaken mit sechs Buchstaben? Ja, genau, das war heute am Kursabend das wenig überraschende Thema. Zugegeben, wenn man es kann, dann sieht es ganz chic aus. Aber bis zum Guru sind es ja noch mindestens acht Jahre...

Am Mittwoch kam eine Tanzpartnerin übrigens nicht in die Practica, weil sie sich am Fernsehen das Fussballspiel Deutschland-England ansehen wollte. Die weibliche Vorliebe für verdreckt einem Ball hinterherrennenden Männer ist mir ja seit der Euro08 gut bekannt, also dachte ich, wagen wir uns mal einfach so in die Practica, denn so ein Spiel wollen doch sicher auch viele Männer sehen. Irrtum, es gab in der Practica deutlichen Männerüberschuss. Vielleicht sollte ich abwarten, bis das nächstemal "Titanic" im Fernsehen kommt...

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Nochmals Ganchos, aber richtig.

Montag, 8. Dezember 2008

Nachdem ich letztes Wochenende bereits das Vergnügen zu einem Workshop bei Özgür hatte (und dort gelernt habe, dass Kreuzen nebst Links und Rechts auch Rückwärts geht) gab es heute mal wieder eine Privatstunde: Endlich wurde mir klar, dass ein Gancho eigentlich nur ein Giro mit einer kleinen Blockade ist. So habe ich führungstechnisch in einer Stunde das gelernt, was ich die letzten sechs Wochen im Kurs irgendwie nicht kapiert habe. Irgendwie scheint mir das Preis-/Leistungsverhältnis einer Privatstunde um Welten besser zu sein als dasjenige eines regulären Kurses gemeinsam mit zwölf anderen Paaren. Oder bin ich nur ein wenig lernbehindert? In der nächsten Stunde am Freitag wollen wir meine Voleos anschauen, er fand, ich führe das Zeug irgendwie seltsam...

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Die Flucht der Frauen.

Mittwoch, 11. Dezember 2008

Nein, sie flüchteten nicht vor mir. Glaub ich zumindest. Jedenfalls waren wir als Kompensation für den letzten Donnerstag Abend (wo ich ausnahmsweise mal Geld verdienen musste) heute im Mittwochskurs im Union. Etwa die Hälfte der Paare hatte ich schonmal gesehen, als ich in just diesem Kurs früher mal ausgeholfen hatte. Damals wie heute überraschte mich ein erstaunliches Phänomen: Als Joachim in der Mitte des Kurses die magischen Worte "und das probieren wir jetzt mal mit einem anderen Partner" aussprach, drängelten fast alle Frauen ziemlich blitzartig in Uhrzeigersinnrichtung irgendwohin. Welchen Mann oder gar welche Männer hier aus welchem Grund gemieden werden konnte ich nicht herausfinden. Aber ich hab mich ja auch schon führen lassen und weiss auch, dass man da rasch ein wenig wählerisch wird.

Nur scheint mir das Thema "Partnerwechsel" auch in anderen Tangokursen eher verkrampft angegangen zu werden, wenn es denn überhaupt existiert. Da ziehe ich doch einfach mal wieder meine "Bei Salsa ist alles besser und einfacher"-Karte aus dem Hut und schlage vor, zwischendurch einfach einen Kreis zu bilden und im 30 Sekunden-Rhythmus jeweils um einen Partner weiterzuhüpfen. So lange sollte frau es auch mit Brutalotänzern aushalten. Notfalls kann man da ja immer noch auf die Toilette gehen. So gibt es neue Einnahmequellen der Tangoschulen: Für kontaktscheue Menschen kann man teure "Kurse für Paare anbieten". Hm, obwohl, dann kriegen die anderen Kurse ja automatisch den stigmatisierenden Stempel "Kurse für Singles" verpasst. Woraufhin sich dann wieder alle genötigt fühlen, in die Kontaktinserate "ich will nur tanzen" hineinzuschreiben. Was für noch mehr Verkrampfung sorgt. Fazit: Lassen wir es so, wie es ist...

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Überholverbote, Abstandsvorschriften und ein Weihnachtswunder.

Sonntag, 28. Dezember 2008

Wochenendkurs bei Cécile und Romeo: "Tango Salon -- Figuren für Tanzen auf engem Raum, Spiel mit dem Rhythmus". In der Tat ging es um feinfühlige Führung, subtile und dennoch klare Gewichtswechsel und ums Drehen: Mittlerweile schaffe ich sogar geschlossen eine halbe Molinette, ohne dass sich meine Füsse dabei verknoten. Zugegeben, erst nach links, aber umgekehrt habe ichs auch auf der Piste auch noch nie elegant gesehen. Ausserdem machten Cécile und Romeo bei einer etwas anspruchsvolleren Sequenz einen Walk-thru, zeigten die Kombination also nicht einfach nur vor. Äusserst angenehm, wenn man sich als Führender bei sowas mal richtig auf die Technik konzentrieren kann.

Meine Augen begannen allerdings richtig zu glänzen, als sie die Tanzfläche mit Stühlen auf einen Drittel verkleinerten: Nun mussten die sieben Paare in drei Gruppen tanzen, jederzeit bei der eigenen Gruppe bleiben und den Abstand zu den anderen Gruppen nicht verändern. Danach tanzten die Paare wieder einzeln, aber auch hier mit konstant gleichem Abstand zum nächsten Paar sowie natürlich Überholverbot. Der Wahnsinn: Es funktionierte, keines der Paare schien damit grosse Probleme zu haben. Was an fast jeder Milonga sichtlich nicht geht, das funktioniert plötzlich an einem Kurs, der für Tänzer "ab einem Jahr Tango" ausgeschrieben ist! Zeichen und Wunder? Oder lag es daran, dass die Rempelakrobatiker sich nicht in "Tangosalon"-Workshops verirren? Man stelle sich vor, an jedem Kursabend jeder Schule würde dies für eine halbe Stunde lang jeweils geübt -- die Milongas wären nach wenigen Wochen kaum wiederzuerkennen.

Abends noch ein bisschen im Tanzpalast geübt: Viel Platz, wenig Leute. Dafür dröhnten die Boxen heute gar fürchterlich. Natürlich könnte man einen Arbeitsgehörschutz tragen, aber dann klappen die geschlossenen Drehungen nicht mehr...

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