Noch immer auf dem Weg...

Milonga im Aya

Freitag, 6. Januar 2011

Freiburg, Dreikönigsmilonga am frühen Abend im Aya. Trotz Feiertag scheint es hier keinen Dreikönigskuchen zu geben. Schlimm. Dafür ziemlichen Männermangel, und das wirkt irgendwie belebend auf die Cabeceos. Leider einige Zwangspausen wegen der Musik, definitiv anstrengender ist allerdings die miserable Soundqualität.

Dann wird eine Tanguera sogar noch todesmutig: Seit etwa eineinhalb Jahren "schuldet" sie mir eine Milonga, und heute lassen wir es endlich krachen. Kurz vor neun dann die Cumparsita im Dreivierteltakt(!). Noch weiter ins Corazon? Nein, ich bin zu müde (und eh glücklich), ausserdem ist das Spätangebot der Deutschen Bahn an Feiertagen arg eingeschränkt...

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Schmalspur-Orchester im Pulverturm

Sonntag, 8. Januar 2011

Nachmittagsmilonga im Pulverturm in Zug mit DJ Yves aus Basel. Das Schwarzpulver lagert hier zwar schon lange nicht mehr, aber direkt am Rande der Tanzfläche im zweiten Stock hängen Schwert und Degen griffbereit. Nur für den Notfall, versteht sich, falls etwa der DJ oder ein Rempler sich besonders unanständig verhalten sollte.

Zum Zustechen wäre es allerdings eh etwas düster, und mit zunehmenden konzertanten, Dudel- und Standardtangos ziehen auch einige Wolken am musikalischen Horizont auf. Dazu kommt der zweifelhafte Brüllwürfel, der die dünn instrumentierten modernen Orchester noch dünner klingen lässt. Das ist schade, weil die runden Wände eigentlich akustisch ganz brauchbar wären. Dafür exzellente Kuchenversorgung. Irgendwann gelingen sogar zwei Cabeceos auf etwa zwei Meter Entfernung. Für die Innerschweiz ist das viel.

Rätsel um Blutspuren in der Herrentoilette, philosophische Diskussionen um kreisrunde Tanzflächen und tiiief versenkbare Sitze. So ein Pulverturm ist mysteriös.

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Kommentar von Tüpflischiisser

Willkommen im Jahr 2012:-)

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Antwort von Patrick

Aaargh! Jetzt, wo ich mich ans 2011 gewöhnt habe. Vielleicht habe ich gehofft, den Maya-Weltuntergang noch ein wenig hinauszuzögern...

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Mit Tango gegen das Klima und den Wandel

Mittwoch, 11. Januar 2012

Wir alle lieben die Urheberrechtsgesellschaften. Ob Suisa oder Gema, das Inkasso sorgt vor allem bei Veranstaltern von Winzmilongas stets für Freude. Schliesslich landet das Geld ja da, wo es landen sollte. Heute hat Alessandro von der Suisa nachgedoppelt. Alessandro macht bei der Suisa die Berufsmaturität und nutzt den Kundenkreis für eine Internetumfrage zu "Methoden der Rechnungsstellung". Ich war gespannt. Tatsächlich tauchen dann aber zuerst Fragen auf, ob man etwa von der Wirtschaftskrise oder dem drohenden Klimawandel am meisten beunruhigt sei. Und ob man die Raumtemperatur runterschraubt und weniger auf Papier druckt. Immerhin darf man dann noch sagen, ob der Suisa-Kundendienst seine Arbeit gut macht.

Ich weiss, der Vergleich hinkt ein wenig. Aber man stelle sich mal vor, irgendwo in Kalabrien würde man als Restaurantbesitzer kurz vor der monatlichen Fälligkeit des Schutzgeldes von einem jungen Kerl besucht, der sich als Neffe von Onkel Leo vorstellt und fragt, ob man die Einführung von bleifreien Kugeln in den Revolvern befürworte. Gesund sterben ist schliesslich in, und die Umweltbelastung kann so auch deutlich verringert werden. Einbetonierte Gebeine auf dem Meeresgrund sind ja Greenpeace schon lange ein Dorn im Auge.

Warum der Sarkasmus? Nun, die Suisa fordert tatsächlich groben Unsinn wie etwa gerichtlich abgesegnete IP-Adressjägerei nach Deutschem Vorbild oder Internetsperren nach dreimaligem Download wie in Frankreich. Vielleicht liegt das an mir, bei Begriffen wie "Methoden der Rechnungsstellung" kann ich in diesem Zusammenhang nur noch hilflos kichern. Aber zitieren wir mal aus dem Parlament vom Sommer 2010:

Wenn Sie sich um die Künstlerinnen und Künstler kümmern wollen, dann sorgen Sie dafür, dass dieses Geld nicht in den Verwertungsgesellschaften bleibt. Das muss das Ziel sein. (Simonetta Sommaruga, damals noch SP-Ständerätin)

Laut dem Branchenverband IFPI sind die Einnahmen aus der Online-Verwertung von Musik in den letzten sechs Jahren von 20 Millionen Dollar auf 4,2 Milliarden Dollar angestiegen und machen nun 27 Prozent der Einnahmen aus. Irgendwo liegt ja dieses Geld dann, und eigentlich sollte es bei den Urhebern liegen und nicht bei den Verwertungsgesellschaften. (Eveline Widmer-Schlumpf, Bundesrätin)

Alles klar? Die Urheberrechtsgesellschaften investieren in den Klimawandel sowie in Online-Abzockmodelle, und wir finanzieren das mit unseren Milongabesuchen kräftig mit. Ist Tango nicht schön?

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Kommentar von Joachim

Danke für die wahrhaft aufrüttelnde Info. Eigentlich wollte ich ja zum Vollmondtango, aber angesichts der verbrecherischen Suisa bleibt mir nichts andres übrig, als zuhause sitzen zu bleiben, Schweizer Winzmilongas wie auch das Osterfestival nun völlig zu boykottieren und ins benachbarte Ausland auszuweichen, wo die GEMA den Veranstaltern den roten Teppich ausrollt, Fragebögen mit Vanillegeschmack und Gratis-Gutscheinen für iTunes, Amazon und wie das Linux-Pendant auch immer heissen mag, verteilt und ansonsten auch kein GEMA Angestellter mehr als 2 Mercedes als Dienstwagen beantragen darf.

Ha! Da wird ihnen die bleifreie Kugel auf der Zunge liegen bleiben, so. Jawohl.

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Kommentar von Tangonegro

Schöner Text Joachim. Aber leider versteh ich vor lauter Sarkasmus und Ironie nicht viel davon!

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Lebensfragen im El Sur

Samstag, 14. Januar 2012

Freiburg, El Sur. Zu Beginn drehen wir Männer mal wieder ein wenig Däumchen, später dreht es in einen veritablen Männermangel. Ja, viele ausgerollte Teppiche. Schöne Tänze, wobei ich heute irgendwie müde und unkonzentriert bin. Jedenfalls stolpere und remple ich gewaltig in der Gegend herum.

Das gibt mir immerhin Raum für neue Erkenntnisse: Der DJ in der Neo-Lounge beispielsweise hält satte drei Stühle für die DJ-Groupies bereit. Ha! Ich wusste, damals(tm) bei meiner Milonga hatte ich einen Fehler gemacht.

Ach ja, und von einer Asiatin habe ich erfahren, dass zwischen Deutschen und Schweizern eigentlich kaum Unterschiede bestünden. Wahnsinn. Wo doch jeder weiss, dass Deutsche einen Topf nicht von einer Pfanne unterscheiden können.

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Kommentar von swing

Seh ich auch wie die Asiatin.Nun gut:die Freiburger sind evtl. beim cabeceo etwas (auch nur etwas) munterer als die Basler.Dafür sind die Schweizer oft wirklich einen Schlag perfekter.Kann man bei den Preisen aber auch erwarten!Gruß/Grüetzi.

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Cindy in Bern

Samstag, 21. Januar 2012

Nach langer Zeit mal wieder zu Che Tango. Übersichtliche Runde, kombiniert mit deutlichem Männermangel. Schöne Tänze, kaum Zeit für den Kuchen. Allerdings einige Zwangspausen, weil ich mit dem Musikmix nicht ganz so warm werde. Gut, kein Kind der 80er-Jahre verschmäht Cindy Lauper.

In dem Zusammenhang sind mir aber viele Tanzpartnerinnen ein Rätsel. Manche Frauen reagieren irritiert, wenn im letzten Lied der Tanda ein anderer Sänger das Zepter übernimmt. Andere Frauen sind irritiert, wenn man andeutet, dass man zu diesem Lied grad nichts sinnvolles tanzen könne. Wohl dem Manne, der dann die Rolle wechseln kann...

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Kommentar von Joachim

Vom Tanzen zum Singen? ich weiss ja nicht...

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Antwort von Patrick

Das sei ferne. Das Treuefenster(tm) so mancher Tanguera vergrössert sich erheblich, wenn man nicht singt. Zumindest dann, wenn man nicht Alberto Castillo ist.

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Kommentar von Joachim

Der war ja auch Gynäkologe. Bevor er Sänger wurde. Die Kombination ist natürlich, hmm, nicht unpraktisch. Siehe auch Wikipedia.

"Castillo war auch ausgebildeter Arzt. Diese Tatsache überzeugte die Eltern seiner Verlobten, ihre Tochter Castillo heiraten zu lassen (nur ein „Tangosänger“ zu sein, wäre nicht genug gewesen). In dem Film „Luna de Avellaneda“ wird auf seine Ausbildung angespielt, als Castillo nach einem Auftritt beim Karneval als Geburtshelfer einspringt."

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Kommentar von Ratatouille

Der Hut des DJs bürgt doch für Authentizität. So wird Cindy Lauper fast mühelos zur kleinen Schwester von Castillo. Castillo kann sich nicht dagegen wehren. Nur muss das der Tanguero auch merken.

Du weisst ja, es ist in der Schweiz gefährlich die Autorität eines Hutes nicht anzuerkennen.

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Antwort von Patrick

Mein Hut der hat drei Ecken. Das unterscheidet ihn zumindest geometrisch von einer richtigen Tanzfläche. Für die Personifizierung des Bösen braucht der moderne Tanguero ja den Gessler eh nicht mehr. Dafür gibt es doch Otros Aires und Co.

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Kommentar von Namenlos

Die Frage ist hier: Wo war der Hut des DJs wenn nicht auf seinem Kopf. Joachim, der Sturm, meine ich, kann ihn nicht weggeblasen haben, denn der hat sich schon längstens in den tangomässig uninteressanten Steppen im Osten totgelaufen. Vielleicht hing er auf der Garderobestange oder zum Aufdicken des Sounds auf der Lautsprechersäule. Jedenfalls ist der Autoritätsverlust des DJs ohne Hut offensichtlich, sonst würde man sich hier nicht über Cindy Lauper lustig machen.

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Ein String in Frankfurt

Freitag, 3. Februar 2012

Frankfurt, Brotfabrik. Heute 6-Jahre-Jubiläum. Die Verlosung ist unterhaltsam, da sich die Veranstalterin und die Lotto-Fee nicht darauf einigen können, ob der Hauptpreis nur für ein bestimmtes Konzert oder irgendein Konzert in der Brotfabrik gilt. Ich stelle mir im Geiste vor, wie jemand zu Otros Aires will, dann aber zu einem Howard Carpendale-Konzertbesuch gezwungen wird. Preise sind tückisch.

Viele schöne Tänze. Meinen wertvollen Jeton für den Begrüssungssekt hingegen versuche ich den ganzen Abend über vergeblich loszuwerden. Dafür wird meine Aufmerksamkeit auf ein ziemlich enges...äh...Kleid gelenkt, unter dem sich ausserordentlich deutlich etwas abzeichnet, was man gemeinhin wohl "String" nennt. Zwei Damen neben mir haben sich minutenlang gegenseitig ihrer tiefsten Empörung versichert. Man muss das pragmatisch sehen: Ein Schild mit der Aufschrift "Ich tanze nur mit Gurus" wäre deutlich unpraktischer...

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Über die Kälte und eine Plastikmünze

Samstag, 4. Februar 2012

Destino, Frankfurt. Auf dem Weg zur Milonga kreuze ich die Occupy-Bewegung vor der EZB und muss zugeben, schon der Anblick der Zelte lässt mich zusätzlich frieren. Am Rande des Mains treiben sogar winzige Eisschollen vor sich hin. In der Milonga brauche ich dann erstmal zwei Tandas, um überhaupt körperlich aufzutauen. Im warmen Sommer wird man vielleich träge, aber im kalten Winter werde ich richtig steif. Ich brauche eine Winterresidenz in Buenos Aires...

Irgendwann ist der Eisblock dann glücklicherweise geschmolzen, und so konnte ich genüsslich in den Umarmungen und der Musik versinken. Dazu gab es dann noch topaktuelle Milonga-Tipps für Paris sowie wiederum keine Möglichkeit, meinen wertvollen Brotfabrik-Jeton vom Vorabend loszuwerden. Ich legte ihn auf eine winzige Schokolade, um mir diese zu sichern, doch nach der Cumparsita war die Schokolade weg, der Jeton lag noch da. Vielleicht hätte ich mir das Lied "dame la lata" wünschen sollen.

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Muskelspannung in Freiburg

Freitag, 10. Februar 2012

Freiburg, Vauban. Milonga 037. Also 42 minus 5 (kleiner Insiderscherz). Ein kühler Raum, eine noch kühlere Toilette mit eiskaltem Wasser. Immerhin, nach einigen Tänzen taue ich auf. Leider erwische ich auch eine Tänzerin mit einem kräftigen rechten Arm, und schon nach einer Tanda sind die Muskeln in meiner linken Schultergegend restlos erschöpft.

Ab diesem Punkt tut die Schulter nur noch weh, und auch die sanfteste Haltung einer vorsichtigen Tanguera trägt zur Entspannung nicht mehr viel bei. Ich gebe auf, zumal die Lautstärke wie auch die Klangqualität eh schon im unangenehmen Bereich sind und kurz nach Mitternacht die meisten Leute nach Hause gegangen sind. Armhaltung ist eine Wissenschaft. Ich hab mich schon oft gewundert, wieviele Männer die rechte Hand der Frau in einer Art WC-Ente-Haltung fixieren. Jetzt weiss ich es endlich...

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Kommentar von Joachim

Wenige Fragen an den Chronisten: In welchem WC hast Du schon mal Enten gesehen, welcher Art auch immer? Ich kenne nur diese gelben Gummiteile mit feschem orangenen Schnabel, die quietschen, wenn man sie mangels Cabeceo-Erfahrung an Tangueraköpfe wirft.

Aber die "ich trag hier jetzt mal den Scheuerlappen weg" Handhaltung macht ästhetisch auch nur minimal mehr Pluspunkte. Wenn überhaupt. Dagegen das optimistische "Dominatorthumb-up!" Handbild, da wüsste man, vielleicht auch frau, wo mann glaubt, dass es lang geht mit dem Guru. Solltest Du mal testen.

Nicht verwechseln mit "häng die Hand an den Daumen, darling". Der Dominatorthumb zeigt auf direktem Weg zu Sonne im Zenit (quasi Deckenleuchter), aber der Zeigefinger darf dabei auf Dein Götterantlitz weisen.

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Kommentar von Mikamou

Dass die Milonga 037 nur fünf Schritte von der ultimativen (Tango-)Antwort entfernt ist wundert mich jetzt aber. Bist du denn der ultimativen Frage schon auf der Spur? Die Frage nach der Handhaltung, die Joachim ja teilweise beantwortet hat, kann es ja nicht sein.

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Kommentar von Peter Fangmeier

Hallo Patrick, kämfpst du noch ... oder tanzt du schon ? (frei nach einem möbelhaus...)

die ursache deiner schulterprobleme ist deine armhaltung. wenn du deinen tanzpartnerinnen den arm ins schultergelenk drückst spürt sie das... und um den schmerz zu veringern drückt sie dagegen, jetzt hast du das problem. viele tänzer kontern dann mit dem hinweis das die partnerin drücken würde, allerdings ist das ja in diesem fall nur selbstverteidigung. besser wäre ist den linken arm einfach zu senken und in zukunft darauf zu achten das schultergelenk deiner tanzpartnerinnen nicht zu überstrecken. den betroffenen tänzerinnen rate ich folgendes:

nicht dagegen zu drücken (was aus verschiedenen gründen sinnlos ist,) sondern einfach den arm kraftlos fallen zu lassen. ich hab früher auch so getanzt, aber eine partnerin im kurs hat sich darüber beschwert und wir haben dann mit dem lehrer die ursache (mein armdrücken) gefunden. allderdings hat es seine zeit gedauert die armhaltung umzustellen. wir können ja darüber reden wenn du wieder mal im rhein-main gebiet bist

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Kommentar von ichwardabei

Für die Erweiterung von Joachim´s Wissenshorizont (Wikipedia) sogar mit Bild ;-)und die Firma kommt sogar aus der Schweiz!

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Kommentar von Joachim

Aaaaah, Danke, "ichwardabei". Migros hat die, glaube ich, nicht. Jedenfalls sind die Flaschenversionen, die mir bekannt sind, nur mit schrägem Ausguss, ohne den verspielten Hals.

"Ich hab mich schon oft gewundert, wieviele Männer die rechte Hand der Frau in einer Art WC-Ente-Haltung fixieren." Zum fixieren sind Gipsbinden eigentlich auch noch praktisch. Auch später zum Begrüssungssekt halten.

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Unvatikanische Kritik am heidnischen Vals

Sonntag, 26. Februar 2012

Wenn Cassiel drei Jahre alt wird, dann will man natürlich gratulieren. Bloss, seine Geburtstagsrede kann ich so nicht stehen lassen. Aus technischen Gründen kann ich bei Blogger.com seit geraumer Zeit nicht mehr kommentieren, somit mache ich das eben hier zum Thema. Ein kleiner Ausschnitt aus dem oben verlinkten Artikel:

In der öffentlichen Diskussion um unseren Noch-Bundespräsidenten zitierte einmal eine Journalistin in einem Artikel den Philosophen Robert Spaemann. Er prägte den Begriff der radikal relativistischen Gesellschaft und ich denke, dieser Begriff ist auch im Tango-Kontext betrachtenswert.

[...]

Mit dem Begriff der radikal relativistischen Gesellschaft umschreibt er den Umstand, daß breite Schichten unserer Gesellschaft sich heute kaum noch trauen, subjektive Wahrheiten zu benennen. Schreibt man beispielsweise heutzutage über den eigenen Tango-Begriff und definiert diesen deutlich traditionell, dann ist das im sozialen Nahfeld inzwischen ungefähr genauso beliebt wie ein fetter Pickel.

Nun, ich bin ja auch gerne ganz vorne dabei, wenn es darum geht, über irgendwelchen Unsinn zu lästern. Aber Robert Spaemann zu zitieren um das Lästern über Akrobatik-Tangos zu legitimieren, hui, da wird mir jetzt richtig schlecht. Dieses Interview hier von Spaemann ist keine Jugendsünde, sondern knapp ein Jahr alt. Da wartet ein Kulturpessimist auf den Antichristen. Übernimmt im Tango also bald Otros Aires? Ich bin ja mit meinen Referenzen auch nicht immer ganz wählerisch, aber muss es wirklich ein Typ aus dem vatikanischen Dschungelcamp sein?

Musik-Diskussionen betreffen übrigens nicht nur Nontangos. Auch beim Salsa streitet man sich leidenschaftlich, ob die ganzen mit einer Clave unterlegten Discolieder noch reinpassen. Und ob Zumba dazugehört. Abgesehen davon: Sind Ego-Booster nur bei Neo-Akrobaten zu finden? Ich sehe grad nicht, was an einer geschlossenen Umarmung weniger Ego-zentriert sein soll. Und man kann auch im Milonguero-Stil rücksichtslos tanzen.

Natürlich wird mit dem Fundi-Begriff viel Unsinn getrieben. Ich selbst war zehn lange Jahre in der christlichen Fundi-Szene zuhause, und ich habe für diesen Fehler einen hohen Preis bezahlt. Der Ausstieg ist nun knapp 14 Jahre her, und ich bin mir ziemlich sicher, denselben Fehler nicht erneut zu begehen. Deshalb mag ich beim Tango weder die fromme noch die unfromme Version der Zeugen Jehovas. Spaemann hat hier ganz bestimmt nichts verloren.

Spaemann predigt, man solle darauf vertrauen, dass im muffigen, dunklen Keller irgendwo die schwarze Katze hockt, denn alles andere gehe sowieso vor die Hunde. Das ist ein genauso billiger Taschenspielertrick wie der von Cassiel im Beitrag verwendete mit dem Relativismus. Auch der Agnostiker in mir hat kein Gerät, um das Nichtvorhandensein einer Katze zu beweisen. Aber was soll die Suche, wenn draussen das Leben lockt?

Als Alternative zu Spaemann möchte ich Umberto Eco anführen, ich mag seine Ode an den Schabernack. Nachzulesen im Finale von "Der Name der Rose". Da hilft dann das Lächeln vielleicht darüber hinweg, dass man den Betonpfeiler der Allgemeingültigkeit nicht besitzt. La petite Mort taugt jedenfalls bestimmt nicht als Tangovals. Woher ich das weiss? Ich habs ausprobiert.

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Kommentar von Mikamou

Ich danke dir für diesen Beitrag, der, für mich positiv, mit den grösstenteils einhelligen Kommentaren kontrastiert.

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Kommentar von Cassiel

Wunderbar! Da gibt es ja wieder den Begriff des "Fundamentalismus". Niemand wird ernsthaft auf die Idee kommen zu behaupten, ein Klavier würde mit einem Bogen gespielt (oder eine Violine hätte Tasten) - nur bei abstrakteren Begriffen tun wir uns schwer über Wahrheiten (seien sie nun subjektiv oder objektiv) zu debattieren oder einfach nur zu reden. Wir verwässern Begriffe, bis nichts mehr vom Kern übrig bleibt. Ich will das meinen Mitmenschen nicht nehmen - ich mag mich nur nicht mehr an solchen Diskussionen beteiligen.

Deine Erfahrungen in einem christlich fundamentalen Umfeld mögen prägend gewesen sein, daraus nun eine totale Relativierung abzuleiten halte ich für gewagt.

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Kommentar von Ratatouille

....Aber was soll die Suche, wenn draussen das Leben lockt?....

ein schöner und wichtiger Text, den du hier geschrieben hast. Leider werden die meisten Leute nicht verstehen um was es hier geht. Jedenfalls die, die bei Cassiel nicht mitlesen.

Schon dein Beitrag über dein Tangoleben als Grenzgänger haben mich aufhorchen lassen und machen Lust auf mehr tiefergreifende Gedanken von dir. Es muss ja nicht jeder Beitrag in die Sphäre des höheren Blödsinns, des Sarkasmus oder Zynismus abdriften. Wobei ich auch das mag.

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Antwort von Patrick

Cassiel, meine Erfahrungen bei den Fundis führen nicht zu Relativierungen, sie haben meinen Bullshit-Detektor perfektioniert. Wahrheiten mögen subjektiv oder objektiv sein, das Problem mit ihnen ist, dass sie meistens völlig willkürlich ausgewählt worden sind. Du willst den Tango der 1940er Jahre verteidigen? Fein! Möglicherweise gab es damals Leute, die diese Kommerzialisierung hassten und betonten, den wahren Tango habe man 1905 getanzt. Obwohl...waren die Ursprünge nicht 1890? Was ist denn nun "traditioneller Tango"?

Verteidige ruhig Deine Überzeugungen (das tue ich ja auch), aber es wird einfach lächerlich, wenn Du dabei mit Rosinante unter dem Hintern päpstlichen Begleitschutz verlangst. Der Glaube ist frei, nur ist dummerweise jede Sollbruchstelle zwischen Glauben und Aberglauben ebenfalls völlig willkürlich gewählt. Genau dieser letzte Punkt wird von Fundamentalisten beharrlich geleugnet, und Du musst selbst wissen, ob Du Dir diesen Schuh anziehen willst.

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Kommentar von Cassiel

Aha! Daher weht also der Wind. Es geht um das Zitat. OK! Beim nächsten Mal bemühe ich dann Marx oder Lenin und das übernächste Mal gibt es Aleister Crowley (für die Freunde der Esoterik). Bekommst Du dann auch allergische Reaktionen?

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Antwort von Patrick

Cassiel, lies doch Deinen Beitrag mal mit etwas Distanz. Du fabulierst ewig über den Relativismus und seinen angeblichen Widerspruch, ohne wenigstens in einem Nebensatz fairerweise zu erwähnen, dass der Relativismus eben keinen Absolutheitsanspruch hat. So konstruiert man perfekte Feindbilder.

Dann wirfst Du Mobbingvorwürfe in den Raum. Als anonymer Blogger mit einer engelhaften Kunstfigur, wohlbemerkt. Die Imageträger "achtsam" und "zurückhaltend" umflügeln Dich, niemand kann die Diskrepanz zwischen Deinem Schreiben und Leben kontrollieren, Deine Kernsupporter billigen Dir blind jegliche moralische Autorität zu -- boah, und plötzlich wirst Du gemobbt. Wie soll das denn gehen?

Frustige Momente kennt wohl jeder. Nur hilft gegen Tangofrust auch der Chef-Theologe der Hamas nicht weiter, und weitere Abgrenzungen machen vermutlich auch nicht wirklich froh. Mit Kampfreden und Durchhalteparolen wirst Du bestimmt weiterhin Applaus ernten, aber ich habe den Eindruck, in Deinen Postings zur Musik hast Du Dich deutlich wohler gefühlt und wohl auch mehr bewegt. Wenn Dir das aus Deinem Umfeld niemand sagt, wäre es vielleicht an der Zeit, das Umfeld zu wechseln.

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Kommentar von Cassiel

Hallo Patrick, vielleicht lassen wir es an dieser Stelle einfach so stehen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man sich an einem Zitat derartig aufarbeiten kann - möglicherweise muss ich das auch nicht verstehen. Deine weiteren Ausführungen zu meiner Person als Blogger und meinen Lesern (die bei Dir plötzlich zu "Kernsupportern" mutieren) lesen sich schon ein wenig abenteuerlich. U.U. ist es besser, Du liest tatsächlich zukünftig nur noch meine Beiträge zur Musik. Das erspart Dir Betablocker gg. zu hohen Blutdruck. :-)

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Kommentar von Vorbeischauer

Danke Patrick, du triffst den Nagel gut auf den Kopf!

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Antwort von Patrick

Cassiel, mein Blutdruck ist derart tief, dass Du darauf möglicherweise neidisch sein könntest. Aber lassen wir die Nebelkerzen, offenbar prallt jegliche inhaltliche Kritik an Deinem Text an Dir einfach ab. Das ist schade, mancher Leser hätte vielleicht auch gerne gewusst, was denn überhaupt der Anlass für den Relativismus- und Mobbing-Sermon war. Sollte 2012 der Weltuntergang stattfinden, dann werden wir wohl dumm sterben...

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Kommentar von B. G.

Hey Patrick, was willst Du eigentlich? Kann es sein, dass Du ein wichtiges Stichwort selbst geliefert hast? Neid? Bist Du wirklich neidisch? Anders kann ich mir Deine verbalen Ausfälle nicht erklären und dieser latent aggressive Unterton Deines Schreibstils erschwert die Lektüre Deines Blogs. Gefällst Du Dir in der Rolle des wadenbeißenden Terriers?

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Kommentar von Cassiel

@B. G.: Es ist vermutlich nicht hilfreich, Patrick seinen Schreibstil vorzuhalten. Er hat eine andere Meinung und seine eigene Art, diese zu äußern. Ich denke, das sollte man respektieren (auch als Fundi :-) ) Nur meine zwei Cent...

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Kommentar von annarosa

Ich kenne Cassiel nicht und lese normalerweise auch seinen Blog nicht, aber in diesem Fall muss ich sagen hat sich Patrick berechtigterweise in den Diskurs eingemischt und versucht gewisse Aussagen zu relativieren. Ich finde es auch hoechst bedenklich, dass man einen Theologen des Vatikans herbeizieht, um die eigenen Theorien und Hypothesen bezueglich des Tangos zu untermauern. Da Patrick selbst mal mit der christlichen Fundiszene verwickelt war und sich davon distanziert hat, macht seine Kritik besonders aussagekraeftig. Uebrigens kann bei ihm auch nicht von zu hohem Blutdruck die Rede sein, ich sehe ihn als ein sehr gelassener Mensch.

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Antwort von Patrick

B. G., neidisch bin ich manchmal auf die Leute so um die Mitte zwanzig, die bereits in diesem Alter den Tango, die Welt und die Liebe entdecken und diese aufregenden Jahre nicht mit muffiger Ideologie vertrödeln. So etwa im Sinne der "I envy you"-Szene ganz am Ende von First Contact. Erklärst Du mir noch, wo ich hier konkret ausfällig geworden sein soll?

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Kommentar von Ratatouille

Dem kann ich nur beipflichten und möchte "diese aufregenden Jahre nicht mit muffiger Ideologie vertrödeln" noch doppelt unterstreichen. Als etwas älteres Semester weiss ich, dass nichts mehr wirklich nachgeholt werden kann was verpasst ist.

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Kommentar von valsyvals

Relativismus hin und her-ist mir egal.Jedenfalls bin ich Cassiel äußerst dankbar für seine Werbung für den Tango.Und stimme auch seiner Kernaussage zu:Irgendwo muß man Flagge zeigen,sonst landet man auch beim Tango in der verwässerten TangoDiscoAllerweltsBeliebigkeit.Naja-eigentlich hast Du, Patrick,das im Prinzip bisher auch immer vertreten.War wohl ein wichtiges Päckchen, das da bei Dir getroffen wurde.Verstehe ich auch gut!

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Antwort von Patrick

valsyvals, ich habe das mit meiner Fundi-Vergangenheit bewusst geschrieben, damit die Leser meine Gedanken besser einordnen können. Dass jemand das Thema folglich einfach als Empfindlichkeit meinerseits abtun kann gehört halt zum Spiel. Ja, ich liebe die geschlossene Umarmung. Aber nicht, weil es sich gehört, sondern weil mich solche Tänze glücklich machen. Und weil ich Tangueras kenne, die das ebenfalls glücklich macht. Ich weiss nicht, ob diese Gefühle auf eine Flagge passen.

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Kommentar von annarosa

Die Vatikanische Flagge ist echt nicht geeignet, um mit dem Begriff "Tango" beschriftet zu werden. Patrick, mach weiter so mit deinem beharrlichen und leidenschaftlichen Engagement für den fundamentalismusfreien Tango.

@valsyvals: Ich finde es ein schwaches Argument, dass schlechte Werbung auch akzeptabel und recht ist, solange sie für eine gute Sache ist, in diesem Fall für den Tango. Wir sollten alle an unserem "Bullshit-Detektor" arbeiten und ihn perfektioneren, wie Patrick es, aus welchen Gründen auch immer, gemacht hat.

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Frauen sind wählerisch. Männer auch.

Dienstag, 13. März 2012

Die Nachwehen einer Erkältung dünnen derzeit meine Milonga-Gänge kräftig aus, also komme ich endlich mal dazu, hier eine hochinteressante Studie zu präsentieren: "Women, Men and the Bedroom: Methodological and conceptual insights that narrow, reframe, and eliminate gender differences in sexuality". (Die Studie gibts nur mit Uni-Account im Volltext Online).

Worum geht es? Wir kennen doch all die Geschlechts-typischen Merkmale aus eigenem Erleben: Frauen können nicht einparken, Männer hören nicht zu, Tangueras sind wählerisch, Tangueros hingegen wahllos. Dummerweise behauptet die genannte Studie, dass all diese Unterschiede und auch die wissenschaftlich belegten Thesen sich in Luft auflösen, wenn man die genauen Umstände anschaut.

Nehmen wir die These, wonach Frauen bei der Partnerwahl generell wählerischer seien als Männer (der Zusammenhang mit Tango dürfte offensichtlich sein). Beispiel Speed-Dating: Zehn Frauen sitzen an zehn Tischen, zehn Männer wechseln nach kurzer Zeit jeweils einen Tisch weiter, stellen sich vor, dann wird geplaudert. Hinterher machen alle auf einem Zettel ein Kreuz, wen sie wieder sehen möchten. Frauen machen hier durchs Band weniger Kreuzchen als die Männer. Nur: Lässt man anstelle der Männer die Frauen durchwechseln und sich jeweils vorstellen, dann wechseln auch die Rollen: "When women approached men, women behaved more like men (becoming less choosy), and men behaved more like women (becoming more choosy). Thus, this research suggests that 'choosiness' may be an artifact of gendered social norms concerning who approaches whom."

Man kann jetzt trefflich darüber streiten, ob das Wählerische nun eine Folge der Passivität oder der (vermeintlichen) Wahlfreiheit ist. Sicher ist nur, dass hier mal wieder ein Filmzitat aus Matrix Reloaded perfekt passt: "As you adequately put, the problem is choice."

Die Quintessenz der Studie: "Are woman choosier than men? Yes, but potentially only because they are approached more often than men are". In diesem Sinne: Viel Vergnügen beim Auffordern!

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Kommentar von Angela

Ich glaube eher: gute Tänzer sind wählerisch, ob männlich oder weiblich. Finde ich auch gut und sinnvoll. Anfänger lernen, wenn sie viel tanzen (und nicht wählerisch sind). Gute Tänzer geniessen es, gut zu tanzen, und das ist nicht mit allen möglich. Karitative Tänze, nach dem Motto - wir haben alle irgendwann angefangen - sind natürlich auch etwas Schönes - nur nicht zu oft.

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Kommentar von TwoToTango

Chouette!

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Antwort von Patrick

Angela, "gut" kann in diesem Zusammenhang natürlich nur eine Selbsteinschätzung sein, aber ich bin bei dieser These eher skeptisch. Dazu passt die in der Studie ebenfalls aufgeworfene Frage, ob Frauen bei spontanen, flüchtigen Sexbekanntschaften tatsächlich so anders ticken als Männer. Übliche Studien gehen von riesigen Unterschieden (70 Prozent der Männer liessen sich auf spontanen Sex ein, bei den Frauen null Prozent) aus. Die Studie kommt zum Schluss, dass Frauen den Männern oft unterstellen, sie seien schlechte Liebhaber. Dazu kommt eine gewaltige Angst vor gesellschaftlicher Ächtung. Blendet man diese beiden Faktoren aus, verschwinden die Geschlechterunterschiede.

Auf Tango übersetzt: Möglicherweise ist bei Frauen die Angst relativ gross einen schlechten Tänzer zu erwischen und dann auch die Folgen für das eigene Image tragen zu müssen. Wobei ich zugeben muss, ich habe auch schon Männer kennengelernt, die in dieser Hinsicht beinahe schon paranoid waren. Meiner Meinung nach ist die Grenze dann überschritten, wenn man aus Prinzip nur noch mit Leuten tanzt, die man schon tanzen gesehen hat. Anspruch oder doch nur Angst? Hm, und sind Tänze karitativ, wenn sie schön sind?

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Kommentar von Anonym

Wie kann man Faktoren ausblenden, wenn die Basis Null ist? Und wie weiss man, ob diese Begründungen ehrlich sind?

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Antwort von Patrick

Das mit 70 zu Null war genau eine Studie von Clark and Hatfield anno 1989. Im Jahr 2001 brachte Terri Conley diese riesigen Differenzen weg, in der hiesigen Meta-Studie sind leider keine Details dazu genannt.

Zur Ehrlichkeit: Die Studie untersuchte auch, ob es bei der Anzahl bisheriger Sexpartner Geschlechterunterschiede gibt. Dazu schlossen sie die Probanden an einen "Lügendetektor" an und fragten nach der jeweiligen "sexual history". Die Maschine war natürlich ein reiner Fake, sie protokollierte nicht mal den Hautwiderstand. In den Antworten lösten sich die Geschlechterunterschiede in Luft auf, ohne die Maschine hingegen scheinen normalerweise Frauen die Zahl kräftig abzurunden und Männer grosszügig aufzurunden.

Insofern: Frauen setzen sich gern selbst unter gesellschaftlichen Druck. Männer machen es umgekehrt.

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Kommentar von TwoToTango

Nun ja, Frauen setzen sich nicht unbedingt selbst unter diesen Druck. Ich vermute, wir alle haben schon mal gehört, wie über eine Frau geredet wird, die sich ihre (sexuelle) Freiheit genommen hat und wie über einen Mann. (Notabene von Frauen und Männern...) Jede Frau wird sich danach gut überlegen, ob und wie öffentlich sie sich also solche Freiheit nimmt.

Im Tango sind die Folgen der Offenheit (gegenüber unbekannten oder "weniger guten" Tänzern) weit weniger gravierend und die Gleichgültigkeit gegenüber solchen tatsächlichen oder nur angenommenen "Imageschäden" fällt daher leichter.

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Ausgemittet in Freiburg

Samstag, 17. März 2012

Freiburg, El Sur. Aus den Boxen entwich bislang noch nie göttlich-audiophiler Wohlklang, aber heute tröpfeln die Mitten richtig dünn. Orchesterbestimmung praktisch unmöglich. Nun, ich bin auch ausser Übung, fast einen Monat lang nicht richtig fit sein hilft beim Tangotanzen keineswegs. Lasse mich in einer Umarmung trösten. Zumal gegen Ende des Abends auch die Musikauswahl deutlich angenehmer wird.

Kleine Experimente in offener Haltung. Huch, so muss sich der Navigator von Schettino wohl auch gefühlt haben. Immerhin vermeide ich eine Havarie. Aber ich fühle mich in der geschlossenen Umarmung deutlich wohler...

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Kommentar von CaptnDirk

Hallo Patrik, ich empfand den Sound am Samstag nicht schlimmer als an anderen Orten... Hingegen war Temperatur und Luftfeuchtigkeit ausserhalb jeglicher Richterskala!

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Antwort von Patrick

Ja, sobald draussen keine sibirischen Verhältnisse mehr herrschen wandelt sich die Milonga zur Dampfsauna. Mit klebrigem Boden. Immerhin rückt die Freiluft-Saison näher...

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Der Preis wird heiss

Mittwoch, 21. März 2012

Vor einem Monat waren am Mittwoch jeweils satte fünf Milongas alleine in Zürich angekündigt. Zweifellos zuviel. Im März sieht das deutlich anders aus. Das rapide Sterben von Winzmilongas kann ich mir nur damit erklären, dass sich die neuen Suisa-Tarife so langsam herumgesprochen haben. Gut, beim Corrientes offenbar noch nicht, aber das ist wohl auch nur noch eine Frage der Zeit.

Konkret gilt für Tanzanlässe seit Januar 2012 der neue Tarif Hb. Kleine Milongas (Platz für weniger als 100 Personen) bezahlten bisher mit Mengenrabatt rund 45 Franken pro Veranstaltung, jetzt sind es rund 75 Franken. Das steht so natürlich nicht im Tarif drin, die Details sind schön verklausuliert über mehrere Absätze hinweg verteilt. Nebst der allgemeinen Preiserhöhung schlägt hier vor allem die Tatsache zu Buche, dass bei reinem Tonträgerabspielen ("Disco") die Abgabe für die verwandten Schutzrechte verdoppelt wird. Auf das Jahr gerechnet ergibt das bei einer wöchentlichen Milonga Kosten von fast 4000 Franken. Das ist eine Menge Holz.

Als Winzmilongaveranstalter sucht man sich daher am besten einen Sponsor (schwierig). Oder meldet seine Veranstaltung gar nicht mehr an (wird teuer, wenn man erwischt wird). Oder reicht regelmässig Listen ein, wonach man bloss freie Musik spiele (kompliziert). Oder streitet mit der Suisa über die Angemessenheit, notfalls vor Gericht (aufwändig, kann auch teuer werden). Oder man definiert die Milonga zur Practica um, denn beim Tanzunterricht sind die Abgaben vergleichsweise lächerlich tief. Mal sehen, wie sich die hiesige Milongaszene in den nächsten Monaten verändern wird.

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Kommentar von ratatouille

Die Frage ist, was finanzieren wir mit diesen Suisa Beiträgen? Zuerst einmal eine aufgeblasene Verwaltung die vor allen Dingen sich selber genügt. Dann soll natürlich DJ Bobo, Francine Jordi, Peter Räber und natürlich Gölä usw. nicht am Hungertuch nagen. Das würde der Kreativszene Schweiz enormen Schaden zufügen. Die Leute die sich mit Tangomusik beschäftigen sehen kaum jemals mehr als einen bescheidenen Beitrag zum Frühstückskaffe. Ob es jemals ein Suisafranken nach Argentinien schafft, wage ich zu bezweifeln.

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Kommentar von irma

Ich zahle seit gut 13 Jahren Suisa-Gebühren und es stimmt wirklich, dass kaum etwas davon nach Argentinien kommt... Wieso macht denn die Suisa nicht einen Fonds für spannende Jungprojekte, oder z.B. um Kleinveranstaltungen zu entlasten? Nun stehen viele Kleinveranstalter vor dem Aus, es sei denn, man findet eine "Nische" und dies ist wirklich nicht so einfach oder erhöht den Eintritt erheblich (noch nicht mal dann ist es gesagt, dass man damit herauskommt)...

Als ich mich mit mit anderen Veranstaltern zu dem Thema ausgetauscht habe musste ich feststellen, dass erschreckend viele davon die Milongas schwarz machen... Das wäre mir ehrlich gesagt aber zu riskant... Ich hoffe, dass sich eine Lösung bietet, es wäre wirklich sehr schade, wenn deshalb kaum mehr Milongas stattfinden könnten...

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Antwort von Patrick

Wer sich dafür interessiert, wie der neue Tarif zustande gekommen ist: hier kann man es nachlesen. So habe es angeblich die "Strukturänderung" (gemeint ist unter anderem die Verdoppelung der Beträge bei den verwandten Schutzrechte) schwierig gemacht, die (finanziellen) Auswirkungen zu beurteilen. Klar. Konkret haben die Nutzerverbände ihre Zustimmung gegeben, damit hat die Paritätische Kommission wie auch der Preisüberwacher die Augen zugemacht und das Ding durchgewunken. Nutzerverbände? Ja, die DUN beispielsweise. Wer auf deren Homepage die Mitgliederliste anschaut, dürfte auch rasch zumindest den Hauch einer Ahnung haben, weshalb die sich einen feuchten Kehricht um die Belange der Kleinveranstalter kümmern. Natürlich könnte jeder Milongaveranstalter dort Mitglied werden und mitbestimmen. Der Mindest-Jahresbeitrag beträgt allerdings 1300 Franken, damit auch sicher niemand auf diese Idee kommt.

Das Fazit der Kommission: "Bezüglich der Angemessenheit des vorgelegten Tarifs verweisen die Verwertungsgesellschaften auf die Zustimmung der Verhandlungspartner zu diesem Tarif sowie darauf, dass es im vorliegenden Fall keine Umstände gebe, die der Annahme widersprechen würden, wonach der Tarif einer unter Konkurrenzverhältnissen zustande gekommenen Einigung gleichkomme." Den Satz muss man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen, nachdem man das Waschbecken wieder sauber gekriegt hat.

Nun kann beispielsweise in Deutschland jeder Veranstalter die Angemessenheit eines Tarifs durch ein Gericht klären lassen -- immer vorausgesetzt natürlich, man hat zuviel Zeit und Geld. In der Schweiz geht das nicht, die Gerichte sind an die von der Paritätischen Kommission genehmigten Tarife gebunden. Damit schliesst sich dann der Kreis. Quizfrage: Was kann man dagegen tun?

Als Veranstalter empfiehlt es sich, augenblicklich den Vertrag zu kündigen, die rückwirkende Änderung per Januar keinesfalls zu akzeptieren und auch jegliche Akontozahlungen sofort einzustellen. Milonga sistieren. Immerhin haben schon einige ganz aufgehört, der Suisa dürfte klar sein, dass das keine leere Drohung ist.

Dann die Suisa auffordern, einen angemessenen Tarif zu entwerfen und subito von der Eidgenössischen Schiedskommission genehmigen zu lassen. Angemessen bedeutet 13 Prozent des Umsatzes. Wer zweimal im Jahr eine Openairmilonga macht kann sich darauf natürlich nicht berufen, weil der Aufwand fürs An- und Abmelden auch Geld kostet. Aber bei einer regelmässigen Milonga geht das gut: Pauschal 150 Franken pro Jahr für den Verwaltungsaufwand plus 13 Prozent des Umsatzes. Da man für die Steuern eh eine Buchhaltung führen muss ist das kaum Zusatzaufwand.

Dazu noch die Medien einschalten: Niemand versteht, weshalb Tänzer jetzt plötzlich die doppelten Abgaben bezahlen müssen. Und auch erzählen, wo das Geld hinfliesst. Hierhin nämlich.

Wenn sich alle Milongaveranstalter jetzt auf die Hinterbeine stellen, dann haben wir im Jahr 2013 vielleicht einen halbwegs tauglichen Milongatarif. Einen Versuch sollte das doch wert sein, oder?

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Kommentar von Ratatouille

Ich werde mich auf jeden Fall einsetzen. Leserbriefe schreiben Redaktionen anschreiben usw. Die Suisa haben wir schon attackiert, natürlich ohne Ergebnis. Wir haben nicht einmal eine Antwort bekommen.

Mal schauen wie gross die Solidarität unter den Milongabetreibern ist. Wenn wir etwas erreichen wollen sollte sie gross sein.

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Zwangspausen in München

Freitag, 23. März 2012

München, Tangoprojekt, Sonnenstrasse. Hui, DJ Zlatko mischt Wiener Walzer zu Vals, Caceres zu Milonga und bietet dazwischen viel Elektrotango. Möglicherweise bin ich naiv, aber nach der "Argentinische Kultur"-Ankündigung habe ich zumindest Tandas erwartet. Viele Zwangspausen. Hätte ich das gewusst, wäre ich wohl gleich zur Crossover-Milonga um die Ecke gegangen.

Auch ansonsten sind meine Chancen gering. Ich tanze zwei wunderschöne Tandas, und die Tänzerin gibt sich sogar noch als Blogleserin zu erkennen. Musikalischer Höhepunkt des Abends ist zweifellos die unbekannte Dame, die mit tiefer Stimme und feinfühligem Akkordeonspiel die Menge verzaubert. Es sind drei stimmungsvolle Zeitlupentangos, die durchaus tanzbar wären. Die vielen Frauen, die nicht schon auf der Piste sind, beschäftigen sich leider allesamt miteinander an der Bar. Insofern ist auch München irgendwie ein hartes Pflaster. Anmerkung für die Puristen: Es war ein Pianoakkordeon!

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Kommentar von Christina

Ja, die Musikzusammenstellung war wirklich etwas seltsam. Die meisten Tanzenden hat es bedenklicherweise wohl nicht weiter gestört; alle waren froh dass in diesem schönen Raum wieder eine Abend-Milonga stattfindet. Ich bin gespannt wie sich diese Milonga weiterentwickelt. Und nächstes Mal wirst Du geführt- versprochen! Sonnige Grüße aus München, Christina

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Kommentar von Theresa

Tja, in jeder anderen Münchener Freitagsmilonga hättest du Tandas vorgefunden, sogar in der Crossover Milonga im traditionellen Saal ....

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Vom Bailongo ins Loft

Samstag, 24. März 2012

München, Bailongo. Wunderschöner Musikmix, auch die Lautstärke äusserst angenehm, die Tandas machen Lust auf Tanz. Lerne gleich beim Eingang eine Frau kennen, die hier wohl auch niemanden kennt, und wir drehen einige Runden. Allerdings wächst meine Sehnsucht nach geschlossener Umarmung, und mein Cabeceoflehen wird ringsum dauerhaft nicht erhört. Beschliesse daher irgendwann, dass es an der Zeit ist, ein paar Häuser weiterzuziehen.

Dunkel wars, zum Glück erspähe ich im Innenhof eine herniedergelassene Laterne. Um die Ecke die zweite, dann geht auch schon der Einbrecher-Schockscheinwerfer an. Mit dem abgefuckten Eingang des Berliner Tangolofts können die Münchner definitiv nicht mithalten. Hier heisst es auch "Lo de Laura". Komplett überfüllte Garderobe und kurz vor Mitternacht viel Volk. Irgendwie kommt da Tangoloft-Gefühl auf.

Auch hier sorgt die Musik nicht für Zwangspausen, und es ergeben sich wunderschöne Tänze. Zitat des Abends: "Du hast einen lustigen Tanzstil. Du bist nicht von hier, oder?". So kommt irgendwann die Cumparsita, danach die letzte Tanda, und danach die Allerletzte. Irgendwann muss man auch die schönste Umarmung aufgeben, und bis ich im Bett bin, ist es fünf Uhr morgens. Doofe Sommerzeit.

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Kommentar von Theresa

He, du warst im Bailongo! Schade dass du dich nicht vorgestellt hast - vielleicht hätte ich dir ja auch noch ein paar Tänzerinnen vermitteln können ....

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Kommentar von Joachim

Angehende Gurus stellen sich nicht vor, Theresa, sie werden erkannt und umgehend angehimmelt :)

Oder möchtest Du etwa zu vermuten geben, in München gäbe es mehr als einen Nahezu-Guru mit einem lustigen Tanzstil? ;) Ich meine jetzt, von ausserhalb?

Nachtrag: Fiel mir grad so auf: Wie heissen denn weibliche Gurus? Nur dass man mal nach einem Blog Pendant googeln könnte? Hmm. vielleicht "vom Küken zur Diosa"? Nö, zu zweideutig. Schade.

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Antwort von Patrick

Theresa, mir ist erst zu später Stunde aufgefallen, wo überhaupt das DJ-Pult ist -- und da warst Du dann wohl grad irgendwo am Plaudern. Ich werd beim nächsten Mal nachfragen. Aber bitte keine Vermittlungen. In der Vergangenheit waren das jeweils technisch hervorragende Tänzerinnen, die mir bei jedem Schritt zu spüren gaben, dass sie mit mir nichts anfangen können. Sowas ist dann noch schlimmer als rumsitzen...:)

Joachim, weibliche Gurus? Die Stufen zum Guru fangen beim Studenten an, führen über den Haushalter und den Waldeinsiedler schliesslich zum Wanderasketen. Was denkst Du, wie weit eine Tanguera mit 8cm-Absätzen auf dieser Reise kommt?

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Kommentar von Joachim

Sie lässt sich auf Händen tragen oder bestenfalls wandelt sie über rote Teppiche, von Prinzen und Fröschen umrandet. Oder sie hockt sich auf ihre Harley und brettert in die Einsiedelei, sofern ein Schuhladen in der Nähe ist. Du kannst ja lustige Fragen stellen. Nicht aus München, wie?

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Kommentar von TwoToTango

Das gibt 5 Franken in die Machokasse. ;->

Brauchen Tangueras das Guru-Getue schlichtweg nicht? Wissen sie, wann sie die Stilettos mit Vorteil gegen bequemes Schuhwerk tauschen?

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Die Schuhe, die Verlosung und die Unsichtbarkeit

Sonntag, 25. März 2012

Nachmittagsmilonga in der Sonnenstrasse, dank schönem Wetter lichtdurchflutet. Hervorragende Kuchenversorgung, viel Volk. Leider gehen auch hier die Blicke an mir vorbei. Als ich mich zwischendurch ikonenhaft auf einen hohen Hocker setze, spüre ich, dass viele Frauen meine Schuhe mustern. Hm, sind meine tres pisadas-Treter möglicherweise nicht so ganz statusgerecht?

Irgendwann klappt es dann doch, und ich lerne so nebenbei noch die Unterschiede zwischen der nieder- und oberbayrischen Sprache. Den Musikmix fand ich so lala, aber wenn man kaum tanzt, kommt es ja eh nicht so drauf an. Offenbar findet heute die letzte Version dieser Nachmittagsmilonga statt, der neue Ort scheint noch unbekannt. Schlussrunde zur Cumparsita im 3/4-Takt. An das Stück werd ich mich nie gewöhnen.

Letzter Versuch an diesem Wochenende: Abendmilonga im Schlachthof. Stimmt, abgesehen vom Festival vor knapp vier Jahren war ich im Mai 2010 schon hier, zum Konzert vom Sexteto Milonguero. Heute deutlich weniger Leute als damals, die Stimmung ist auch ruhiger. Als Werbung würde "wir spielen die hässlichsten Milongas" gut passen, fast schlimmer ist jedoch die Verlosung mit einem endlosen Nichtspannungsaufbau nach dem Vorbild von RTL 2.

Glücklicherweise treffe ich erneut eine Tänzerin vom Samstag, womit ich den Abend tänzerisch wunderschön ausklingen lassen kann. Ansonsten scheine ich auch hier trotz aller Tricks völlig unsichtbar zu sein. München liegt möglicherweise einfach zu nah an Zürich...

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Kommentar von Mikamou

München habe ich auch als schwieriges Parkett erlebt, dabei muss man sich, wenn man dort so in die Runde schaut, die Frage nach dem Warum schon stellen.

Das wird wohl so ein Phänomen sein, welches sich proportional zur Einwohnerzahl verhält. Wieviele Einwohner hat es schon wieder Zürich?

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Musikprobleme an Ostern

Freitag, 6. April 2012

Ostertango, Nachmittagsmilonga. Dank Cafe-Umbau im Saal, wo das viele Volk auch einigermassen Platz findet. DJ Marcelo heizt mit rhythmischer Hetze ein, Abwechslung gibt es lediglich mit schwerfälliger Dramaturgie. Definitiv nicht mein Musikstil. Immerhin weist er alle paar Minuten darauf hin, dass wir uns im Jahr 2012 befinden. Bei der Orientierung auf der Piste hilft das allerdings auch nicht. Anschliessend wunderschöner Ausklang in den Sonnenstrahlen bei der Mittleren Brücke. Die Openair-Saison hat definitiv begonnen.

Abendmilonga mit Electrocutango. Ja, auch nicht so ganz meine Musikwelt. Aber ich konnte mich mental darauf vorbereiten, ausserdem übernimmt eine Tanguera bei den Hardcore-Elektrostücken die Führung. Als Folgender macht das Spass. Auf der Piste ist soviel Luft, dass ich zwischendurch sogar mal offen tanze. Hoffentlich hat das niemand gesehen.

Michelle und Joachim tanzen vor, wirklich beeindruckend finde ich die verspielte Milonga. Danach geniesse ich dann wieder die geschlossene Umarmung. Schöne Tänze, aber irgendwann nach zwei Uhr ist der Ofen aus. Ich werde alt...

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Wenig Kuchen, viele Shows

Samstag, 7. April 2012

Erneut Nachmittagsmilonga im Volkshaus, heute dank DJ Virulazo mit deutlich besserer Musik als gestern. Geremple wie üblich, Tanzspuren entstehen und verschwinden im Sekundentakt. Unfassbar guter Schokoladekuchen, allerdings ziemlich prohibitiv bepreist. Nasche daher ab fremdem Teller. Vitamine sind eben wichtig.

Abendmilonga heute mit DJ Bärbel. Mir ist immer noch nicht klar, weshalb sie nach Saarbrücken virtuell beinahe gesteinigt worden war. Mir hat der Mix heute gefallen. Und es war die erste Milonga an diesem Festival, an dem die Lautstärke angenehm war.

Natürlich nur bis Julio und Corina aufgetreten sind, denn bekanntlich können sich Argentinier keine Hörgeräte leisten. Ich fand deren Show eine Zumutung fürs zahlende Publikum, einzig die Milonga am Schluss war beeindruckend.

Ein paar schöne Tandas später gab es minutenlang weise Worte in einer südamerikanischen Fremdsprache. Dunkelheit umhüllte die Festivalgemeinde. Doch endlich hatte Gott erbarmen und sandte einen Lichtstrahl: Chicho lebt! Als Überraschungsgast zusammen mit Juana zelebrierte er genau einen Tanz. Ja, definitiv, er kann es. Die Götter würgten danach alle Zugabe-Rufe konsequent ab, so dass die Piste wieder zum Tanzen da war. Ob das wirklich mit Nachsicht gegenüber den Tänzern zu tun hatte oder eher mit der auf einen Showtanz beschränkten Gage, das werden wir wohl nie erfahren.

Je später, desto luftiger die Piste, und desto gemütlicher die Tänze. Einzig das Ameisenbecken im Eingangsbereich ist hoffnungslos verwuselt. Hm, und gestern gab es als Eingangsstempel einen roten Elefanten auf die Hand. Heute einen roten Vogel. Differenzierung schwierig. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich einen Tag lang nicht gewaschen...

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Kein Kuchen, neue Schuhe

Sonntag, 8. April 2012

Ich könnte schwören, der Schokokuchen gestern an der Nachmittagsmilonga kostete sechs Franken. Heute noch fünf. Doch ich kam nicht dazu, über Deflationstheorien nachzudenken, schliesslich warteten Tänze. Erspähte zwischendurch mal eine Tänzerin mit aufgesetzten Osterhasenohren. Leider nicht aus Schokolade...

Danach war ich zu müde für die Abendmilonga, nahm mir aber noch Zeit für einen ausgiebigen Besuch bei Irma. Schliesslich suche ich schon seit längerer Zeit einen Tanzschuh mit etwas Absatz plus Fersenstabilität (Der Schuh von Raquel war bereits nach einem Jahr durchgetanzt). Nach 15 Minuten umherwandern war die Entscheidung klar: Jeansstoff mit Holzapplikationen. "Ein Unikat!", betont Irma. Ein kleiner Schritt hin zum Guru, ein grosser Geldbetrag für Patrick. Plane Testtänze für den Montag ein.

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Keine Tandas, teurer Kuchen

Montag, 9. April 2012

Erneut Nachmittagsmilona. Hoffe aufgrund der Deflation auf einen heutigen Kuchenpreis von vier Franken, doch wir sind wieder beim Kurs von sechs Franken. Könnte hier nicht mal die Nationalbank intervenieren? Immerhin war der Eurokurs von Irma gestern Abend gut. Und die Schuhe auch. Etwas ungewohnt (Absatz nun 3,5 statt wie bisher 2 Zentimeter), aber sie sitzen perfekt und drücken nicht.

Wegen der Holzapplikationen stelle ich fest, dass sie auf Parkett mit dem Untergrund verschmelzen. Also Tarnkappenschuhe. Machen aber dennoch mächtig Eindruck. Und ich finde sogar noch eine Frau mit perfekt dazu passenden Hosen. Bloss die passenden Männerhosen fehlen mir noch...

Den ganzen Morgen hatte ich mich mental darauf vorbereitet, dass heute Peter auflegt. Peter findet Tandas überflüssig. Die Leute (zumindest diejenigen, die mit der Basler Szene nicht vertraut sind) fragen mich dauernd, weshalb er nach Zufallsprinzip auflegt. Habe deshalb ein wenig Muskelkater vom vielen Schulterzucken. Ostermontag-Resteverwertung halt. Nur ohne Ostereier. Ach ja, und irgendwer hat auch mal wieder planlos am Equalizer rumgefummelt. Ist es wirklich zuviel verlangt, vor einer Milonga einen Soundcheck zu machen?

Dann durfte ich für zwei Lieder mal wieder die Frauenrolle geniessen. Einfach fantastisch, sich mal nicht um das Chaos auf der Piste scheren zu müssen. Allerdings ist meine Haltung noch stark..äh...verbesserungswürdig. Und um wirklich auf die Folgerolle umzuschalten bräuchte ich wohl mal einige Tandas am Stück.

Gemütlicher Ausklang zu später Stunde in der Mitte. Wenig Leute, wenig Tänze, und auf dem hellen Steinboden kommen auch meine Schuhe irgendwie nicht so richtig zur Geltung. Dennoch schöne letzte Runden, bevor die weitgereisten Tangueras wieder in die weite Welt abdüsen. Der Alltag ruft.

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Kommentar von Roberto

Also lieber Patrick, ich glaube du musst deine Einstellung zum Tanzen, DJ's und Milongas ändern, sonst wird das nix mit dem Guru. Ich habe deinen Beitrag mal statistisch untersucht und komme auf 8 negative- und nur auf 7 positive Nennungen. Beim letzten und vorletzten Beitrag wars noch schlimmer, da gabs von dir eigentlich nur zu meckern. So wird das sicher nix mit dem Guru, du scheinst dich ja fast an jeder Milonga zu quälen, was ich allerdings nicht glaube. Also ab jetzt mal für eine Weile nur noch positive Beobachtungen, gell.

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Antwort von Patrick

Roberto, Du liest einfach zu negativ. Teurer Kuchen hilft mir dabei, mein Übergewicht zu bekämpfen. Schlechte DJs verhindern, dass meine neuen teuren Tanzschuhe zu schnell abgenutzt werden. Und endlose Shows sorgen für eine gewisse Pause von den dauernden Heiratsanträgen auf der Piste. Ausserdem, 8 zu 7, hey, das ist ja erschreckend ausgewogen...

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Kommentar von Joachim

Nicht ganz überzeugend neutralisiert...
"Ausserdem, 8 zu 7, hey, das ist ja erschreckend ausgewogen..." gegen Swissness kann man halt nix machen: genetisch.

Jetzt aber die negativen Wertungen zu positivieren versucht und dabei doch negativ geblieben: "...mein Übergewicht zu bekämpfen" - richtig meintest Du "mein Idealgewicht zu halten" :)

"... neuen teuren Tanzschuhe zu schnell abgenutzt werden" - richtig meintest Du "aus Sorge, jemand könnte auf meine Unikate stapfen und sich danach dafür entschuldigen müssen"

Gegen "dauernde Heiratsanträge auf der Piste" hülfe eventuell flüssiges Tanzen. Keeps 'em busy..., hihi :)

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Viel Kuchen, viel Wärme

Freitag, 13. April 2012

Kehl, La Cita. Türe zu? Ah, hier muss man klingeln. Sibirische Temperaturen im Eingangsbereich (und aufs Klo bringt man besser sein eigenes Tüchlein mit), dafür tropische Wärme im oberen Stock an der Milonga. Fantastische Kuchenversorgung. Grosses Treffen der Strassburger, Freiburger und Rhein-Main-Szene. Mein Französisch ist noch immer miserabel.

Dafür fliegen die Blicke, und die Piste ist recht angenehm zu tanzen. Einzig die Hänge- und Ziehfraktion ist hier überraschend gross. Muss mein Krafttraining mal wieder intensivieren. Kurz nach zwei eine wunderschöne Cumparsita von Silencio. Wow. Melina legt modern auf...;-)

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Kommentar von Melina Sedo

Duhu... Patric.... Die Cumparsita war von Di Sarli. Wie üblich nach der letzen Tanda, die auch von Di Sarli (mit Pomar) war. Ich besitze gar nichts von Silencio. So sorry! ;-)

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Antwort von Patrick

Autsch, war wohl doch schon etwas spät. Aber jetzt weiss ich endlich, wo Di Sarli das geniale Arrangement geklaut hat...(Das gibt jetzt bestimmt Haue aus Zürich)

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Kommentar von Tangonegro

Bei der nächsten herablassenden Äusserung des Bloggers über die Musikauswahl der DJ's werde ich denken: Das ist doch der, der Di Sarli nicht von Silencio unterscheiden kann...

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Antwort von Patrick

Wo Du recht hast, hast Du recht. Aber iss doch mal während einer Milonga sieben Stück Schokokuchen. In dem Rausch kann man kaum mehr die Pet Shop Boys von den Village People unterscheiden!

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Kommentar von Joachim

Andre sind wegen sowas ihren Bundespräsidentenjob losgeworden, aber schon damals wurde von Schurnalisten beklagt, dass Schurnalisten über ihre zahlreichen Vergünstigungen gern den Mantel des Schweigens breiten. Also nicht nur di Sarli nicht von Silencio unterscheiden können (andere kaufen einfach so modernes Teufelszeug gleich gar nicht...), sondern auch noch "der schreibt nur von toller Atmosphäre und fliegenden Cabeceos (die vielleicht auch nur denken, "wow, wieviel Schokoladenkuchenkrümel haben um einen einzelnen Mund denn Platz, ist ja erstaunlich!"), weil der Veranstalter ein ganz Schlauer war und zufällig ein frisches Blech Kuchen neben dem richtigen Platz abstellte, "da muss nichts übrigbleiben..." murmelte und sich insgeheim die Schwerverdienerhände rieb".

Schon klar, diese altrosa website war auch nicht geschenkt. Oder?

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Cabeceoprobleme in Kehl

Samstag, 14. April 2012

Frühstück bis neun Uhr? Ja, eindeutig ein taktischer Fehler bei der Wahl des Gasthofes. Immerhin kein störender Zimmerservice, so konnte ich das Frühstück mit über fünf Stunden wenigstens _richtig_ verschlafen. Schönheit hat keinen Preis, aber sie braucht Zeit.

Grosse Samstagabend-Milonga im La Cita. Noch mehr Kuchen. DJ Karin legt für meinen Geschmack etwas gar zuviele abgenudelte Tangos auf, doch je später die Stunde, desto eher lasse ich mich zum Tanz verführen. Gut, La Yumba kurz vor drei Uhr morgens grenzte wiederum knapp an Körperverletzung. Immerhin war die Piste dann luftig, und man erahnte sogar etwas von der Klimaanlage.

Dann hat mir noch ein Platzhirsch eine angenickte(tm) Dame auf halbem Weg weggeschnappt, dafür habe ich später einen Aufforderungsblick fälschlicherweise als Ermahnung gedeutet. Ich brauch mal wieder einen Cabeceokurs, scheint mir.

Angenehme Piste in Kehl, Geschlechter-Verhältnis einigermassen ausgeglichen -- fast ein bisschen wie auf einem Milonguero-Festival. Bloss dass man sich hier nicht monatelang vorher als Paar anmelden muss.

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Abschuss von Innen

Donnerstag, 26. April 2012

Basel, Poema. Heute mit DJ Patricio. Nein, nicht verwandt. Ich würde auch nie Color Tango direkt nach Tubatango spielen. Später kam erst recht hochdramatisches Zeugs, und ein scheuer Blick auf den Laptop zeigte lediglich, dass ich von diesen Orchestern noch nie etwas gehört habe.

Doch dafür gab es ein sehenswertes Schauspiel: Wieder einmal tanzte ein Standard- und Lateinpaar mit diagonaler Taktik die Ecken aus (allerdings derart vorhersehbar, dass sie eigentlich kaum störten) und rammte einmal mit voller Wucht einen Oberrempler beim Drehen. Szenenapplaus gab es dennoch keinen, ich war ja grad am Tanzen. Sonst wäre ich vielleicht fragen gegangen, ob sie ein Europäisches Unfallprotokoll ausfüllen möchten...

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Kommentar von annarosa

War es wirklich ein "sehenswertes Schauspiel"? Das meinst du wohl sehr ironisch. Ich hab die beiden Standardtänzer zwar auch bemerkt, aber sehenswert war ihr Tanz definitiv nicht.

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Kommentar von Adivinador

Europäisches Unfallprotokoll! Cool! Gehört ab sofort, wie der rote Teppich für den Guru, in jedes Tanguera-Handtäschchen! Kreide zum Anzeichnen und zusammenfaltbares Pannendreieck nicht vergessen!

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Antwort von Patrick

Das mit dem Unfallprotokoll ist in der Praxis wohl nicht so einfach. Erste Frage: "In welcher Spur haben sie getanzt, in der Inneren oder der Äusseren?". Antwort: "Spuren? Was denn für Spuren?". Zweite Frage: "Hat ihre Partnerin einen Voleo/Gancho getanzt, und war dieser geführt?". Antwort: "Nein." "Klar hast Du den geführt!" "Niemals!" "Doch!"

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Nonfresedos in Aarau

Freitag, 27. April 2012

Aarau, Florastrasse. Neue Baracke (zumindest für mich), wobei das Ding wohl Ende Jahr abgerissen wird und der Tangoverein wieder auf der Strasse steht. Wenig Leute, daher ein wenig triste Atmosphäre. Cabeceos sind hier nicht so richtig üblich, dennoch ergattere ich mir ein paar schöne Tänze.

DJ Andrea legt ziemlich crossover auf, was an sich nicht schlimm wäre. Aber Buscandote von Fresedo ist doch ein Hammertitel, muss man da wirklich die schlaffe Version von Klaus Müller (oder so ähnlich) spielen?

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Kommentar von Joachim

Buscandote von Fresedo ist ein Hammertitel - aber auch nur wegen dem Sänger Ricardo Ruiz (1914-1976). Den hatte Klaus Johns also nicht mehr zur Verfügung, als er den Hammertitel ab 1999 mit seinem aus Grazer Studenten bestehenden "Tanguango"-Orchester aufführte. 5 Jahre, bevor besagte Fresedo CD in den Handel kam. Die hat Klaus Johns nicht mehr erlebt, er starb 2004 an einer Gehirnblutung und ich mochte ihn sehr.

Dass die DJane diese Version vorzog, spricht für sie, finde ich. Obwohl er den Tänzern mehr abverlangt, aber auch 9 bpm langsamer müssen nicht schlaff getanzt werden. So ist das halt oft, die zuerst gehörte und dann in Erinnerung gebliebene Version macht es anderen Versionen schwer, dagegen anzukommen.

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Kommentar von annarosa

Ist die Version von Klaus Johns irgendwo im Internet zugänglich?

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Tanzfluss am Rhein

Sonntag, 29. April 2012

Wiesbaden, Tango um vier in Biebrich. Rudersporthaus direkt am Rhein. Leicht sommerliche Temperaturen, leider dient die Aussenterrasse lediglich zur Erholung. Drinnen ein paar wenige Zwangspausen wegen der Musik, dafür eine sehr angenehme Piste. Irgendwie ist mir schon ein paar Mal aufgefallen, dass die Rhein-Main-Ecke (von einigen Ausnahmen abgesehen) durchwegs für rücksichtsvolles Tanzen und schönen Tanzfluss steht. Zufall?

Massiver Männermangel. Die meisten Frauen sind allerdings in der doofen Sitzordnung etwas ungünstig hinter den Tischen verbarikadiert. Die paar wenigen Barhocker in der Nähe des Einganges sind daher nach jeder Cortina auch meistens rasch wieder besetzt. Schöne Tänze. Ach ja, und aufmerksame Männer gibt es hier auch. "Beeindruckende Schuhe", höre ich beim Händewaschen plötzlich von hinten. Sag ich doch.

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Kommentar von Peter Fangmeier

hab ich dir doch in basel gesagt das die "holzschuhe" scharf sind...

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Wilde Tänze in weiss

Montag, 30. April 2012

Frankfurt, Academia. Tanz in den Mai mit Dresscode. Sozusagen eine Ariel-Milonga. Ich hasse Dresscodes. Aber weiss, na gut, das geht zumindest als Hose noch so halbwegs durch. Ganz in weiss wäre mir dann doch etwas zu sehr in Richtung Lichtgestalt gegangen. Nicht dass mich noch jemand mit Jesus oder Detlef verwechselt.

Musikankündigung: 50 Prozent traditionell, 50 Prozent modern. Meine Erwartungen sind entsprechend tief. Immerhin: Die Chacarera-Show der Lokalmatadoren fand ich sehenswert. Beim Tango hingegen lebe ich wohl irgendwie in einer anderen Welt.

Viel Volk, noch mehr weisses Volk, aber erstaunlich wenig bekannte Gesichter aus der lokalen Szene. Ich weiss, dass einige nach Mannheim oder Heidelberg geflüchtet sind. Dabei könnte Frankfurt heute gar eine Openair-Milonga vertragen.

Nach vielen schönen Tänzen (trotz fürchterlicher Piste) lasse ich mich noch eine Weile führen, bis die Konzentration und vor allem die Reaktionsgeschwindigkeit definitiv nicht mehr reicht für die Frauenrolle. Zeitlupentangos sind heute leider eh rar. Aber der Mai ist ja noch lang...

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Die Rosen und der Schlitz

Freitag, 11. Mai 2012

Kehl, Rosengarten. Seeerosen, viele Bäume, eine Holzplattform aufs Wasser raus, weit entfernt erspäht man eine Brücke -- man kommt sich ein wenig vor wie in einem Gemälde von Monet. 27 Grad, die Sonne knallt, aus einem Ghettoblaster dudeln schöne Tangos. Nach zwei Runden auf dem Holzplanken entflieht die Tanzpartnerin allerdings zu ihrem Workshop, und danach fühle ich mich zum Statisten degradiert. Einige Paare sowie ein Lokalmatador mit seinen Frauen beherrschen die Szene. Irgendwann entfliehe ich dem drohenden Sonnenbrand sowie dem anrückenden Gewitter.

Abendmilonga im La Cita. Die Mischung von DJ Andreas gefällt mir ganz gut, aber gegen die Mousse au chocolat kommt er ehrlich gesagt nicht so ganz an. Schöne Tänze, bis Jimena und Juan vier Showtänze abziehen. Erstaunlich wenig Voleos. Die Schlitzhöhe eines Kleides scheint sich proportional umgekehrt zur Laune der jeweiligen Trägerin zu verhalten. Witzig hingegen, wie Juan die seitlichen Vorwärtsschritte von Jimena führte: Sein rechtes Bein zog er nach, mit dem linken Bein tappste er sich abwechselnd mit Ferse und Ballen nach links. Muss ich auch mal ausprobieren, wenn keiner zuguckt.

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Ein schrilles Trio

Samstag, 12. Mai 2012

Kehl. Leider ziemlich kühles Wetter, der Andrang bei der Openair-Milonga ist daher...äh...überschaubar. Also komme ich um die 25 Euro für die Abendmilonga mit Livemusik wohl nicht herum. Ich will heute ja schliesslich noch tanzen.

Huch, eine halbe Stunde nach Milongabeginn fidelt eine Geige vor sich hin, offenbar hat der Soundcheck nicht so ganz ins Zeitprogramm gepasst. Ein Mischpult ohne Tontechniker lässt wenig Gutes befürchten. Trio Garufa heisst die Truppe, heute mit Cello, Keyboard und Geige. Zum Positiven: Das Repertoire schien aus tanzbaren Stücken zu bestehen, was ja selten genug der Fall ist.

Falls aber der Himmel tatsächlich voller Geigen hängt, dann müssen die Götter taub sein: Es krächzte grauenvoll. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Geigerin mit den anderen beiden Musikern offenbar nicht auf ein gemeinsames Tempo einigen konnte. Gemeinsame Proben scheinen heute Luxus zu sein. Die Veranstalterin war mutig und setzte dem Schrecken nach dem ersten Set diskret ein Ende.

Zur Konserve tanzte es sich anschliessend deutlich leichtfüssiger, doch meine Chancen standen heute ziemlich schlecht. Kurz nach Mitternacht errechnete ich einen Männerüberschuss von über 25 Prozent. So überliess ich nach ziemlich wenigen Tänzen gegen ein Uhr das Feld den Lokalmatadoren, zumal da auch schon längst alle Kuchen weggefuttert waren. Keine Geigen, keine Tänze...

Nachtrag: Es handelte sich nicht um das "Trio Garufa", sondern um das "Trio de Garufa".

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Die Balken und die Musik

Sonntag, 13. Mai 2012

Biel, Maschinenmuseum Müller. Unten schweres Gerät aus den Jahren 1880 bis 1940, passend zu genau diesem Zeitraum im oberen Saal die Milonga. Allerdings verhindern dort zahlreiche Balken, dass man den Frauen den Splitter aus dem Auge ziehen könnte -- die Festwirtschaft-Sitzordnung tut ihr übriges. Und wer brav aussen rum tanzt, sollte gelegentlich den Kopf einziehen.

Christian wird übrigens hier im Juni seinen Musikvortrag halten, obwohl der Raum kein akustisches Eldorado ist. Aber möglicherweise reicht es, um Silencio von Di Sarli unterscheiden zu können...

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Kommentar von Klaus

Nicht die Akustik ist schlecht sondern die eingebaute Lautsprecheranlage. Zum Glück bringt Christian für den Vortrag seine excellente Musikanlage mit. Somit werden wir an diesem Anlass (Musikvortrag und Milonga) einen ausgezeichneten Sound haben.

Biel liegt bekanntlich im Kanton Bern und die Berner sind bekannt für ihre harten Schädel. Also keine Beunruhigung wegen einem Balken. Aber die Balken in der Saalmitte haben schon ihre nützliche Funktion, trennen sie doch Spuren auf friedliche Art.

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Pech zum Neumond

Samstag, 19. Mai 2012

Basel, Vollmondtango. Ja, der Begriff wird so langsam absurd, ich weiss. Beeindruckender Frauenüberschuss. Kleine Philosphiererei darüber, in welchem Winkel des Raumes cabeceotechnisch der Tanzschatten liegt. Nützt mir heute allerdings alles nichts: Nachdem ich mir endlich eine Dame (ja, ein Gast aus dem Osten) angelacht hatte, lässt sie mich nach zwei Tänzen stehen. "Ich glaube, das wird heute nichts mehr mit uns beiden", meint sie, und düst demonstrativ zur Puderecke. Oki, wohl nicht mein Tag. Sehe sie später mit dem lokalen Oberzerrer glücklich rumdüsen. Was das Ganze wiederum irgendwie relativiert.

Danach zwei schöne Tandas mit einer Tanguera, die ich vor einer Ewigkeit mal an einem Festival im hohen Norden kennengelernt habe. Packe hinterher meine Sachen, da der Zenit damit für heute bestimmt erreicht ist. Reisen machen gelegentlich eben doch glücklich...

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Kommentar von Joachim

Der Frauenüberschuss war nach 22h. Zu Milongabeginn sassen in zwei Saalecken 1-2 Damen, ohne Feldstecher, gegenüber doppelt so viele Herren, ohne Chance auf Blickkontakt. Wie üblich zog sich der Männerüberschuss eine Weile hin, bis die Damen dann fertig waren mit Fussballspielschauen.

Ich hatte ja Hoffnung, dass der knapp ViertelMondTango die gröbsten Auswüchse des vollmondbedingten Tanzverhaltens abdämpft. Es muss der Saal sein. Oder die Treppe. Oder was auch immer...

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Antwort von Patrick

Fussball, da sagst Du was. In wenigen Wochen ist ja wieder EM-Anpfiff. Das wird ein harter Sommer.

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Sommergefühle in Zürich

Sonntag, 20. Mai 2012

Zürich, Bürkliplatz. Fast schon Sommer. Und wie üblich knallvoll. Ein Hauen und Stechen wie bei der Eröffnung eines Hallenflohmarktes. Daher ist es nicht ganz so schlimm, dass ich die erste Stunde bloss zugucke -- den Paaren und den Lokalmatadoren gehört die Arena. Zürich kann in dieser Hinsicht mindestens so erbarmungslos wie Basel sein.

Glücklicherweise kenne ich eine Tanguera, und wir drehen halboffen eine Runde. Keine Umarmung heute? Doch, es glückt, und es ergeben sich zu später Stunde drei innige Tandas, mein Nachmittag ist gerettet. Und die Openair-Saison damit eröffnet.

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Der Matador in Kreuzberg

Donnerstag, 24. Mai 2012

Berlin, Villa Kreuzberg. Hausnummern sind hier Luxus, aber irgendwann entpuppt sich das Restaurant doch als Villa mit Hinterraum. Berliner Szene unter sich, glücklicherweise gibt es auch Nicht-Berlinerinnen hier.

Dunkel, eng und rempelig. Gegen ein Uhr rund 20 Paare am Tanzen, am Rande 17 Männer und 8 Frauen. Der Lokalmatador (sein letzter Workshop: Vorwärtsochos auf vier Quadratmetern) ist da schon richtig unterhaltsam. Berlin werde ich nie so recht verstehen...

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Javier im Rixdorf

Freitag, 25. Mai 2012

Berlin, Rixdorf. Festivaleröffnung. Allerdings im Vergleich zu den letzten Jahren alles deutlich redimensioniert: Keine Workshops, keine hübschen Säle, keine Superstars. Ausser Javier natürlich, und das Sexteto Milonguero hat auch heute die gesamte Blondinen-Groupieschar mit dabei.

Dafür ist die Piste luftig, und die Musik wie üblich bestens tanzbar. Gut, bei Buscandote höre sogar ich den Unterschied zum Original (auch deshalb, weil die Zeit für einen Soundcheck offenbar nicht gereicht hat und die Lautsprecher für die Band eher unterdimensioniert sind), aber bei den zackigen Milongas gibt es nicht mehr viel zum Motzen: Die Typen spielen perfekt tanzbare Musik, und das ist heutzutage ja bekanntlich die Ausnahme.

Tänzerinnen? Schwierig. Mangels vieler internationaler Besucher im Vergleich zu den Vorjahren ist der Abend doch eher eine Inzucht-Veranstaltung der Berliner Szene. Doch je später, desto besser die Musik, und gegen vier Uhr morgens finde ich dann auch noch mein tänzerisches Glück. Knapp vor Sonnenaufgang ins Bett...

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Vom Strand ins Loft

Samstag, 26. Mai 2012

Berlin, Strandbar. Ein Di Sarli, gefolgt von einer Milonga, gefolgt von Schmuseelektro. Gut, einem geschenkten Gaul...ausserdem nimmt man ja Openair einiges in Kauf. Schöne Tänze, bis nach 20 Uhr die Standard- und Lateinfraktion übernimmt.

Abends mal wieder ins Tangoloft. Wow, inzwischen ist der Innenhof beleuchtet. Dafür wackelt das Treppengeländer noch immer. Und die Kleiderständer wurden aufgestockt. Wenig Leute, aber dennoch ist mir das Glück hold -- ich entdecke auch einige Festivalflüchtlinge. Trotz den üblichen Nontangos viel Spass, allerdings sind kurz nach zwei Uhr dann irgendwie alle Leute weg.

Eine Berlinerin (auf hiesigen Milongas irgendwie eine ziemliche Seltenheit) fragt mich dann noch, wie die Berlinerinnen denn so ihre ganzen Körbe begründen würden. Tja, weiss ich auch nicht. Bei denen, die mich nicht angucken, gucke ich ja höchstens zu, wie andere Männer ihre Körbe holen. Was meistens ja irgendwie auch ganz unterhaltsam ist...

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Kommentar von annarosa

Ich habe bemerkt, dass sich in letzter Zeit Patricks Ton sehr zum positiven gewendet hat. Er wirkt zufriedener und hat weniger Grund zum Motzen. Finde ich super! Patrick du scheinst den Tango mittlerweile vielmehr zu geniessen als früher oder täuscht mein Eindruck?

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Antwort von Patrick

Keine Ahnung. Manchmal will man eben nur geniessen, unqualifiziert motzen ist ja schliesslich harte Arbeit. Und die letzten zwei Tage habe ich in der Tat nach wunderschönen Tänzen sehr feine Komplimente erhalten, da hat man mental gar nicht mehr die Reserven, um Haarbüschel in der Suppe zu suchen. Neulich meinte allerdings auch jemand, ich sei zu brav geworden. Wir werden sehen. Ich kann ja nicht jeden Tag ausserhalb von Basel tanzen gehen...

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Kommentar von annarosa

D.h. Du wirst schon wieder sarkastischer und kritischer sobald du wieder in BASEL tanzen gehen "musst"?

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Antwort von Patrick

Ich kann mir auch hier in Berlin etwas Mühe geben. So könnte ich beispielsweise schreiben, dass sie am ersten Festivalabend den DJ mit der Bahre abtransportieren mussten, weil er sich während der Milonga zugekokst hatte. Dazu muss man wissen, dass das Rixdorf ein ziemlich heruntergekommener Schuppen ist (die Türklinke zum Männerklo war schon im Jahr 2008 defekt) und das DJdasein hier wohl eher ruhmlos ist. Echte Gurus sind eben nicht zu beneiden.

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Kommentar von annarosa

Echt krass so was! Hoffentlich werden wir in Basel aber nie Zeugen solcher Szenen!

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Gran Orchestra in Berlin

Sonntag, 27. Mai 2012

Berlin, Rixdorf, Festivalsonntag. Gegen halb elf Uhr erschreckend wenig Leute, doch nach und nach füllt sich der Saal so einigermassen. Heute spielt das Berliner Community Tango Orchester. Falls ich richtig gezählt habe, waren das fünf Bandoneons, elf Geigen, Oboe, Cello, Bass und Klavier. Plus drei Sänger. Keine Musiker, die wie die Kaninchen aufs Notenblatt starren, sondern die tatsächlich miteinander spielen. Ein Genuss, perfekt tanzbar. Dazu auch tontechnisch sauber abgemischt. Und mir gefiel auch das Repertoire fast durchgängig. Also sowas wie ein Sechser im Lotto.

Leider ist Berlin nicht gerade für eine gute Pistenkultur bekannt, und die Rempelei und Hackerei auf der Piste war katastrophal. Daher einige Zwangspausen. Drei Zugaben waren noch drin, dann übernahm DJane Analía. Sie scheint einen gigantischen Freundeskreis zu haben, aber ich konnte mit ihrem Mix ehrlich gesagt nicht sonderlich viel anfangen. Ein paar schöne Tänze ergaben sich noch, aber gegen halb drei Uhr habe ich dann die Zelte abgebrochen.

Berlin ist allerdings auch immer für schräge Gestalten gut: Schon vor Jahren ist mir ein Mann aufgefallen, der mit je einem Glas Rot- und Weisswein in seinen Händen schwankend um die Tanzfläche herum balancierte. So auch heute. Ich befürchtete immer, dass das mal einen hässlichen Unfall mit vielen Flecken gibt. Bislang allerdings scheinen alle seine Präsenz unbeschadet überstanden zu haben. Betrunkene haben wohl einen Schutzengel. Kokser nicht.

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Die Schnecke und der Holzfäller

Montag, 28. Mai 2012

Berlin, Strandbar. Eigentlich wäre heute Abend Festivalausklang im Nou. Doch das Wetter ist warm, der Abend jung und die Openair-Tanzfläche vor dem Bode-Museum lockt auch viele andere Tänzer an. Leider auch den Lokal-Matadoren vom Donnerstag. Möglicherweise bin ich ja ein Kuscheltänzer, aber er ist definitiv ein Holzfäller. Möge ihm mal eine Kokosnuss auf den Kopf fallen.

Durch den vielen Sand der Passanten ist der Boden allerdings extrem klebrig. Die Musik oft zweifelhaft. Dazu viele Zwangspausen wegen der extrem rempeligen Piste. "Das ist hier ein wenig wild", murmle ich zwischendurch mal entschuldigend ins Ohr einer Tanzpartnerin. "Und das dann noch mit einer Neoschnecke wie mir", kichert sie zurück. Eine Neoschnecke in einer geschlossenen Umarmung? Sachen gibt es...

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B-Pop im Bebop

Dienstag, 29. Mai 2012

Berlin, Bebop. Wenn man sich nicht von Hausnummern ablenken lässt sondern einfach der Spree folgt, dann findet man tatsächlich den Eingang. Edel, gross, sanft beleuchtet (und damit zu dunkel für Cabeceos) und mit schickem Boden. Sitzplätze rundherum verteilt, keine Ferngläser erhältlich.

Der Boden hatte es allerdings in sich -- je nach Position eher klebrig, ein paar Zentimeter weiter dann wieder rutschig. Die Musik passte dazu: Tandas, die jeweils von zwei ausgespielten Cortinas (von Pseudosalsa bis Umpa-Umpa-Schunkelei) unterbrochen wurden. Man konnte damit leben, aber ich finde sowas ziemlich anstrengend und grüble noch immer darüber nach, was sich DJs dabei denken. Vermutlich gar nichts.

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Kommentar von Peter Fangmeier

hallo patric, nur schade das die berliner (die wenigsten jedenfalls) das lesen ! aber berlin ist überall... und da ich mich an deinen schreibstil gewöhnt habe finde ich die milongabewertungen mittlerweile echt SUPER und lesenswert.

deine bewertungen aller von dir besuchten milongas lesen sich wie ein handbuch der fehler von lokale milongas/ scenen/ milongabetreiber und DJ's und treffen sozusagen den nagel auf den kopf! wenn jede lokale scene, jeder dj, jede milonga deine bewertungen lesen und/oder beachtet würden können die lokalen veranstaltungen nur gewinnen... dein blog ist mittlerweile mit einem guten restaurantführer etc. zu vergleichen !!!

natürlich kann jeder sein eigenes ding gestalten aber mann/frau/scene sollte sich auch die aussenwirkung beachten, und manchmal sind es echt nur kleingkeiten die eine erfogreiche milonga auszeichnen. und berlin hab ich von meiner besuchsliste mittlerweile gestrichen... ich hab einfach keine lust auf eine für mich "falsche" milonga zu gehen.

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Kommentar von Joachim

Lesenswert finde ich den Blog zwar auch, aber Milongas zu bewerten heisst, das, was jedesmal anders sein wird, von dem allgemeinen Eindruck zu trennen, der sich wenig ändert. Raum, Boden, Beleuchtung, Sitzordnung sind die eher statischen Komponenten, die zwar auf die Besucher einwirken und Stimmungen hervorrufen können. Wie ein DJ drauf ist, ob grad die "richtigen" Tanzpartner/innen dort sind und mich auch finden wollen, da wird's dann schwierig zu werten.

Allerdings, in finstren Kaschemmen mit klebrigen Böden und unfreundlichem Personal kommt nicht so oft Wohlfühlstimmung auf. Man kann sich in diesem Blog prima Vorurteile bestätigen lassen, meist haben die ja auch einen wahren Kern. Man kann auch über den Schreiber mindestens so schmunzeln wie über die Situationen, die er beschreibt. Das finde ich das spezielle hier.

Patricks Bewertungen würden mich nun aber nicht von einer Milonga abhalten oder gar - bewahre - extra hingehen lassen. Sonst wüsste ich am Ende nicht mehr, wie gut Otros Aires klingt :))

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Kommentar von Roberto

Ehrlich gesagt ist mir noch kein glücklicher Fehlergucker über den Weg gelaufen.

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Kommentar von Joachim

Und mir noch kein guter Tänzer, der nicht imstande ist, von seinen und anderen Fehlern zu lernen ;)

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Altgold in Biel

Samstag, 16. Juni 2012

Biel, Musikvortrag zur vergoldeten Epoche mit Monika und Christian von Argentango. Vortrag und Milonga wurden mir von Locotango gesponsert, herzlichen Dank dafür. Falls ich also zuwenig lästern sollte, möge man es mir nachsehen.

"Hervorragende Tänzer tanzen nicht zu jedem Orchester", verkündet Christian zu Beginn. Huch, was machen die dann im Loft? Und zu welchem Orchester tanzen eigentlich Gurus? Als Beispiel spielt er Volver von Gardel, das nicht gut tanzbar sei. Leuchtet mir nicht so recht ein, der Grundtakt ist eben weniger laut wahrnehmbar.

Beim Thema "Musizierqualität" wird dann mal wieder Javier vom Sexteto Milonguero mit Podesta verglichen und kann wie erwartet nicht ganz mithalten. Ich kann auch Ciriaco Ortiz mit Alfredo De Angelis so vergleichen, so dass De Angelis alt aussieht (Stichwort: Mi noche triste). Auf die abschliessende Frage, wer aus dem Publikum die modernen Orchester nicht durchs Band schlechter gefunden habe, geht tatsächlich eine Hand hoch (Man hätte genausogut an einem Kelly Family-Konzert laut fragen können, ob jemand Angelo Scheisse findet). "Du brauchst noch etwas Zeit", meint Christian, und ernet damit auch bei den "Richtighörern" im Publikum einiges an Kopfschütteln. Deutungshoheit von der Kanzel herab funktioniert im Jahre 2012 wohl nicht mehr so gut. So spannend viele Geschichten und Fakten sind, so sehr muss ich immer wieder über die andauernden Werturteile seufzen. Muss dringend mal die Begriffe "mediokrität" und "kapitaler Fehler" nachgucken, die scheinen ob ihrer gehobenen Redundanz enorm wichtig zu sein. "Unser Problem ist heute ein prallvoller Sack mit Vorurteilen.", findet Christian. "Unser"? Hey, wie soll ich De Caro von 1927 und 1939 unterscheiden, wenn der Lautstärkepegel jeweils um Potenzen schwankt?

In einer Pause beschenken mich zwei Frauen unabhängig voneinander mit Schokoladenkuchen. Muss an meinem Image liegen. Dennoch lecker, und einmal ist ja bekanntlich Keinmal. Bei Biagi und Flor de Monserrat allerdings leide ich dann an einer Überdosis Javier Rodriguez. Was sollen denn bitte Youtube-Showtänze dazu beitragen, wenn man ein Orchester oder gewisse Rhythmen auf der Piste umsetzen soll?

Nach den Videos mit dem Sound über die schmalen Frontböxchen kommt dann jeweils noch die audiophile Variante über die grossen Hamsterkäfige. Nur empfinde ich Mala Junta von De Caro hier als fürchterlich jaulend, und bei El Monito klingen die Geigen dann wirklich wie Sägen. Offenbar benötigt meine Audiophilität noch etwas Zeit. Bei Pedro Laurenz erfahren wir dann, dass das Orchester "nur für Fortgeschrittene" sei, was ich aufgrund der Klangbeispiele nicht so recht nachvollziehen kann. Tanguera von Mores ist zweifellos was für Leute mit Musikgehör, aber das legt ausser Petronella ja auch niemand auf.

Abendmilonga. So süffig wie Christian heute Abend auflegt muss er vorhin in der Pause einiges auf den Deckel gekriegt haben. Oder liegt es doch an den Hamsterkäfigen? Ich gebe zu, es klingt sauber. Dafür fragen mich zwei Leute unabhängig voneinander, wo die Bässe sind. Rausgedreht, wo sonst. Geht halt bei dem Raum nicht anders. Nur wenige, aber sehr schöne Tänze.

Sonntag. Wirklich nochmals vom sonnigen See zurück zum Vortrag? Ja, es muss sein. Die Reihen haben sich allerdings schon deutlich gelichtet. Heute gibt es dafür deutlich mehr zum Hören, weniger Videos, weniger Predigt und mehr spannende Details aus der Geschichte der Orchester. En esta tarde gris klingt ab dem Lautsprecher allerdings schlechter als vorhin vom Youtube-Video, finden meine Ohren. Gloria von De Angelis kam einfach nur noch schrill (da kann Christian meinetwegen lange über steile Flanken von 3dB philosophieren). Der Hammer fürs Trommelfell war dann Pasional von Pugliese, möglicherweise müsste Christian mal ein Audiogramm machen lassen. Monika hat den Lautstärkeregler jedenfalls deutlich anders bedient.

Am Ende des Vortrags noch eine Indsider-Diskussionsrunde, bei der die Frage aufkam, ob "alte Säcke" in einem abgelesenen Vortrag nicht etwas gekünstelt salopp wirke und was denn das weibliche Pendant dazu sei. Eine alte Schachtel? Vermutlich dachten es alle, aber wir hielten den Mund. Fazit: Man möge bitte die missionarischen Reden rauskürzen, gehaltvolle Adjektive entsorgen, die Videos zensurieren und den Pegel flach halten. Dafür mehr Beispiele von Orchestern, mehr Stilvergleiche, mehr Hinweise zur konkreten Umsetzung im Tanz geben, und dann dürfte unter dem Strich auch mehr Zeit für Hintergründiges zu den Orchestern und den nicht immer so goldigen alten Zeiten bleiben. Möglicherweise müsste man den Vortrag für Einsteiger auf D'Arienzo, Canaro, di Sarli, Troilo, D'Agostino, Tanturi, Pugliese und Calò beschränken. Und für die anderen (der Anteil an Lehrern und DJs war schon beachtlich gross) dann weiter ausholen, meinetwegen dort dann auch über Boxengrössen und Lautsprecherkabel referieren.

Immerhin hat der Vortrag bei mir bewirkt, dass ich danach zuhause knapp zwei Stunden am Stück diverse Orchester nachgehört habe. Christian könnte mit seiner umfassenden Tangothek und dem angegliederten Archiv vermutlich noch viel mehr aus dem Vollen schöpfen...

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Kommentar von Mikamou

Spannend, spannend ... aber jetzt bin ich so richtig in der Bredouille! Wie soll ich denn jetzt herausfinden, wann ich endlich "hervorragend" bin? Also zu allen Orchestern tanze ich nicht, aber meine musikalische Maginot-Linie läuft sehr wahrscheinlich orthogonal zu jener von Christian.

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Kommentar von Isabel

danke für dein -wieder- treffendes (und amüsantes) resumé :-))!! habe mich schon bei basel -ostertango- daran erfreut! ich war inspiriert nach dem samstag (sonntag konnt ich nicht teilnehmen, leider) und fand aber auch, daß christians sprache/formulierungen oft wertend war(en). wäre vielleicht gut es ihm zu sagen. andererseits mochte ich seinen umgang mit sprache aber auch (eben abgesehen von wertungen und kraftausdrücken wie "alte säcke" etc.). ich fand den vortrag sehr kurzweilig und interessant -sogar den teil über die technik- klar gäbe es verbesserungsvorschläge. sage ich ihm dann aber selbst bevor ich es hier reinschreibe.

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Kommentar von Ratatouille

Zwei Stück Schoggikuchen von Frauen gesponsert, das kann nur an der Schönheit liegen. Ich habe zwar kein Schoggikuchen bekommen aber habe eindeutig mehr getanzt als du. Habe die ganze Nacht darüber gegrübelt was es ausmacht, bin aber nicht darauf gekommen, vielleicht kannst du mir helfen.

Im Gegensatz zu dir (siehe weiter oben unter Schönheit) musste ich den Vortrag bezahlen und könnte jetzt ohne Rücksicht drauflos lästern. Tu ich aber nicht, denn mit den Aussagen bin ich eigentlich sehr einverstanden. Einzig die immer wieder aufblitzenden Ansprüche auf die absolute Wahrheit haben mich sehr gestört. Ausserdem, aber das hast du ja auch erwähnt, war die krampfhafte Bemühung, irgendwie salopp oder was auch immer die Absicht war daher zu kommen, aufgesetzt weil abgelesen. Schade, die beiden hätten wirklich viel zu sagen. Der Inhalt stimmt aber die Verpackung ist na ja.........

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Kommentar von TwoToTango

Die geballte Ladung an Hintergrundinfos zu den Orchestern und den vielen Einflüssen im Hintergrund (Arrangeure, beteiligte Musiker, Führungsstil der Orchesterleiter, "Politik" der Plattenlabels) fand ich als "Nur-Tänzerin" hochspannend, ebenso die Ausflüge in die Frühzeit der Tontechnik und die sehr strukturierte Schnupperstunde zum Tanzen in Phrasen. Schon allein das war mir jeden Rappen wert und liess die Kanten (siehe folgendes) sehr gern verzeihen.

Über die Wertungsextase der Vortragenden wurde bereits genug gesagt, sie haben bei mir den Spitznamen Tango-Taliban verpasst bekommen. (Disclaimer: Das will ich nicht in Bezug auf die ekelhafte Gewaltbereitschaft verstanden wissen, sondern als stilistische Zuspitzung. Die Alliteration ist einfach zu schön und Firpo-Fundis triffts halt nicht so genau...) Und wie Du schon schriebst, sind wir A.D. 2012 ja zum Glück selbständig und selbstbewusst genug, uns eine eigene Meinung zur Tanzbarkeit unterschiedlicher Musik zu erlauben.

Was das Ablesen angeht, so versuche man mal, einen derart langen Vortrag sauber zu strukturieren, sich nicht doch immer in Anekdoten und ach-nur-noch-ein-Detail zu verlieren, ohne ein abgelesenes Manuskript. Auch wenn ich es nicht so schön zum Zuhören fand, für diese Technik habe ich volles Verständnis und das Zeitmanagement hat, bis auf ein leichtes überziehen am ersten Abend gut geklappt. Ja, ein wirklich gelungenes Wochenende und mich hat der Verzicht auf mehr Sonne nicht gereut.

Noch hervorheben möchte ich die wunderbar fürsorgliche Organisation der Locotangueras und -tangueros, die an ALLES gedacht haben, sogar an Liste und Stadtplan mit Restaurants für die Verpflegung, die auch den Ortsunkundigen ein köstliches Abendessen an sehr schönen Orten für unterschiedliche Geldbeutel einfach machte.

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Kommentar von Cassiel

Geneigter Kollege, darf ich einmal provokant fragen, was ist eigentlich in der Schweiz los? Da stampft jemand einen Vortrag aus dem Boden, den es in der Form und Ausführlichkeit bislang nicht gab und dann spricht dieser Referent am 2. Tag vor gelichteten Reihen? Wie soll ich das denn bittte verstehen? Oder betrachten wir den Umstand, daß dieser Vortrag erst einmal zwei volle Säle in Deutschland gebraucht hat um dann auch mal in der Schweiz Beachtung zu finden. Gilt etwa der Prophet im eigenen Lande nichts?

Ich hatte das zufällige Glück, daß ich die Entstehung des Vortrags vom ersten "Man müsste einmal..." bei einem Glas Wein in Zürich anläßlich eines Besuchs bis zur Uraufführung beobachten konnte. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an einen Abend in Zürich im letzten Sommer als Christian einmal die erste Stunde zur Probe vortrug. In dem Vortrag steckt unglaublich viel Arbeit. Damit es für keinen Besucher der Veranstaltung zu bösen Überraschungen kommt, wurde auch ein detailliertes Programm als PDF mitgeliefert und im Vorfeld gab es einen Bericht von Klaus Schwarzwälder über ein Veranstaltung in Deutschland im Netz. Ich denke, Monika und Christian werden sich in Biel genau an diese Gliederung gehalten haben. Also kann niemand behaupten, er habe nicht gewußt, auf was er sich einlässt.

Daß Christian in manchen Formulierungen sehr deutlich seine Meinung formuliert ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Umstand geschuldet, daß man ihn sonst möglicherweise überhört. Es ist zweifelsohne das Verdienst von Christian, daß er die Musik der Epocha de Oro wieder auf die Tagesordnung des Tangos im deutschsprachigen Raum gesetzt hat: Ohne Kompromisse. Seit dem Buch von Arne Birkenstock und Helena Rüegg aus dem Jahr 1999 und der Artikelserie von Jürgen Bieler in der TD (zwischen 2001 und 2006) gab es nach meinen Beobachtungen keinen derartig nachhaltigen Versuch, den Zugang zur klassischen Tangomusik breiten Schichten von Tänzerinnen und Tänzern zu erschließen.

Nun im Einzelnen auf jede Deiner Lästereien einzugehen ist mir zu mühsam, es bringt wahrscheinlich auch nichts, wenn ich Dir beispielsweise schreibe, daß De Angelis mi noche triste 1964 - also lange nach der Epocha de oro eingespielt hat, oder daß es eine zusätzliche enorme Schwierigkeit ist, mit drei Quellen (2 Laptops und einem Mikrofon) statt mit einer Klangquelle (wie üblich auf Milongas) zu operieren und mit dem technisch unbefriedigenden Video-Material zu arbeiten (Christian ist einer der wenigen DJs, die vor jeder Milonga ihre Playlist auf eine möglichst homogene Lautstärke einpegeln - bei Videos, die über eine Keynotepräsentation zugespielt werden geht das technisch nicht).

Im Kern bleibt es bei der Frage, ob man sich den (vielleicht partiell unbequemen) Wahrheiten von Monika und Christian stellen will oder ob man sich an einzelnen Formulierungen reibt. Das bleibt jedem selbst überlassen. Wir können weiterhin Tanguera von Mariano Mores auflegen und das tanzen, was wir für Tango halten (keine Frage, bevor ich die Musik der EdO kennengelernt habe, fand ich das Stück auch ganz nett). Wir können uns aber auch entschieden, das reichhaltige Repertoire der klassichen Tangomusik für uns zu erschließen und langfristig wird unser Tango besser. Monika und Christian haben jedem aufmerksamen Besucher einen Leitfaden an die Hand gegeben. Jede Zuhörerin / jeder Zuhörer kann sich frei entscheiden, ob sie / er den mühsamen und spannenden Weg gehen will oder nicht.

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Antwort von Patrick

Tanguera war bloss ein Beispiel für ein musikalisch anspruchsvolles Stück (nein, ich bin noch nicht so weit) -- ich habs eh nie aufgelegt, weil es in keine Tanda gepasst hat. Mi noche triste hingegen hätte ich genau deshalb passend zum Vortrag gefunden, weil je nach Fokus das Resultat nicht ganz so klar ist. Das Resultat mit dem Sexteto hingegen war ja vorgegeben, und es ist nun eben die Frage, ob man innerepochalen Reichtum bloss mit schwarz-weiss-Vergleichen zeigen muss. Christian hat in der Schlussdiskussion am Sonntag gesagt, wie er sich jahrelang geärgert hat und deshalb nun radikale Positionen vertritt. Das ist aus seiner Sicht verständlich, wirkt aber von aussen ziemlich irritierend.

Die Besucher kamen ja freiwillig und waren auf die Musik neugierig. Und dann rennt der Referent nicht nur offene Türen ein, sondern donnert mit seiner Abrissbirne gleich mal kräftig gegen angebliche Windmühlen. Das viertelstündige Lamento zu Beginn des Vortrages hat dann die Erwartungen derart hochgetrieben, dass es nur noch schiefgehen konnte. Und spätestens mit der mitleidigen Barmherzigkeit gegenüber einem noch-nicht-Guthörenden hatte sich Christian meiner Meinung nach bei vielen Zuhörern seinen Kredit dann verspielt.

Absurd finde ich, dass Du jetzt quasi andeutest, dass jeder, der am Vortrag Kritik übt, den "mühsamen und spannenden Weg" nicht gehen will oder sich gegen unbequeme Wahrheiten (welche denn?) sperrt. Hey, die Leute wollten sich doch das Repertoire erschliessen. Aber Berner Dickschädel melden sich eben zu Wort (zumal sich wohl so mancher gewundert hat, wo denn all diese Windmühlen sein sollen), in Bayern war man gegenüber dem Gast aus dem Ausland möglicherweise etwas zurückhaltender.

Noch zum Einpegeln: Eben _weil_ exakt gleich laute Stücke in der Praxis kaum möglich sind taugen auch die Hörvergleiche nicht für absolute Wahrheiten, schon gar nicht im Rahmen einer Massensuggestion. In diesem Zusammenhang ist es dann auch schon beinahe tragisch zu sehen, wie er in den trivialen Nahbesprechungseffekt reingestolpert ist, die dumpfe Verstärkung seiner Stimme erschwerte die Konzentration enorm und hat seine Glaubwürdigkeit in Bezug auf die Technik wohl auch nicht sonderlich erhöht. Verständlichkeit wäre eben wichtiger als Dogmatik.

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Kommentar von Cassiel

Nur eine Frage zum Verständnis: Durfte das Auditorium die drei Kandidaten für den direkten Hörvergleich wählen? Das war nämlich eine Änderung in dem Vortrag die erst in Augsburg eingeführt wurde. (Übrigens ein schönes Beispiel dafür, wie der Vortrag noch weiterentwickelt wird.) Und Du hast Recht: Möglicherweise habe ich pauschaliert bei meinen Anmerkungen über das "sich darauf einlassen". Es ist leider häufiger meine Beobachtung gewesen, daß es Einige gibt, die sich hinter Stilfragen "verstecken" um sich nicht unbequemen Gedanken aussetzen zu müssen. Das sind allerdings nicht alle; insofern habe ich unzulässig verallgemeinert.

Und dann taucht in Deiner Replik noch der Begriff "Dogmatik" auf. Er suggeriert die unkritische Übernahme von Überzeugungen (so jedenfalls verstehe ich den Begriff) und gerade das macht Christian nicht. In jeder Diskussion erklärt er gerne und ausführlich, warum er zu einer Überzeugung oder Ansicht gekommen ist. Hat er das in Biel nicht auch so gemacht?

Beim Thema Lautstärke habe ich auch andere Präferenzen als Christian. Ich könnte mir aber vorstellen, daß ein winziger Hinweis genügt hätte und die Lautstärke wäre reduziert worden. Zusammenfassend möchte ich dafür plädieren, Christian mehr Spielraum für seine persönliche Art des Vortrags zu lassen und nicht zu vorschnell "Dogmatik" zu rufen. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, ich habe erlebt, daß Christian in einer anschließenden Diskussion immer seine Ansichten schlüssig begründen konnte.

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Kommentar von TwoToTango

Nun ja, das Kopfschütteln erklärt sich einfach: Einem TJ und mit bestem Musikgehör gesegnetem, feinfühligen Tänzer, der einfach nicht die Schwarz-Weiss-Überzeichnung im Hörvergleich mitgehen wollte, je nach Wahrnehmung gutmütig bis herablassend zu erklären, er sei wohl einfach noch nicht so weit, war halt "dumm gelaufen". Christian Tobler wusste schlichtwegs nicht, wer ihm da gegenüber sass und mehr Nuancierung vertrat als er... Ob dies dann der einzige Grund für die gelichteten Reihen war, wage ich zu bezweifeln. Grandioses Sommerwetter und vieles andere kann auch noch dazu beigetragen haben.

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Kommentar von Thomas

Ja, in der Schweiz gilt der Prophet ebensowenig wie überall sonst auch, aber hier in diesem demokratischen Land wird jeder, der über das Mittelmass hinausragt prinzipiell um einen Kopf kürzer gemacht. Das ist unsere kulturelle Tradition und sozusagen das Berufsrisiko von Könnern.

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Kommentar von Joachim

Eigentlich wollte ich mich zu diesem Vortrag nicht äussern, schon deshalb, weil ich aus für mich guten Gründen nicht hingegangen bin. In der sehr ausführlichen Beschreibung und der nachfolgenden Stellungnahmen fühle ich mich in der Entscheidung bestätigt.

"Unter einem Dogma (altgr. δόγμα, dógma, „Meinung, Lehrsatz; Beschluss, Verordnung“[1]) versteht man eine fest stehende Definition oder eine grundlegende Lehr-)Meinung, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt." Zitat Wikipedia

In dem Zusammenhang stimmt Patricks Einschätzung auch mit meiner Wahrnehmung des Vortragenden. Cassiel, lange vor Christians Eintreten in die Kreise des Zürcher Tangos gab es viele DJs, die sich der Epoca de Oro verschrieben haben - er hat da keineswegs Pionierarbeit geleistet, sondern gemäss seinen Ansprüchen versucht, technisch das beste aus bestehenden Aufnahmen herauszuholen, so habe ich bisher seine Gigs empfunden. Die ich nicht gerade überfüllt erlebte.

Bei einer emotionalen Sache wie Tango jedoch die Technik und das Wissen in den Vordergrund zu ziehen und zu postulieren, unter bestimmten Umständen wäre man nicht reif für was auch immer und würde man sich um die Materie bemühen, dann käme die Erleuchtung als Lohn der Arbeit, blendet das Gefühl, den Spass und die Lust am Tanzen komplett aus, fördert die Angst vor "Fehlern" (mit denen der Tango überhaupt nur wachsen kann). Es verstrahlt eine derartige Intoleranz, dass man sich fragt, ob der Authentizität wegen nicht demnächst auch Messerstechereien, so wie damals in BsAs, auf's Abendprogramm müssen - nur damit man wieder einen Schritt näher am nie erreichbaren "Original" ist.

Einen Tango von vor 60-70 Jahren in die heutige Zeit synthetisieren zu wollen, bedeutet viel Ärger und Frustration für den, der's versucht. Die Frage ist, wer will das? So zu tun, als ob man genau wüsste, wie's damals war? Was macht beim "so tun, als ob" denn mehr Spass als beim tanzen, wie man's fühlt?

Nachtrag: Den letzten Absatz von mir finde ich missverständlich und möchte darum ergänzen: Mit "Einen Tango von vor 60-70 Jahren" meine ich die gesamte damit in Verbindung stehende "Szene", die Orchester, Tänzer, sozialen Anlässe und das restliche Leben, zu dem das alles einen Ausgleich schaffte. Nicht ein einzelnes Musikstück.

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Kommentar von Eva und Wolfgang

Ich beobachte mit etwas Erstaunen die Diskussionen um Christian Toblers Vortrag in Biel. Vorab muss ich sagen, dass ich in Biel nicht dabei war, aber den Vortrag und die Milonga von Regensburg besucht habe und zusammen mit einigen Mitstreitern hier den Vortrag mit Milonga in Augsburg organisiert habe. Ich gehe mal davon aus, dass die Veranstaltungen im Großen und Ganzen vergleichbar sind, wenn auch, wie von Cassiel angemerkt, die Inhalte sich weiterentwickelt haben. Wir (meine Frau Eva und ich) haben vor ca. 4 Jahren begonnen, Tango zu tanzen, nachdem unser Sohn Tanzkurse besucht hat und wir etwas für uns machen wollten. Vor allem ich wurde von meinem Schöpfer mit wenig Tanztalent ausgestattet und ich muss mir alles erarbeiten. Wir bezeichnen uns heute übrigens als „fortgeschrittene Anfänger“, ohne Anspruch auf Richtigkeit, aber mit viel Spaß an der Sache. Nach etlichen Kursen, Workshops, Praktikas, Einzelstunden und Tanzabenden haben wir festgestellt, dass wir nur sehr wenig bis garnichts über die Musik, also den Ursprung des Tanzes wissen.

Auf dieser Suche nach dem Ursprung des Tangos sind wir über einen Artikel in der Tangodanza auf Monika und Christian gestoßen und haben diese angeschrieben. Ich war absolut überrascht von der Freundlichkeit und dem Umfang der Antwort, woraus sich über Wochen ein Austausch mit vielen Anregungen und Möglichkeiten für unser „Problem“ ergeben hat. Das Ergebnis war der Entschluss, seinen Vortrag im Augsburger Raum zu veranstalten. Um zu wissen, worauf wir uns einlassen, habe ich den Regensburger Vortrag als Gast besucht und ich war schon dort begeistert vom Inhalt, dem Umfang und der Qualität der Musik. Beeindruckt hat mich die Musik an der Milonga. Ich habe über viele Stunden entspannt zuhören und tanzen können, ohne dass es mich gestresst hat. (Für mich war das neu.) An jedem Vortrag (auch beruflich), den ich bisher besucht habe, gab es auch etwas auszusetzen, aber für mich ist es immer wichtig, ob ich Impulse bekomme, die mich weiterbringen. Tangotänzerisch sind wir fast seit Beginn unseres Tango-Lebens Schüler von Stravaganza in Berlin und somit wirklich nicht auf „Schrumpeltango“ aus den EDO Jahren geeicht gewesen. Unsere Lehrer, Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, sind eher für den moderneren Bühnentango bekannt, der von den „Traditionalisten“ ja so kritisiert wird. Sie tanzen extravagant und gerne auch zu guten modernen Tangostücken oder Klassik oder zu den Highlights der EDO, wobei sie auch Piazzolla nicht verschmähen. So außergewöhnlich ihre Bühnenperformance ist, so klassisch und konservativ unterrichten sie. „Denn nur wer die Achse, Bewegung und das Miteinander beherrscht, kann auch extravagante Dinge tanzen“.

Der Vortrag hat uns, vielen unserer Tangofreunde hier in Augsburg und vielen Besuchern aus ganz Deutschland (wie ich die Feedbacks bekommen habe) eine ganze Reihe von Impulsen gegeben und bei mir die Liebe zur Musik aus den goldenen Jahren des Tangos entfacht. Unser Tanz hat sich seit Februar in unserer Gruppe Stück für Stück verändert. Es ist Bezug zur Musik entstanden und wir sind bemüht, das immer besser umzusetzen, was leider nicht von heute auf morgen funktioniert. Das ist der Verdienst von Christian und Monika, erreicht durch den Vortrag. Ja, auch bei uns haben sich Teilnehmer an der „unerbittlichen“ Liebe von Christian zu guter Wiedergabetechnik und Musik der EDO gerieben, das ändert aber nichts daran, dass er uns diese beiden Themen nahe gebracht hat. Wir sind ihm dafür dankbar!

Bei all den „Tangoprofis“, die sich hier zu Wort melden und harsche Kritik (teilweise deutlich unter der Gürtellinie äußern), muss ich mich fragen, warum diese sich zu einem Vortrag mit dem Titel „Einführung in die Epoca de Oro…“ anmelden? Vielleicht hat ja mancher nur darauf gewartet deutliche Kritik loszuwerden und war von Beginn an auf „Krawall gebürstet“? Macht es besser, ich freue mich über jede Gelegenheit mein „Tangowissen“ verbessern zu können.

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Kommentar von DrR

Arbeit, die Recherche, das Engagement in Ehren (Dank dafür!). Aber das ist doch wie ein Vortrag über das Verbot von Kinderarbeit vor der Uno. Da haben die meisten schon die "richtige" Meinung. Es fehlen Details und Maßnahmen. Keks gegessen, Kuh vom Eis, Drops gelutscht.

Richtig ist und richtig gut ist, seine "Sache" überzeugend und mit dem Schwerpunkt auf den Inhalt (sic!) zu transportieren. "Abweichler" wird es immer geben. Und da muss sich der Vortragende durchaus Kritik gefallen lassen, ob er nicht durch die vielleicht zu forsche Vereinnahmung der eher unstrittig konsenzfähigen Meinung einfach und allein durch sein polarisierendes Auftreten so die Meinung spaltet und soviel Mißtrauen säht, dass die ausgewogenen und abwägenden Leute dem platten Pfad nicht so simpel folgen wollen. Die Maximalwirkung wird verfehlt, evtl. das Gegenteil erreicht. Schade. Falsche Eitelkeit für nix. Typisch Tango. Nichts für ungut.

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Antwort von Patrick

Christian hat derweil bei Cassiel Stellung genommen. Sein Bezug auf mich:

"Blogger Patrick aus Basel empfehle ich, ein einziges Mal was ähnlich Komplexes, Anspruchsvolles auf die Beine zu stellen und durchzuführen. Hinterher können wir gerne miteinander debattieren. Schlecht machen was andere auf die Beine stellen ist dagegen ein etwas mageres Konzept. Da halte ich mich lieber an die vielen Teilnehmer, welche sich bei uns persönlich bedankt oder uns ein Mail geschrieben haben. Denn diese Teilnehmer umfassen zahlenmässig ein Vielfaches der herben Kritiker in zwei Blogs."

"Mach es besser" oder "Mach es selbst" könnte Dir auch Javier vom Sexteto Milonguero zurufen, Christian. Möglicherweise würdest Du staunen, wenn ich erzähle, was ich schon alles auf die Beine gestellt habe. Aber wir wissen wohl beide, dass das Argument faul ist und ganz einfach nicht zählt. Und die ganzen persönlichen Mails -- freu Dich an denen, das reicht.. Zur Untermauerung meiner Position hole ich ja auch keine zustimmenden Latrinengespräche aus dem Hut.

Du hattest bislang meine Nachfragen im Bereich Soundqualität jeweils damit abgewürgt, dass die Theoretisiererei nichts bringe und ich die Unterschiede schon selbst mal auf gutem Equipment hören müsse. Oki, meine (und andere) Ohren standen Dir nun über zehn Stunden lang offen. Dabei kam ich nun teilweise zu anderen Schlüssen, und jetzt kommst Du mit einer neuen Anforderung, bevor Du Dich der Debatte stellen willst.

Vielleicht war an Ort und Stelle etwas nicht sauber eingepegelt, oder ich war müde, oder meine Ohren sind halt von zuviel Popmusik verdorben. Kann ja alles sein. Aber Deine Superlativ-Ansprüche an Musiker, Verstärker, Boxenkabel und TJs führen halt dazu, dass man Dir gelegentlich einen Spiegel vorhält.

Das darfst Du meinem Blog und mir gegenüber natürlich auch tun, es ist bloss wenig originell, wenn Du es gerade jetzt tust. Um den Nichtdabeigewesenen eine Vorstellung zu vermitteln könntest Du beispielsweise das Skript der Einführung (damit meine ich die erste Viertelstunde) online stellen. Vielleicht wird so deutlicher, dass Deine Deutlichkeit nicht das Problem war.

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Kommentar von coeurdepirates

Hallo Patrick, die Diskussion bei Cassiel hat mich über diesen Umweg mal wieder auf deine Seite geworfen. Zeit zu sagen, wie wohl mir deine Stimme zwischen all den Tango-Taliban, beleidigten machsdochbesser Leberwürsten, aufgeblasenen Langweilern und wirhabenunsallelieb Täuschern tut. Mit Dir gibt es einen Blogger, der schreibt, was viele hinter vorgehaltener Hand sagen und keiner hören will. Trotz aller "sag es ihm doch ins Gesicht"-Empfehlungen hoffe ich, Du schreibst auch weiterhin in dieser Weise. Alles Gute

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Ausgleichsprobleme in Freiburg

Freitag, 22. Juni 2012

Freiburg, Südwestrundfunk. Im Foyer läuft noch Fussball. Angekündigt waren DJ Markus und DJ Anita (in dieser Abfolge), somit war mir klar, dass ich nicht allzufrüh da sein sollte. Dennoch zu früh: Frauenüberschuss wie an einem Yogakurs an einem Sonntagmorgen. Und ich muss mich zwischendurch immer wieder rechtfertigen, weshalb ich grad nicht tanzen mag. Somit das perfekte Kontrastprogramm zu einem Milonguero-Festival. Übrigens auch von der Piste her, vergleichbar mit Mariokart -- bloss leider ohne Pilze, Sterne und Bananen.

Auftritt von Gerichtsschreiberin Mirjam und Tangopionier Romeo mit anschliessendem SWR-Interview. Sie erhalten dann auch jeweils eine Kuh Elsa, das SWR-Maskottchen. Ich bin masslos enttäuscht. Zu SWR-Zeiten gab es noch den Schwarzwald-Elch. Hätte auch eher zur Piste gepasst.

Genüssliche Tänze, doch kurz nach zwei Uhr steigt schliesslich der Männerüberschuss ins Unermessliche. Und die DJane schafft es dann auch, die wirklich sauber klingende Anlage gnadenlos zu übersteuern. Zeit fürs Bett.

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Kommentar von Roberto

Patrick, du scheinst wieder völlig auf der negativen Schiene abzufahren, dabei waren ein paar frühere Kommentare vielsprechend positiv. Im Übrigen finde ich gerade den letzten Kommentar stillos und unhöflich.

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Antwort von Patrick

Was bitte genau war daran unhöflich? Ach ja, und der Schwarzwald-Elch stammt natürlich vom alten Südwestfunk, eben nicht vom SWR. Aber er treibt noch immer sein Unwesen...

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Kommentar von Roberto

Sorry Patrick, wenn du deine Unhöflichkeiten selber nicht mehr bemerkst, werde ich mich von deinem Blog verabschieden. Adieu.

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Kommentar von Mikamou

@Roberto: Erst die Türe knallen, damit man bemerkt wird, und dann an der Türe lauschen. iLike!

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Schnuppern in Aschaffenburg

Samstag, 7. Juli 2012

Aschaffenburg, Bayern. Museumsnacht mit grossem Tanzboden vor dem Theater. Als die Zuschauer dichtgedrängt stehen, beginnt Tanzlehrer Georg mit dem Schnupperkurs, und die Neugierigen lassen sich nicht lange bitten. Ich bin positiv überrascht: Er spricht vom Gehen, von der Ronda und dem Rhythmus. Kein Grundschritt, keine Hakeleien.

Leider spricht er nicht vom Blickkontakt, der scheint mir hinterher in dieser Region noch ein wenig unterentwickelt zu sein. Doch irgendwann zu später Stunde entdecken mich auch die lokalen Tangueras, und ich geniesse die Tänze bis in die späte Nacht hinein. "Kennst Du keine Milongaschritte?", kam da übrigens noch als erstaunte Frage. Milongaschritte? Ich doch nicht.

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Kommentar von TwoToTango

Na ja, drei von vier Basics ist doch schon viel! Und es scheint ja auch so noch ein beglückender Abend geworden zu sein. :-)

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Aufgüsse in Freiburg

Samstag, 14. Juli 2012

Freiburg, El Sur. Draussen ist es zwar nicht wirklich warm, aber mangels Lüftung ist das immer eine astreine Sommer-Milonga. In den frühen Abendstunden sind die Fenster offen, doch die Tangueras scheinen sich noch zu schminken.

Nach 22 Uhr sind die Fenster dann zu, und zwischendurch gibt es Musikpausen mit kurzer Durchluft. Was ungefähr eine halbe Tanda lang nützt, danach liegt der Feuchtigkeitspegel wieder am Maximum. Je später, desto mehr Volk, desto besser die Musik und desto klebriger der Boden. Niederschlag setzt sich eben. Hab ich dann auch gemacht, trotz Buscandote.

Zwischendurch gibt es noch szenische Einlagen vom Tangotänzer und seiner Tanzpuppe (aufziehbar), offenbar der Grund für die zwei Euro Eintrittszuschlag. Nicht ganz frisch, die Idee, aber nach ermüdend langer Ansage immerhin erfrischend kurz dargeboten. Viele schöne Tänze, aber eindeutig zuviele Schwitz-Tanzpausen...

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Sprünge in Mannheim

Samstag, 21. Juli 2012

Mannheim, Flores. Tiefstes Industriegebiet, das heute offenbar auch vielen Frankfurter Tänzern als Alternative dient. Quasi ein modernes Loft ohne Loft-Feeling. Dafür mit vielen Leuten, vielen Frauen und auch vielen Cabeceos.

Auf Nachfrage wird mir dann erklärt, wie man die WC-Kabine illuminiert kriegt: Der Bewegungsmelder heisst so, weil er bewegt werden will. Also einen beherzten Sprung mit einem kräftigen Klaps kombinieren, und schon läuft der drei Minuten-Countdown auf dem stillen Örtchen. Die Frauen erledigen sowas vermutlich per Voleo.

Viele schöne einzelne Musikstücke, aber die Logik innerhalb der Tandas hat sich mir nicht so recht erschlossen. Dafür offenbar Besucher von Freiburg bis Köln, die sich an den Gratis-Wasserkaraffen bedienen. Etwas zuwenig Schokolade. Und eine äusserst angenehme Piste...

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Kommentar von Jaro

Danke für den Besuch in Mannheim und die Meinung. Schön, daß es grundsätzlich gefallen hat! Bis bald! Jaro für das Tango Mannheim Team

p.s.: der Bewegungsmelder in der Herrentoilette war eigentlich kaputt zu dem Zeitpunkt und ist inzwischen repariert!. p.p.s.: das mit der Schokolade nehmen wir als Anregung ;)

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Wenn der Sommer leuchtet

Freitag, 27. Juli 2012

Stadtpark, Freiburg. Ein idealer Sommerabend für eine Openair-Milonga, auch wenn sich einige Tanzpartnerinnnen vom Wetterleuchten minim ablenken lassen. Doch trotz luftigen Winden bleibt das Gewitter noch fern, und so tanzen wir bis zur Dunkelheit in den Abend.

Philosophische Diskussion darüber, weshalb Schweizer drei Küsschen brauchen. Und weshalb in Deutschland die Gelateriea-Dichte deutlich höher ist. Und natürlich auch, weshalb schöne Hochsommermilongas um 23 Uhr schon zu Ende sind. Vermutlich wäre es ohne die entfernten Blitze zu dunkel, um überhaupt noch Tanzpartner zu finden?

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Tangowahrheiten im Gedränge

Freitag, 3. August 2012

Frankfurt, Brotfabrik. Offenbar hat hier jemand mal die Soundanlage frisch eingestellt, es klingt jedenfalls um Welten besser als früher. Dank Ferien trotz dem üblichen Gedränge immerhin etwas luftiger als auch schon, und ich lache mir viele schöne Tänze an. Und habe sogar Schneewitchen gesehen. Keine Zwerge.

Dann spricht mich noch ein Tänzer an, und findet, ich schreibe in meinem Blog über den Tango die WAHRHEIT(tm). Klar tu ich das. Sonst werde ich ja nie Guru.

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Kommentar von TwoToTango

Soso, die WAHRHEIT. Ist das im Sinne von "100'000 Wiederholung ergeben eine Wahrheit" (A. Huxley)? Oder eher wie das Zentrale Verlautbarungsorgan der Sozialistischen Republik Nordkorea?

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Kerzentänze im Gellert

Freitag, 10. August 2012

Besuch aus dem hohen Norden. Das Ende der Sommerferien naht, also noch huschhusch ins Gellert zur Openair-Milonga. Früher hatte ich mich immer geärgert, dass man den wunderschönen Park nur sitzend und den Tanz bloss in der räumlichen Enge geniessen konnte. Gut, es gab die Veranda, aber die war zumindest im letzten Jahr meist mit Tischen und Stühlen zugestellt.

Nun endlich ein Tanzboden an der Luft, flankiert von Kerzen, ein warmer Abend, eine halbwegs zivilisierte Piste -- und wow, mehrere Tangueras der Basler Szene, die sich beschwerten, ich sei zuwenig in Basel unterwegs. Hab vor lauter Verwunderung prompt Troilo mit Pugliese verwechselt. Irgendwie bin ich noch nicht so weit...

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Kommentar von Mikamou

Na ja, das Gellert, halbwegs-zivilisiert ist auch nur halbwegs, aber zumindest kann man bei der Schräge seine Gleichgewichtssensoren mal wieder so richtig eichen.

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Aussicht im Untergrund

Donnerstag, 23. August 2012

Darmstadt, Ludwigshöhe. Über 500 Meter vom Parkplatz entfernt durch den düsteren Wald, die Tanzfläche ein sandiger Boden, viel zu dunkel für Cabeceo, Musikmix zweifelhaft, und die Laustärke selbst für meine sensiblen Ohren zu leise. Aber trotz der wenigen Leute ist die Atmosphäre angenehm, und die Aussicht über das eindunkelnde Darmstadt bis hin nach Frankfurt beeindruckend. Um zehn Uhr ist Schluss, und wenige Minuten danach löscht der Angestellte der Stadt auch beim nahegelegenen Türmchen das Licht. Verschwörerischer Untergrund-Tango...

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Techno am Main

Samstag, 25. August 2012

Frankfurt, Museumsuferfest. Man potenziere die Basler Fasnacht mit der Basler Herbstmesse, dann hat man punkto Besucheraufkommen und Lautstärke eine grobe Vorstellung. Auch die Academia hat hier einen Stand, und Fabiana motiviert die Leute von der Strasse eifrig zu einem Tango-Schnupperkurs. Erst Frauen und Herren einzeln, dann probieren sie den Schritt aller Schritte gemeinsam: Schritt, Schritt, Wie-ge-schritt, und...Pose! Schön zu sehen, dass hier die Essenz des Tangos an das Volk gebracht wird. Eine Tanguera findet, ich sehe das etwas eng. Nun...man könnte doch auch die Leute unterhalten, ohne gleich die dümmsten Tango-Klischees zu nähren. Getanzt wird im Schnupperkurs dann übrigens zu Otros Aires. Nein, das habe ich nicht erfunden.

Die anschliessende Milonga muss ich leider sitzend und zusehend geniessen, weil ich ein wenig rumkränkle. Aber schon an der fünf Meter entfernten Bar desselben Standes läuft Latinomusik, und die kräftigen Technobässe vom anderen Mainufer helfen auf der Piste wohl auch nicht sonderlich. Der TJ versucht mit der Lautstärke mitzuhalten, was empfindliche Ohren dann auch nicht geniessen können. Tango ist vielleicht doch ein etwas zu zartes Pflänzchen, um auf jedem Eisenbeton zu gedeihen. Ach ja, und es gab natürlich noch drei Showtänze von Fabiana und Julio. Sie entsprachen in jeder Hinsicht meinen Erwartungen.

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Nontangos beim Zoo

Samstag, 8. September 2012

Frankfurt, Ravenstein-Zentrum. Auch als Milonga am Zoo bekannt. Workshops mit der Tangobewegung, dazu eine Abendmilonga. Mir war klar, dass der Fahrstuhlmusik-Anteil relativ hoch sein würde. Aber satte 90 Minuten ohne einen Tango (und zwei deshalb verteilten Körben), huch, da bin ich eben wieder gegangen. Zwar hätten Chantal und Sebastian noch vorgetanzt, aber nachdem ich am Vorabend in der Brotfabrik gesehen habe, wie sie auf der dichten Piste ihre Schlenkereien zelebriert haben, glaub ich nicht, dass ich da fürchterlich viel verpasst habe. Ach ja, ich brauch mal wieder ein Milonguero-Festival...

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Azul in Kehl

Freitag, 14. September 2012

Kehl, La Cita. Eigentlich im Starbuzz. Zwar knallt die Sonne, aber der Wetterbericht war wohl zu zweifelhaft für ein Openair. Ein Milonguero-Nachmittag also in einer langgestreckten Bar? Yepp. Zwei Musik- und zwei Tanzpausen, den Rest durchgetanzt. Schöne Umarmungen, enge und entspannte Piste. Derart viele Besucher aus Belgien, dass ich mein französisch wirklich mal wieder trainieren sollte. Cumparsita viel zu früh, wobei man über die Nacht ja nicht vor dem Abend meckern sollte. Oder so.

Abends im La Cita verpasse ich dann das gesamte Kuchenbuffet, weil ich dauernd auf der Piste bin. Ich weiss, sowas nennt man Jammern auf höchstem Niveau. Allerdings waren auch zwei Rempler unterwegs, die man meinetwegen ans Kuchenbuffet hätte ketten können. Sueños azul (leider nicht von Troilo) mit einer Traumtänzerin, darauf wartete ich schon seit Monaten. Um drei Uhr nachts quittierten dann meine Füsse den Dienst. Tango ist schön...

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Kommentar von Tüpflischiisser

...der blaue TangoTraum ist ein "sueño azul"...ohne Schlafwandler-S ;-)

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Antwort von Patrick

Oder so. Ich finde darüber leider kaum etwas im Netz, und wegen der Ähnlichkeit zu Buscandote habe ich schon gegrübelt, welcher Komponist da von wem abgekupfert hat. Mag mich jemand erleuchten?

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Kommentar von Tüpflischiisser

..."Sueño azul" und "Buscándote" klingen doch nicht gleich... De Caro hat Ersteres Ende 20er mal veröffentlicht, Fresedo Letzteres irgendwann mal in den 40ern, oder...?

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Kommentar von Joachim

Ausser dass beides von Fresedo eingespielt wurde, erschließt sich mir keine Ähnlichkeit. Sueño Azul von Tibor Barczy hat wenig zu tun mit Buscándote von Eduardo "Lalo" Scalise.

Wenn Du nicht ausser einem albernen Otros Aires Hasser auch noch alberner Apple Hasser wärst, könnte ich Dir einen Link zum iTunes Store für Xavier Cugat zukommen lassen, der das Stück ebenfalls im Repertoire hatte. Aber so wirst Du es Dir aus finstren Quellen fischen müssen.

Aber da auch Edgardo Donato die Melodie von "Melodia de corazon" von Chopin klauen liess und das bisschen Umbau rotzfrech Héctor Artola & Fioravanti Di Cicco - Carmelo Santiago in die Schuhe geschoben wurde, ist es ohnehin nicht einfach, zu finden, wer von wem klaute. Piafs "La Foule" zu de Angelis' oder Castillos "Que Nadie Sepa Mi Sufrir" hat immerhin Michel Rivgauche - Angel Cabral, bzw. Ángel Cabral - Enrique Dizeo als Urheber drin. Meist waren sie aber zu Vor-Internet Zeit recht unzimperlich mit klauen.

Übrigens, eine stehende Regel besagt: Kette Rempler ans Kuchenbuffet, und ein anderer wird den Rempeljob übernehmen. Zwei sind doch eine Luxusquote. Du warst länger nicht mehr im VM-Tango...

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Antwort von Patrick

Natürlich schwelgte ich pistentechnisch im Luxus. Aber die Runde am Freitag Nachmittag war derart entspannt mit viel Blickkontakt unter den Führenden, sowas habe ich bislang vielleicht einmal jährlich erlebt. Jammern auf Wolke 6.9 halt.

Zur Musik: Ich finde gerade den Gesangspart dieser Stücke von Fresedo und Fresedo schon ähnlich, vielleicht liegts auch nur an der ähnlichen Rhythmik der Triolen (die eigentlich keine sind)? Wie auch immer, möge ein DJ mal irgendwo bitte die saftige Version von Troilo spielen...

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Kuchen in Kehl

Samstag, 15. September 2012

Erneut Nachmittagsmilonga im Starbuzz. Schon gestern habe ich mich gewundert, weshalb es hier drin riecht wie nach einer Grillparty. Die Wasserpfeifen in der Ecke habe ich natürlich schon gesehen, und die Qualmerei der Dame hinter der Theke roch auch leicht süsslich, die Mischung hat mich dennoch auch heute irgendwie irritiert. Oder helfen psychoaktive Substanzen auf der Piste? Heute war es jedenfalls voller, und das Einfädeln in die Ronda verlangte viel Taktik. Dario legte mir ein wenig gar zuviel zackiges Zeugs auf.

Relativ früh zur Abendmilonga, um die luftigen Platzverhältnisse noch ein wenig auszunutzen. Leider lande ich erst nach einer Dreiviertelstunde auf der Piste, und der Tanz wird dann noch explizit als Mitleidstanz deklariert. Djane Tina macht um viertel nach zehn noch ausgiebigen Soundcheck, was meine Laune auch nicht steigert. Modern Talking als Cortina löst immerhin wieder in Kichern aus. Ich hätte mich das nie getraut.

Schöne, aber wenige Tänze, und zu später Stunde betanzen die Gurus ihre Groupies. Ich hatte mich gestern noch gewundert, dass es eine ganze Gruppe von Frauen gibt, die offensichtlich nicht tanzen, keine Tanda, und mit niemandem. Jetzt endlich kapiere ich, dass die bloss gewartet haben, bis eben Mister Right kommt. Aber eben, Hauptsache Geschlechterparität. Ich stelle daher die Parität des Kuchenkonsums wieder her, indem ich meine klar unterdurchschnittliche Leistung des gestrigen Abends massiv verbessere. So sind dann fast alle fast zufrieden.

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Kein Vodka in Lodz

Freitag, 21. September 2012

Lodz, Polen. Abendmilonga im Dom Towarzystwa Kredytowego, ein heute als Kulturhaus dienendes Gebäude aus den 1880er Jahren. Passt daher gut für Tango, einzig die ohrenbetäubende Laustärke verbessert die zweifelhafte Akustik nicht mehr sonderlich. DJ Analia legt auch viel dramatisches Zeugs auf, aber eigentlich kann ich mich über den Musikmix nicht beschweren.

Ausgeschrieben ist es als TangodeSalon-Festival, was beim Blick auf die Piste jetzt nicht so richtig augenfällig ist. Aber die richtigen Rempler bleiben glücklicherweise in der Mitte. Ich hatte mir im Vorfeld Sorgen über meine mangelnden Polnischkenntnisse gemacht. Nun, rein quantitativ betrachtet wären russisch und ukrainisch wichtiger gewesen. Und wenn wir schon osteuropäische Klischees wälzen: Das Angebot an harten Drinks (nebst Muffins, Kuchen und Wasser) war beeindruckend. Angeblich hilft ja Rotwein beim Tanzen, aber Vodka?

Einige Ruhepausen für meine Ohren, aber sonst durchs Band schöne Umarmungen auf der Piste. Und ja, deutlich mehr Frauen als Männer. Cabeceos gelingen allerdings meist nur mit Nachdruck, dafür hat die weibliche Fraktion aus Russland und Ukraine ihre eigene Taktik. Kurz vor halb drei stolpere ich irgendwie reichlich unkoordiniert in der Gegend rum (es war immerhin ein langer Anreisetag), hole mir noch ein Stück vom fantastischen Apfelkuchen und hüpf ins Bett. Das Nachtnetz mit Bussen im Stundentakt gilt hier übrigens schon ab 22:30 Uhr. Ich werd die nächsten Wochen daher nicht mehr über das Basler Nachtnetz lästern.

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Träume im Palast

Samstag, 22. September 2012

Heute heisst es früh aufstehen: Um 15 Uhr gibt es für die Festivalgäste gratis eine Touristenführung durch Lodz. Die englischsprachige Gruppe besteht aus vier deutschsprachigen Gästen, was für allgemeine Heiterkeit sorgt. Zwei Stunden später sind wir ein wenig durchgefroren, haben aber allerhand spannende Geschichten über die Piotrokowska-Strasse und die Manufaktura erfahren. Dort wärmen wir uns dann bei einem Tee mit Apfel-Quark-Kuchen auf. Dass ich deswegen die Nachmittagsmilonga verpasst habe wird mich zwar am Abend in Erklärungsnöte bringen, aber zwischendurch muss man ja auch den Rest des Lebens entdecken.

An der Abendmilonga erfahre ich, dass wohl auch in der nächtlichen Afterhour einige Männer gefehlt haben. Milonga heute im Poznanski-Palast, der auch das Stadtmuseum beherbergt. Auch hier beeindruckende Räume, in einem Nebenraum werden gratis belegte Brote und Getränke gereicht. Wie schon gestern stehen viele Werbebanner von Renault bis zu lokalen Lottogesellschaften herum, was dann auch erklärt, weshalb der Eintrittspreis jeweils bloss zehn Euro beträgt.

Tänze? Oh ja. Ich war früh in der Milonga und konnte mangels Tänzerinnen leider die leere Piste nicht geniessen. Nach halb elf dann viele Zwangspausen, weil die Piste einfach fürchterlich anstrengend war. Angenehme Lautstärke, wobei spätestens ab der Jive-Nummer auch DJ Frank sich als taub outet. Dafür kriegt er eine fantastische Pugliese-Tanda hin, die mich zusammen mit einer Tänzerin zum Schweben bringt. Keine Ahnung, welche Stücke er gespielt hat, aber irgendwann musste ich feststellen, dass ich vor lauter Träumen kurz die Raumorientierung völlig verloren habe. Man soll ja gehen, wenn es am Schönsten ist. Heute glücklich und müde auf den 03:22 Bus.

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Finale im Theater

Sonntag, 23. September 2012

Die Nachmittagsmilonga ist satte 30 Meter von meinem Hotel entfernt. Aussen ein eher abschreckendes Gebäude, innen allerdings ist es ein gemütliches Café mit beeindruckender Decke. Hinter dem Tresen liegt eine enorme Auswahl an Zotter-Schokolade, der Barbetreiber entpuppt sich als Importeur. Ich weiss allerdings nicht, ob die Schokolade hier den Strudel verdrängen wird...

Abendmilonga im Musiktheater. Getanzt wird unten im Foyer auf dem runden Steinboden, Essen und Trinken gibt es einen Stock höher im Saal mit dem perfekten Parkettboden. Umgekehrt wäre es wohl passender gewesen, aber vermutlich wollten ein paar der Sponsoren auch mal den Ausblick auf die Tanzenden geniessen. In dasselbe Kapitel gehört wohl auch das Orquesta Tipica El Afronte, bei denen mir schon nach dreieinhalb Takten klar war, dass sie nicht für Tänzer spielen. Noch immer so wuchtig wie vor vier Jahren in Berlin. So habe ich mich eben eine halbe Stunde übers Buffet hergemacht. Keine Strudel, aber viele andere Leckereien.

Nach einigen Ansprachen war es schon spät, glücklicherweise wurde die Milonga um eine halbe Stunde bis 01.30 Uhr verlängert. So genoss ich dann mit viel Wehmut schöne Abschiedstänze. Es gibt Tänzerinnen, mit denen man sogar die Dreivierteltakt-Cumparsita geniessen kann. Nun, alles hat ein Ende. Die Strassen von Lodz sind sonntagnachts verlassen, und schon beim kurzen Stehen an der Bushaltestelle kriecht die Herbstkälte langsam in die Füsse. Der Nachtbus fuhr um 02.17, und er brachte mich mangels Musik und Federung wieder in die Realität zurück...

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Lodz-Nachlese

Mittwoch, 26. September 2012

Theo, wir fahren nach...ja, eben. Glücklicherweise widerstanden sämtliche DJs am Wochenende der Versuchung, Vicky Leandros als Cortina zu verwenden. Lodz liegt abseits der Hauptachse Berlin-Warschau, die Touristen gehen eher nach Danzig, Breslau oder Krakau. Damit geht man in Lodz ziemlich selbstironisch um. Gleichzeitig war mir aufgrund der Veranstaltungsorte klar, dass die Veranstalter zusammen mit der Stadt ihre beeindruckenden Räume zeigen wollten. Das ist gelungen, und auch ansonsten war ich vom bislang unbekannten Polen überrascht. Im Hotel gab es beim Frühstück verpackte Sandwiches zum Mitnehmen, nach den Nachtbussen konnte man die Uhr stellen (vorausgesetzt, man merkt rechtzeitig, dass der Sonntagsfahrplan in der ersten Spalte und nicht wie gewohnt in der letzten Spalte steht...) und der Apfelstrudel könnte einem glatt eine Milonga verpassen lassen.

Ich erinnere mich noch an Pfingsten 2008, als ich nach meinem ersten grossen Festival in Berlin auf dem Flughafen rumgesessen bin -- ein kleines Loch nach drei Tagen intensivstem Dauertango. Diesmal hatte ich eine zweistündige Zugfahrt von Lodz nach Warschau vor mir, während der es mir ähnlich erging: Irgendwie hat sich mir da eine neue Welt erschlossen.

Solch einen Haufen herzlicher und unkomplizierter Menschen habe ich jedenfalls bislang noch nicht erlebt. Das betraf nicht nur die Polen, sondern auch Tangueras aus der Ukraine, Weissrussland und aus Kaliningrad. Sie haben viel Zeit und Geld geopfert, sich mit komplizierten Visabestimmungen für den Schengenraum herumgeschlagen, sich in lange Warteschlagen an der Grenze gestellt und teilweise auch korrupte Beamte ertragen müssen. Ich hingegen brauchte vom Aufsetzen auf Piste 28 in Zürich bis zum Flughafenbahnhof exakt 20 Minuten (mein Koffer purzelte als zweiter vom Band) und wurde vom Zoll nicht mal angeguckt. Kurzum: Wer im Schengen-Raum lebt, der tut das verflucht privilegiert. Dazu kommt dann noch die Kaufkraft.

23 Euro für einen 75 Minuten-Workshop ist übliches West-Niveau. Für jemanden aus der Ukraine ist das verdammt viel Geld -- rechnet man das Lohnniveau um, wäre das vergleichbar mit einem Workshoppreis von 180 Euro für einen Deutschen. Gönne ich das den Argentiniern nicht? Das Problem liegt da: Nun stehen also neugierige und fliessend englisch sprechende Tangoleute im Workshop, bloss um sich von arroganten argentinischen Pappnasen blöd anmachen zu lassen. Ihr Tanz wäre Scheisse, sie fühlten den Tango nicht, sie hätten keine Ahnung von der Argentinischen Kultur, und so weiter, und so fort. Das kann der grosse Maestro natürlich nicht selbst sagen, weil er kaum ein Wort englisch kann, er lässt es via Partnerin übersetzen.

Schon wir Normalsterblichen wurden in Lodz grosszügig verköstigt, für Gastlehrer und DJs gab es noch zusätzliche Einladungen. Einigen Tangolehrern ist offenbar die polnische Gastfreundschaft etwas zu sehr in den Kopf gestiegen. Die Szene in Lodz ist klein, ich hoffe, der Druck auf die Veranstalter ist damit direkt und gross genug, um für die Zukunft die Konsequenzen zu ziehen. Ach ja, Workshops mit 20 Paaren sollten so langsam eigentlich auch der Vergangenheit angehören. Ich war jedenfalls froh, dass ich nichts gebucht habe.

Apropos Sprachkenntnisse: Drei Tage lang habe ich fest geübt, Lodz wirklich korrekt auszusprechen. In Zürich Hauptbahnhof stand dann der TGV nach Paris mit einem nervösen SNCF-Zugchef etwas verspätet abfahrbereit, als ich die Treppe hinaufhastete. "J'ai encore une minute?", frage ich ihn etwas ausser Atem, weil ich mit dem Trolley gerne aussenrum zur zweiten Klasse düsen möchte. "Oui. Mais....vous venez de quel train?", fragt er mich, und blickt besorgt zur Treppe, ob da noch zwanzig weitere Nachzügler kommen. "De Łódź", hauche ich grinsend, und renne nach vorne, während sich sein Gesicht in ein grosses Fragezeichen verwandelt. Spricht eben kein polnisch, der Mann.

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NochnichtFestival in Wuppertal

Freitag, 28. September 2012

Wuppertal, Café-Tango in der Viehofstrasse. Die Begrüssung an der Kasse kontrastiert ziemlich stark mit dem, was ich neulich in Polen erlebt habe. Willkommen in Deutschland. Eigentlich findet das Festival in Barmen statt, aber es geht das Gerücht um, dass dort bereits am Vorabend aus Platzgründen nach 22 Uhr niemand mehr reingelassen worden sei. Nun, hier sind etwa ein Drittel der Sitzplätze belegt, und es füllte sich auch zu später Stunde nicht mehr. Der DJ spielt entweder unbekannte Nachspiel-Orchester oder jemand hat im Signalweg ganze Frequenzbereiche rausgenommen. Oder beides.

Wenig Tänze, wobei mich eine einheimische Tanguera immerhin noch darüber aufklärt, dass ich froh sein solle, dass heute wegen des Festivals überhaupt in Tandas aufgelegt werde. Wechsle zwischendurch wegen der Musik mal kurz in die Damenrolle, und stelle fest, dass ich nach einer ganzen Tanda so langsam folgsam werde. Ich bräuchte wohl mal einen ganzen Abend ohne Führungsarbeit. Gegen zwei Uhr vereinsamte sich die Halle so langsam, und so rief das Bett. Schliesslich braucht man ja die Energie für das Festival.

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Keine Pommes in der Stadthalle

Samstag, 29. September 2012

Wuppertal, Nachmittagsmilonga im Cafe Ada. Warm, eng, und ich erspähe auch ein paar Neogurus. Das macht die Piste ein wenig anstrengend, aber immerhin verbreitet sich ein gewisses Festivalfeeling. Teilweise recht wilde Tandazusammenstellungen, aber im Vergleich zum Vorabend ganz ok.

Abendmilonga in der Stadthalle. Ein majestätisches Gebäude, das auch innen wunderschön restauriert wurde. Zuvor war Show und Essen, der Späteintritt ab 22.30 Uhr für 25 Euro verspricht daher eine Milonga mit hohem Tanzanteil. Allerdings scheinen die Ballgäste hauptsächlich noch beim Essen zu sein. "Das riecht hier wie in einer Pommesbude", murmelt eine Tanguera mit der Nase im Wind. Dazu verbreitet das Orquesta Tipica Otra mit vier Bandoneons, vier Geigen, Kontrabass und wechselnden Pianisten auch nicht gerade Tanzfeeling. Beim zweiten Set wird es dann deutlich besser. Leider gibts doch noch eine längliche Show. Wenn Belén und Diego zu einer Milonga rumhüpfen wie DJ Bobo auf Drogen, dann wünsche ich mir, es gäbe auch einen zehn Euro-Eintritt nach Mitternacht.

Ach ja, die Piste. Die meisten der anwesenden Tänzer scheinen noch nie in ihrem Leben etwas von Tanzrichtungen oder gar Spuren gehört zu haben. Je später, desto besser. So ab halb drei Uhr nachts sind dann hauptsächlich Tänzer übrig, und der DJ spielte seine saftigen Stücke aus. Schöne Tänze, bloss bei der Cumbia flüchte ich in die Neolounge (!) -- dort lief grad was, was halbwegs als Vals durchging.

Zuhinterst in der Mitte des Saales war übrigens der Single-Tisch. Der diente seinem Zweck in dieser Nacht wohl ähnlich gut wie die zugeparkten Behinderten-Parkplätze des Hotels nebenan. Pommes gab es übrigens keine. Kuchen auch nicht. Gegen vier müde ins Bett geplumpst.

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Wuppertal-Ausklang am Sonntag

Sonntag, 30. September 2012

Wuppertal, erneut Nachmittagsmilonga im Ada. Wieder ziemlich viel Chaos, und einmal ermahnt der Veranstalter per Mikrofon die Tänzer, etwas rücksichtsvoller zu tanzen, weil die Serviceleute sonst das Essen und die Getränke kaum mehr zu den Tischen bringen könnten. Nun, den höchsten Platzbedarf auf der Piste benötigte ironischerweise wie üblich der innere Kreis aus Veranstalter und DJs, und wenn man zur Milonga Essen servieren will, könnt man sich ja auch vorher mal Gedanken zur Bestuhlung machen. Nach 18 Uhr konnte ich die Tänze jedenfalls geniessen, auch weil sich das Cafe so langsam leerte. Dafür wurden die Tandas von Minute zu Minute abstruser, und die Piazzolla-Katzenmusik inmitten einer Tango-Tanda war dann wohl der kreative Höhepunkt.

Abendmilonga im ersten Stock des Ada, die 18 Euro Eintrittspreis hatte sich faktisch nur noch der ganz harte Kern geleistet. Einige Tänzer vom Marathon (dessen Einbindung in das Festival ich nicht so richtig kapiert habe) sind noch übrig. Endlose Shows von Sabrina und Marcelo. Erstaunlich, dass man auch einen gemütlichen Di Sarli wie eine 160 bmp-Milonga tanzen kann. Um halb zwei Uhr leert sich der Saal deutlich, und so packe auch ich meine Sachen. Es gibt Festivals, an denen man dank der Veranstalter zu schönen Tänzen kommt, und es gibt Veranstaltungen, an denen man diese trotz der Veranstalter erlebt. Ich glaub, ich buch Wuppertal unter der zweiten Sorte ab.

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Kommentar von Joachim

Bin am Rätseln, welche Herrenboutique in Wuppertal 160 bmp anbietet? Bratwürste Mit Preiselbeeren, für wenn Pommes alle sind? 160 Bumm mit Peng? Basel macht platt?

Keine Ahnung, aber man wünscht dem angehenden Guru alles Gurugute für das Festifallköfferchen. Man weiss doch, wie's beim Sommerschlussverkauf zugeht, Preise hoch, in Rot geschrieben und zack.

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Nostalgie in Paris

Sonntag, 21. Oktober 2012

Wenn die Tage länger werden, dann greift man auch mal in die DVD-Grabbelkiste. "Midnight in Paris" von Woody Allen lief so endlich mal auf meinem Schirm, und ich muss gestehen, ich fand den Film höchst vergnüglich. Hollywood-Drehbuchschreiber Gil weilt mit seiner Verlobten in Paris, doch sie und ihre Freunde können seiner Begeisterung für das Paris der 20er Jahre nur Hohn und Spott abgewinnen: Er leide wohl am "Golden-Age-Syndrom", weil er offenbar mit der Gegenwart nicht zurechtkomme, so die Diagnose. An einem schönen Abend seilt er sich daher ab, und prompt findet er den Heimweg zum Hotel nicht mehr. Dafür landet er auf zauberhafte Weise im Paris der 1920er Jahre, erhält Ratschläge von Ernest Hemingway und flirtet mit der Muse von Picasso.

Ein typischer Nostalgie-Film von Woody Allen also? Eigentlich schon. Andererseits stellt sich bald die Frage, ob sich die Protagonisten der 20er Jahre nicht eher die Belle Époque als "Goldene Zeit" zurücksehnen, und dazu kommt dann noch die Frage, wie man eigentlich eine Beziehung mit einer Frau aus einer anderen Zeit führt.

Das Ende möchte ich hier nicht verraten (es ist zugegebenermassen nicht sonderlich tiefschürfend), aber als Tangotänzer fühlt man sich vom Film gelegentlich schon etwas ertappt. Wird man bei einem Abendspaziergang in Buenos Aires auch in die 1930er Jahre zurückversetzt, und was würde D'Arienzo zur Gegenwart und den Anfängen des Tangos sagen?

So schön die Vorstellung auch wäre, in die alte Zeit einzutauchen, so sehr muss ich doch zugeben, dass ich die Tänze im vergangenen September genossen habe. Ebenso den ruhigen (und arbeitsamen) Oktober, und für November sind bereits weitere spannende Tangoreisen geplant. Die goldene Epoche? Für mich ist das der Herbst 2012. Aber wenn ich das nächste Mal in Paris bin und mich verlaufe, dann werde ich genau beobachten, wo ich hingerate...

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Kuchen im Orient

Freitag, 9. November 2012

Istanbul, "Tango ve Kırmısı". Ich muss ein wenig suchen, bis ich die Gasse und die Hausnummer mitten in der Ausgangsmeile finde. Wer sich hier suchend umblickt, wird sofort von einem Kerl angeplaudert -- meistens wohl nur, um in einen Laden oder Club abgeschleppt zu werden. Naiv erkläre ich meine Tangopläne, doch bevor ich die Adresse nennen kann, klärt er mich über die Türkei auf: "This is a muslim country", sagt er, und ich könne keinesfalls alleine an eine Tanzveranstaltung gehen. Ich solle zum Bauchtanz mitkommen, dort könne man sich Frauen anlachen, und dann gingen wir gemeinsam zum Tango und ich könne ihm ein paar Schritte zeigen. Ich spare mir den Vortrag über laizistische Staatsformen und Tangobesonderheiten (zumal mein türkisch haarscharf reicht um Lebensmittel einzukaufen) und lasse ihn ziehen.

Drinnen stelle ich dann fest, dass er nicht völlig unrecht hatte: Zehn Paare üben den Grundschritt, dazu sitzen fünf mit sich selbst oder ihrem Mobiltelefon beschäftigen Frauen herum. Schöner Musikmix, aber die Bässe dröhnen so, als würde im Stock obendran jemand mit dem Presslufthammer arbeiten. Es ergeben sich zwei Tandas, ansonsten bin ich hier irgendwie der ignorierte Eindringling. Höhepunkt des Abends war der Geburtstag einer Tänzerin, der nebst einer Laudatio des Tanzlehrers (es besteht der Verdacht argentinischer Abstammung) auch einen Kuchen hervorbrachte. Hier schlug dann die orientalische Gastfreundschaft durch, und auch der Gast von Ferne erhielt ein Stück.

Rückweg um ein Uhr, als der DJ auf türkischen Schmusepop umstellte. Die Strassen sind noch voll, und nördlich des Tasim-Platzes stehen die ganzen Frauen, die mich freundlich annicken. Wäre nicht das Verkehrschaos drumherum, man könnte meinen, man sei in der Schweiz.

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Wenig Erfolge in orientalisch-traditionell

Samstag, 10. November 2012

Istanbul, "Baila Traditional". Im obersten Stockwerk eines Hauses, noch ein wenig tiefer in der Vergnügungsmeile drin als gestern. In den Stockwerken untendran läuft Party, Livemusik, Rambazamba. Zuoberst werde ich vom Veranstalter überschwänglich begrüsst, und im Gegensatz zu gestern sind auf der Piste auch einzelne Paare in geschlossener Umarmung zu sehen.

Dennoch bin ich hier chancenlos, und die Aussicht auf die Piste mit viel Grundschrittablaufen ist auch nicht sonderlich erbaulich. Eine offensichtlich vom Veranstalter beauftragte Dame fordert mich elegant auf, und wir drehen ein paar Runden zu türkischer Standardtango-Musik. Danach kämen wunderschöne Valse, doch alle sind am Tanzen oder am Tisch fest in Gesprächen vertieft. Die einzige Tanguera, deren Umarmung schön aussah, ist eifrig mit dem Mobiltelefon beschäftigt, wenn sie nicht grad vom Tangolehrer betanzt wird.

Düse nach Mitternacht wieder durch die tobende Samstagnacht. Da die Stadtverwaltung pünktlich auf meinen Istanbul-Besuch hin eine Grossbaustelle eröffnet hat, darf ich heute über tiefe Gräben springen, über Steine balancieren und gleichzeitig dem Strassenverkehr ausweichen. Jedes SuperMario-Spiel ist dagegen Kinderkrams. Aber vielleicht darf ich mich ja morgen noch tänzerisch austoben...

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Kontinentale Aussichten am Sonntag

Sonntag, 11. November 2012

Istanbul, Ponte Restaurant. Das Haus mit der Nummer 185 sieht zugemauert aus, und auch direkt nebenan deutet nirgends etwas auf eine Milonga hin. Doch in vier Tagen Istanbul habe ich gelernt, dass man manchmal ein wenig hartnäckig sein muss, und ich versuche mein Glück via Seitengasse. Ein Trödelhändler beim Aufräumen scheint mit dem Begriff "Ponte Restaurant" etwas anfangen zu können, deutet zur Treppe und begleitet mich schliesslich bis zu einem Fahrstuhl. Tatsächlich, sechster Stock, ein schickes Restaurant mit fantastischer Aussicht auf die Bosporusbrücke und das nächtliche asiatische Ufer.

Hier gibt es alles: Übende Anfänger, Neovoleoköniginnen und glücklicherweise auch Paare, die in die Musik und die Umarmung versunken sind. Allerdings auch einen Männerüberschuss wie in der Männerabteilung eines Hamam. So sitze ich ein wenig rum und bereite mich innerlich schon auf den Gedanken vor, dass die schöne Aussicht der Höhepunkt des Abends sein wird. Irgendwann gelingt aber tatsächlich ein Cabeceo, die Frau entpuppt sich als Apothekerin aus Finnland (oder so ähnlich). Viele wunderschöne Tandas, und später lache ich mir sogar noch eine Einheimische an. Ich frage sie nach ein paar Tänzen, wie das hier so mit dem Cabeceo sei. Sie meint, viele türkische Frauen hätten wohl panische Angst, jemand könnte denken, sie sei hinter einem Mann her. Ich weiss zwar nicht von wo, aber irgendwoher ist mir die Logik vertraut...

Gegen ein Uhr hüpfe ich nach Hause, und als ich aus dem Gebäude gehe, stehe ich schliesslich vor der Nummer 187. Istanbul ist eben auch nur ein Dorf. Allerdings ein lebendiges, selbst am frühen Montagmorgen wirkt die Ausgehmeile noch wie eine Mischung aus Basler Fasnacht und Herbstmesse. In einigen Nebengassen läuft noch immer Disco und Livemusik, und schon beim Durchspazieren mit einigen Metern Abstand kratzt es gewaltig im Trommelfell. Der November wird hier nachts etwas frisch, und ich wärme meine Hände mit warmen kestane. Endlich habe ich den Tango in Istanbul gefunden.

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Ein Abschied ohne Sentimentalität

Mittwoch, 14. November 2012

Die Türkei hat ihren Ruf, Istanbul sowieso. Ich war ein wenig enttäuscht, wie wenig Tangotänzer die viertgrösste Stadt der Welt bislang hervorgebracht hat. Offenbar ist die Szene noch jung, was sich auch im Durchschnittsalter der Frauen bemerkbar macht. Andere Männer mögen das vielleicht, ich fand den Zugang so eher schwierig. Die türkischen Tangueros hingegen scheinen sehr aktiv die Frauen einzuladen, das ist dann möglicherweise auch der Grund, weshalb mir schon mehrere Frauen von Istanbul vorgeschwärmt haben.

Erstaunt war ich aber vor allem, dass die Kopftuchquote in der T1 von Zeytinburnu bis Kabatas gewaltig niedriger ist als im 8er Tram vom Claraplatz zur Feldbergstrasse. Sowie darüber, dass es in Asien Migros-Filialen gibt. Und dass man eine Universität "Lâleli" nennen kann -- auf deutsch Tulpe. Der Strassenverkehr erinnerte mich an Paris in Kombination mit Jerusalem. Und es ist fantastisch, Mitte November bei 20 Grad mit der Bosporusfähre übers Wasser zu gleiten. Einzig am Gate beim Flughafen brachte mich ein Monitor wieder auf den Boden der Realität: Zürich, 6 Grad. Der Abschied war hart.

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Löcher im Süden

Freitag, 16. November 2012

Milano, Milonga La Liberty im Casa Cambalache. Ein altes Herrschaftshaus mitten im Park. Gegen elf Uhr spielt eine Live-Musik mit höchstens minimalem Tangofeeling (es tanzt auch niemand), also noch eine kleine Runde im Park spazieren gehen. Gegen Mitternacht läuft dann die Milonga, und der Eintritt beträgt auch nur noch fünf Euro. Elegant ausgebautes Untergeschoss mit Bar, das Unisex-Klo hingegen besteht aus einem Loch im Boden. Einen Teil der Kohäsionsmilliarde müsste man vielleicht mal in den Süden lenken...

Leichter Frauenüberschuss. Die DJane trohnt hoch erhoben auf einer Empore, und die Musik wummert in dem alten Gebäude auch ein wenig. Nix auszusetzen am Mix, wobei ich gar nicht erst auf die Piste komme: Die anwesenden Italienerinnen gucken sauertöpfisch an mir vorbei und drehen die Hälse nach den Lieblingsmilongueros. Meine Begleiterin hingegen lacht sich Männer aus dem Veneto und der Lomardei an. Nachtbus um 2.14 Uhr, wobei der mehrere Minuten zu früh kommt. Milano scheint irgendwie das Zürich des Südens zu sein.

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Milongalöcher im Süden

Samstag, 17. November 2012

Milano, "Milano Milonga". Ja, sinniger Titel. Mit der Metro tief in den Südosten Milanos, an der angegebenen Adresse ist allerdings alles dunkel und abgeschlossen. Gegenüber erklingt eine Cumparsita, und der einzige Zugang scheint durch eine geschlossene Kneipe zu führen. Irgendwann öffnet die Wirtin, und erklärt, das sei ein Ball einer geschlossenen Gesellschaft. Die Milonga wäre wohl gegenüber, aber heute finde sie nicht statt. Keine Alternative heute. Schwierige Stadt...

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Plätzchen und Tänze

Sonntag, 18. November 2012

Milano, Milonga del treno. Knapp 200 Meter vor dem Hotel gelegen, heute also kurzer Heimweg. Doch der Wirt macht uns einen Strich durch die Rechnung: Keine Tischreservierung? Kein Eintritt! So unfreundlich, so simpel.

Also mit der Metro raus in den Norden zur Alternativmilonga am Sonntagabend: Sentimento Gaucho. Etwas zurückversetzt liegend und gut gefüllt. Hier ist die Begrüssung deutlich freundlicher, und die Organisatorin beschafft uns sogar noch zwei Kleiderbügel. Könnte auch daran liegen, dass wir den Altersdurchschnitt deutlich senken...

Sitzordnung mit vielen Tischen um die grosse Tanzfläche herum etwas schwierig, aber ich schaffe es tatsächlich, mir eine Französin und später sogar noch Italienerinnen anzulachen. Und wow, der DJ spielt Whisky mit Duran als Tandaeröffnung. Und kündigt nebst der tanzbaren Bachata-Cortina später gar noch einen Salsa an. Trotz zahlreichen Quertänzern ist die Piste übrigens erstaunlich gemütlich.

In Konkurrenz zur Piste steht allerdings das Buffet. Man kann über Italiener denken, was man will, aber Biscotti machen können sie. Mehrere Männer wollen an der Bar mit mir plaudern, aber mein italienisch reicht leider nichtmal, um Pinocchio im Original zu lesen. Soweit ich das aber verstanden habe, blicke ich auf die meisten Männer etwas herunter, und einer hat wohl angedeutet, ich sei ein langer Lulatsch. Damit kann ich leben. Die Frauen hier auch.

Cumparsita gegen halb zwei Uhr, die Verabschiedung ist aussergewöhnlich freundlich. In unseren Breitengraden jedenfalls wurde ich noch nie von einem unbekannten Veranstalter an der Türe per Handschlag verabschiedet. Nachtbus (entgegen der Ankündigung auch am Sonntag) um 2.08 Uhr, gepflastert mit Alkoholleichen. Tango ist eine andere Welt...

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Adieu Tanzpalast

Mittwoch, 21. November 2012

Nach längerem hin und her scheint es nun definitiv: Der Tanzpalast schliesst seine Pforten, das teilte Mathis heute Mittag per Mail mit. Adila und Mathis werden künftig ein paar hundert Meter weiter westlich im Studio in der Falkensteinerstrasse unterrichten. Diesen Samstag werden noch Gläser und Tischchen verhökert. Das Angebot an Milongas wird damit in Basel auch nicht besser. Tragischer als für die Tangogemeinde könnte die Schliessung für die Hauptmieter (Stichwort: Salsa) werden...

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Kommentar von Joachim

Das Angebot an Milongas wird aber auch nicht wesentlich schlechter, von aussen betrachtet. Alles hat seine Zeit und im Tanzpalast gab es schon viele wunderbare Anlässe - leider auch das genaue Gegenteil davon. Milonga mit Randomplay zum gleichen Eintrittspreis, bspw..

Müssig, über die Gründe der Schliessung zu mutmassen. Ich hoffe, dass Mathis die grosse Verantwortung, die von seinen Schultern genommen ist, als Erleichterung empfindet und anderweitig den Tango wieder geniessen kann.

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Späte Stimmung in Freiburg

Samstag, 24. November 2012

Freiburg, am Nachmittag zum Festival im E-Werk. Nun, ich weiss ja, dass DJs hauptsächlich dank ihrer Seilschaften gebucht werden, aber es ist dennoch anstrengend, wenn in einer Tanda jeweils knapp ein saftiger Titel vorhanden ist. Leute auf die Tanzfläche treiben? Stimmung halten? Höhepunkt zum Ende der Tanda? Fehlanzeige. Dafür die Freiburger Rempler gemischt mit den Marathon-Remplern. Kurzum: Viele Zwangspausen wegen Musik und Piste.

In den letzten 90 Minuten brachte der DJ dann seine zurückgestauten Schätze, so genoss ich dann zumindest den frühen Abend -- auch die Piste leerte sich schon ein wenig. Fresedo kam grad zur rechten Zeit, sogar den Kuchen habe ich durch meine Tanzerei verpasst. Und dann war da noch die Tanguera, die fand, ich habe abgenommen. Muss am Kuchen liegen.

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Kommentar von Joachim

Wer - wie Du - erst antrabt, nachdem die Hälfte der Milonga bereits gelaufen ist, hat mit erschwerten Pistenverhältnissen zu rechnen, denn da sind auch schon die andern wannabe-Gurus soeben eingetroffen. Muss irgendeine Regel sein (Murphy?)

Im Grund ist das Konzept, früh zu kommen, recht genial. Da kann man gehen, wenn das Gemetzel zu schrecklich wird und hat im allerbesten Fall sogar getanzt. Vorausgesetzt freilich, man hat abgemacht oder findet trotzdem eine nette Tänzerin.

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Sängerlos in Freiburg

Sonntag, 25. November 2012

Freiburg, erneut zur Festival-Nachmittagsmilonga. Eigentlich wollte ich heute der Frage nachgehen, ob Tangueras merken, wenn während der Tanda der Sänger wechselt. "Welcher Sänger war das?", frage ich also nach einer rassigen Milonga. "Äh...hab ich grad nicht drauf geachtet!", meint sie mit gesenktem Blick. Mit einer grosszügigen Geste wische ich ihre Fehlbarkeit von der Piste. "Welcher war es denn?", fragt sie schliesslich. "Keiner. Es war instrumental", murmle ich in meinem beiläufigsten Tonfall. Nein, sie tötete mich nicht...

Viele schöne Tänze, auch heute konzentrierte der DJ seine gute Zeit auf die letzten zwei Stunden. Scheint hier ein Konzept zu sein. Wie auch die 25 Euro Eintritt für den Abend, was dazu führte, dass sich die Freiburger ziemlich vorhersehbar auf die Nachmittage konzentrierten -- mir war das ebenfalls recht. Allerdings scheinen sich die Marathon-Leute und die lokalen Besucher in stark getrennten Sphären zu bewegen. Das Phänomen ist nicht neu, man gewöhnt sich daran, aber irgendwie ist es doch auch schade.

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Kein Weltuntergang in Höchst

Freitag, 21. Dezember 2012

Frankfurt-Höchst, Tanzschule Weber. Viel Volk, wobei sich ein guter Teil leider in der Neolounge herumtreibt. Viel tanze ich nicht, zumal die Clique hier irgendwie ziemlich geschlossen scheint, und die miserablen Boxen tun ihr übriges. Keine Höhen, keine Mitten, nur die Bässe brummeln etwas vor sich hin. Kurzum: Schwierig. Dass DJ Harry noch zwei langsame Milongas mit einem alten Nontango ergänzt fällt mir schon kaum auf. Offenbar geht ja davon auch die Welt nicht unter...

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Swiss Flow in Darmstadt

Samstag, 22. Dezember 2012

Darmstadt, Casa Suiza. Gute Schokoladenversorgung, sonst ist allerdings wenig Eidgenössisches zu erblicken. Dafür ein schöner Tanzfluss, trotz ziemlich vollem Haus. Kein Rempeln, kein Überholen, kein Rückwärtstreten. Und kaum Voleoköniginnen. Viele schöne Tänze. Heute legen DJ Garrit und Harry gemeinsam auf, nichts zu meckern. Als stille Cortina dient ein Papierschild, dass jeweils kurz vom DJ in die Höhe gehalten wird. An den meisten Milongas würde das wohl kaum bemerkt, hier funktioniert das erstaunlicherweise. Nächtliche Heimfahrt zu verspätetem Weltuntergangswetter.

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Sommergefühle in Wiesbaden

Sonntag, 23. Dezember 2012

Wiesbaden, Dreifrauenzimmer. Die Milonga hier findet offenbar nur einmal im Jahr jeweils am vierten Advent statt. Normalerweise gibts dazu wohl auch keine frühlingshaften Aussentemperaturen, aber heute nutzen selbst Abkühlungspausen vor der Türe wenig. Der Raum ist schmal, und an der Stirnseite sorgen Dutzende von Leuchten für viel Stimmung -- die Halogenbirnchen drin für noch mehr Temperaturen, die Tänzer für die dazu passende Luftfeuchtigkeit. So schmelzen wir bei wilder Piste dahin. Und grübeln zwischendurch, mit welchem Code man die Türe zur Toilette mit den rettenden Tüchern öffnet...

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Viel Feier, wenig Tanz

Montag, 31. Dezember 2012

Basel, Corrientes. Huch. Früher, da zog es noch Normalsterbliche zu den Silvestermilongas. Aber heute scheint sich bloss dieselbe Corrientes-Clique wie sonst auch hier zu treffen. Musik schwierig. Glücklicherweise gesellen sich noch jenseits der Kantonsgrenzen Lebende hinzu, so tanze ich immerhin drei Tandas. Für das Corrientes ist das gar kein schlechter persönlicher Schnitt. Nun, kommt Neues Jahr, kommt neuer Tango.

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