Grosse Rätsel im Spiegel

Freitag, 4. Januar 2013

Berlin, Clärchens Ballhaus, Spiegelsaal. Schon lange im Kopf, endlich habe ich es mal hierhin geschafft. Ja, ein beeindruckender Raum, aber das war es dann auch schon. Knallvoll, und ich kann drei Stunden zugucken, wie sich andere Männer ihre Körbe holen. Dazu spielt der DJ geschätzte fünf angenehme Nontangos, der Rest besteht aus viel untanzbarem Musikalienabfall. Die Berliner Trends sind mir doch immer wieder ein Rätsel. Oh, und das Groupiegelungere um das DJ-Pult herum ist auch beeindruckend (und im konkreten Fall ehrlich gesagt Rätsel zugleich).

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Evolution im Loft

Samstag, 5. Januar 2013

An meiner eigenen Milonga fand ich es immer schade, wenn einzelne Leute bloss kurz hereingucken und wieder abdüsen -- wären jeweils alle Hereingucker geblieben, wäre nämlich eine recht grosse Besucherzahl entstanden. Doch heute mache ich das auch, an der Nachmittagsmilonga im Bepop sitzen etwa zwölf Paare säuberlich verteilt im Saal oder tanzen. Saalgucken alleine ist eben keine spannende Freizeitbeschäftigung, find ich.

Abends mal wieder ins Tangoloft. Wow, die Garderobe ist um Schuhboxen erweitert worden. Die Toiletten sind angeschrieben, und zum Abtrocknen gibt es statt Klopapier nun Küchenpapier. Allerdings deutlich weniger Besucher als zu früheren(tm) Zeiten. Dennoch ergeben sich schöne Tänze, und ich schaffe es sogar, mir die Tänzerinnen zur tanzbaren Musik anzulachen. Möglicherweise ist es der einzige Ort in Berlin, an dem das Auffordern per Blickkontakt funktioniert. Im Vergleich zum Spiegelsaal geht es auch musikalisch fast schon traditionell zu, aber die Zwangspausen sind dennoch ärgerlich. Berlin hat so seine Tücken.

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Wilde Piste, ruhige Piste, Nontango-Piste

Sonntag, 6. Januar 2013

Berlin, Nachmittagsmilonga im Mala Junta. Im Parterre ist von aussen ein grosser Raum mit zwei übenden Paaren zu sehen. Ach so, vierter Stock. Urgs, die Marathon-Clique ist unterwegs. Der Veranstalter weist zwar zwischendurch kurz auf die Pistengebote hin, aber echte Gurus lassen sich davon schon lange nicht mehr irritieren. Vorerst kein Glück, ich meditiere längere Zeit an der Bar über einem Stück Kokoskuchen.

Später mischt sich die Runde, und meine Cabeceos werden fleissig erwidert. Tatsächlich, es ergibt sich ein Nachmittag mit halbwegs angenehmer Piste, guter Musik in Tandas, geschlossener Umarmung und dank vieler Tänze dann doch noch ohne Kuchen -- und das in Berlin.

Abends dann noch ins Loft. Brrr: Ein Männerüberschuss, wie er noch nie zu sehen war. Als ich mir endlich eine Tänzerin anlachen konnte, setzt mich die Musik nach zwei Tänzen schachmatt. Ich gebe auf und überlasse das Feld den Nontangueros. Tango in Berlin ist gelegentlich wirklich schwierig...

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Kommentar von Di Sarli

Tja, warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt ...? In Freiburg gab es an drei Abenden hintereinander und am Samstag bis in den Abend hinein wunderbare klassisch-traditionelle Musik, wohldosiert mit nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Energie, sondern genau richtig für eine richtig gute Stimmung, die alle Tänzer auch in ihrem Pistenverhalten wohltuend beeinflußt hat. Dabei war es teilweise richtig voll!

So was hat Freiburg lange nicht gesehen! Mehr davon !!!

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Kommentar von E. Rodriquez

Jetzt wurde doch die Kick off Woche etwas zu stark überbewertet Sehr schön, aber auch nuuur traditionelle Tangos können, wenn falsch ausgewählt sehr monoton und eher etwas träge dahin säuseln, so dass man doch lieber früher wie später den Heimweg antritt.

Bei manchen so gelobten Gurus (DJ´s) geht man bzw. kommt man man gar nicht erst - vieleTänzer(innen) kommen einfach weil es nichts besseres an diesem Tagen im Angebot gibt! Schön, dass man auch in Berlin nicht der Überflieger in Sachen Milonga ist!!!

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Melodien für das Volk

Samstag, 12. Januar 2013

Kehl, Workshop bei Joaquin Amenabar über die Melodie als rhythmisches Element im Tango. Wir singen. Und wir singen beim Tanzen. Auch ich. Im konkreten Fall hilft das dabei, dem Rhythmus des Bandoneons nicht blind zu folgen, sondern sich etwa einzig auf die Geigen zu konzentrieren. Der Rest der 90 Minuten sind allerdings ziemlich redundanter Frontalunterricht mit den regelmässig wiederkehrenden Worten "trés important!". Ja, er spielt auch auf seinem Bandoneon, allerdings leider nur etwa 30 Sekunden.

Argentinische Didaktik ist dafür immer wieder unterhaltsam. Rhetorische Fragen in den Raum werfen, und zwei Sekunden später einfach weitermachen. Zwei- oder dreimal will eine naive Seele in den vorderen Rängen eine Frage stellen oder eine Anmerkung machen, doch der Störversuch wird jeweils mit einer kräftigen Handbewegung in den Orchestergraben gekippt.

Fazit: Ein bisschen wenig Fleisch am Musikknochen. Immerhin gibt es zwischendurch paarweise Übungen mit Rollenwechsel, so darf ich auch als Frau mal langsames Gehen ohne Ochohetze üben. Gleichzeitig Singen ohne die Melodie auch selbst mit den Füssen zu interpretieren ist übrigens gar nicht so einfach...

Schöne Abendmilonga mit DJ Harry, vielen Tänzen und reichlich Kuchen. Meister Joaquin setzt sich zwischendurch gar an die Piste und spielt mit Bandoneon vier Tangos -- fein zu hören und eigentlich auch gut tanzbar, aber irgendwie scheint es niemand zu wagen, alle lauschen bedächtig. Oh, und er spielt seine Kiste auf Zug _und_ auf Druck. Leider habe ich ihn nicht tanzen gesehen....

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Kommentar von Monika

Ich glaub Du hast das Prinzip von Joaquins Unterricht nicht wirklich verstanden... - Die "rhetorischen" Fragen zum Beispiel, die einzig darauf abzielen dass ein jeder sich selber mal fragen kann "hab ich's gehört?" "Hab ich's kapiert?" - Es geht nicht darum dem Herrn Lehrer zu beweisen dass man's kann sondern sich selbst zu befragen.

Und singen, also mitsingen, ist grossartig! - Würde ich mir an einer Milonga auch nicht von jedem Tänzer wünschen, aber ja, es hilft ungemein zu verstehen was die Musiker gerade machen und wie es weitergeht.

Mein Fazit: wir haben letztes Jahr alle 6 Workshops besucht, und dieses Jahr wieder. In Kreuzlingen, nebenbei (Danke an das Team, wieder grossartig organisiert! - Und das Buffet ist Weltklasse :-) ). Zum Teil Wiederholung, zum Teil neuer Stoff. Basics. Pure musikalische Basics. Und ein nicht ganz winziger Teil der Teilnehmenden waren Lehrer, darunter auch Profis - also Menschen die vom Tango leben - warum wohl?

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Dramatik im Strandbad

Freitag, 18. Januar 2013

Mannheim, Strandbad. Eigentlich wollte ich schon lange mal barfuss im Sand tanzen. Das muss ich wohl noch ein wenig verschieben, dafür ergibt sich ein viertelstündiger Spaziergang durch den verschneiten Wald. Der Strand ist leer, doch aus dem Strandbad-Restaurant dringen Tangoklänge. In Frankfurt wird bereits gejammert, dass das Freitagspublikum hierher statt nach Höchst düst.

Nun, ganz so viele Rhein-Main-Gesichter sind hier nicht zu sehen. Die Ausmasse (auch die des Raumes) sind familiär, dafür werden auch Unbekannte äusserst herzlich begrüsst. Es ergeben sich auch schöne Tänze, nur finde ich irgendwie nicht in die Musik hinein. Das könnte an meiner Müdigkeit gelegen haben, doch ich fand den Mix auch arg dramatisch ausgerichtet.

DJ Andy eröffnet etwa eine Tanda mit raza criolla (das hübsche Stück hört man viel zu selten auf Milongas), ich freue mich über was Leichtes und Spritziges, finde eine Tänzerin, als Nummer zwei und drei folgen dann aber Pugliese-typische schwermütig-dramatische Stücke. Den Tanda-Abschluss macht dann wieder die leichtfüssige Tupungatina. Ja, es ist nicht einfach, eine gute Pugliese-Tanda zu basteln, aber verballhornen sollte man die Tänzer auch nicht gerade. Gebe kurz nach Mitternacht auf und finde sogar den Heimweg, ohne mich im dunklen Wald zu verlaufen.

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Männergespräche im Flores

Samstag, 19. Januar 2013

Mannheim, Flores. Inzwischen gibt es farbige Klammern, um seinen Wasserkrug zu kennzeichnen. Sowie automatische Illumination auf dem Klo. Dazu Cortinas, die so lange gespielt werden, bis jemand anfängt, dazu zu tanzen. Glücklicherweise waren es bloss Cortinas. DJ Irma legt dafür schön auf, und ein Tanz ergibt den nächsten. Luxuriöse Pistenverhältnisse.

Und seltsame Bargespräche. Neben mir gibt ein Mann einer Tänzerin mit den Worten "zu dieser Musik nicht" einen Korb, um danach seinem Kumpel lautstark zu erklären, warum er mit der Frau nicht mehr tanze. Ich glaub, ich hab ihn den ganzen Abend nicht tanzen gesehen.

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Kommentar von frank frei

... und ich dachte, auch DEIN Credo sei, auf "schlechte" bzw. Dir nicht gefallende Musik NICHT tanzen zu wollen/können; schlicht und einfach, weil diese Dich nicht animiert!? ;-)

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Wasser und Tee in Eppelheim

Sonntag, 20. Januar 2013

Eppelheim bei Heidelberg, Cafémilonga. Es schüttet in Strömen, während ich mir meinen Weg von der S-Bahn-Station ins Industriegebiet erkämpfe. Hausnummern? Ach, ein grosses "Tanzpalast"-Schild, und die Industriebaracke entpuppt sich tatsächlich als gemütlicher Tangoschuppen. Stilecht den 70ern angepasst. Im Eintritt ist ein warmes Getränk inbegriffen, und ich trinke meinen ersten Vanilletee, der nach Hagebutten schmeckt.

Doch so richtig Zeit zum Teetrinken habe ich hier eh nicht, denn es herrscht ein gewisser Männermangel, ausserdem wird fleissig durchgewechselt. Schöner Musikmix -- mal abgesehen davon, dass ich es nicht mag, wenn eine Tanda mit einem Zeitlupenvals beginnt und mich gleich danach ein gehetzter Turbovals über die Piste jagt. Doch zugegeben, das sind heute eher Luxusprobleme.

Abends sind dann die Fahrleitungen (und die Weichen) zugefroren, und der S-Bahn-Verkehr daher so chaotisch wie die Piste beim Ostertango. Irgendwas ist halt immer.

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Ich kapituliere, Facebook gewinnt

Donnerstag, 31. Januar 2013

Jahrelang hatte ich mich geweigert, bei Facebook teilzunehmen. Miserable Usability, schlechter Datenschutz, zuviel Zeit zum Verplempern. Aber inzwischen muss ich feststellen, dass man ohne das Zeugs kaum mehr den Start für die Festivalanmeldungen mitkriegt. Insofern: Ich gebe auf. Und trete den Likern bei.

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Kommentar von Oskar

Willkommen im Club ;). Mehr als ein halbes Jahr bin ich dem Kraken nicht nur ferngeblieben, ich habs auch geschafft alles zu löschen . Im Tango ist FB wirklich nützlich! Ob die Links noch funktionieren - ich weiß es nicht. Damals hat es gut geklappt!

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Antwort von Patrick

ich glaub nicht, dass es so schlimm wird, dass ich den Account löschen muss. Nützt eh nicht viel, wenn man so sieht, wo man schon bei Dritten verewigt ist. Wirklich genervt bin ich einzig von der noch immer fehlenden Möglichkeit, komfortabel klar getrennte Segmente (bei Google Plus: Kreise) von Freunden zu bilden. Und die Fotoverwaltung ist völlig unbenutzbar, ich werde meine Galerien der diversen Reisen wohl extern anlegen.

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Über sieben Kreuze musst Du gehn...

Samstag, 2. Februar 2013

Kurzbesuch aus dem fernen Osten. Also ins Corrientes zum geplan-t-en Telirium. Manchmal bevorzugt man ja Zeitlupentangos, aber heute war mir irgendwie mehr nach Milonga. Und ich habe auch mal ausprobiert, ob man beim Verdoppeln wirklich beliebig oft hintereinander kreuzen kann. Man kann nicht. Denn spätestens ab Nummer acht kriegt die Tanguera einen Lachanfall. Und die passende Phrase ist dann meistens auch grad fertig. Und der Gegenverkehr wird auch unangenehm schnell...

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Suppe statt Kuchen

Freitag, 8. Februar 2013

Warschau, Polen. Mein erster Tangomarathon, zudem noch "all inclusive". Allerdings wird das Wasser gegen Mitternacht schon knapp, und das Biertasting um ein Uhr hilft da auch nicht so richtig darüber hinweg. Aber um zwei Uhr gibt es Suppe, die Gerätschaften erinnern mich ein wenig an meine Militärzeit. Nun gibt es einen Paradigmenwechsel in diesem Blog: Kuchen an Milongas mag wichtig sein, aber Suppe hilft definitiv besser gegen den drohenden Energieverlust. Idealerweise beides. Aber im Gegensatz zu Lodz gibt es hier leider keinen Apfelstrudel.

Tröste mich zu später Stunde mit vielen Tänzen. Rempelig. Auf der bewährten Berlin-Skala würde ich das Pistenchaos etwa mit vier von fünf möglichen Punkten einordnen. Möchte nicht wissen, wie das hier zugeht, wenn ein Wodka-Tasting auf dem Programm stünde. Neuerdings scheine ich mir die Zielgruppe der jüngeren Tangueras zu erschliessen. Nicht schlimm, aber doch irgendwie ungewohnt. Vermutlich haben die was in die Suppe getan.

So ein Festival ohne Ansprachen und Shows hat irgendwie was. Sehe spätnachts, wie eine Frau von einer anderen Frau zu einer ganzen Tanda genötigt wird. Und grüble darüber nach, wie undankbar die Schicht von 3 bis 7 Uhr morgens für den DJ doch ist -- manche brauchen aufpeitschende D'Arienzos, andere wohl lieber langsame Di Sarlis. Kurz nach sechs Uhr gebe ich auf, und muss im Hotelzimmer feststellen, dass auf Facebook noch niemand die Fotos getagged hat. Faule Bande...

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Alte Quote, neue Suppe

Samstag, 9. Februar 2013

Zweiter Tag in Warschau. Um die Mittagszeit herum beschliesse ich, ein wenig den Stadtkern zu erkunden. Polen ist anders: Während man in Deutschen Städten eine Stunde braucht, um das Tarifsystem des Nahverkehrs zu verstehen und dann in zwei Minuten das Ticket kauft, ist es in Polen exakt umgekehrt: Ticketkäufer werden etwa so behandelt wie jemand, der in Chur nach Baselbieter Rahmdäfeli fragt.

Am Marathon spielen die meisten DJs eigentlich süffiges Mainstream-Zeugs. Einzig James und Frank (die genaue Aufteilung in diesem DJ-Battle habe ich nicht verstanden) heute Abend haben einiges an Katzenmusik im Programm. So richtig viel tanze ich allerdings eh nicht: Die Warschauer Szene ist gross, und als unbekanntes Gesicht zieht man nicht unbedingt die Aufmerksamkeit auf sich. Einige nicht so gut vernetzte Damen berichten mir allerdings, dass es ihnen ähnlich gehe. Müsste man die berüchtigte Quotenregelung vielleicht noch mit einem Insiderlimit ergänzen, und sei es nur, um die Absurdität aufzuzeigen? Ich kenne inzwischen jedenfalls einige sehr gute Tänzerinnen, die gerade an solchen "ausbalancierten" Anlässen grosse Mühe haben, sich Tänzer anzulachen.

Oh, und es gibt heute eine neue Suppe. Wer mit der Schöpfkelle den Dingen auf den Grund geht, der fördert Erstaunliches zunachte. Ich begnüge mich mit der oberflächlichen Flüssigkeit. Und heute ergattere ich endlich auch mal ein paar Sandwiches. Das geht nur, weil ich zufälligerweise einmal _nicht_ während Cortina gucken gehe, ob es Nachschub gibt.

In der Sandwich-Ecke lass ich mir dann auch nochmals versichern, dass mein Polnisch halbwegs verständlich ist. Nachdem ich etwa dreimal bereits den Satz "Is it cold now up there in sweden?" hören musste bin ich doch ein wenig unsicher geworden. Schokolade und Uhren bitte, nicht Elche und Ikea. Aber es gibt Tangueras, denen verzeiht man alles.

Ja, und irgendwann wurden die Tänze dann definitiv wichtiger als die Plaudereien. Piste chaotisch, kann mit Berlin definitiv mithalten. "Milonga?" "Tak!" "Tak?" "Taktak!". Die Müdigkeit obsiegte heute um halb sechs...

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Lockerungen am Abschiedsball

Sonntag, 10. Februar 2013

Letzter Marathontag in Warschau. Sonntag ist doch meistens ein guter Tag für eine gemütliche Nachmittagsmilonga, somit bin ich heute kurz nach 14 Uhr bereits an der Veranstaltung. Falsch gedacht. Etwa 15 Paare drehen ihre Runden, und rundherum schauen knapp 20 Männer zu. Das ändert sich die nächsten drei Stunden nur in punkto Quanität etwas, so gehe ich um die Ecke etwas Essen.

Später am Abend dann irgendwie das Gegenteil: Bei den Frauen scheint so eine Art Torschlusspanik eingesetzt zu haben, die Cabeceos fliegen überdeutlich umher. DJ Marcelo ärgert mich, indem er die Pugliese-Tanda mit irgendeinem muffigen Lied anfängt, woraufhin ich mich setze -- und dann verheizt der Kerl als zweites Stück die Tupungatina. Irgendwann habe ich auch eine ziemliche Müdigkeitskrise, und mein linkes Schulterblatt schmerzt auch schon heftig. Doch dann naht eine sanfte Massage, und schliesslich werde ich zu einer Chacarera genötigt. Ich kanns definitiv nicht mehr und mogle mich mehr schlecht als recht durch. Aber es lockert die Muskeln und macht auch wieder ein wenig wach.

Gegen Mitternacht vermittelt dann jede Tanda irgendwie das Gefühl eines Abschiedstanzes, und so ganz ohne Tränen geht es auch diesmal nicht ab. So gross und anonym die Szene hier in Warschau auch ist, ein wenig gehört man doch schon dazu...

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Über das Ballett und die Figuren

Samstag, 16. Februar 2013

Milonga Plus in Basel, der vorangestellte Vortrag kommt heute von Balletdirektor Richard Wherlock. Eigentlich hätte er wohl Rechtsanwalt werden sollen, und seine Eltern fanden es nicht lustig, dass er Tänzer werden wollte. Eine Art Billy Elliot der Mittelklasse. Auf die Frage nach Tango meint er bescheiden, dass er natürlich Bühnentango getanzt habe, fügt aber sogleich an, dass dies mit dem "richtigen" Tango nicht viel gemeinsam habe. Tja. Profis haben offenbar Einsichten, die so manchem Amateur fehlen. Später im Gespräch erzählt er mir, wie auch so mancher Profitänzer unglaubliche Mühe mit der Musik und den Rhythmen habe. Und dass sein Training in diesem Punkt hauptsächlich das Körper- und Selbstbewusstsein der Tänzer betreffe. Dinge, die wohl im Tango auch oft zu kurz kommen...

Danach Milonga. Ich war noch nie ein Fan von DJ Peter, aber ich denke, heute hat er einen besonders schlechten Tag. Gut, immerhin Tandas, und zu später Stunde schwebt gar eine schöne Runde Vals über die Piste. Dennoch hänge ich in Gedanken dem letzten Wochenende nach, und beobachte irgendwie auch traurig die Piste, auf der die Figuren meist wichtiger scheinen als die Verbindung im Paar. Warum tanzen die Menschen Tango, wenn sie ihren Tanzpartner nicht umarmen wollen? Ich verstehe es einfach nicht. Nicht mehr.

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Kommentar von Mikamou

Viel Wahres...

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Auftanken in Freiburg

Sonntag, 17. Februar 2013

Von Wasserrinnen durchzogene Zähringerstadt, in der geschundene Männerherzen auftanken können, rund 60 Kilometer nördlich von Basel? Nachmittagsmilonga in der alten Uni. Glücklicherweise ist der Fasching hier schon vorbei. Vor lauter Musik, Umarmungen und Tänzen habe ich gar den Kuchen verschmäht. Auf See leichter Wellengang, aber nicht sonderlich schlimm. Tango tut gut.

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Kommentar von Ein "Bobbele"

Freiburg tut gut! ... => kommen & tanzen! LG!

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Wackeln in München

Freitag, 22. Februar 2013

München, La Tierrita. Wärme mich die erste Dreiviertelstunde beim Zuschauen auf (ja, München ist und bleibt ein hartes Pflaster), doch danach ergeben sich einige schöne Tänze. DJ Philip legt ziemlich süffig auf, doch irgendwie ist meine Balance heute ziemlich im Eimer. Muss an den Gravitationsanomalien im Tanzboden liegen. Oder an den MP3. Oder der sechsstündigen Zugfahrt. Und bei zwei Milongas habe ich irgendwie Mühe, im Rhythmus drin zu bleiben. Als ich mich halbwegs eingetanzt habe, folgt auch schon die Cumparsita. Nun, das Wochenende ist hoffentlich noch lang...

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Pianolessons in München

Samstag, 23. Februar 2013

München, Workshop mit Michael Lavocah zum Thema "Die Verbindung der Musik der 1940er Jahre und der alten Garde". Mir fällt auf, dass an der Decke Bose-Boxen hängen. Selbst unter Nicht-Esoterikern gilt die Marke inzwischen als...beschädigt. Aber siehe da, ich werde den ganzen Nachmittag über am Klang eigentlich nichts auszusetzen haben. Wir beginnen mit der Notierung und dem (simpel gesagt) Einfügen von Viertel- und Achtelnoten anhand von Tinta Verde (1916) und Comme il faut. Und sprechen über den damaligen Strukturwandel, der Gitarren- wie Flötenspieler arbeitslos gemacht und wohl auch zu so mancher Messerstecherei geführt hat. Michael geht übrigens auch davon aus, dass das Bandoneon beim Öffnen und Schliessen jeweils einen anderen Sound ergibt. Ich halte das auch gerade nach meinen eigenen bescheidenen Spielerfahrungen für Esoterik.

Alte Garde? Ja, deutlich zu hören. Die Melodieinstrumente machen sich noch nicht selbständig, und Piano, Bandoneon und Kontrabass zwingen die Tänzer in einen brutalen Takt. Michael erklärt, dazu könne man keine sanften Schritte setzen. Und spielt auch aus den ältesten Tangoaufnahmen vor: Damals waren es noch Brass Bands. Tubatango ist insofern authentischer als ich bislang dachte. Oh, und als DJ legt er dennoch nichts vor 1926 auf, wie er betont.

Interessant auch die Diskussion, ob das Vibrato früher wegen der tieferen Stimmung der Geige (und der damit verbundenen tieferen Saitenspannung) einfacher möglich war. Gelernt habe ich, dass Osvaldo Pugliese viel Repertoire von De Caro übernommen hat. Und dass Di Sarli ebenfalls viel uraltes Zeugs spielt, ohne dass es so klingt.

Nach einer Pause geht es um die Pianisten: Goñi bei Troilo, Biagi bei D'Arienzo sowie Pugliese und Di Sarli bei sich selber. Auch hier die Erkenntnis, dass sich die Orchesterleiter mit ihren eigenen Instrumenten meist überraschend stark zurückgehalten haben. Während die Melodiespielereien von Biagi (El Choclo, D'Arienzo 1937) auf den ersten Blick ins Ohr hüpfen, ist der Pianobass meist unauffällig. Lange hören wir in Nueve Puntos von Di Sarli hinein, um uns zu fragen, ob dort wirklich keine Klavierakkorde unter dem Kontrabass zu hören sind, sondern nur einzelne Noten, und dazu noch entgegen der Melodie treppauf oder treppab. Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher. Aber ich muss zugeben, ich bin verblüfft, wie komplex die Bassklänge doch sind. Elektrotango kann da nicht ganz mithalten.

Schliesslich noch Tierra querida von Pugliese: Locker und luftig gespielt, die Version von De Caro hingegen klingt eher wie Spielen nach einem Uhrwerk. Und Goñi (Orchester Troilo) schliesslich darf noch mit der Milonga del tiempo guapo einheizen. Einige Leute lachen, als Michael sagt, dass der Ausnahmepianist vermutlich keine Noten lesen konnte. Nun, damit tun sich auch heute noch viele (teilweise sehr gute) Musiker schwer. Es ist denkbar, dass er tatsächlich permanent improvisiert hat. Und dann den Weg aller Genies gegangen ist. Letzte Hörprobe: C.T.V. Es fällt mir äusserst schwer, auf das Klavier zu achten, wenn Bandoneon und Geige derart melodiös rumspielen.

Fazit: Viel zu Hören, äusserst unterhaltsam, für Leute ohne musikalische Vorbildung oder gar ohne Grundkenntnisse von D'Arienzo und Konsorten wohl etwas zu heftig. Und ich hätte mir noch eher einen Workshop über den unterschiedlichen Einsatz des Bandoneons gewünscht. Aber man spürt Michael an, dass er Musiker und Tänzer mit Leidenschaft ist. Sein Schlusswort: Mehr auf den Bassanteil des Pianos achten, dann wird sich auch unser Tanzen ändern. Mal sehen.

Abendmilonga, Theresa und Michael wechseln sich jeweils nach zwei Tandas ab. Ich lache mir einige schöne Tänze an, aber so richtig komme ich nicht in die Musik, und diverse Tandas schrecken mich musikalisch eher ab. Und die Sitzordnung ist eh nicht so mein Ding. Kurz vor Mitternacht düse ich daher noch ein paar Häuser weiter ins Lo de Laura. Hier ist erstaunlich wenig los, doch nach der obligaten Ignoranz der aufgereihten Damenriege finde ich noch schöne Tänze. Ich schwöre es, das Zitat ist echt: "Du hattest so aussergewöhnliche Schuhe an, da dachte ich, der kann sicher gut tanzen". Ha! Holzapplikationen sind also doch noch für irgendetwas gut...

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Die Orchester, die Katzen und der Kuchen

Sonntag, 24. Februar 2013

München, erneut Workshop, heute zum Thema "Woran erkennt man zehn unterschiedliche Orchester". Knapp zwei Stunden sind dafür etwas knapp, andererseits sind die Stühle in der Sonnenstrasse auch nicht viel bequemer als die in der Regerstrasse. Wir beginnen mit D'Arienzo: Keine leisen Töne und jeweils ein deutlich wahrnehmbares Staccato. Di Sarli? Nun, die erste Geige spielt hier die Melodie -- mit Geigen. Wir hören El pollo ricardo (1940) mit scharfen Geigen und Staccato. Die Zuordnung sei aber aufgrund der häufigen Rhythmusänderungen möglich: "D'Arienzo doesn't do this", so Michael.

Troilo? Stark wechselnde Dynamik (laut und leise), ausserdem auch immer wieder Wechsel zwischen Staccato und Legato. Dann natürlich Pugliese, die langsam stampfende Maschine. Michael nennt hier allerdings aggressive Geigen und der Wechsel zwischen weichen und harten Phrasen als typisch.

De Caro? Süss (weshalb ich ihn mit Fresedo verwechselt habe), mit deutlich ausschweifender Geige, viel Chaos und ausserdem "kompliziert". Caló hingegen ist geschmeidig und gleichmässig, und sein Pianist Osmar Maderna glänzt mit spielerischen Läufen am Ende der Stücke.

Schliesslich Pedro Laurenz: Viele Dynamikwechsel, kompliziert, viele Noten. Michael erklärt beruhigend, man müsse nicht auf jede Note tanzen. Für ihn liefert Laurenz Beat, Rhythmus und Melodie -- der letzte Punkt fehle bei D'Arienzo. Donato: Nebst Bandoneon auch ein Akkordeon drin, ausserdem noch eine Gitarre* (siehe Nachtrag unten).

Canaro sei am schwierigsten zu identifizieren, so Michael. Immerhin sei der Bandoneonspieler Minotto di Cicco etwa an den verspielten Auftakten zu erkennen. Biagi: Starker Beat. Und Michael demonstriert schön, wie die Rhythmusbetonungen teilweise völlig überraschend kommen. Ich persönlich finde allerdings die meist kratzenden Geigen mindestens so deutlich. Zuletzt: Fresedo. "Posh", meint Michael, worüber eine Diskussion entbrannt. Ich übersetze es jetzt einfach mal mit "piekfein". Ausserdem ist Harfe und Vibrafon zu hören, wenn auch meinem Hörempfinden nach nicht immer gerade sonderlich deutlich. Das waren jetzt übrigens elf Orchester, aber darüber hat sich niemand beschwert...

Danach Nachmittagsmilonga. Hervorragende Kuchenversorgung. Viel zum Essen komme ich allerdings nicht, es mangelt an Männern. Schöne Tänze und insbesondere äusserst saftige Milongas. Zwischendurch läuft allerdings seltsame Katzenmusik, und die Piazzolla-Tanda sitze ich ebenfalls aus. Immer wieder versuche ich, das Orchester zu erraten, aber insbesondere mitten im Tanz ist das nicht so ganz trivial. Ich bin noch nicht soweit. Irgendwann naht die Cumparsita, und ich lasse den Abend gemütlich ausklingen -- den Schlachthof schenke ich mir heute. Zitat des Tages: "Als ich gesehen habe, wie Du Kuchen isst, da war mir dann klar, wer Du bist". Und sie wollte nichtmal ein Autogramm...

*Korrektur von Michael: Gemeint war ein Pizzicato, bei dem auf der Geige wie auf einer Gitarre geklimpert wird. Also keine Gitarre!

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Nullrunde im Kleinbasel

Sonntag, 3. März 2013

Basel, Milonga Claracita. Eigentlich ein hübscher Musikmix, von den rekordverdächtig hässlichen Cortinas mal abgesehen. Nur: Es breitet sich ein hoffnungsloser Männerüberschuss aus. Bin nach knapp zwei Stunden ohne einen Tanz wieder abgezottelt. Manchmal ist die Vorfreude auf Tangoreisen das beste Lebenselixier...

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Fatalismus im Sankt Johann

Donnerstag, 7. März 2013

Basel, Restaurant Mädg. Oder Milonga San Juan, wie es neuerdings heisst. Wenig Leute. Und Cécile legt auf. Es gibt Momente, da wünscht man sich DJ Peter oder sogar die Dame vom Berliner Loft ans DJ-Pult. Ich hätte mich sogar über was Chaotisches von Piazzolla halbwegs gefreut. Kurzum: Die Runde Elektrotango war auch für die Ohren der angenehmste Teil des Abends. Ich gehe davon aus, dass die Milonga spätestens im Sommer stillschweigend eingestampft wird.

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Musikfluss in Kehl

Freitag, 8. März 2013

Kehl, La Cita. Kleines Grüppchen, aber es ergeben sich wunderschöne Tänze. Und DJ Olivier Constant aus Lyon schafft es, nichts totgespieltes aufzulegen, dennoch habe ich Lust wirklich ausnahmslos jede Tanda zu tanzen. Insofern: Bester DJ der vergangenen sechs Jahre. Und offenbar hat er vorher auch einen Soundcheck gemacht. Manchmal macht Tango wirklich Spass...

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Kommentar von Nette

Hallo Patrick das stimmt. Kehl war wirklich schön. Gruß Annette

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Sperren, tanzen, auswählen

Samstag, 9. März 2013

Heidelberg, Bosselonga. Das Betanien-Krankenhaus mit angegliedertem Gästehaus ist übrigens mehr oder minder um die Ecke (wäre da nicht der Stacheldraht...) und offeriert ein christliches WLAN: Facebook und Youtube sind gesperrt, weil diese dem Bereich "Dating/Networking" zuzurechnen seien. Da ist selbst die Türkei schon ein wenig weiter. Beim nächsten Besuch ist dann vermutlich auch mein Blog gesperrt.

Ach ja, die Milonga. DJ Eric legt süffig die Greatest Hits auf, und es lässt sich genussvoll tanzen. Einzig die männerdominierten Barhocker auf der einen Seite des Raumes sind etwas gar weit von den üblichen Damensitzplätzen entfernt, aber es ergeben sich nach und nach dennoch schöne Tänze. Quartito Azul zweimal? Ach, von mir aus. Zu später Stunde startet dann allerdings die gruppendynamische Nontango-Runde.

Zuerst werden alle Männer gebeten, mit geschlossenen Augen in die Mitte der Tanzfläche zu stehen, die Frauen suchen sich jemanden aus. Ich bin müde, mag eh nicht zu einem Nontango führen und bleibe daher auf meinem Hocker kleben. Danach müssen sich die Frauen in die Mitte stellen. Bis auf eine Ausnahme sind nur noch Frauen da, die den ganzen Abend meine Blickkontakte ignoriert haben. Wäre es intelligent, sich jetzt das Opfer zu suchen? Vermutlich nicht, und dank der Nontangos muss ich darüber ja auch nicht wirklich nachdenken. Vielleicht bin ich ja ein wenig zickig, aber wer zu jedem Hoppelstück völlig problemlos offen auch mit einer unwilligen Frau tanzen kann, der tickt wohl irgendwie anders...

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Kommentar von dora

Habe ich Dich verpasst? Ich war wahrscheinlich die unwillige Neotänzerin. Aber lustig war es trotz der Neorunde.

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Beaming im Flores

Samstag, 16. März 2013

Mannheim, Flores. Inzwischen fast schon ein Heimspiel. Auch hier hat nun ein Beamer Einzug gehalten, so dass alle wissen, zu welchem Orchester und welchem Stück sie gerade tanzen. Heute allerdings ein wenig wilde Piste, auf der Brotfabrik-Skala etwa zwei von fünf Punkten. Schöne Tänze. Eigentlich sieht auch das Kuchenangebot lecker aus, aber wo eine Tänzerin ist, da ist eben auch meist eine Tanda nicht weit (Womit nichts über den Kuchen, aber alles über die Tänze gesagt ist). Zur Abwechslung habe ich dieses Wochenende nur meine Tres Pisadas-Treter dabei, und im Gegensatz zu früher habe ich damit nicht mehr riesige Probleme mit der Balance. Ist meine Haltung besser geworden oder zieht mich heute einfach keine Tanzpartnerin aus der Achse? Ich bin mir nicht sicher...

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Abschleppversuche in Heidelberg

Sonntag, 17. März 2013

Cafemilonga in Eppelheim. Auch hier bleibt der Kuchen in der Vitrine leider unberührt, denn die Piste lockt. Musikmix teilweise dank modernen Orchestern etwas verwirrend, aber ich mogle mich durch. Und lande auch dauernd unbewusst in der zweiten Spur. Und remple ein wenig. Ich bräuchte wohl mal wieder einen floorcraft-Kurs.

Dann bricht die Musik plötzlich mitten im Stück ab, und per Mikrophon wird eine erschütternde Nachricht verkündet: "Da werden draussen grad ein paar Autos abgeschleppt". Mehrere Paare verlassen fluchtartig die Piste. Ich fühle mich hingegen inspiriert. Endlich weiss ich, wie ich demnächst Westeuropas rücksichtslosesten Rempeltänzer gewaltfrei aus der Ronda entfernen kann. Das wird ein Heidenspass.

So nebenbei kriege ich mit, wie Frauen darüber debattieren, welchen DJ sie am besten mögen. Äusserst aufschlussreich. Ach ja, und die Hochtöner streiken heute. Aber die Ohren passen sich an. Die Cumparsita kommt jedenfalls viel zu früh, der Regen ebenso. In drei Tagen ist Tangofrühling...

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Gehen und Folgen im Osten

Samstag, 23. März 2013

Kreuzlingen, Workshop-Wochenende. Eine der seltenen Gelegenheiten, an denen Melina und Detlef die EU-Aussengrenze um wenige Meter überschreiten. Dank einer geduldigen Tanguera geniesse ich drei Workshops in Folge als Folgender. Von einem benachbarten Paar kriege ich schon in der Aufwärmrunde einen ersten Voleotreffer an die Hüfte. Zürich scheint nicht sooo weit entfernt zu sein.

Themen: Gehen, asynchrones Gehen und Richtungsänderungen. Teilweise mit Entradas. Das sind 4,5 Stunden. Die Führende spürt es. Mein Becken, meine Beine und meine Füsse auch.

Einsichten: Ich bin schwer. Oder auch: Ich mache mich schwer. Und nein, das war nicht die Folge des fantastischen Kuchenangebotes während der Pausen. Widerstand beim Rückwärtsgehen ist eine zweischneidige Sache. Meine Körperhaltung ist eh noch deutlich entwicklungsfähig. Wie üblich ist meine Hüfte zu locker, was besonders beim Gehen im gekreuzten System die Sache auch nicht vereinfacht. Immerhin: Ich ziehe nicht (und ich weiss jetzt auch warum) und meine Arme drücken nicht. Und ich werde nie mehr hier schreiben, dass Folgen easy sei...

Abendmilonga. Ganz angenehmer Musikmix und feine Tänze, aber ich spüre die Müdigkeit deutlich -- und beim Führen spürt man die eben auch. Dazu wie üblich eine Sitzordnung, die Blickkontakte nicht gerade erleichtert. Tanze daher nicht fürchterlich viel und beschäftige mich intensiv mit den Brezeln. Zitat das Abends: "Sind wir hier eigentlich in der Schweiz?". So halb...

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Die Musik, die Schrittgrösse und die Küche

Sonntag, 24. März 2013

Kreuzlingen, Workshop-Tag zwei. Gestern noch 15 Paare (deutlich zuviel), heute etwas weniger. Dafür als Thema Musikalität und daher auch Schrittdynamik. Etwa die Hälfte des Workshops mache ich wiederum als Folgender. Üblicherweise macht man schnelle Schritte ja eher klein, langsame Schritte dagegen etwas grösser. Heute proben wir mal winzige Schritte im halben Tempo -- und wow, mir als Folgender fährt das ziemlich ein, auch wenn es gerade von der Balance her durchaus nicht simpel ist.

Ich erinnere mich an eine Facebook-Diskussion neulich, wo einer meinte, schon Anfänger würden lernen, wie man unterschiedliche Schrittgrössen setzt. Nein, tun sie meistens nicht. Und ohne Oberkörper-Gegenbewegung werden sie es wohl auch nie lernen -- als Steuerungsmöglichkeit bliebe ja quasi nur noch die Gehkraft aus dem Standbein. Und sonderlich subtil wäre das wohl nicht...

Ach ja, und Detlef brachte irgendwann einen Vergleich vom Ruhe und Hetze mit der Gegenüberstellung von Küche und Schlafzimmer. Ich hab nachgefragt, welchem Raum er denn welche Eigenschaft zuordne. Daraufhin gab er sich betont diplomatisch. Nachdem das Schlafzimmer-Klischee im Tango ja schon ein wenig ausgereizt ist, bin ich mal gespannt, wann jemand Workshops für Küchentango anbietet.

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Däumchendrehen im Buben

Montag, 25. März 2013

Basel, Les Garecons. Seit Januar haben Dirk und Co. die Milonga von Talib übernommen. Angenehmer Musikmix, soweit ich das in einer halben Stunde feststellen konnte. Danach bin ich wieder gegangen, weil auf der Piste sechs Paare geübt und auf den Polstern fünf Männer Däumchen gedreht haben. Und nein, ich fordere keine Frauenquote.

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Kommentar von Lydia

Däumchendrehen mit fünf Männern auf dem Sofa könnte ja durchaus spaßig sein. Aber ich versteh schon, wahrscheinlich nicht, wenn man sich aufs Tanzen gefreut hat ...

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Antwort von Patrick

Ermüdend daran ist, dass das in Basel normal ist. So reist man eben.

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Rempelstart in den Ostertango

Freitag, 29. März 2013

Ostertango, Basel. Nachmittagsmilonga. DJ Roland legt recht schön und ruhig auf (wenn auch die Tandas teilweise nahtlos ineinander übergehen), aber das Chaos auf der Piste wird dadurch auch nicht viel ruhiger. Durchschnittlich ein Treffer pro Minute. Obwohl mehrere berühmte Rempler dieses Jahr irgendwie fehlen.

Zwischendurch kurze Erholung als Folgender. Tut gut. Aber für gewisse Veranstaltungen sollte ich vielleicht doch mal endlich lernen, hohe Voleos zu tanzen. Ach, und den Schluss um acht Uhr hat der DJ perfekt verhauen. Es gab schon Veranstaltungen, an denen sowas wie eine letzte Tanda gespielt wurde...

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Kommentar von Roberto

Ich meine es darf nicht unerwähnt bleiben, dass Männer, die sich schlecht führen lassen (das gilt natürlich auch für Frauen), an solch belebten Milongas wie sie oft an Festivals anzutreffen sind, völlig fehl am Platz sind und für alle andern eine Bedrohung darstellen. An Arroganz ist ein solches Verhalten kaum zu überbieten. Üben sollte man aus Rücksicht auf andere an eine Praktika oder daheim.

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Kommentar von frank frei

Robertos Kommentar geht am Thema vorbei: von REMPLERN ist die Rede! Und zwar hier wie auf JEDER beliebigen anderen Milonga auch! Und die Verantwortlichen unternehmen NICHTS dagegen und machen sich somit mitschuldig an dem zunehmend rüden Verhalten ... armer Tango :-( Wiedereinführung der Gelben und Roten Karten!

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Kommentar von Joachim

Es gibt bei jeder Milonga einen Prozentsatz von Führenden, die ausser Stande sind, sich im Tanzfluss einzufinden oder überhaupt einen herzustellen. Daran gemessen, fand ich da TangoCafé des Ostertangos mit Hunderten Tänzern noch relativ zivil.

Was soll denn ein Veranstalter unternehmen? Ab wann soll ein Platzverweis erfolgen, wie lange lassen sich Tänzer so eine "Bevormundung" gefallen, ab wann fällt dem ersten ein, wer hier gezahlt hat (und sich deswegen dennoch NICHT alles herausnehmen darf, aber vor dieser Einsicht wird rechtzeitig die Bremse gerissen) und wie soll die Tangopolizei überall gleichzeitig sein?

Die Ronda und das Verhalten darin können nur vorgelebt und dauernd propagiert werden - aber gerade darin sind nahezu alle Tangolehrer die schlimmsten Anti-Beispiele - alles Gesagte gilt immer für "die Anderen", aber nicht für einen selbst. Keinen Blickkontakt mit den anderen Tänzern, Giros ins Parkett bohren, quer zur Tanzrichtung oder gleich rückwärts unterwegs, mitten im Stück anfangen und dazwischendrängen, grosser Flächenverbrauch, Milonga oder Vals in Zeitlupe, Figuren nicht können, aber dran herumknorzen - das ist einfach normales Festivalverhalten. Als einziges Gegenmittel funktioniert zuverlässig "Daheimbleiben", oder eben selber versuchen, ein Vorbild zu geben - auch wenn's mühsam ist.

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Weisheiten und Ungleichheiten

Samstag, 30. März 2013

Ostertango. Das Tangocafé ist heute vom Nachmittag bis spät nachts offen, sozusagen parallel zum teuren Abendprogramm. Am Nachmittag allerdings auch parallel zu den Workshops, und ich bilde mir ein, dass man das auf der Piste ein wenig spürt. Da ja bei Facebook täglich Weisheiten aus dem Küchenkalender gepostet werden, hätte ich jetzt auch mal einen Vorschlag für ein paar grosse Buchstaben:

You just did a workshop about stage-sequences with Naveira, Frumboli or Frigoli? Please stay away from the dancefloor! Thank you.

Ja, ich weiss, das ist diskriminierend. Aber lieber einer gerechte Ungleichheit als eine ungerechte Gleichheit. Zu später Stunde lüftet sich die Piste immerhin (ich darf mal wieder kräftig folgen), und erstaunlicherweise ergeben sich bis weit in die Afterhours hinein schöne Tänze. Zitat der Nacht "Du siehst eben reif aus". Um sechs Uhr dann wohl eher etwas müde, und so langsam werden die Tangueras auch arg wählerisch. Glücklich um 6.15 Uhr ins Tram mit schmerzenden Füssen. Nur der Frühling lässt noch ein wenig auf sich warten...

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Kommentar von stefan

Nein, das finde ich überhaupt nicht diskriminierend. Es ist ja eine Tatsache, dass nach den Workshops auf der Pista das gerade frisch Erlernte (oder eben nicht Erlernte)umgesetzt werden soll, wenn der Platz es zulässt - warum nicht? Extrem nervtötend ist es aber - etwa nach dem Ganchokurs - ganze Musikphrasen lang auf dem Platz zu verharren, die Ronda zu ignorieren und einen Gancho nach dem anderen der armen Tanguera (die ja auch mal was sagen könnte, aber vlt braucht sie´s für ihr Ego)aufzuzwingen.

Aaaber (!) ich habe auch schon verantwortungsbewusste Dj´s erlebt (Tangomagiafestival 2010) die das Micro mal zur Ansage benutzten und die Tänzer baten, doch jetzt mit der Practica aufzuhören und sich der Musik zu widmen. Ich fand das eine starke Idee, denn der Dj hat doch meist den besten Überblick und merkt wie seine Musikauswahl angenommen wird. Cuprimentos amigos

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Antwort von Patrick

Dahinter steht natürlich die philosophische Frage, welchen Zweck die Workshops haben, wenn das Zeugs auf der Piste eh nicht anwendbar ist. Ein Tanguero brachte es am Wochenende irgendwie auf den Punkt: "Meine Tanzpartnerin kann jetzt sagen, sie hat mal mit Chicho getanzt". Dann zuckte er mit den Schultern und holte sich an der Bar ein Bier. Er wirkte auf mich leicht fatalistisch...

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Distanz in Riga

Donnerstag, 4. April 2013

Riga, Lettland. Der Frühling dringt hier noch nicht so recht durch, und auch an der Eröffnungsmilonga zum Marathon ist das Klima ein wenig frostig: Die Frauen verbarrikadieren sich in den hintersten Ecken des Raumes. Blickkontakt zu Unbekannten? Muss was Böses sein. Schade, zumal DJ Edita äusserst angenehm auflegt. Hoffen wir mal, dass das Wochenende noch anderes Volk in die Milongas spült...

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Kommentar von Elbtanguera

wenn du in diesem verlängerten Winter ach so früh am Morgen Richtung Nordosten fliegst, dorthin, wo die Kälte herkommt, kannst du doch keine lauen Temperaturen wie im Rheintal erwarten! :-) Und was die dortigen Tangueras angeht: Lächle! Dann wirst du die eisigen Damen sicherlich noch zum Schmelzen bringen. ;-)

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Schnee und Tänze in Riga

Freitag, 5. April 2013

Riga, Tag zwei des Marathons. Draussen Schneetreiben und eisige Winde. Nachmittagsmilonga wie gestern Abend im jüdischen Kulturzentrum, dessen Sitzordnung mir noch immer nicht so recht behagt. Keine Tänze mit Unbekannten. Aber glücklicherweise sind inzwischen ein paar bekannte Tangueras eingeflogen, so wird der Nachmittag genüsslich. Und auch wenn ich hier niemals einen Basler DJ loben würde, aber Roberto hat lediglich zwei Tandas aufgelegt, die mich nicht zum Tanzen animiert haben.

Abendmilonga in der grossen Gilde: Ein beeindruckend gotischer Saal mit vielen Wappen der Hansestädte. Gut voll, aber dank vielen Säulen in der Mitte ganz angenehme Piste. DJ Yuri sitzt allerdings auf der Empore und bräuchte überdies wohl ein Hörgerät. Dafür sammeln sich die Tangueras im vorderen Teil, und so ergeben sich viele Tänze. Ja, auch mit Frauen aus Lettland. Es ist übrigens ein Klischee, dass die alle blond sind. Ich hab nämlich mindestens eine Rothaarige gesehen. Cumparsita kurz nach drei Uhr morgens. Glücklich. Und eine Gruppe verrückter Finnen möchte danach noch draussen auf dem völlig vereisten Kopfsteinpflaster tanzen...

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Von Remplern und Brummern

Samstag, 6. April 2013

Riga, Tag drei. Sonnenschein. Also ein wenig Fotos in der Altstadt geknippst und erst danach zur Nachmittagsmilonga. Heute rempelig wie ein Autoscooter. Vor der Veranstaltung hatte sich eine interessante Facebook-Diskussion darüber entwickelt: Ein Paar zog schmollend die Anmeldung zum Marathon zurück, weil sie vom Veranstalter gefragt worden waren, ob sie sicher seien, dass sie sich an die Pistenverhältnisse anpassen könnten. Damals dachte ich, ein Veranstalter wird schon seinen Grund haben, wenn er sowas fragt. Heute allerdings sehe und spüre ich beim Tanzen mehrmals deutlich, wer von der Veranstalterseite eine solche Frage aufgeworfen hatte, und nachträglich würde ich die Geschichte eher unter "Heucheln für Fortgeschrittene" einordnen.

Wie ich erfahre, ist die Szene in Riga gespalten -- auch deshalb sind wohl relativ wenig Leute aus Lettland überhaupt am Marathon. Und die Rempler-Diskussion war offenbar Teil des üblichen Gegeneinanders. Manchmal frage ich mich, ob es noch Tangoszenen gibt, die nicht gespalten sind.

Abendmilonga wieder in der Gilde. Heute gefällt mir der Mix von Roberto nur teilweise. Das könnte auch an der Technik liegen: Hinten ist es schön ruhig, weil die Lautsprecher stumm bleiben. Vorne donnert es dafür. Und brummt. Gewaltig. Irgendwann kommt hinten wieder der Sound, und der Brumm ist weg. Wie man mir sagt, hat der Veranstalter kurzerhand einen Zwischenstecker ohne Schutzleiter reingehängt. Purer Pragmatismus oder doch starke Suizidalität? Immerhin wird spätnachts die Piste endlich angenehm, und ich geniesse die wunderschönen Tänze bis zur Cumparsita.

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Ausklang in der Sauna

Sonntag, 7. April 2013

Rita, letzter Festivaltag. Gemütliche Nachmittagsmilonga, doch so langsam verabschieden sich auch wieder einzelne Leute. Abends dann etwas ausserhalb des Zentrums die letzte Milonga in den Räumen einer Sauna. Klein, vollgedrängt, schummrig beleuchtet, und während sich im Eingangsbereich die Männer auf den Füssen herumstehen, sitzen die meisten Damen mit unbewegtem Gesicht auf ihrem Stuhl fest. Ich geniesse das Korbschauspiel eine Weile grinsend, denn aufgrund der anwesenden Damen habe ich meine Erwartungen auf drei schöne Abschiedstandas heruntergeschraubt. Doch manchmal wird man vom Leben äusserst angenehm überrascht, und irgendwann vertanze ich mich lange in einem ruhigen und nur mit schwachem Kerzenlicht beleuchteten Nebenraum. So wird es dann das erste Tram um 04.23 Uhr zurück zum Hotel. Was gibt es schöneres, als die stimmungsvollsten Milongas am Ende eines Festivals zu tanzen?

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Tweets in Kehl

Freitag, 12. April 2013

Kehl, La Cita. Mal wieder ein Caminar-Workshop bei Melina und Detlef, diesmal als Führender. Wir gehen hautpsächlich im gekreuzten System, und mir fällt auf, wie unsauber dabei mal wieder meine Schritte und meine Haltung sind. Aber normales Gehen im gekreuzten System ist auch etwas, was man auf einer Milonga äusserst selten sieht...

Danach Abendmilonga. Ich bin relativ müde und widme mich daher trotz schönen Tänzen eher dem kulinarischen Angebot. Melina kommentiert die Reaktionen der Tänzer auf ihren Musikmix mit ausgesuchten Kraftausdrücken direkt auf Facebook. Ich sollte anfangen von der Tanzfläche zu twittern. Mein erster Tweet wäre dann wohl "Buscandote schon in der zweiten Tanda verheizt? WTF?".

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Kommentar von Elbtanguera

Hallo Patrick, welch bissige Kommentare mal wieder... Sind die noch politisch korrekt? ;-)

Ich war ganz überrascht zu lesen, dass du diesen Basic-Workshop besucht hast. Habe ich mich so in deinen tänzerischen Qualitäten geirrt? Und: Schade, dass du die Workshops von Melina und Detlef schon in Kehl besucht hast. Hätte dich hier oben in Leipzig gut dafür (ge)brauchen können. ;-) Die Männer, die ich hier kenne, wollen bei dem Thema (und den Preisen) leider nicht anbeißen. :-(

Wäre sonst bestimmt ein schönes WS-WE, bei dem sogar einer meiner Lieblings-DJs auflegt - meist Titel der Epoca d'Oro. Ob Melina dessen Musikzusammenstellung auch mit bissigen Kommentaren auf Facebook kommentieren würde?

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Antwort von Patrick

Manche lernen schnell, andere langsamer. Aber zeig mir doch bitte mal den Führenden (oder die Führende), der sauber mit dem Oberkörper in geschlossener Umarmung verschiedene Schrittgrössen und -dynamiken sowie Giros bei allen drei Tänzen führt, dabei Haltung bewahrt und deutlich weniger als zehn Jahre tanzt. Oder anders gefragt: Welche Workshops soll ich denn besuchen, wenn nicht die Basic-Workshops?

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Kommentar von Elbtanguera

Schade, dass du meine Überraschung gepaart mit indirektem Lob an deinen tänzerischen Qualitäten verpackt mit meinem anscheinend etwas speziellen Humor als Kritik empfunden hast. :-/ Mea culpa.

Im Allgemeinen ist es jedoch leider so, dass viele Tänzer ihr Können überschätzen - Folgende inbegriffen!, lernen eine Figur nach der anderen - eine wilder als die andere (kann ja auch sehr viel Spaß machen!) - und vergessen darüber die Basics. (Mein armer Rücken einmal beim Tangofest am letzten Wochenenende...) Da schätze ich doch die "Führenden (oder die Führende), der sauber mit dem Oberkörper in geschlossener Umarmung verschiedene Schrittgrössen und -dynamiken sowie Giros bei allen drei Tänzen führt, dabei Haltung bewahrt" - und mich im siebten Tangohimmel schweben lässt. :-)

Mittlerweile übertrage ich den Ausspruch "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gerne aufs Tanzen - und gehe zurück an den Start, um auch selber Basics zu verbessern...

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Kommentar von mes

Liebe Elbtanguera, beim Thema Grundlagen musste ich mal wieder an einen Cartoon denken:

Und ich stelle mich auf Patricks Seite: Ein guter Tänzer hat gute Grundlagen. Er führt wenig mit dem Körper und zur Musik statt viel mit den Armen gegen die Musik. Bei Muße und Mitteln des Bloggers kommen bei mir Erinnerungen an meine wilden Jahre hoch - und etwas Neid:

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Antwort von Patrick

Elbtanguera, sorry fürs Missverständnis. Es kommen auf und neben der Piste halt einfach ein wenig zu oft Kommentare, die durchblicken lassen, dass für viele Leute die Basics kein Thema sind (und wenn man sieht oder spürt wie sie tanzen offenbar auch nie waren). Und Workshop-Partnersuche ist eh immer schwierig. Letztes und dieses Jahr gab es deswegen für mich auch keine Tango-Arbeitsferien in Südfrankreich...

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Kommentar von Elbtanguera

@ mes: Danke, für die Links zu den Videos! Diese Realsatiren waren mir bis dahin völlig unbekannt.

Ja, bei des Bloggers Lebenswandel (= Muße und Mittel) könnte das eine oder andere Mal schon Neid aufkommen. Irgendwas machen wir wohl falsch. ;-) Aber wie heißt es so schön: Entscheidung ist die Bejahung eines Verzichts. Also: Arbeit oder Tango? Geld oder Leben? ;-)

Andererseits lässt Patrick uns ja auch immer wieder an den Schattenseiten dieses Daseins teilhaben: schlechte Musikauswahl, rempelige Milongas, Nichtbeachtung seitens potentieller Tanzpartner, schokoladenverschmierte Tanzpartnerinnen ;-)... Da fällt mir auch wieder jener Ausspruch von August Strindberg ein: Beneide niemanden, denn du weisst nicht, ob der Beneidete im Stillen nicht etwas verbirgt, was du bei einem Tausche nicht übernehmen möchtest.

@ Patrick: Was hältst davon, uns ein paar Tipps für ein ausschweifendes Tangoleben weiterzugeben?

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Antwort von Patrick

Neid ist wohl meistens das Privileg der Ahnungslosen. Obwohl ich mich schon als extrem privilegiert bezeichnen würde, denke ich kaum, dass irgendjemand mit Job aus Westeuropa mit meiner konkreten beruflichen Situation tauschen möchte. Ausschweifend? Dazu müsste ich vermutlich aussehen wie George Clooney (alternativ: Keanu Reeves, Shea Labeouf, ....).

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Die Epoca und die Fritten

Samstag, 13. April 2013

Kehl, erneut Workshops, diesmal tanzen wir in einem Doppelworkshop quer durch die Epoca d'oro. Zwischendurch markieren wir mit Bleistift lyrische und rhythmische Phrasen (und frei nach Snoopy: "Was ist mit denen dazwischen?"), aber meistens tanzen wir zu Rodriquez, Fresedo und Co. Und achten auf Synkopen, auf das spielerische Ende, die unterschiedliche Dynamik und die Geschwindigkeiten.

Danach nasche ich von einem fremden Teller leider einige gut frittierte Fritten, was meinem Magen für die erste Hälfe der Milonga kräftig zusetzt. Ich tanze daher kaum, immerhin legt DJ Gabi auch allerlei seltsames Zeugs auf. Später wird der Mix besser, mein Magen beruhigt sich dank einer strikten Kuchendiät wieder, doch meine Konzentration ist nach drei Stunden Workshop irgendwie dahin. Spätnachts witzige Diskussion darüber, wie hart das Leben eines Tänzers in Buenos Aires sein kann. Ich glaub, ich bleib vorderhand noch in Europa...

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Volcaditas ohne Kraft

Sonntag, 14. April 2013

Erneut Workshop, heute Mini-Volcadas. Wir prüfen erstmal in Ruhe, wo die Komfortzone der Frauen liegt (und vor allem wo sie endet), denn zusammenknickende oder herunterrutschende Tanzpartnerinnen sind gerade bei Volcadas bekanntlich für beide nicht angenehm. Dann üben wir lange die Rückwärtsbewegung ohne Gegenbewegung (gar nicht so simpel, wenn es der Körper schon verinnerlicht hat), und so heben wir dann fein und ohne Arme die Damen aus der heiligen Achse.

Lange kämpfe ich damit, bei der Seitwärtsbewegung den Radius um die Frau herum nicht zu verlassen, aber irgendwann schaffe ich tatsächlich ruhig und sicher mehrere Volcadas hintereinander. Und bin mir gleichzeitig bewusst, dass mir dazu wohl in praktisch sämtlichen Milongas sowohl der Platz wie auch die Zeit fehlen wird. Aber falls hier jemand daran zweifeln sollte, dass man ohne die Arme Volcadas führen kann: Man kann, und mit etwas Vorsicht passen sie sogar in eine Spur. Wenn das nächstemal die Piste stockt...

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Empfang im Keller

Donnerstag, 18. April 2013

Polen, Wrocław. Oder eben Breslau. Eine Kellerbar südlich der Altstadt. Noch ist kaum Festivalvolk hier, aber die Einheimischen sorgen schon kräftig für gute Stimmung. Piste wild. Trotz leichtem Männerüberschuss neugierige Blicke zu fast jeder Tanda. Allerdings spielt der DJ massiv zuviel anstrengende Stücke und scheint auch keine instrumentalen Tangos zu kennen. Beschränke mich daher auf Vals und Milonga, da gibt es heute nichts zu Meckern. Gemütlicher Spaziergang bei frühlingshaften Temperaturen nachts um halb zwei durch die Altstadt und weiter über diverse Brücken zum Hotel. Venedig des Ostens? Passt irgendwie schon...

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Essen und Tanzen

Freitag, 19. April 2013

Wrocław, erster Festivalabend. Die Mehrzweckhalle liegt ausserhalb der Stadt, und die Tramfahrt dorthin ist wegen der unübersichtlichen Haltestellen eher etwas für Fortgeschrittene. Aber irgendwann kommt man dort an, und schon alleine das Angebot an süssen und weniger süssen Speisen ist derart überwältigend, dass man kaum auf die Piste kommt. Mit eiserner Disziplin schaffe ich es dennoch, und es ergeben sich schöne Tänze -- trotz anstrengender Piste. Allerdings ist trotz Quotenregelung der Männerüberschuss auf dem "Marktplatz" gewaltig, und ich sehe, wie sich viele Männer regelmässig Körbe holen. Irgendwann schmerzen die Füsse, und der Bus bringt mich eine Stunde vor Sonnenaufgang ins Hotel. Vor dem Schlafengehen sehe ich, dass mein Rückflug am Montag wohl ins Wasser fällt. Wir werden sehen...

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Das Warten und das Schlaraffenland

Samstag, 20. April 2013

Wrocław, zweiter Tag am Tangomarathon. Am Nachmittag wie an genderbalancierten Milongas halt so üblich ein gewaltiger Männerüberschuss (geschätzt 30 Paare plus 20 Männer), ich lenke mich mit Kletterpartien durch die völlig unterdimensionierte Garderobe ein wenig ab. Ach, und mein Rückflug ist definitiv im Eimer.

Die Nacht wird dann vom Tanzen her deutlich interessanter, auch wenn ich bei DJ-Namen wie Dark-Oh ein wenig Zweifel hatte. Aber er legt süffig auf. Und ganz so schlimm wie Sab Fat (oder so) klingt es ja auch nicht. Nur leider ist die Piste jenseits von Gut und Böse. Einige Paare scheinen unabhängig von der Musik nur raumgreifend Automatik-quickquickslow-Giros zu tanzen, ergänzt mit Voleos.

Doch die Rettung naht: Gegen zwei Uhr wird eine Schokoladenfontäne aufgestellt, und alle halten mit einem Stäbchen Orangen-, Bananenstückchen oder Trauben drunter. So eingelullt wird dann auch die Piste irgendwann etwas ruhiger, es folgen die wirklich genüsslichen Tänze. Allerdings haben noch nicht alle Tangueras verstanden, dass man sich nach dunklen klebrigen Schleckereien den Mund waschen sollte. Heimfahrt mit getönten Wangen lange nach Sonnenaufgang. Und schon die erste Tanguera, mit der ich am Abend getanzt und von meinem Lufthansa-Streikproblem erzählt habe, bot mir gleich ein Asyl an. Und droht mit selbstgebackenem Apfelkuchen...

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Wenig Tänze, viel Asyl

Sonntag, 21. April 2013

Wrocław, letzter Marathontag. Die Nachmittagsmilonga ist luftig und gemütlich, und es ergeben sich auch ohne Krampf viele schöne Tänze. Dafür legt DJ Arnoud ziemlich crossover und ohne Cortinas auf, was die Sache nicht immmer erleichtert. Die letzten Sandwiches werden verteilt, es drohen die ersten Verabschiedungen.

Abends noch zur Afterparty-Milonga südlich der Altstadt. Eine gemütliche Kneipe mit kuschelig kleiner Tanzfläche, womit die Rempler einigermassen ausgebremst sind. Ich schaffe nur drei Abschiedstandas, alle anderen Tänzerinnen ignorieren mich hier heute Abend völlig. Gehe daher mit ein wenig gemischten Gefühlen zurück ins Hotel, wobei ich mich immerhin auf den nächsten Tag freuen kann: Dank meinem gestrichenen Flug erhalte ich ein Luxusasyl mit Apfelkuchen, feiner Suppe und genügend Zeit, die Altstadt noch ein wenig zu erkunden....

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Frühling in Basel

Sonntag, 28. April 2013

Basel, Claracita. Wuh. Schöne Tänze (sogar mit Baslerinnen), gute Musik von DJ Ivo, gute Stimmung und sogar eine annehmbare Piste. Statistisch gesehen ist sowas in Basel eigentlich unmöglich, aber nun, vielleicht liegts am Frühling?

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Kuchenmangel im Paradies

Dienstag, 30. April 2013

Eppelheim, Tanz in den Mai. Heute kein Kuchen. Gut, dafür hätte ich eh keine Zeit gehabt. Denn es gab auch keine Männer. Naja, fast keine. Jedenfalls deutlich zuwenig. Das ergab dann natürlich unglaublich viele schöne Tänze, wobei mir die hiesigen Tangueras nie so recht glauben, dass ich andernorts nicht zu Tänzen komme. Dann hat auch DJ Harry schön süffig aufgelegt, vielleicht mal abgesehen von der Tandaeröffnung mit einer wenig passenden Schneckenmilonga. Aber so kam ich immerhin dazu meinen Tee zu schlürfen. Luxusprobleme eines Tangueros...

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Kommentar von Lydia

Dann wird's jetzt wohl Zeit, dass Du Dich klonen lässt ;-)

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Kommentar von irwind

Hallo Patrick, ich kann dir nur Recht geben und wenn Du dann auch noch als nicht so Blickkontakt erfahrene Frau dasitzt wird die Ausbeute an Tandas echt mager. Aber wie heisst es so schön ...Qualität nicht Quantität zählt. ;-) Ich hatte immerhin in 3,5 h 3 Tandas. Eine wundervolle war auch dabei, wie mir gesagt wurde. Ich gestehe, das Highlight des Abends und ich wunder mich noch immer. Grüsse aus der Kurpfalz I.

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Kursbeobachtungen in Nürnberg

Freitag, 3. Mai 2013

Nürnberg, Academia. Ich bin ein wenig zu früh dran und darf daher noch einen "Fortgeschrittenenkurs" beobachten. Thema heute: Milonga. Giro auf 123, gemeinsam gelaufene Drehung auf 123. Dann jeweils Partnerwechsel mit den üblichen pole position-Spielchen. Ach, wie sehr vermisse ich den üblichen Tanzschulunterricht...

Danach Milonga mit DJ Marcelo. Die Träumereien des Hugo Diaz kamen schon zu sehr früher Stunde, aber sonst kann ich über die Musik eigentlich nicht meckern. Viele neugierige Blicke, feine Tänze. Läge Nürnberg nicht so weit ab vom Schuss....

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Kommentar von Anastasia

Auch Nürnberg hat sich über den "internationalen Besuch" gefreut!

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Die Loge und die Beugung

Samstag, 4. Mai 2013

Erlangen, Logenhaus. Ein elegant beleuchteter Saal mit 70er Jahre-Flair und einer Loge für den DJ. Die Musik ist teilweise recht wild gemischt (und Pugliese kommt schon in der ersten Stunde), dennoch zieht es mich immer wieder auf die Piste. Allerdings sind meine Chancen hier recht begrenzt, als Fremdling fällt man hier nicht so recht auf.

Dann sehe ich mehrmals, wie sich ein Mann in die Blicklinie einer potentiellen Partnerin beugt, bis diese ihn auch bei grösster Verrenkung aller Glieder nicht mehr ignorieren kann. Sie macht eine Handbewegung wie wenn sie erwartungsgemäss bei der wöchentlichen Tombola eine Niete gezogen hat, zuckt mit den Schultern, lächelt, tanzt zwei Tänze mit ihm und lässt ihn dann stehen. Für dieses Spiel braucht es bekanntlich mindestens zwei Teilnehmer (es wird auch anderswo gespielt), und ich habe den tieferen Sinn dieses Rituales noch nicht so ganz verstanden...

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Kommentar von TwoToTango

... schade für den Mann, der es einfach nicht begreifen will, dass Frauen sich zwar hin und wieder erbarmen (oder nicht als Zicke dastehen wollen), aber ihn halt doch stehen lassen, wenn es unerträglich wird.

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Antwort von Patrick

...und schade für die Frau, die wohl auch nie begreifen wird, dass herablassendes Erbarmen ihr erst recht den Zickenstatus verleihen wird. Ich denke, da haben sich schon die richtigen zwei gefunden.

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Kommentar von Sina

Wie hätte dann deiner Meinung nach die Tanguera die Situation elegant lösen können?

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Antwort von Patrick

Freundlich lächelnd, diskret und auf Augenhöhe ein "Nein, danke!"?

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Kommentar von Tangosohle

Das Ritual hört sich nach kultivierter Melancholie an. Damit diese bloß nicht verloren geht. ;)

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Teurer Vodka auf der Insel

Freitag, 10. Mai 2013

Kiev, Ukraine. Festival halbwegs in der Stadt, allerdings auf einer grünen Insel inmitten des Dnepr. Die Brücke ist wegen Einsturzgefahr gesperrt, und die Ersatzbrücke hat etwas leicht provisorisches an sich. Aber irgendwann finde ich dank GPS und Taschenlampe auch in der Dämmerung den weiten Weg zum abgelegenen Festivalgelände. Registrierung, Magnetkartenkauf (für die Getränke), Eingangs-Sicherheitscheck ("Getränke, Essen, Waffen?") und dann persönliche Begleitung am Beachvolleyballfeld und Pool entlang zur Milonga. Faktisch Openair mit fest installierter Überdachung. Tagestemperatur 28, nachts eher 12 Grad. Es liegen Decken bereit. Der Strand und der Dnepr liegen fünf Meter entfernt...

Seit langem mal wieder ein Festival ohne jegliche Vor-Registrierung, ohne Geschlechterquote. Mir wurde neulich angedeutet, dass hier im Tango jeweils ein Frauenüberschuss von angeblich bis zu 1:10 herrsche. Nun, es sitzen deutlich mehr Frauen herum als Männer, ich komme zu schönen Tänzen, aber die meisten Frauen scheinen auch hier ihre drei Lieblingsmänner zu bevorzugen. Raumakustik? Kann Openair natürlich kein Problem sein, aber DJ Pavlo schafft es, die Anlage gnadenlos zu übersteuern. Piste halbwegs akzeptabel, zumal sie nie richtig voll ist. Winziges Glas Vodka: 20 Euro. Halbliter-Wasserflasche: 1 Euro. Ich nehme das Wasser und sorge bei den Kellern damit jeweils für ausgelassene Heiterkeit. Ob die mit den Milonga-Besuchern glücklich werden?

Eigentlich hatte ich mich auf die morgige Nachmittagsmilonga auch wegen des Pools gefreut. Nur lief der Dnepr wohl letzte Nacht "etwas" über, deshalb darf man den Pool nicht benutzen. Und wenn sogar die Ukrainer sagen, dass sie wegen der Wasserqualität nicht im Dnepr schwimmen, dann wird das seinen Grund haben. Spätnachts zurück durchs Dickicht. Erstaunlich wenig Betrunkene, obwohl die Insel im vorderen Teil eine riesige Partymeile ist. Oh, und mein Russisch ist noch ausbaufähig...

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Sirtaki, Minibusse und die Mücken

Samstag, 11. Mai 2013

Kiev, Festivaltag zwei. Kaum Leute an der Nachmittagsmilonga, zudem noch leichter Männerüberschuss, glücklicherweise kenne ich zwei Tänzerinnen vom Vorabend und darf genüsslich tanzen. Wäre das ein Festival mit strikter eine-Tanda-Regel, dann wäre ich jetzt wohl aufgeschmissen. DJ Andrew macht Laune und narrt mit seinen selbst zusammengeschnittenen EDO-Stücken (gewisse Phrasenteile sind leicht verlängert) teilweise die Tänzer. Ich finds witzig, aber ich glaub an einem Encuentro würde man ihn steinigen.

Ach, und es ist heiss, der unbenutzbare Swimmingpool wenige Meter entfernt bietet einen jämmerlichen Anblick. Auflockerung gibt es auf der Piste dafür mit Sirtaki, oder zumindest einem ähnlich aussehenden ukrainischen Tanz. Auf dem Rückweg zum Hotel habe ich endlich den Überblick über meine Marschrutka-Route (Kostenpunkt: 15-25 Eurocent) und komme mir schon fast vor wie ein Einheimischer. Wer dieses Transportmittel allerdings in den Himmel jubelt musste es vermutlich noch nie zur Hauptverkehrszeit benutzen.

Abendmilonga wieder auf der Insel, auch heute kein Massenansturm. Vermutlich liegt es auch daran, dass man ohne Auto (oder Taxi) nachts kaum Hause kommt und die 40 Euro für den Festivalpass für ukrainische Lohnverhältnisse jenseits von Gut und Böse sind. DJ Alexandra legt süffig auf, zwischendurch sogar in akzeptabler Lautstärke. Schöne Tänze, nur bin ich irgendwann so müde, dass ich in einer Decke eingekuschelt die Dämmerung abwarte. Wie in Polen gehört auch hier spätnachts eine fröhliche Chacarera zur Feier. Als grössere Tangogruppe spazieren wir gegen sechs Uhr morgens zur ersten Metro und geniessen den Sonnenaufgang. Damit verbunden ist am Dnepr allerdings auch eine Mückenplage, und so währt die Muse dann nicht ewig. Ins Bett irgendwann nach sieben Uhr...

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Kommentar von Joachim

Immer wieder lustig, wie sich das Schweizerdeutsche durch pure Ignoranz des hilfreichen ß selbst das Bein stellt. :)))

Wenn die Muse mit Muße die Straße runterschlendert, um in Maßen ein Glas Wein mit Zwetschgenmus zu genießen, dann saß das Schweizerdeutsche schon daneben und schluchzt still, aber maßlos ins Schneuztuch. Zur Buße nimmt es dann einen der Busse oder läßt den Apfelstrudel mit Vanillesoße kalt werden. Wie ßchade :D

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Antwort von Patrick

Erstens: Leb Du mal ein Wochenende in kyrillischer Umgebung, das stiftet unendliche Buchstabenverwirrung. Zweitens war eine Muse dabei. Und drittens gab es keinen Strudel, sondern Knödel.

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Kommentar von Orthografiker

In der Schweiz (und in Liechtenstein) wurde das Eszett (ß) schon seit Anfang des des 20. Jahrhunderts immer häufiger durch ein Doppel-s ersetzt, wie beispielsweise aus dem Schweizerischen Bundesblatt ersichtlich ist. Die Kantone begannen in den späten 1930-er Jahren, das Eszett nicht mehr zu lehren, der bevölkerungsreichste, häufig als Vorbild dienende Kanton Zürich ab dem 1. Januar 1938. Offiziell abgeschafft wurde das Zeichen aber nie. Am 4. November 1974 stellte aber auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) als letzte der Schweizer Zeitungen auf Doppel-s um.

In der Schweiz gibt es demnach keine Muße, sondern lediglich Musse. Aber auch Mus und Musen.

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Sweet sunday in Kiev

Sonntag, 12. Mai 2013

Kiev, letzter Festivaltag. Nochmals geniesse ich die sommerhafte Nachittagsmilonga mit schönen Abschiedstänzen, denn ich vermute, dass am Abend nichts mehr los sein wird. Die von mir eh ungeliebte Sitzordnung mit querstehenden Sechsertischen ist besonders unangenehm, wenn nur eine handvoll Leute überhaupt da sind. Gestern hatte ich vor lauter Müdigkeit (der recht harte Holzboden fordert irgendwie seinen Tribut) gar den "Salsa break" von acht bis zehn Uhr verpasst, heute gönne ich mir als Zuschauer kurz den "Swing dance break". Eine Gruppe von zwei Männern und acht Frauen taucht dazu auf. Wäre ich nicht so müde und mein Lindyhop nicht so eingerostet...

Abends entdecke ich dafür mit sprachkundiger Hilfe die süssen kulinarischen Seiten der Ukraine sowie die hübschesten Ecken von Kiev. Noch ahne ich nicht, wie süss der Montag werden wird...

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Der Preis ist süss

Montag, 13. Mai 2013

Kiev, Afterparty. Die angereisten Tänzerinnen sind schon alle weg, und da ich bislang mit kaum jemandem aus Kiev getanzt habe gehe ich mit null Erwartungen an die Milonga am Montag Abend im Stadtzentrum. Genaugenommen ist es ein Lemberger Spezialgeschäft für Schokolade. Wenig Platz, kleine Tischchen, minimaler Männermangel, beeindruckender Schokoladenüberschuss. Es duftet.

Und wow, es ergeben sich viele wunderschöne Tänze. Dennoch fühle ich mich ein wenig im falschen Film: Vorbei an den Pralinen, der dunklen und der hellen Schokolade.....hallo? Ein Schweizer geht nach Kiev tanzen, um in einem Spezialitätengeschäft aus Lemberg auf Schritt und Tritt via Nase und Auge mit süsser Verführung konfrontiert zu werden? Zugegeben, Luxusprobleme, und immerhin widerstehe ich der Versuchung, in einer Tanzpause einen mit warmer Schokolade übergossenen Fruchtsalat zu bestellen. Gegen elf Uhr ist die Milonga zu Ende, und auf dem Weg zur Metro grüble ich darüber nach, ob Schokoladenduft beim Cabeceo vielleicht doch irgendwie hilft. Für den Lacher des Tages sorgt allerdings die Dame an der Rezeption am nächsten Morgen beim Auschecken. Sie fragt mich neugierig, was ich in Kiev so gemacht habe, und ich erzähle ihr von durchtanzten Nächten. "Oh, nice. Did you win a price?", fragt sie mit grossen Augen. Irgendwie schon...

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Akzente im Club

Freitag, 24. Mai 2013

Lyon, Club 48. Ein etwas trister Raum mit einigen hastig auf die Seite geräumten Gummimatten. An den Wänden hängt Marilyn Monroe in vielfach redundanter Ausführung. In den Stühlen sitzen hingegen Frauen, die eher zurückhaltend wirken. Immerhin, nach viel Geduld gelingen mir Cabeceos, wobei bereits die zweite Tänzerin betont, dass ich einen Akzent habe. Ich wünschte mir, Loriot würde noch leben... Immerhin, der Musikmix von DJ Diego macht Laune, und die Ronda ist angenehm. Aber ich habe den Eindruck, so richtig warm werden die französischen Tangueras mit mir nicht.

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Viel Luft, kein Kalk

Samstag, 8. Juni 2013

Freiburg, El Sur. Da sich der Sommer so langsam ein wenig zeigt eigentlich keine perfekte Wahl, aber heute sind die Fenster relativ lange offen -- und auch zu später Stunde wird bei bestehender Lüftung einfach die Lautstärke kräftig heruntergedreht. Über die Kombination beschwert sich heute wohl auch niemand, vor einem Gewitter ist man ja doch um jedes Lüftchen froh.

Ausserdem hat nach Jahren der unkalkulierbaren Spritzer offenbar endlich jemand den Wasserhahn im Herrenklo entkalkt, so dass man sich auch abkühlen kann. Angenehmer Mix von DJ Christian, wunderschöne Tänze. Wenn nun bitte noch die Openair-Saison richtig beginnen könnte...

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Late night Pizza im Baltikum

Donnerstag, 20. Juni 2013

Litauen, Vilnius, Mittsommer-Tangomarathon. Dazu ist es auch sommerlich warm, und die Eröffnungsmilonga in einem Hotel mitten in der Altstadt treibt daher einigen Nordlichtern den Schweiss auf die Stirn. Schöne Tänze, auch wenn es gar nicht so einfach ist, dauernd blitzschnell zwischen russisch, litauisch, polnisch und englisch umzuschalten. Gegen ein Uhr nachts erklingt die Cumparsita, und hinterher philosophiert eine polnisch-weissrussisch-finnisch-italienisch-schweizerische Gruppe beim Pizzaessen noch über den Tango. Dann wird es auch schon wieder hell draussen...

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Der Tanz in den Sommer

Freitag, 21. Juni 2013

Vilnius, Nachmittagsmilonga. Trotz offenen Fenstern staut sich auch hier die Luft ein wenig, und das Volk ist ziemlich träge. Mir fällt allerdings auf, dass die Piste recht angenehm und die geschlossene Umarmung relativ verbreitet ist. Wenn die Damen noch ein klein wenig aktiver wären...

Abendmilonga dann in einem Theatersaal ausserhalb der Altstadt. Hier gelingen die Cabeceos etwas besser als am Nachmittag, wobei die übliche RundumdieTanzfläche-Stuhlung ja selten hilfreich ist. Um eine Hausnummer zu geben: Um ein Uhr nachts tanzen etwa 60 Paare, dazu sitzen 40 Frauen auf den Stühlen. 20 Männer verteilen sich etwa je hälftig auf die Stühle und den Eingangsbereich. So gesehen herrscht formal zwar Frauenüberschuss, doch jeder Blickkontakt will hart erarbeitet sein.

Die Afterhours nach vier Uhr morgens wären eigentlich im Saal eines Guesthouse geplant gewesen, doch dank der sommerlichen Temperaturen haben die Veranstalter kurzerhand ein kleines Restaurantschiff am Neris gebucht. Der Boden ist zwar klebrig, die Tanzfläche klein, die Piste wild und die meisten Leute schon ziemlich müde, aber auch ich lasse es mir nicht nehmen, am Flussufer in den Sonnenaufgang zu tanzen. Und es war Sommer...

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Kommentar von TwoToTango

"... wenn die Damen noch ein klein wenig attraktiver wären." Was ist das denn? Kleiner Ausrutscher in den Machismo oder Ironie, lieber Patrick? So oder so, ich dachte immer, es zählt das Tanzen und nicht die Optik.

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Antwort von Patrick

Kein Ausrutscher, vermutlich eher eine kleine Lese- und Zitierschwäche von Dir?

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Kommentar von TwoToTango

Ups - sorry!!! (blush)

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Die Wärme und die Drehungen

Samstag, 22. Juni 2013

Vilnius, erneut relativ wenig Tänze an der Nachmittagsmilonga. Die Temperaturen pendeln noch immer so um die 29 Grad, allerdings zieht ein kleines Gewitter auf. Auf dem Rückweg entdecke ich in der Innenstadt eine Openairmilonga. Naja, fast. Getanzt wird Kizomba. Ich glaub, die kennen auch keinen Cabeceo.

An der Abendmilonga bin ich auch eher chancenlos, zum Glück kenne ich inzwischen einige Tänzerinnen und darf so doch noch einige Tänze geniessen. Zwischendurch fällt mir ein Paar auf, dass satte 22 vollständige Giros pro Minute schafft. Zumindest theoretisch, denn in der realen Milongawelt prallen sie natürlich ständig irgendwo in den Tanzfluss. Afterhours diesmal trotz warmer Nacht leider nicht im Boot (wo ich doch heute die Kamera dabei hätte), also nutze ich das Morgenlicht für einen gemütlichen Stadtrundgang...

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Abschied mit Nontangos

Sonntag, 23. Juni 2013

Vilnius, Abschiedsmilonga. Es gibt Dinge, die ändern sich nie: An der letzten Nachmittagsmilonga kriegen die Frauen praktisch an jedem Festival offenbar Torschlusspanik. Jedenfalls fliegen heute die neugierigen Blicke nur so rum, und ich kann mich über mangelnde Aufmerksamkeit keineswegs beklagen. DJ Tino legt zwischendurch gar eine Runde Nontangos auf, von denen mir zumindest ein Teil ganz passabel erscheint. Ansonsten ist auch das junge Marathonvolk ja eher auf Di Sarli, D'Arienzo und Co. geeicht.

Um 19 Uhr wäre die Milonga planmässig zu Ende, dann startet auch weit ausserhalb der Stadt noch die eigentliche Abendmilonga -- doch ich kann meine Abschiedstänze noch knapp eine Stunde länger als geplant geniessen. So schenke ich mir eine weite nächtliche Heimreise, zumal dort vermutlich eh nur der harte Kern unter sich sein dürfte. Ich hole ein wenig Schlaf nach und fühle mich nach vier sommerlichen Tagen bereit für den Süden. Kaum sitze ich am nächsten Tag im Flieger fängt es an zu regnen...

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Exotenstatus am Schwarzen Meer

Donnerstag, 27. Juni 2013

Krim, Ukraine. Unglaublich, wie gross nach 32 Stunden Anreise mit Flug, Bus, Zug und Taxi die Sehnsucht nach einer Dusche sein kann. Dafür beginnt jetzt das faule Leben: Zur Abendmilonga zwei Minuten zu Fuss (wenn man denn mal herausgefunden hat, wo sie stattfindet...), zur Openair-Nachmittagsmilonga drei Minuten, und eine Minute weiter ist man auch schon im Schwarzen Meer. Badewannentemperatur.

Die rund 160 Festivalteilnehmer sind hauptsächlich Leute aus Russland, Weissrussland und der Ukraine, je ein Paar aus Österreich und Rumänien, dazu ein paar Leute aus Kasachstan sowie eine Gruppe aus Italien. Der Exot ist hier defnitiv der Schweizer. Spät schaffe ich es noch zur letzten Runde der Nachmittagsmilonga und muss prompt Nontangos ertragen. Wenig Leute, neugierige Blicke und eine hübsche Cumparsita. Danach zu den letzten Sonnenstrahlen des Tages noch kurz ins Meer gehüpft. Das Leben eines Tangueros ist hart.

Die Abendmilonga (rundum Tische, aber glücklicherweise werden die Sitzplätze zur Hauptzeit knapp) füllt sich langsam, und erstaunlicherweise tanze ich praktisch nonstop. Fliegende Cabeceos, Piste angenehm, allerdings rinnt auch der Schweiss. Der erfahrene Tanguero hat natürlich sein Tüchlein dabei -- immerhin gibt es auf dem Klo Wasser, aber weder WC- noch sonstiges Papier (im ukrainischen Nachtzug war die Situation exakt umgekehrt...).

Dann gab es noch eine österreichische Canyengue-Show sowie weitere argentinische Shows. Und italienische Claqeure, die ihren südamerianischen Verwandten in keiner Weise nachstehen. Nach der Show lichteten sich die Reihen wie üblich, und der Genuss nahm erst recht seinen Lauf. Nach zwei kurzen Nächten bin ich allerdings recht früh müde und gebe kurz nach zwei Uhr auf. Heimkehr unter einem beeindruckenden Sternenhimmel, und von meinem Zimmer aus kann ich noch leise die Milonga hören und mich so in den Schlaf wiegen lassen...

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Rot-weiss auf der Krim

Freitag, 28. Juni 2013

Krim, Tag zwei. Heute schaffe ich es etwas früher zur Nachmittagsmilonga, und mir fällt auf, dass in diesem Aussenrestaurant in Strandnähe überall Piratenflaggen hängen -- offenbar ist auch Krog im Angebot. Guybrush Threepwood (kleiner Insiderscherz) hätte sich hier bestimmt wohlgefühlt. Viel zu früh erklingt die Cumparsita, und danach entspanne ich mich bei einer Fachsimpelei im und am Meer. Während einer Unterrichtsstunde ist offenbar die Gruppe von Frauen aus Kasachstan etwas aufgefallen, weil sie sie nicht so recht trauen Cabeceo mit fremden Männern aufzunehmen. Ein neuartiges Phänomen, das in westlichen Ländern selbstverständlich völlig unbekannt ist...

Abendmilonga, heute mit Dresscode rot oder schwarz. Da meine Garderobe keine schwarze Hose hergibt nehme ich ein dunkelrotes Hemd mit weisser Hose -- sozusagen Nationaltracht. Dann werde ich vielleicht auch nicht wieder mit einem Schweden verwechselt. Ach ja, heute mit Live-Musik: "Retro - Classic" nennt sich die Truppe, zu viert mit Geige, Cello, Kontrabass und Akkordeon. Meine Erwartungen waren nicht sonderlich hoch, aber wow, das zieht mächtig auf die Piste. Tango, Vals, Milonga, alles hübsch in Tandas verpackt und perfekt gespielt. Die Piazolla-Runde lasse ich eher aus Hitzegründen aus, sogar die Libertango-Version wäre erstaunlicherweise passabel tanzbar gewesen. Leider spielen sie ingesamt nur fünf Tandas.

Danach übernimmt wieder der taube DJ, es folgen sterbenslangweilige Showtänze, später eine Runde Cumbia/Merengue, und dann noch lautere Di Sarlis. Ich schone meine Ohren und räume das Feld. Hätte ich einen Ghettoblaster dabei, würde ich wohl eine wilde nächtliche Tanzparty auf den Steinplatten am Meeresufer anzetteln...

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Die Kraft und der Schlaf

Samstag, 29. Juni 2013

Krim, Tag drei. Wilde Nachmittagsmilonga mit vielen Tänzen. Allerdings muss ich vorzeitig abdüsen, denn es steht noch eine kleine Schifffahrt rund um die grossen Krim-Felsen auf dem Programm. Eine grosse Exkursion zu Fuss ins Naturschutzgebiet hingegen lasse ich sausen, zumal sie um acht Uhr morgens beginnen würde. Irgendwann muss man ja auch mal schlafen....

Abendmilonga wiederum schön mit vielen Tänzen. Allerdings haben hier einige Frauen schon eine ziemlich kräftige Umarmung, und der Kampf um die eigene Stabilität kostet ziemlich Kraft. Den österreichischen DJ erkennt man problemlos daran, dass die 80er Jahre als Cortina durchgenudelt werden. Gegen Mitternacht werden wiederum Showtänze angekündigt, und ich nutze die Zeit für eine kurze Getränkepause in meinem Hotelzimmer. Allerdings bin ich derart müde, dass ich plötzlich einnicke -- und irgendwann krieche ich einfach in mein Bett. Muss an der Meeresluft liegen.

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Ein früher Abschied

Sonntag, 30. Juni 2013

Krim, letzter Tag. Inzwischen habe ich mich an die warmen Aussentemperaturen, das tägliche Bad im Meer und die Preisverhandlungen in russisch auf dem Markt gewöhnt, auch die Warmwasserzeiten im Hotel sind mir geläufig. So geniesse ich noch ein letztes Mal die Freiluftmilonga am Nachmittag und stelle fest, dass ich doch eher faul herumsitze.

Tangoferien auf der Krim? Abgesehen von der kyrillischen Beschriftung sieht es hier so aus wie in Spanien in den späten 70er Jahren. Man erzählt mir allerdings, dass die Strassen nicht nur wegen Geldmangels in einem derart schlechten Zustand sind, sondern auch deshalb, weil von den Baustellen regelmässig der Asphalt geklaut werde. Noch ein paar schöne Tänze an der Abendmilonga, kurz nach Mitternacht gehe ich ins Bett -- schliesslich muss ich am nächsten Morgen um acht Uhr auschecken, und danach steht eine 32-stündige Rückreise an. Was tut man nicht alles für den Tango...

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Kommentar von Lydia

Warmwasserzeiten? Gibt's die immer noch? Ich dachte, das wäre über 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion mal langsam passé ...

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Antwort von Patrick

Auf der Krim ticken die Uhren wohl etwas langsamer. Denkt man sich die kyrillische Schrift weg, könnte man die Orte kaum von denen auf Mallorca in den späten 1970er Jahren unterscheiden. Wirklich geärgert haben mich aber die kostenpflichtigen Toiletten im Hauptbahnhof Kiev -- ein Loch im Boden hätte ich mir ja auch selbst irgendwo suchen können...

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Tango auf Pflastersteinen

Donnerstag, 18. Juli 2013

Nida, kurische Nehrung, Litauen. Ankunft kurz nach Sonnenuntergang, und die Gruppe schlendert noch kurz zum Ostseestrand. Der Wind bläst wild, gegen den Lärm komme ich nichtmal mit meiner Mundharmonika an. Die Wellen sind beeindruckend, der Mond leuchtet kräftig, ein nahegelegener Leuchtturm steuert den Rest zur Atmosphäre bei -- beinahe unwirklich. Die meisten Teilnehmer des "Tango-Retreat" gehen früh schlafen, doch ich schlendere noch östlich der Landzunge ein wenig im Ort herum, und tief in der Nacht öffnet endlich jemand seinen Laptop. So tanzt eine winzige Gruppe neben den Fischerbooten auf Pflastersteinen noch ein wenig Tango, und ich habe das Gefühl, ich bin angekommen.

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Der Wind und das Wasser

Freitag, 19. Juli 2013

Nida, Tag zwei. Warmwasserzeiten gibt es im hiesigen Hostel zwar nicht, aber dafür nur einen Duschraum. Die Kombination von weiblicher exklusiver Nutzung, andauernden Duschpartys und einem mittelmässig grossem Boiler führt dann dazu, dass unter den Männern eine natürliche Auslese stattfindet: Nur die taktisch geschickt agierenden Tangueros können hier warm duschen. Was auch bitter nötig ist, da die Ostsee frische 17 Grad bietet. Wenn man es denn beim kräftigen Wind überhaupt schafft, die Düne runterzukommen...

Aufwärmen kann man sich ansonsten bei der Nachmittagsmilonga im örtlichen Kulturzentrum. Die Sitzordnung in langer L-Form ist zwar nicht so ganz mein Ding, aber wie schon auf der Krim scheinen die Tangueras auch hier in tanzlustiger Freizeitlaune. Schöne Umarmungen, schöne Tänze. Auch an der Abendmilonga ist das nicht anders, wobei ich noch nie ein grosser Fan von DJ Andrzej war. Gegen drei Uhr nachts lasse ich mich vom kräftigen Wind nach Hause tragen...

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Der Galgenhumor und die Hetze

Samstag, 20. Juli 2013

Nida, Tag drei. Zur Mittagszeit gehts auf eine kleine Rundfahrt, und mit den ganzen Tangoleuten auf einem Ausflugsdampfer fühlt man sich ein wenig wie auf einer Klassenfahrt ohne Lehrer. Es bietet sich ein prächtiger Blick auf Nida und die Dünen, und knapp 200 Meter vor der russischen Grenze dreht der Kapitän glücklicherweise wieder ab. Danach erkunde ich noch wenig zu Fuss die hübsche Landschaft, bis ich todmüde in mein Bett sinke und so die Nachmittagsmilonga verschlafe.

Die Ostsee....ach, lassen wir das. Letten und Litauer erklären mir, dass Waser und Wind so kalt sein müssten, ich sei eben verweichlicht. Einzig aus Weissrussland erhalte ich Schützenhilfe. Wir Binnenländer müssen eben zusammenhalten. Lass mir dafür beim Abendessen deren 200'000er-Noten zeigen (Wert 2007: Knapp 60 Euro. Wert heute: 15 Euro...) und bin ob deren Galgenhumor ziemlich beeindruckt.

An der Abendmilonga führt dann DJ Viktorija das Zepter. Treibendes, Tempo, Hetze, kaum mal eine langsame Tanda zum Durchatmen. Die Dame nervt, und es ist anstrengend, die wartenden Tangueras auf später zu vertrösten. Immerhin, Buscándote kommt perfekt zur rechten Zeit mit der richtigen Tanguera. Am Ende ist sogar noch ein Salsa fällig -- mit einer Dame, die meine Blicke beim Tango seit etlichen Festivals ignoriert. So sind dann alle zufrieden, und spät nachts lässt sogar der Wind etwas nach.

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Einsichten und Abschied

Sonntag, 21. Juli 2013

Nida, letzter Tag. Auf einem Spaziergang lasse ich mir von baltischen Spezialisten erklären, weshalb Riga im April solch ein hartes Pflaster war. Nun, hier im Süden(tm) ist es lockerer, und die Ferienstimmung erleichtert sowieso vieles. Zur Nachmittagsmilonga legt DJ Giedre genussvoll auf, wobei in allen Tänzen wieder der Hauch des nahenden Abschiedes zu spüren ist.

Irgendwann setzt dann die Cumparsita einen Schlusspunkt, danach steht noch eine fünfstündige gemeinsame Busfahrt zurück nach Vilnius an -- mit wilden Diskussionen über die Musik der 80er, einem Salsaversuch on the spot sowie einem gemeinsamen Autoanschieben nach der Fährüberfahrt. Kurzum: Tango ist Vielfältig. Nach Mitternacht wäre eigentlich noch die Afterparty fällig, aber ich bin zu müde und haue mich ins Bett. Morgen früh geht es schliesslich zurück in den warmen Süden.

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Blicke über die Geschlechtergrenze

Freitag, 2. August 2013

Schweden, Stockholm, Encuentro. Versteckte U-Bahn-Stationen wie in Lyon, Preise wie in Zürich. Aber immerhin Temperaturen deutlich über 20 Grad, die Einheimischen stöhnen schon über die "Hitze". Abendmilonga etwas ausserhalb im "Medborgarhus" und überraschenderweise mit geschlechtergetrennter Sitzordnung. Melina hatte dazu mal lange argumentiert, dass es keinen Sinn ergäbe. Nun, für mich hat es heute eigentlich perfekt funktioniert, davon mal abgesehen, dass DJ Marcel todlangweilig aufgelegt hat und ich daher viele Tandas aussetzen musste. Missverständnisse? Hab ich keine gesehen. Sichtbarkeit, wenn die Leute schon angefangen haben zu tanzen? Geht mit Kopfbewegung immer noch, wenn beide wollen. Aber nach dem zweiten Lied kann man sich das wegen der 1-Tanda-Regel ja eh schenken. Zugegeben: Die Tanzfläche war knapp sechs Meter breit und auf Männer- wie Damenseite gab es jeweils nur zwei Reihen. Mit grösseren Abständen und mehr Sitzreihen fände ich das wohl auch nicht mehr lustig. Und was das Argument des Herumplauderns angeht: Das kann man hier problemlos draussen auf dem Sofa oder an der Bar tun.

Insofern: Viele Blicke, viele schöne Tänze, mir schien, hier habe ich genauso viele Chancen wie die Leute, die sich kennen. Einzig die, die als Gruppe sitzen wollten, hatten miserable Plätze an grossen Tischen am Saalende. Irgendwo hat das System eben Grenzen, und ich wundere mich auch, weshalb die Veranstalter die Sitzordnung nicht vorher angekündigt haben. Immerhin fragten sie auf dem Anmeldeformular, welches meine Lieblingsmilonga in Buenos Aires sei. Ich hatte damals gegrübelt, ob ich "Cachirulo" schreiben soll, habs dann aber gelassen -- und bin (im Gegensatz zu Paris, wo nur Vitamin B half) dennoch reingekommen.

Insofern....sind Encuentros dennoch irgendwie etwas exklusives. Als "The most northern Encuentro" bewirbt sich Stockholm, wird allerdings bereits nächstes Jahr durch Lillehammer deklassiert. Wann folgen wohl Oulu und Murmansk?

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Zahlenverwirrung am Encuentro

Samstag, 3. August 2013

Encuentro Stockholm, Tag zwei. Knapp schaffe ich es um zwölf Uhr mittags zur Stadtführung -- berittene Wachablösung inklusive. Danach zur Nachmittagsmilonga, heute mit DJ Mathias. Besserer Musikmix als gestern, aber so richtig auf die Piste zieht es mich nicht. Das tun dann eben die Blicke, wobei inzwischen die Quote durchschlägt -- gestern Abend war noch deutlicher Frauenüberschuss. Dennoch, viele hübsche Tänze, und immerhin gibt es bei Vals 4er-Tandas. Bei Milonga leider wie üblich jeweils nur drei. Jaja, die Energie. Werden bei D'Arienzo etwa auch nur jeweils drei Tangos gespielt? Bei der striken Ein-Tanda-Regel muss man zur Milonga wirklich blitzschnell bei der Partnerin sein, um von den Tänzen noch etwas zu haben.

Abendmilonga mit DJ Che Carlitos. Süffig, mir gefällt der Mix. Allerdings hier wieder nur drei Valse, dafür einmal eine Fünfertanda Tango. Der Begriff "Streng wie in Buenos Aires" wird auf den billigen Männerplätzen zum Running Gag. Erneut schicke Tänze, doch nach Mitternacht ist dann plötzlich der Wurm drin -- keine Chance mehr. Ausserdem drehen inzwischen einige Quertänzer ohne jede Spurlogik ihre Runden, und die Piste wird anstrengend. Um ein Uhr ins Bett...

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Abschiede und Rochaden

Sonntag, 4. August 2013

Stockholm, letzter Tag. Nochmals sechs Stunden zur Abschieds-Vorabendmilonga von vier bis zehn. Heute mit DJ Philippe, und eigentlich gabs dazu nicht viel zu meckern. Ausser, dass er sich nach der letzten Tanda wie ein Olympiasieger feiern liess und danach die Cumparsita verpasste. Und Invierno als Nummer zwei in einer Tanda? Aber gut, Luxusprobleme, es gab heute viele wunderschöne Abschiedstänze. Auch habe ich endlich entdeckt, dass erstaunlich viele Tangueras aus Stockholm selbst da waren.

Sitzordnung? Gestern habe ich einmal das "Der Weg war umsonst"-Spiel gemacht, und zweimal habe ich auch heute ein Cabeceo-Missverständnis gesehen. Pistenkreuzungen darf man auf Flughäfen aus gutem Grund nur mit Freigabe vom Tower machen, auf Milongas ist das halt immer eine halblegale Sache -- schliesslich kann man ja erst wählen, wenn die Musik begonnen hat.

Ansonsten finde ich die getrennte Sitzordnung eigentlich durchaus praktikabel, wobei die Damen im ungünstigen Blickwinkel schon ganz wirklich unbedingt(tm) mit einem tanzen wollen müssen, damit das klappt. Ein ein auf Jahre fester Sitzplatz in derselben Milonga mit immer denselben Leuten gegenüber wäre für mich wohl eher ein Alptraum. Minime Rochaden gab es zwischen den Milongas auch hier. Feiner Nebeneffekt: Die Cliquentänzer sind hauptsächlich draussen am Plaudern. So oder so bleibt die Übernahme argentinischer Praktiken wohl willkürlich.

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Black in Basel

Mittwoch, 28. August 2013

Basel, Zazaa-Bar am Petersgraben. Das Team von "Le Central" ist hierher umgezogen, im Untergeschoss dominiert an Boden, Wänden und Decke die pechschwarze Farbe. Dank Besuch aus dem fernen Süden immerhin drei schöne Tandas, für Basler Verhältnisse ist das gar nicht schlecht. Die Lüftungsanlage sorgt für leicht frühherbstliche Stimmung, und man darf gespannt sein, ob die Milonga den Winter überlebt...

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Kehl ohne Horst

Freitag, 13. September 2013

Encuentro, Kehl. Nachmittagsmilonga auf der französischen Seite am Rhein, die Bässe dröhnen wie in einem Bierzelt. Gut, genaugenommen ist es ja auch ein Bierzelt, und die Tangueras jammern über den Boden. Tatsächlich kosten die Schritte ziemlich Kraft, und irgendwie ist heute auch die Nachfrage nach angehenden Gurus nicht so riesengross. Irgendwie schade, zumal Harry wirklich fein auflegt. Schaue daher ein wenig zu und schockiere eine Tanguera mit der Tatsache, dass ich mein Abendessen im Edeka eingekauft habe. Nun...das ist hier eben Kehl.

Abendmilonga im La Cita. Viele Speisen, schöne Tänze, und hupps, Gaby setzt plötzlich ein Sitzverbot an der Bar durch. Meines bewährten Adlerhorstes beraubt bin ich damit natürlich ein wenig aufgeschmissen (genausogut könnte man einem 75-Jährigen das Viagra wegnehmen), aber irgendwann fange ich mich wieder. Alles halb so wild, zumal Dario sowieso erst nach Mitternacht die süffigen Lieder aus dem Hut zaubert...

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Viel Regen, viel Süsses

Samstag, 14. September 2013

Encuentro, Kehl, Tag zwei. Wieder über den Rhein ins Zelt, wobei dem Timing zwischen den Regengüssen heute besondere Beachtung zu schenken ist. Glück beim Wetter, denn kurz nach meinem Eintreffen schüttet es draussen wie aus Eimern. Das Regenprasseln übertönt zweitweise gar die Musik. Die Feuchtigkeit macht dafür den Boden minim geschmeidiger, und heute flutschen sogar die Cabeceos. Schöner Mix von DJ David aus Nimes, feine Tänze, angenehme Piste, und ich geriet ins Grübeln, ob ich noch ein wenig Energie für den Abend aufsparen sollte.

Abends im La Cita benutzt DJ Chamaco dann den halben Abend für einen Soundcheck, zeigt auf einer Tafel dafür wunderschön jeweils die laufende sowie die nächste Tanda an. Schöne Tänze, wobei ich das Setting ohne Barhocker, dafür mit zwei getrennten Buffets plus Bar und vielen kleinen Tischchen zum sitzen keine gute Idee finde. Die Auswahl an Süssigkeiten ist indes wie gewohnt äusserst beeindruckend. Gegen halb drei sind die Füsse müde, und es wird Zeit für die Sonntagsplanung.

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Umwege und Verwirrungen

Sonntag, 15. September 2013

Sonntage und Festival-Despedidas sind immer so eine Sache. So schön die Verabschiedungsrituale gelegentlich sind, so viele Leute sind bereits auf dem Rückweg (ich weiss, beinahe schon ein rekursives Argument). Dazu kommt hier die Tatsache, dass vom Zimmerräumen bis zum Milongabeginn satte fünf Stunden durchzuhalten sind, und Kehl ist inbesondere bei trübem Wetter nicht gerade Disneyland. Somit führt mich der Weg von Kehl nach Basel heute eben über Eppelheim.

In der Cafemilonga ist ein guter Teil der weiblichen Stammbesatzung zwar abwesend, aber mir bleibt dennoch keine Zeit für den Kuchen. Johannes legt zwar jeweils vier Valse, aber nur drei Milongas auf. Wobei hier gelegentlich auch eine zweite Tanda sozialverträglich wäre, nur scheine ich noch völlig im Encuentro-Muster gefangen. Grenzgängerisches Wandeln verwirrt irgendwie...

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Traditionen in Zürich

Mittwoch, 18. (korrigiert!) September 2013

Besuch aus der Königreich Burgund. Nichts los in Basel, also ab nach Zürich. Mitten im Hardturm gibt es die traditionelle Milonga "Cambalache". Schnuckelig klein, viele Tischchen mit roten Tischdecken, angenehmer Lautstärke (und zweifelhaften Böxchen) sowie satten vier Paaren auf der Piste. Eines davon scheint allerdings neulich den Workshop "Sparen Sie sich den Wischmop, sie haben doch eine Tanzpartnerin" absolviert zu haben, und ich glaub, ohne hier jetzt den Cassiel machen zu wollen, das zählt dann doch nicht mehr so ganz als traditioneller Tango.

Andererseits: Es ist Zürich, da darf man irgendwie nicht so strenge Masstäbe anlegen. Auch die Tandafolge Milonga-Tango-Tango-Milonga erstaunt ein wenig, doch zu später Stunde erklingen auch Valse. Ein Blick auf den Tangokalender erstaunt allerdings noch mehr: Zählt man Nachmittagsmilongas und Practicas dazu, finden am Mittwoch in Zürich jeweils fünf Tangoveranstaltungen statt. So segmentiert die Szene auch ist, ich bezweifle, dass das gut geht...

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Kommentar von Monika

Du warst am 25. September 2013 in Zürich? - Wow. Mein Kalender zeigt als heutiges Datum den 22.September 2013...

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Antwort von Patrick

Sorry für die Verwirrung, das kommt (wie bei Hermione) von den dauernden Zeitreisen. Oder es liegt daran, dass Zürich derart weit entfernt ist, dass man dafür mehrmals die Datumsgrenze überqueren muss...

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Frauensuche beim Schloss

Sonntag, 22. September 2013

Heidelberg, hoch oben beim Schloss. Möglicherweise der letzte eisfreie Tag in diesem Jahr, also frohgemut zur Openair-Milonga. Leicht zu finden: Immer schön den Berg hoch, bis man etwas ausser Atem ist...

Aufwändiger Holzboden, allerdings je nach Stelle abwechselnd rutschig oder klebrig. Das finde ich allerdings erst ein wenig später heraus, denn eine halbe Stunde nach Milongabeginn stehen sich acht Männer und eine Frau gegenüber. Das ist europäischer Rekord. Immerhin gleicht es sich nach und nach so langsam aus, bis zu späterer Stunde dann halbwegs Geschlechterparität herrscht.

Schöne Tänze, und Johannes legt inzwischen jeweils vier Valse und vier Milongas auf. Ich wusste es, mein Blog kann die Welt verändern. Ich kann allerdings nicht verhindern, dass die Sonne spätabends den Herbstpunkt durchwandert, und es fühlt sich ein wenig so an, als seien die Hitzeferien nun vorbei...

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Speed im Flores

Samstag, 16. November 2013

Mannheim, Flores. Puh, nach zwei Monaten wilder Arbeit (und leerer Reisekasse) ist es gar nicht so simpel, wieder in den Tango einzusteigen. Milonga und Vals lasse ich heute mal aus, zumal schon bei den Tangos offenbar nichtmal eine Di Sarli-Runde drinliegt, und bei sämtlichen Vals fühle ich mich an die Wahnsinnige Geschwindigkeit(tm) aus einem Film über komplexe Machtgefälle von Mel Brooks erinnert. Kurzum: DJane irgendwie auf Speed. Oder Patrick wird alt.

Dennoch, schöne Tänze, und so langsam fand ich dank geduldiger Tanzpartnerinnen wieder in den Tango hinein. Dann gab es noch drei Showtänze nach dem Motto "Tango ist Drehen in Umarmung", was mich besonders zur Milonga noch immer verwirrt. Oder habe ich vor lauter Closed Embrace-Käseglocke einfach zu lange keine Showtänze mehr gesehen? Wie auch immer, draussen fallen die Temperaturen, drinnen steigt dafür die Tangolust. Möge der Winter kommen.

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Liqueur in Lviv

Samstag, 28. Dezember 2013

Lemberg, Westukraine. Hier geht heute die Aufwärmrunde fürs Remolino-Festival los, ich nutze das schöne Wetter und die milden Temperaturen erstmal zur Stadtbesichtigung. Im Hostel ist es noch relativ leer, aber spätestens ab Sonntag werde ich wohl der Exotenhahn unter elf Frauen sein. Wer jetzt grün vor Neid wird, dem möge gesagt sein, dass es nur ein Badezimmer mit Klo und Dusche gibt. Abenteuerurlaub halt. Das Frühstück beinhaltet Schokoriegel von Nestlé, Vevey, Switzerland...

Abendmilonga in der neunten Etage des Dnister-Hotels gleich nebenan: DJ Yury aus Kiev legt tadellos auf, nichts zu meckern. Allerdings bin ich relativ müde, und die ganzen Lieblingstänzerinnen sind ehrlich gesagt auch noch nicht eingetroffen. So werden es nur wenige Tandas, und gegen drei Uhr hüpfe ich ins Bett, zumal drei Stunden später im Hostel die Invasion der Weissrussen droht. Ach, und als Begrüssung zur Milonga gab es ein Fläschchen mit estnischem Liqueur. Mit Preisschild: 0,990 UAH. Das sind satte zwölf Eurocent. Und dennoch war die Piste friedlich...

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Torten, Stühle und Küchengespräche

Sonntag, 29. Dezember 2013

Lemberg, Tag zwei am Remolino-Festival. Es gibt Hostels, da kriegt man kaum Schlaf, dafür ein grosses Stück Torte. Erneut Sonnenschein, und nach der Städtetour fällt wegen süsser Naschereien wieder der geplante Schlaf ins Wasser. An der Nachmittagsmilonga legt Michał aus Krakau auf. Einerseits gefällt mir der Mix, und vor allem hält man ihn so effektiv davon ab, auf der Piste herumzuturnen.

Abends legt Alexey aus Minsk auf, ebenfalls genüsslich, und auch hier sind vier Valse und Milongas jeweils eine Selbstverständlichkeit. Der Saal ist allerdings abseits der Tanzfläche mit Tischen und Stühlen derart vollgestellt, dass die Cabeceojägerei relativ anstrengend wird, im Sitzen ist eh nichts zu holen. Meine einzigen Tänze mit bislang unbekannten Damen sind witzigerweise zwei Milonga-Tandas. Macht auch deshalb viel Spass, weil das hier offenbar viele Herren nicht tanzen -- praktisch freie Piste.

Spät nachts folgt wie in Osteuropa üblich die ausgiebige Chacarera-Runde, und gegen halb vier gebe ich nach einer schönen Schlussrunde auf: Etwa 15 Paare auf der Piste, 20 Männer auf der Jagd, 5 Frauen alleine mit müdem Gesichtsausdruck im Stuhl. Auch so kann es aussehen, wenn man sich für ein Festival nicht registrieren muss. Erkenntnisreiche Diskussion in der Hostel-Küche um fünf Uhr morgens: Frau hält mich für einen Polen, der mit leichtem Akzent russisch spricht. Ich glaub das war ein Kompliment...

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Zimt, Trauben und Milongafreunden

Montag, 30. Dezember 2013

Lemberg, Tag drei. Grosses Porridge-Kochen im Hostel. Muss dringend Zimt einkaufen und mir auch merken, wie der russische Begriff dafür heisst. Nachmittagsmilonga...ach je. 40 Paare auf der Piste, 25 Männer am herumlungern, 3 Frauen in den Stühlen. Und DJ Carla aus Italien hilft meiner Stimmung auch nicht gerade, auch wenn das nun nach sauren Trauben klingt.

Abends sind dann endlich auch weitere Besucher da, und so langsam komme ich ein wenig ins Tangofeeling rein. Ausserdem scheine ich diese Woche ein Schild mit der Aufschrift "Dance Milonga with me" auf der Stirn zu haben. Es ist die letzte Abendmilonga im Dnister-Hotel, ab morgen wird in einem grösseren Saal im Aussenquartier getanzt. Ich hoffe auf angenehmere Stehplätze. Morgens um fünf Uhr in der Hostelküche erklärt mir eine Nichttanguera ihre leicht schrägen Theorien zum Themenkomplex PMS und (Tanz-)partnerwahl...

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Telefone und der Krimsekt

Dienstag, 31. Dezember 2013

Lemberg, Silvester. Gemeinsamer Stadtbummel mit vier Frauen, also ein recht hartes Leben. Kein Zimt. Die Nachmittagsmilonga schenke ich mir heute und schlafe ein wenig vor. Abends dann per Charter-Marschrutka ins Aussenquartier, dort startet um zehn die Abendmilonga in einer Sporthalle. So ähnlich gemütlich sieht es wohl im Salon Canning aus, wobei hier ein recht guter Holzboden zur Verfügung steht. Mit Basketball-Linien. Mal sehen, ob sich Spuren bilden.

Wahnsinn, minimer Männermangel. Ein Drittel der anwesenden Frau fällt allerdings sofort aus dem Raster, weil sie pausenlos auf ihrem Smartfön rumkneten -- insbesondere diejenigen auf den vordersten Plätzen an der Piste. Während der Cortina sieht man Frauen mit dem Telefon am Ohr über die Tanzfläche huschen. Nachts im Hostel kommt übrigens das SMS per Vibrationsalarm direkt ins Bett. Und gestern lag ein ifon auf dem Ablagetisch neben der Dusche. Und ich dachte schon, ich sei ein Netzjunkie, weil ich jeden Tag mein Netbook anwerfe...

Zu Beginn wenig Leute und paradiesisch freie Piste, die Prinzessinnen und die Prinzen sind noch am feierlichen Abendmahl. Tänze am Band, und auch DJ Semeon aus Moskau mixt recht gut. Nur die Lautstärke....aber schliesslich ist ja Silvester. So tanzt es sich wild ins 2014 (andere fröhnen dem Krimsekt), und ich schaffe es heute todmüde auf das 3.30-Marschrutka. Das Neue Jahr beginnt gut.

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